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Nr. 213.
Zweites Blatt
Samstag, den 13. September 1902.
11. Jahrgang.
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J»t^tio»Svre1S: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Fernst recha»schl«ß Nr. 368.
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(Gießener DageötatO
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Oberkeffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen imb Umgebung
Druck unD Verlag der Gießener Verlagsdrucker. i, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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Zum 3 Deutsche« Handwerks- und (Scwerbckammertag.
(Nachdruck verboten.)
Der rührige Vorort des deutschen Handwerks- und Getveibekammertages, die Handwerkskammer Hannover, hat im Namen des geschäftsführenden Ausschusses die deutschen Handwerks- und Gewerbekammern auf den 25., 26. und 27. September d. J. nach Leipzig eingeladen. Cs ist dies die dritte Tagung seit dem Jnslebentreten namentlich dec Handwerkskammern.
Wieder ist es ein umfangreiches Arbeitsprogramm, das dem Kammertage obliegt, und wieder wird von manchen Seiten die Frage laut: Wird und kann dabei etwas für das deutsche Handwerk Ersprießliches sich erleben ? — Wenn wir dieser Frage näher treten wollen, so dürfte es nicht ohne Interesse und Bedeutung sein auf das, was der deutsche Handweckskammertag, die Krönung dec Organisation des Handwerks, gelegentlich feiner ersten und zweiten Tagung erstrebte und erreichte, zurückzublicken. Um das über zu ermöglichen, sei es uns gestattet, die Tagesordnung für diese beiden Kon- fecenzen mit der des bevorstehenden dritten deutschen Handwerks- und Gewerbekammectages zum Vergleich nebeneinander zu stellen.
l. Tagung: 1. Die Aufgaben der Kammern als dec Organe dec Selbstverwaltung hinsich.lich
a) des Lehrlings - Meisterprüfungs -, Beauf- lragtenwesens,
b) der Aufbringung der Kosten, _____ c) der Organisation des Kammertages,
d) bei Wahlen zu den Kammern und des Ausschlusses aus denselben, sowie zur Frage dec . Auflösung dec Zwangsanlagen,
____ __ e) bet Stellung zum Begriffe dec Fabrik, I) dec Eintragung ins Handelsregister.
2. Aufgaben auf Dem Gebiete des gewcrolichen Schulwesens: FortblldungS- und Fachschulen;
3. Ausgaben auf dem wirtschaftspolitischen Gebiete:
a) Bedeutung der Handelsverträge, bj Bedeutung des Genossenschaftswesens, Submissionswesen ;
4. Wunsche zur gewerblichen Gesetzgebung:
a) Befähigungsnachweis,
bj Stellungnahme zur KrankenversicherungLgefitz- Novelle.
II. Tagung : zu 1. a) LehrlingSzüchterei und Festsetzung der Lehrzeit,
b) Verbleib der aus Antrag der Kammern sestge- setzten Strafgelder,
e) Zugehörigteil der handwerksmäßigen Großbetriebe zum Handwerk,
d) Eintragung ins Handelsregister;
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UI. Tagung: zu 1.: a) Meistertitel und Lehrlings- leitung,
b. Eintragung ins Handelsregister;
zu 2. a. Anerkennung der Prüfungszeugnisse der Fach- und Gewerbeschulen, b. Fachschulen;
zu 3.: Sudm.sswnsw.sen;
M-!a- Befähigungsnachweis für daS Baugewerbe b. Alters- und Invalidenversicherung der selb- ftanüigen Handwerker, a 1
c. Sachverständige aus dem Handwerkerstande d. Einführung von Arbeitsbüchern für Gefillen e. Aenderung des § 100 q der R.-G.-O. Verbot von Preisfestsetzungen durch Zwangsinnungen)
f. Lehrvertrag zwischen Vater und Sohn.
Besondere Punkte des 3. deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages bilden die Verhandlungen über den Antrag Trimborn u. Genossen, sowie der verdienstliche V.r- such, um dem Uebelstande das Zuviel an belehrender Litte- ratur für die Zwicke des handwerklichen Prüsungswesens abzuhelfen, L.ilsäden zur Einführung in das für die G.- • eJn "nd Meisterplüfuugen erforderliche allgemeine Wissen im Wege der Preirausschrelbung zu erlangen.
Vergleichen wir nun die Verhandlungsgegenstände P drei Tagungen, so finden wir, daß die erste über- wlegend unter dem Zeichen dec Selbstvecwaltung steht, 0- h. sich vornehmlich mit den gesetzlichen Obliegen-
heiten und Pflichten der Kammern befaßt. Berücksichtigt man weiter, daß auch in den einzelnen Kammern ausgiebige Erfahrungen noch nicht gesammelt waren, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn die Verhandlungen über wirtschaftliche Fragen, selbst solche von einschneidendster Bedeutung, wie z. B. das Submissionswesen, einen mehr ober minder tastenden Charakter trugen und vor allem die Frage des Befähigungsnachweises zu einem scharfen Aufeinander dec Gegensätze führte.
Auch der zweite deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag in Darmstadt, stand noch wesentlich unter dem Zeichen des Verlangens nach Aufklärung über Fragen, die sich aus der Selbstvecwaltungs- thätigkeit dec Kammern ergaben. Immerhin aber macht es sich schon geltend, daß die erste Beratung in Berlin über manche Fragen Aufklärung geschaffen hat. Schon finden sich Fragen von für den Anfang weniger prinzipieller Natur, wenn man ihnen auch ihre große innere Bedeutung nicht absprechen darf, wie der Verbleib dec Strafgelder, die Festsetzung dec Dauer dec Lehrzeit. Andere Fragen wieder, so die Eintragung von Handwerkern ins Handelsregister, die alte Streitfrage: hie Handwerk, hie Fabrik! das Submissionswesen und der Befähigungsnachweis sind abermals auf die Tagesordnung gesetzt. Von neuem wird über sie teils mehr, teils minder lebhaft verhandelt. Mit neuen Ecfahrungen eilen die Vertreter dec 61 angeschlossenen Kammern nach Hause. Man hat von neuem erfahren, wie notwendig ein Austausch der Ansichten in einer Versammlung von Landsleuten aller Gaue ist; man hat gesehen, wie man es machen und wie man es nicht machen soll, man hat die einzelnen jeden interessierenden Persönlichkeiten kennen gelernt, sich mit ihnen ausgesprochen, versteht nun wohl auch so manches, was dem einen oder anderen vorher unfaßlich schien, und hat wohl auch Anregungen nach dieser oder jener Seite hin zu neuem Schaffen im eigenen Heim empfangen.
Ein ganz anderes Gesicht hingegen zeigt die Tagesordnung des dritten Handwerks- und Gewerbekammertages. Nuc zwei Punkte finden sich noch, die auf die Thätigkeit dec Kammern als Organe dec Selbstverwaltung schließen lassen: „die Eintragung von Handwerkern ins Handelsregister" und „Meistertitel und Lehclingsanleitung." Dec erste Punkt ist zu einer Frage fortgesetzter Katasterstceitigkeiten mit den Handelskammern geworden und beansprucht angesichts der Widersprüche bei den ergehenden Entscheidungen das fortgesetzte Interesse eigentlich aller Kammern. Mit dem zweiten Punkt bemüht man sich die Vorzüge des 8 WO e bet alten R-G.-O., die dec neuere Kompromiß vom 26. Juli 1897 beseitigte, auf gesetzgeberischem Wege wiederzuerlangen.
Auch das gewerbliche Schulwesen kommt wiederum zu seinem Recht; inwieweit aber kann man nicht eher sagen, als biS die Resolutionen gedruckt vorliegen werden.
Von den großen wirtschaftlichen Fragen finden wir abermals die brennendste, die schon zum Ruin vieler Existenzen führte und manche Inhaber gerade der leistungsfähigsten Betriebe bestimmte, sich von der Bewerbung um öffentliche Arbeiten oder Lieferungen fernzuhalten.
Den breitesten Raum der uns vorliegenden Tagesordnung aber nehmen die Wünsche aus Abänderung der gewerblichen Gesetzgebung ein. Unter denselben finden wir die Frage des Befähigungsnachweises wieder, aber beschränkt auf einen bestimmten Kreis von Gewerben, für welche das bezügliche Bedürfnis am schärfsten hervortritt, die Baugewerbe. Weiter heben wir besonders die Frage hervor, wie die soziale Gesetzgebung, in Sonderheit die Invaliden- und Altersversicherung, für den Handwerkerstand nutzbar zu machen ist. Im Interesse des Ganzen hoffen wir, daß diesen Verhandlungen der breite Raum zugestanden werden wird, den sie verdienen. Auch die Beteiligung von sachverständigen Handwerkern an den Verhandlungen der Gerichte, wie in Psändungèfällen, harrt noch der Erledigung in Leipzig. Desgleichen ist die Gewinnung von wertvollem Material zur Frage der Preisbildung durch die Zwangsinnungen (§ 100 q der R.-G -O.) von den sich ergebenden Verhandlungen zu erhoffen. Sodann ist es ziemlich wahrscheinlich, daß der dritte Kammertag zu der Führung von Arbeitsbüchern für Gefillen auf die Absage, die der letzte Verbandstag des Allgemeinen Verbandes deutscher Erwerbs- und Wlrtjchasts- genossenschaften an ihn als den Vertreter des deutschen
Handwerks ergehen ließ, eine ebenso kräftige Antwort durch Annahme der bezüglichen Anträge folgen läßt.
Viele Augen richten sich deshalb in der Zeit vom 25. bis 27. September nach Leipzig, und viele Vorurteile noch werden bis dahin gegen die handwerkliche Organisation auS dlesem Anlaß laut werden. Möge der Verlauf der Verhandlungen dieselben zu schänden machen und immer mehr den Beweis liefern, daß die Errichtung der Handwerkskammern eine für das Gedeihen des ganzen Handwerkerstandes ebenso notwendige wie nutzbringende Maßnahme war. [Dr. Sch ]
Litterarisches.
Daß Redaktion und Verlag der Zeitschrift über Land und Meer auch ferner bemüht sind, dieselbe auf der bekannten Höhe zu halten, sowohl was textliche, belletristische und populär wissenschaftliche Arbeiten, als auch was künstlerisch vornehme Ausstattung anbelangt, das zeigt das erste Oktavheft des neuen Jahrgangs. Was ein solches Heft zum Preise von sage und schreibe 1 Mk. auf 127 Textseiten alles bietet, ist schier unglaublich. Es führt uns in Wort und Bild auf die Halligen der Nordsee und läßt das Leben dec „Einsamen Menschen", die dort wohnen, den Leser miterleben, es zeigt uns in farbenprächtigen Aquarellen die Schönheiten des Golfes von Spezia mit den gleich Schwalbennestern an steil aus dem Meere aufcagenden Felsen hängenden Schlössern und Dörfern, und führt uns zurück in den nordöstlichen Winkel unseres Vaterlandes, indem es uns mit den idillischen Reizen der Umgebung von Elbing vertraut macht. Eduard Engel, dec bekannte Herausgeber einer Geschichte der französischen Litteratur, geht mit bet „europäischen Redensart „Milien", dem beliebten Schlagwort einer ganzen litterarischen Richtung scharf ins Gericht, zeigt am Sprachgebrauche unserer Mustecschriftsteller seine Unzulänglichkeit und Ueberflüssigkeit. Der schöngeistigen Unterhaltung dienen dec Roman „Südecssen" von W. Meyer-Föcstec, die Skizze: „Herzkrank" v. Aug. Sperl u. a. Das alles zeigt uns, daß „Ueber Land und Meer" immer noch zu oen besten Familienblättern gehört.
Dec totsichecste Jockey heißt Glück, dec maßgebenste Trainer heißt Zufall, sagt Thcut in einem Aufsatze, der sich „Aus dem Weltreich dec Schwarzwaldkönigin", Badenec Plauderei, betitel, und der uns einen Ausschnitt aus dem Leben dec Hochsaison in Baden-Baden giebt, das uns auch in einigen gut gelungenen Bildern vorgeführt wird (Berliner Illustrierte Zeitg. Heft 36.) Dasselbe Heft bringt auch die Abbildungen eines neuen Luftschiffes und seiner Besitzer und Erbauer, Professor Spencer und Frau. Andere Bilder versetzen den Betrachter in die Feststimmung, die in Berlin anläßlich der Anwesenheit des Königs von Italien herrschte. Nicht nur Komponist, sondern auch Kcawatten- sammler ist, dec Schöpfer dec Cavalleria rusticana, dessen Name erst jüngst wegen eines Streites mit dem Lyceum zu Pesaro genannt wurde. Während er im Bette liegend, die Urteile der Presse über diesen Streit studiert, hat ein Photograph sein Bild auf eine Platte gebannt, und dieses Bild bringt Nr. 36 dec „Becl. Jllustc. Ztg." als Pcobe einer neuen Act sich photo- gcaphieren zu lassen. Jedes Heft dieser reichhaltigen Zeitung kostet nur 10 Pfg., das Monatsabonnement 45 Pfg. das Viecteljahcesabonnement 1,30 Mark.
Der geologischen Thätigkeit des Wassers und deS Windes ist das 4. Kapitel des Aufsatzes von Prof. Dr. Sapper „Die Erforschung der Erdrinde" in „Weltall und Menschheit" von Hans Krämer (Verlag deS deutschen Ver- lagshauses, Bong u. Comp. 100 Lieferungen â 60 Psg., Lieferung 8—11) gewidmet. Wer sich einen Einblick in die Bedeutung des Wassers sowohl als des Windes auf die Umbildung der Erdoberfläche verschaffen will, der sollte die Ge- legenheit nutzen, er werde sehen daß der „Zahn der Zeit", der an den Gebilden der Erdoberfläche nagt, zwei Spitzen hat, das Wasser und den Wind, Denen beiden nichts fest genug ist. Gleichzeitig erhält der Leser auch einen geschichtlichen Ueberblick über die Auffassung der alten Kulturvölker über die Rolle, die das Wasser in geologischer Hinsicht spielt. Auch die vorliegenden Nummern sind prachtvoll ausgestattet und seien deshalb wie die früher erschienenen jedermann zur Anschaffung empfehlen.