Nr. 160.
Erstes Blatt
Montag, den 14. Juli 1902.
11.> Jahrgang.
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J«sertto»SvretS : Die einspaltige Petit,eile für Gießen wie, ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar unb Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Kernst rechanschlnß Nr. 362.
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Neueste Nachrichten
ichietzener Tageblatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Hießener Bettung)
für Oberbesfen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
^nid unb P„lag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gieße
Eine „coloniale Krisis".
Eine „coloniale Krisis" wird, nicht etwa aus den Kreisen der Colonialgegner, sondern aus den Reihen der Colonialsreunde angekündigt. Da die „Krisen in den deut- scheu Colonien noch nie ausgehört haben, so klingt die Nachricht wie ein Scherz. Sie ist aber ganz ernsthaft gemeint Gewisse Kreise deutscher Colonialfreude sind mit einem Mal in der Ueberzeugung gekommen, daß es besser ist, Deutsch- Ostasrika an England zu verkaufen, wenn nicht im Herbst der Reichstag die Bahn Dar-eS-Salaam-Mrogoro bewilligt. Die „Post" nimmt zwar an, daß es sich bei dieser „Drohung" nur um eine „Verwarnung an den Reichstag" handelt. Solche Drohungen der Colonialfreunde, nicht mehr mitspielen zu wollen, werden aber im Reichstag kaum Eindruck machen und höchstens als das behandelt werden, was sie wert sind. Deutsch-Ostafrika ist zweimal so groß als das Deutsche Reich, im Verhältnis hat also daS 160 Kilometer lange Bahnprojekt nicht viel mehr Bedeutung, als in Deutschland die Bahnstrecke Hamburg bis Wittenberge. Für einzelne Gebiete in Deutsch-Ostafriki würde eine solche Bahn Bedeutung haben, für die ganze weite Colonie als solche fällt eine solche „Stichbahn" kaum ins Gewicht. Nun gibt es aber im Reichstag keinen Abgeordneten, der den Colonialfreunden beim Bahnbau Hindernisse in den Weg legen möchte, soweit sie privates Capital dazu heranziehen wollen. Aber gegen die Verwendung von Reichsmittelll für solche Projekte erhebt der Reichstag, besonders angesichts der gegenwärtigen Finanzlage, mit Recht schwere Bedenken. Diese Bedenken können nur noch verstärkt werden durch die Drohung mit einer „Colonialen Krisis". Wenn die Zukunft eines Deutschland zweimal an Größe übertreffenden Colonialgebiets abhängig sein soll von der Bewilligung einer 160 Kilometer in daS Land hinein reichenden Bahn, so ist ein solches Eingeständnis nur geeignet, auch Freunde der deutschen Colonien für die Anschauung Caprivi s zu gewinnen: Je weniger Afrika, desto besser. Gerade in diesen Tagen regen ja die Nachrichten auch aus anderen Colonien zu allerlei nachdenklichen Betrachtungen an. In Kamerun soll Ruhe herrschen, gleichzeitig aber werden mehr Truppen zu Strafexpeditionen verlangt. In Deutsch-Südwestafrika werden aus colonial- freundlichen Kreisen schwere Vorwürfe gegen den Gouverneur gerichtet. Sein Nachfolger wird ermahnt, erst einzureißen, was der gegenwärtige Gouverneur geschaffen hat. Bekanntlich "ist schon vor einigen Jahren unter Berufung aus einen sehr hohen Beamten im Colonialamt die Mitteilung durch die Presse gegangen, daß Deutsch-Südwestafrika überhaupt nur noch als Tauschobjekt Wert habe.
ffs'Nun wird auch noch von einem Verkauf von Deutsch- Oftafrika gesprochen. Wir meinen, Freunde der Colonien sollten sich solche Andeutungen colonialfreundlicher Kreise auch nur als Scherz oder als „Verwarnung an den Reichstag" aufs Ernstlichste verbitten. Wenn eine „Coloniale Krisis" schon droht, wegen eines Bahnbaues, der für Neunzehntel des deutschostafrikanischen Colonialgebiets ohne die allerge- lingsteZBedeutung ist, so erscheint der Bau der Bahn aus Reichsmitteln erst recht bedenklich, weil diese Bahn dann gewissermaßen blos als Lockmittel dient.
Ein Colonialenthusiast in der „Post" ist denn auch durch die Ankündigung einer „colonialen Krisis" und durch die Nachricht über die Absicht, Deutschostafrika event, an England zu verkaufen, rein aus dem Häuschen geraten. „Wozu", so klagt er, „soll schließlich unsere starke Flotte dienen. Wenn sie allein den überseeischen handel schützen sollte, wäre sie gewiß ein sehr kostspieliges Unternehmen." Ihre wichtigste Aufgabe sei doch der schütz unserer Colonien im Kriegsfalle. Entrüstet ruft der Colonialenthusiast jenen Kolonialfreunden zu, die mit dem Verkauf von Deutschostafrika drohen im Falle Nichtbewilligung der Bahn Dar-es-Salaam-Mrogoro: „Treiben wir den eine engherzige Schacher- und Krämerpolitik, welche alles als wertlos bei Seite werfen oder um jeden Preis verschleudern muß, wenn sich nicht im Handumdrehen ein Gewinn daraus erzielen läßt? Ganz unberechtigt ist dieser Vorwurf gegen die plötzlich colonial- nndlich sich geberdende n Colonialfreunde nicht.
Politische Nachrichten.
— Berlin, 14. Juli. Der Steckbrief gegen den deutschen Kaiser macht hier fortgesetzt von sich reden. ES ist festgestellt, daß die Polizeibehörde erst mehrere Tage nach Ausgabe des amtlichen OrganS davon Kenntnis erhielt. Der Steckbrief war bereits in mehreren tschechischen und deutschen Blättern abgedruckt worden, Eine Anzahl von Pvlizeiämtern war nicht mehr in der Lage, die von ihnen zuiückverlangten Exemplare wieder einzusenden.
Der Kaiser läßt sich bei der Beisetzung der Herzogin-Witwe von Anhalt-Bernburg durch den Prinzen Heinrich von Preußen, die Kaiserin durch den Grafen Keller vertreten.
— Der Gegenbesuch unseres Kaisers beim König von Italien wird nach einer Wiener Meldung bereits im November stattfinden. Reichskanzler Graf Bülow begleitet den Kaiser nach Rom.
— Handelsminister Möller hat einen Erlaß an die Oberpräsidenten gerichtet, welche den Handwerkskammern eine Richtschnur zur Förderung des kleingewerblichen Genossenschaftswesens giebt. Das Hauptgewicht soll nicht etwa auf Vereinigung der Handwerker zu besonderen Handwerkergenossenschaften, sondern darauf gelegt werden, daß ihnen die Teilnahme an zweckentsprechenden genossenschaftlichen Organisationen in möglichst großem Um- fang und auf die einfachste und vorteilhafteste Weise vermittelt wird. Soweit eS daher die Natur der zu befriedigenden wirtschaftlichen Bedürfnisse nicht mit sich bringt, daß die Handwerker — wie bei Rohstoff-, Magazin- und Werkgenoffenschasten — zu besonderen Handwerkergenossenschaften zusammengeschlossen werden müssen, wird in erster Linie der Anschluß an die bereits vorhandenen Kreditorganisationen des kleingewerblichen Mittelstandes — in überwiegend ländlicher Umgebung auch wohl an die ländlichen Darlehenskassen — ins Auge zu fassen sein, Gleichzeitig teilt der Minister den Kammern mit, daß der Hauptverband der gewerblichen Genossenschaften im Herbst in Berlin neue genossenschaftliche Lehrkurse abhalten wird, zu deren Besuch eine Anzahl geeigneter Personen eine Unterstützung von je 100 bis 150 Mk. vom Ministerium erhalten könne. Ein weiterer Erlaß deS Handelsministers, der sich mit demselben Gegenstände befaßt, knüpft an den Antrag Trimborn-Krüger zur Förderung deS Handwerks an. Minister Möller fordert die Regierungspräsidenten auf, ihm Bericht darüber zu erstatten, was in ihrem Bezirke bisher vom Staate, von den Gemeinden, Innungen, JnnungsauSschüssen, Handwerkskammern, Jnnungsverbänden, Genossenschaften, genossenschaftlichen Revisionsverbänden, Gewerbevereinen und ähnlichen Organisationen zur Förderung des Kleingewerbes geschehen ist.
— Polnisch als Bersammlungssprache? Die Polen haben im Westen der preußischen Monarchie, wo daS Polentum ebenfalls reißende Fortschritte gemacht hat, eine richterliche Entscheidung über die Zulassung der polnischen Sprache als Versammlungssprache herbei- ßrt. Am 1. Februar d. I. wurde zu Herne eine , immlung des dortigen polnischen Turnvereins polizeilich verboten, weil die Beratungen in polnischer Sprache geführt werden sollten. Ein von polnischer Seite herbeigeführter Gerichtsbeschluß erklärte das Polizeiverbot für ungültig, da die deutsche Sprache nicht als die ausschließliche Verhandlungssprache in öffentlichen Versammlungen anzusehen sei, und verurteilte außerdem die Herner Polizeibehörde zur Tragung der Gerichtskosten, so wie zur Rückerstattung von 100 Mk. an den polnischen Turnverein für dessen Auslegung zur Einberufung der (verbotenen) Versammlung. — Dieser Gerichtsbeschluß ist von größter politischer Bedeutung. Die Polen werden fortan darauf bestehen, daß sie in ihren Bersammlungeu nur polnisch sprechen, und so können wir eS erleben, daß in der Reichshauptstadt Berlin mit ihren 70000 polnischen Einwohnern auch bald Volksversammlungen in großer Zahl abgehalten werden, auf denen man nur die polnische Sprache hört; alle Polenvereine werden sich auf den Herner Gerichtsbeschluß berufen, der für sie ein Agitationsmittel bildet, wie sie es sich besser kaum wünschen konnten. Der Herner Fall erneuert aber nur den Streit über unser deutsches Sprachenrecht, über das Klarheit und Sicherheit zu schaffen in erster Linie dem preußischen Landtag und Preußen obliegen muß, wo die deutsche Sprache jetzt durch die zielbewußte polnische Propaganda aufs Bedrohlichste gefährdet wird. ,
— Der Rücktritt des leidenden Sächsischen Kriegsministers Generals Edler von der Planitz wird für nächste Zeit erwartet. Als sein mutmaßlicher Nachfolger gilt in erster Linie der kommandierende General des 19. Armeecorps, von Treuere.
Petersburg. Beim Galadiner brachte der Zar einen Trinkspruch aus, worin er die guten Beziehungen Zwischen Rußland und Italien hervorhob. Der König erwiderte
Ganz Italien sehe in seinem Besuch eine Garantie für den Frieden.
London, 14. Juli. Die Nachricht von der Demission Salisburys und dessen Ersetzung durch Balfour, welche gestern Abend bekannt wurde, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen. Die Morgenblätter stellen fest, daß die Demission ein Theater-Coub sei, sowohl für das Publikum wie für die Politiker. Eine große Anzahl Mitglieder der konservativen Partei, welche nach London zu einer Partei-Versammlung kamen, wußten noch nichts von dem Ministerwechsel. Die Eigenschaften deS scheidenden Premierministers werden von der Presse einstimmig gelobt. Die lieberale Daily News sagen, obgleich man Salisbury in politischen Fragen offene Opposition machen müsse, so müsse man doch anerkennen, daß der bisherige Premierminister große Eigenschaften und einen Charakter habe, welcher dem politischen Leben Englands Ehre mache. Balfour gegenüber schlagen die Blätter einen weniger freundlichen Ton an. Morning Leader sagt, Balfour habe zweifellos viel Gutes an sich, er besitze eine große Geistesschärfe und habe viel Freunde, sei aber als Staatsmann kaum zu betrachten Das sei eine so neue Eigenschaft, die man ihm beilege, daß eS eher lächerlich klinge. Beide liberalen Blätter stimmen darin überein, daß Balfour nicht lange Piemierminister bleiben werde und daß eS sich nur um ein Provisorim handeln dürfte. Daily Expreß dagegen glaubt, daß gewisse Befürchtungen betreffs des Dilettantismus Balfours nicht berechtigt seien. In den irischen Angelegenheiten habe Balfoür große Entschlossenheit an den Tag gelegt. Das Blatt ist oer Ansicht, daß er als Premiermister Erfolg haben werde, solange er der Unterstützung Chamberlain-
sicher sei.
König Eduard- Befinden.
Wie auS London depeschiert wird, beharrt Reinold- New-Paper trotz aller optimistischen offiziellen Berichte bei feiner pessimistischen Auffassung über daS Befinden deS Königs Eduard und behauptet, der König sei furchtbar abgemagert und sehe schlechter aus als in voriger Woche. DaS Blatt will wissen, daß der König am Dienstag, wenn eS überhaupt möglich ist, in GraveSland auf feiner Aacht einschifft und sich dann nach den S c i l l y I n s e l n begeben
würde.
Lord Kitchners Ankunft in London.
Pünktlich auf die Minute traf der Zug auf dem Paddington-Bahnhof ein. Brausende Hurrarufe ertönten, als Kitcheners Kopf sich salutirend am Wagenfenster zeigte. Sobald der Zug zum Stehen gekommen war, begab sich der Prinz von Wales gefolgt von den beiden andern königlichen Herzögen auf die Wagenthüre zu und begrüßte den Aussteigenden mit herzlichem Händedruck und lebhaften Worten. Kitchener wurde dann von seiner Schwester, General French von seiner Frau mit Freudethränen bewillkommnet. Der Prinz von Wales verließ zuerst den Bahnhof, danach folgte Kitchener. Ein Orkan von Hurrarufen erhob sich, alber Wagen Kitcheners vor dem Bahnhof erschien und pflanzte sich auf der Fahrt durch die nach Zehntausenden zählende Menschenmasse zu beiden Seiten des Wege- fort. Die Königin erschien einen Augenblick mit ihrer Tochter auf einem großen Balkon des Buckingham- Palastes, blieb jedoch nicht bis Kitchner in Sicht kam. Um 3,45 Uhr langte Kitchner im St. James-Palaste an, wo im großen Bankettsaal ein Frühstückstisch für etwa 50 Personen gedeckt war. Bei Schluß des Bankettes brachte der Prinz von Wales nach dem Toast auf den König einen solchen auf die Gesundheit Kitcheners aus. Er beglückwünschte ihn im Namen deS Königs zu der erfolgreichen 2lrt, wie er diesen langen und schwierigen Feldzug beendigt habe. Er sei sicher, daß das ganze Reich die Gefühle des HeroscherS teile, der mit Bewunderung die Ausdauer die Geschicklichkeit und die Geduld Kitcheners beobachtet habe, in denen ihm die ganze Armee nachgeeifert habe. Kitchener dankte in seiner einfachen, jedem Wortschwall abholden Weise.
Bald nach 3 Uhr verlies er den St. JameS Palast und begab sich nach demBuckingham-Palast zumKönigS- paar. Er wurde von dem Hau^tportal alsbald nach dem Krankenzimmer deS Königs geführt. Dieser empfing den General in halb liegender Stellung auf einer Chaisel- nongue lang ausgestreckt. Er begrüßte Kitchener mit herzlichen Worten, dankte ihm im Namen deS ganzen Reiche» für die hervorragenden Dienste, die er dem Vater- lande geleistet habe und überreichte ihm die Insignien bei neuen Orden» Pour le merite. Die angekündigte