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s Montag, den 14. Juli 1902.

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Da« Blatt erscheint an «Dee Werktagen nachmittag«.

11.^Jahrgang.

I»feetio«SprelS, Die einspaltige Petitzeile für Gießen, wie ganz Oberbesien, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.: Reklame, die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

PostzcitungSlisit No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.

Fer«sprech««schluß Nr. 362.

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Neuelle Wachrichten

(Gießener Gagevtatt)

Itnavyängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

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* Parlamentarische Redebeschränkung.

Zu früh erregt scheint! sich derVorwärts" zu haben, als ertden angeblichen Plänen zur Beschränkung der Redezeit in der Zollkommission die Anwendung jenes Mittels gegen den Tarif als Drohung entgegensetzte. Auch in der Sitzung'der Kommission tauchte kein solcher Vorschlag auf. Vielmehr' konnte ein^Vertreter der äußersten Linken, Abg Ba udert, unter allgemeiner und beifälliger Heiterkeit den Satz^ ausstellen: Rach dem alten Sprichwort sei zwar Schweigen Gold ; aber seine Freunde hielten eS in diesem Falle mit dem Silbermann Abg. Arendt und folgten der Loosung:Reden, reden, reden!" Und das bleibt äugen- scheinlich auch die Loosung für die anderen Parteien. Wir glauben nicht daran, daß ernstliche Absichten bestehen, den Redner mit der Uhr in der Hand zu kontrolliren. Keine Fraktion ist frei vonDauerrednern", von^Parlamentariern, die das Wort festhalten, so lange noch ein einziger, noch so bescheidener Gedanke zur Verfügung steht. Es wird über­haupt zu lange und 'weitschweifig gesprochen^im^ReichStag. Schon zu öfteren Malen ist daher die Idee der Redebe- schränkung aufgetreten; die Begrüßung, die ihr zu Teil wurde, kam zwar aus dem Publikum und aus der Presse. Aber diejenigen, die eS anging, konnten demkleinen'Maul- korbzwang" keinen Geschmack abgewinnen. Das ist am Ende begreiflich. Einmal in der Kommission eingeführt, würde das Reden mit festem Termin auch für das^Plenum des Reichstags acceptirt werden müssen, aus Billigkeitsgründen, denn warum sollten die Kommissionsmänner mehr des.Miß- brauchS der Geduld und der Zeit verdächtig sein, als die Kollegen ohne Kommissions-Mandat? Es war denn auch schon behauptet worden in einer Zeitungsmeldung, man wolle ähnliche Neuerungen für daS Plenum vornehmen. Das war zu viel behauptet, weil ja das Plenum nicht vorhanden ist, und einzelne Vertreter der Fraktionen natürlich keine Be­schlüsse nach dieser Richtung hin fassen können. Also: es wird weiter geredet, nach Herzenslust.Im Grunde" so bemerkt zutreffend dieNationalztg.",dreht sich der Streit um die Frage, wann die Kommission Ferien machen kann und aus solche hat sie nach der Gewährung der Diäten eigentlich kaum Anspruch." Möglicherweise ^verdankt die so allarmirende RedebeschrankungS«Meldung demFerienseufzer" irgend eines Mitgliedes der Zollkommissiontdie Entstehung, das sich bitterlich beklagte über den langsamen Gang der Verhandlungen. Einstweilen braucht derVorwärts" noch nicht die Sache so tragisch zu nehmen, wie eS in der furcht­bar feierlichen Verwahrung des Blattes zum Ausdruck kommt: Hier würde an den Grundlagen des Reichstages verbrecherisch gerüttelt!" Ein Kanonenschuß nach Spatzen.

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Bus Reffen und Nacbbargebieten.

fc. Butzbach,P1. Juli. Zu einem blutigen Exzeß kam eS gestern Abend in der hiesigen Kaserne des 1. Bat. 168. Jnf.-Regts. Ein im 2. Jahre dienender Mann von der 1. Komp, geriet mit einem Rekruten in Streit, in dessen Verlauf der Rekrut dem andern mit einem Messer eine lebensgefährliche Wunde im Rücken beibrachte.

0 Atzbach. Mit Freude und Genugthung können die Landwirte von hier auf die Viehausstellung in Wetzlar zu­rückblicken, indem denselben nicht weniger als 10 Preise zusielen. Unter der Rinderabteilung fiel der erste Staatspreis an Heinrich Weber und in der Abteilung für Kühe der Ä an Schultheiß Tasch und der dritte an

Wilh. Medebach hierselbst. Die Summe der Preise, welche nach hier gekommen ist beträgt 505 Mk, darunter ein Sammelpreis von 75 Mk.

m ö-,âauigSberg. Das am gestrigen Sonntag auf unserer BergeShöhe veranstaltete 2o;ahnge Stiftungsfest des Gesana- vereinsLiederfreund" nahm einen würdigen Verlauf Von dem herrlich an der alten Burg gelegenen Festplatze nahm der stattliche Festzug, gebildet von 11 Vereinen seinen Wea durch die Dorsstraße. Nach der Festfeier, eingeleitet durch Begrüßung von Seiten des Herrn Dirigenten, überreichten die hiesigen Sungfrauen dem Verein eine prachtvolle Fahnen­schleife. Bei Gesang und Tanz entwickelte sich bald das bekannte Treiben, wie eS bei solchen Festen üblich ist. Hoffentlich wird eS allen werten Sangesbrüdern, sowie allen sonstigen aus dem Bieberthal, dem benachbarten Hinter­land und dem angrenzenden KreiS Wetzlar erschienenen Gästen auf dem Königsberger Sängerfest gefallen haben.

a Wetzlar. Herr Gerichtsassessor Sch o el er von hier, d<rzett in Frankfurt a. M., ist zum Amtsrichter ernannt c ^ Königl. Amtsgericht in Ehringshausen (Dill)

ko. Balduinstein, 13. Juli. Königin Wilhel­mine von Holland bleibt noch eine Woche auf Schloß Schaumbnrg und reist am 19. Juli in Begleitung des Prinzgemahls und der Königin-Mutter direkt nach den Haag, da sich nach Ansicht des Leibarztes Dr. Rössing, der Gesundheitszustand der Königin so gebessert hat, daß ein weiterer Aufenthalt in Deutschland (Langen­schwalbach oder im Thüringischen)â'nicht notwendig er­scheint.

C. Frankfurt a. M, 13. Juli. Die hiesigen Turner haben beschlossen, in der Paulskirche an dem Platze, den Turnvater Jahn im Jahre 1348 als Abgeordneter einnahm, eine Gedenktafel anbringen zu lassen. Die Tafel soll am 15. Okt. d. I., dem 50 jährigen Todestage Jahn's enthüllt werden.

V Darmstadt, 11. Juli. Rach Schluß des Land­tages wurde dem Präsidenten H a a's eine außerordent­liche Vertrauenskundgebung zu Teil. Der Abg. Backes wies die in derWormser Zeitung" (das hochnationale Organdin Reinhessen) wiederholt gegen den Präsidenten und dessen Geschäftsführung geschleuderten scharfen An­griffe in energischer Weise zurück, erklärte dieselben in jeder Hinsicht für unbegründet, er spreche dem Präsidenten für die unermüdliche eifrige, absolut unparteiische Ge­schäftsleitung Dank undMnerkennung im Namen seiner Parteifreunde aus. Abg. Bähr schloß sich namens der freien Vereinigung dieser Kundgebung an, auch Abg. Gutfleisch kann?,nicht umhin dem Präsidenten für die opferwillige und gerechte Leitung der Geschäfte zu danken und die Angriffe zurückzuweisen. Ebenso protestierte Abg. Ullrich in energischer Weise gegen diese Ausfälle, die er verurteilen muß, wenn er auch kein politischer Freund von Haas sei. Man könne nur die strenge gewissenhafte Geschäftsleitung konstatieren; Beinahe könne man es als ein Lob betrachten, wenn man von der Wormser Zeitung angegriffen werde. Abg. Schmidt trat ebenfalls in energischer Weise gegen diese ungerechten Vorwürfe auf; es sei endlich an der Zeit gegen diese schamlosen Angriffe in der Oeffentlichkeit front zu machen. Er habe ja mit dem Präsidenten das gleiche Schicksal von dem Blatt verurteilt zu werden, doch habe er die Bitte an den Präsidenten zu richten, diese Ausfälle unberufener Nörgler weder tragisch noch ernst zu nehmen. Die schlechtesten Früchte seienles nicht, an den die giftigen Wespen nagen.

^.-Fischbach, 11. Juli. Eine Frau, die beim Metzger­germeister Glö ckner Fleisch einkaufen wollte, hatte einen Teller mitgebracht und auf die Theke gestellt. Als von ungefähr der Teller ins Rutschen kam, und von der Theke herabzufallen drohte, griffen gleichzeitig oie Frau und der Metzger danach. Letzterer, der das Me s s e r in der Hand hielt, schnitt der Frau mehrere Sehnen der Hand durch. Obwohl bald ärztliche Hilfe zur Stelle war, zeigten sich kurze Zeit danach Symptome von Blutvergiftung, so daß die Frau ins Krankenhaus gebracht werden mußte.

Urberach, 11. Juli. Wie noch erinnerlich sein dürfte, machte sich im letzten Jahre während der hier abgehaltenen Manöver der 21jährige Schlosser Gg. Seib von hier eines schweren Vergehens dadurch schuldig, daß er der zum Revidieren in eine sozial­demokratische Wirtschaft abgeschickten Unter­offiziers-Patrouille den Eintritt verwehrte, dieselbe beschimpfte und nach einer zweiten vom Oberst des Jnf.-Regts. Nr. 166 selbst abgesandten Offiziers- Patrouille sogar mit Latten warf. Diese thätliche Be­leidigung muß Seib nun mit zwei Monaten Gefängnis büßen, nachdem die Strafkammer zu Darmstadt das zuerst gefällte Urteil des Schöffengerichts Langen dieser Tage mit Verwerfung der Revision bestätigte.

p. WormS, 11. Juli. Oberbürgermeister Köhler, der seither die Stadt Darmstadt im Landtag vertreten hat, wird sich um sein seitheriges Mandat nicht mehr bewerben.

vermischtes.

* Karlsruhe, 11. Juli. (Mord). Der Polizeibertcht meldet: Gestern abend 7 Uhr hat ein lediger Schiffer von Weiler bei Salzig seine Geliebte im Walde bei Maxau aus Eifersucht erstochen und dann Selbstmord zu begehen versucht, was ihm anscheinend wegen seiner Aufregung nicht gelungen ist. .. _

* Köln. Der hochbetagte Dekan R^o pp'-.r! 8 äußern benachbarten Ehrenfeld wurde von der Kriminalpolizei ver­haftet, und zwar unter der Anschuldigung einer schweren Sittlichkeitsverbrechens.

* Das 21. Mitteldeutsche B undes sch ieße n im Jahre 1904 findet in Mühlhausen in Thüringen statt.

* Eine äußerst drollige Geschichte vom Exerzierplatz macht in militärischen Kreisen Berlins die Runde. Der Herr Unteroffizier hatte einen Einjährigen wiederholt vergeblich ermahnt, seine Gehwerkzeuge vorschrifts­mäßig zufammenschließen. Der Einjährige' Hatte^zwar nicht eigentlich 0-Beine, aber entschieden! sAnlage dazu. So viel er sich auch Mühe gab, kerzengerade dazustehen, eS blieb zwischen densKnieen immer ein kleiner leerer Zwischenraum, der dem scharfen Auge des Unteroffiziers nicht entging.Ich wilUJHnen was sagen, Einjähriger" bemerkte er endlich, indem er ein Markstück auS der Tasche zog und eS dem Einjährigen zwischen die Knie drückte, die er mit Gewalt zusammenpreßte.Ich gehe nun fort und komme in fünf Minuten wieder. Wehe Ihnen, wenn Sie dann''daS^Geld- stück nicht mehr zwischen den Knieen haben!" Der Unglück- selige Einjährige merkte bald,^ daß er eS in dieser Stellung nicht eine Minute aushalten würde? WaS thun? Er über­legte rasch, wie er dem drohenden Ungewitter entgehen könnte und verfiel dabei auf einen ebenso originellen wie glücklichen Gedanken: Er hob daS Markstück, daS zu Boden gefallen war, nach Ablauf der Frist üon7 fünf Minuten in einem unbewuchten Augenblick rasch auf, steckte eS ein und klemmte sich dafür ein Zweimarkstück zwischen die Kniee. Na, Einjähriger", rief der Unterosfizer bald'nach seiner Rückkehr,haben Sie daS Geldstück noch zwischen^.den Knieen? Will doch gleich mal nachsehen!" Auf einmal verklärte sich sein Gesicht, er hatte statt deS Markstückes das Zweimarkstück vorgefunden. Schmunzelnd bemerkte er mit", freundlichem Augenzwinkern :Na, sehen Sie, Einjähriger, das haben Sie ja ganz hübsch'breitgedrückt!"

* Ueber einen wenig zarten, aber erfolgreichen Reise- Tricklwird derKattowitzer Zeitung" aus Rußland be­richtet : Vor einigen Tagen standen Hunderte von Passa­gieren auf der kleinen russischen Station Ciechozinek, um nach Warschau fahren zu können. Der eben ange­kommene und letzte Zug des Tages war aber so besetzt, daß viele die Hoffnung auf Beförderung aufgeben mußten. Als das Gedränge am ärgsten war, erschien beim Stationsvorsteher ein eleganter Herr in Begleitung eines russischen Offiziers und erklärte, er habe Letzteren wegen plötzlich ausgebrochenen Wahnsinns nach War­schau in eine Nervenheilanstalt zu transportieren und müsse zu diesem Zwecke ein besonderes Abteil erhalten, da er sonst wegen dec bei dem Kranken wiederholt aus- gebrochenen Tobsuchtsanfälle für nichts einstehen könne. Sofort wurde den beiden ein Abteil erster Klasse ange­wiesen, mit der AufschriftBesetzt" versehen und der Oberkondukteur mit der alleinigen Aufsicht desselben be­traut. Als sich der^Zug'in Bewegung setzte, brachen die beiden Reisegenossen in schallendes Lachen aus, ihr Kniff war gelungen Während die übrige Reisegesellschaft wegen der drückenden Fülle und Schwüle kein Auge schloß, schnarchten die zwei auf dem bequemen Polster nach Herzenslust. In Warschau angelangt und von der Sanitätswache in Empfang genommen, begann der Irrsinnige seine Augen fürchterlich zu verdrehen; sein Begleiter aber erklärte, man möge ihn den Kranken ganz allein führen lassen, da er seine Launen am besten kenne. Man willfahrte ihm und war froh, einen solch gefährlichen Kranken auf so einfache Weise losgeworden zu sein. Höchst vergnügt ging das Paar davon, und bald darauf sah man denIrren" ganz außerordentlich vernünftig in einem eleganten Restaurant sich den Freuden des Lebens hingegen.

* Eine brutale Scene spielte sich vergangene Woche im Saale der Civ.ilkammer des Mannheimer Land­gerichts ab, wo die I. Strafkammer eine Sitzung ab­hielt. Der Taglöhner Michel Hurrle von Mannheim, der Taalöhner Fritz Rosenfeld und die I7jähr. Straßen­dirne Magdalene Horsch^ wurden wegen verschiedener Diebstähle verurteilt, Hurrle einschl. früherer Strafen zu einer Gesamtzuchthausstrafe von 3 Jahren 10 Mon., Rosenfeld zu 8 Wochen, Horsch zu 3 Wochen Gefängnis. Hurle hat erst kürzlich bei einer Verurteilung die Richter beschimpft und erklärt, daß er noch hoffe aufs Schaffst zu kommen Schon damals hatte er seinem ehemaligen Freund Rosenfeld gedroht, er werde ihn kalt machen. Während nun gestern der Vorsitzende (Landgerichtsrat Ketterer) das Urteil begründete, wandte sich Hurle um und führte einen fürchterlichen Faustschlag nach Rosen- feld, der dessen linkes Auge traf. Das Blut schoß her­vor und eine mächtige Beule entstand. Schutzleute ver­hinderten weitere Exzesse. Welch ein Desperado Hurrle ist, geht aus dem Ausruf hervor, den er nach der That