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Nr. 185.
Zweites Blatt
Dienstag, den 12. August 1902.
11. Jahrgang.
Abouuementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg , in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk.- 1 50.
(Gratisbeilagen : CbcrbeffifAe F-mili-uz-itu«, (iSkffub) Cberbeffiidte Zeitschrift für ^»»wirtschaft, ©b* ««» Nartenbau, sowie die (Giessener Seifenblasen ^wöchentlich). DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag«.
J«serlio«SpreiS r Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Cberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame, die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuen weg 28. Fer»sprecha«schluß Nr, 368.
(Hietzener Tagel-tatt)
Wnaöhängige Tageszeitung
achrrchten
(6,ieße»rer Weitung)
für Oberßeffm und die .Kreise Marbura und Metzlar; Lokalanzeiger für Giefien und Umgebung.
Druck und Verlag der Gienener VerlagSdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gcgr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Eine der wichtigste» wirtschastlichen Fragen der Gegenwart nnd Zuknnft.
In der Zeit bet Dampfmaschine und der Elck- triniät die ihre Kraft und ihr Fundament aus den Steinkohlen, dem Eisen, Stahl und Kupfer erhalten, ist man in allgemeiner Einseitigkeit wenig geneigt, sich um die Ergänzung eines grogcn Bedarfsartikels zu kuiiimcrn dessen Produktion in fast allen Kultur- läiiderii entschieden im Abnehmen begriffen ist. Wir meinen das aus den Wälder» gewonnene Putz- und Breiiiihvlz, dessen oft ganz plötzliche Preissteigerungen einen schwachen Begriff davon geben, was erst einmal für Kalamitäten entstehen, wenn oie Wälder noch mehr verwüstet und der Holzmangel chronisch geworden ist Zwar können >vir von allen deutschen Staaten und ebenso von den Ländern Oesterreich-Ungarns - sagen, das; in ihnen die Forstwirtschaft schon seit Pècuschcnaltern rationell betrieben und für rcchlzeitige Aufforstung der Ländereien Sorge getragen wird. Aber was will dies bei dem großen Bedarfe an Nutz- und Bccnnhoiz in der Kulturwcit bedeuten, wenn in fast allen anderen Ländern Forstraubbau seit Jahrhunderten getrieben wurde und das Deutsche Reich auch schon nicht mehr genug Waldflächen für seinen Hoizbcdarf besitzt, wenn wir nicht in den nächsten Jahrzcntcn einige hundert Quadcatmeilen ödes Haidc- und Moorland in stattliche Wälder umwandeln. In dieser Frage muß vor allen Dingen bedacht werden, daß ein neuer Wald fast hundert Jahre zu seiner rechten Entwickelung braucht. Direkt Holzarmc Lander sind auch bereits Frankreich, Holland, Italien und Spanien, und sie büßen ihre Forstmißwirtschaft auch oft „och durch große Ucbcrschwcmmuugcn, Hagelschläge und Dürre.
Am ärgsten ist lvohl in Nordamerika mit der Waldausrottuug gewüstet worden, aber im Nordwesten Amerikas giebt cs doch noch große Wälder. Für Deutschlands Forstwirtschaft und Hvlzocrsorgung haben Polen und Rußland eine gewisse verhängnisvolle Rolle gespielt. Nach der polnischen Revolution 1853 wurden in Russisch-Polen die gutshecclichen und bäuerlichen 'Verhältnisse reguliert; das beste Land erhielten die Bauern zugctcilt, ivährcnd die Gutsherren das Uebrige und den Wald erhielten. Diese waren in übler Lage und suchten sich dadurch zu helfen, daß sic ihren Wald zum Abholzen verkauften. Von dort wurde das natürlich billige Holz — einen Holzzoll gab es noch
nicht — nach Deutschland ausgeführt. Auf der Chaussee nach Breslau zum Beispiel sah man damals meilenweit eine Fuhre mit Stämmen oder anderem bearbeiteten Holz hinter der anderen, daß kaum Platz für Post und anderes Fuhrwerk blieb, bis endlich die Eisenbahn gebaut war und den Transport übernahm. Kein Wunder, daß das bald die Holzpreise bei uns drückte, daß die Staats- und Privatwaldungen darunter litten und Holzhändler groß wurden. Seitdem geht die systematische Entwaldung Polens ihren Gang — bald vierzig Jahre! Auch die deutsch-polnischen Landesteile blieben davon nicht verschont, wie dies auch die Motive zur neuesten Polenvorlage bestätigen. Zwar wurde mit der Zeit ein Holzzoll cingeführt, der aber vielleicht zu niedrig war. Jedenfalls wurde dem Unfug nicht genug durch ihn gesteuert. So wäre zu wünschen, daß einmal auf einem internationalen Kongresse, die Wald- und Holzfrage von langer Hand behandelt werden möchte.
Schule und Äirche
Wann sollen die Sommer-Ferien beginnen? Bon A. von Wernersdorf.
Die Schulferien sollen für den Schüler eine Erholungszeit sein. Wenn der Schüler, besonders der noch in zarterem Alter stehende, monatelang die Schulbank gedrückt und seinen Kopf mit oft leider nur zu übelflüssigem Ballast beschwert hat, dann fühlt er das Bedürfnis nach Ruge und Erfrischung, die Sehnsucht nach Freiheit aus dem strengen Schulzwang Mit unverholener Freude sieht er die Quartale zu Ende geleit, unb mit Hsllorn Dübel verlüßt er am Schlußtage die Klasse, die Aula. Einsichtige Pädagogen haben daher mehr nnd mehr in manchen Orten sogar gänzlich die Ferienaufgaben abgeschafft, denn nur dann wird sich der Schüler geistig und körperlich zu kräftigen, zu regeneriren vermögen, wenn ihm alle Fesseln abgenommen sind. Ja mehr noch: in einzelnen Städten, deren Schulwesen auf der Höhe der Zeit steht, deren Lehrkräfte nicht nur gesellschaftlich bie ihnen als Bolkserzieh^r und Menschenbildner gebührende Achtung genießen, frühern auch ihrer verantwortungsvollen Thätigkeit angemessen dotirt werden, z. B. in Hamburg, hat man die sehr weise Einrichtung getroffen, den Schülern die Censuren erst nich den Ferien zu erteilen; denn gar viele allzustrenge Eltem wissen ihren m.t einem ungenügenden Zeugnis am F^nenbeginn heimkehrenden Kindern alle Freude an der „östlichen Zeit" zu vergällen.
Eine Reihe höchst bedeutsamer Verbesserungen auf dem Gebiet des Unterrichtswesens hat die Schulreform gezeitigt.
Eins aber ist dabei verabsäumt worden: die Verlegung der großen Ferien in eine andere Zeit des Sommers. Gerade die Hauptferien sollen dem Schüler dazu dienen, seine in der Unterrichtszeit verbrauchten körperlichen und geistigen Kräfte zu ersetzen, gerade die Sommerserien, die Zeit der Reisen, gehören voll und ganz der Erholung unserer Jugend. Nun ist cs aber eine alte Erfahrung, daß diese schönsten Tage der goldenen Freiheit in den meisten Jahren durch schlechtes, regnerisches Wetter beeinträchtigt werden, und daß die größte Zahl derselben bei den häuslichen Penaten durchlangweilt werden muß. Denn Spaziergänge, Ausflüge, Reisen haben ihren Zweck verfehlt, wenn sie verregnen; sowohl die lieblichsten Seebäder als auch die großartigsten Gebirgsgegenden verlieren ihren Reiz unter dem unfreundlichen Gesicht des Jupiter pluvius.
Woran liegt das'? — Ganz einfach daran, daß man die großen Ferien auf eine Periode verlegt, die fast jede- Jahr eine Regenzeit in sich schließt, nämlich den Monat Juli.
Der Begründer der wissenschaftlichen Meteorologie, der berühmte Gelehrte Heinrich Dove, that einst (1862) einen Ausspruch, der für die leitendeu pädagogischen Kreise, insonderheit für die Schulbehörden, von heroorrager Bedeutung ist und sorgsame Beachtung verdient. Er sagte nämlich: „So arbeiten wir uns in Norddeutschland im' Monat Juli immer mehr in eine Regenperiode ein". Aber die deutschen Pädagogen haben daran leider nicht gedacht, sonst würden sie nicht nach wie vor die großen Ferien in den Juli verlegen, um sie für sich und die Kinder verregnen zu lassen.
Unterzieht man das letzte Vierteljahrhundert daraufhin einer näheren Prüfung, dann ergiebt sich in der That die Richtigkeit des Doveschen Ausspruchs, für den er natürlich triftige Gründe gehabt hat. Betrachten wir zunächst einmal die mittleren Werte der monatlichen Niederschlagsmengen in der Tabelle, so sehen wir, daß das Maximum der Regenmenge auf den Juli fällt. Vergleichen wir hiermit die monatlichen Temperaturmittel, so finden wir wiederum das Maximum im Juli. Das Gesetz, daß der wärmste Monat auch zugleich der feuchteste ist, wird hierdurch bestätigt.
In Einklang damit stehen die Zahlen der mittleren monatlichen Bewölkung und des mittleren monatlichen Sonnenscheins. Für die Brwölkung ist die Zahl 10 der Ausdruck für ganz bedeckten Himmel, die Zahl 0 derjenige für ganz klaren Himmel, mithin z. B die Zahl 5 der Ausdruck für halbbedeckten Himmck. Die Reihe der mittleren monatlichen Bewölkung ergiebt sich ebenfalls aus der Tabelle. Wenn man die Winterinonate auèschlirßt, in denen eine stärkere Bewölkung selbstverständlich ist, und nur die für unseren Zweck in Betracht kommenden Monate Mai Juni, Juli,
nHEMS
^In^eiyener Sache Richter.
Roman von L. H a i d h e i m.
(Nachdruck verboten )
(Fortsetzung.)
Man sprach aufgeregt bm unb ber, Lischas forgenbe S^ „Ob sie ihn wohl auch wirtlich recht beb hat? trug ihr men geradezu niederlchincncrnden Blick von Frau von .âKg „^ und (Stas Joseph verbesserte btt ^ momentan lehr K « l Stimmung nicht durch seine sehr iadelnde Frage. „Wie -onn Sie zweifeln. Lischa? Einen Baron Gorzberg nicht hebst - , In diesem Moment trat der letzt eben ganz unerwât von Werner Rerje nach Leipzig hermkehrende Burkard m ba|oiwmer. Niemand hatte ihn kommen sehen,, wie aus der Er^emvor- aestrcgen war er da und fragte raiet Wie atemlos: «Mana Ist sre mit Gorzberq verlobt?" - Wie em heilerer /direitlang es. Einen Moment herrschte ob diesem Ton und Mtardv Ge- sichtsausdruck völliges Swweiqen.
Lrlcka und Frau Cäcilie bedurften keiner weiten Erklärung. Um die allgemeine peinliche Stille zu brechen, spranen sie am und begrüßten Burkard lebhafter, als die kurze Abwe^hect erklärte; schmolz doch ihr Herz vor Aküleid. c
Frau von Wazlaw machte sich schnell ur Herrin der Situation. „Sie haben es gewiß schon geahnt als Sie Maria neulich besuchten, Burkard."
„Ja, freilich — nur.— nur wollte ich nieten eigenen Augen so recht nicht trauen. Also doch!"
Aber selbstverständlich. Wie sollte Yusine Maria eine solche'Partte abweisend Das wäre einfach aehr als menschlich. Wenn sie dereinst ist, wonach ihr Herz so iec verlangt, eine der aroüeu Samen am Wiener Hose, dann neben mir erst sehen, was bi ihr steckt!" sagte Graf Josevh r einer Weise, die es "nHaSrbÄ under sah schweigend
dabei, während Frau von Wazlaw ib^1 A$nuÄ9^ ^ ES «fSä NLKM «4 UM
nicht den Verschmähten zu spielen beamlttgle. ...
„Verzeihen Sie, Baronin, wenpcb so ernst erscheme. Es gehen große, schwere Dinge vor in Mch! land, wn^ werden nn »erbst vielleicht schon Krieg haben.^bg gegen Preußen,. den Krieg um die führende Stelle in De^^^ud", tagte er mit einem tiefen Aufalmin. .
glmÄÄ^ '" ben 3eih,nflcn' °ber wer
vom ft’Ä baran, die ganze Welt hallt wider
,,AH! das ist blinder Lärm. Allenfalls gegen Italien."
,, . èr zuckte die Achseln. Was sollte er die Glückliche in ihren schwiegermutterlichen Hoffnungen stören? J J en
glauben Sie es auch nicht?" wollte er Joseph Ebern fragen- DF^r âr nt*t nötig. .Der glaubte es
r < üb gehe mit! ^ie sollen Freude an Ihrem Schüler Ä^en! W er mit nie an ihm erlebten Enthusiasmus: „Jetzt will ich ein nützlicher Menjch werden, Sie sollen es sehen."
Und da kniete er schon neben ihr und sagte halblaut mit einem Herzenston, der Bnrkard sehr erschreckte: Sie haben so °st si-!"^' ^“ âb Anen eine Aufgabe schicken. Lischa da OL Mnb fi4 3u Burkard wendend, fuhr er aufgeregt fort: eine Heilige: sie hat mir gepredigt, daß ich ^^UÄ^sen bln, keinem zu Nutzen, keinem zur Freude mit ihrer lieben Stimme mir Ä ^4a, Lischa, wie soll der Himmel Ihnen ^e E der Muhe wert fanden, sich um mich elenden Nichtsnutz zu kümmern? Burkard lassen Sie mich fort nacy Wien ich werde mich towrt einstellen, ist es nicht als Offizier, lo als Unteroffizier oder Gemeiner, nur nützen will ich, will Äscha zufrieden liegen.'
, Es blieb gar kein Zweifel, aus jedem Ton, jedes Wort Graf ^osephv sprach — Liebe? War es denn möglich? Der leichte, oberflächliche Mensch redete da in einer Wärme und Be- .geilterung, die niemand je bei ihm gesucht hätte, die er eine halbe Stunde früher noch durch seine lvöttischen Bemerkungen selbst verleugnete. Burkard hatte Mühe seine Züge zu beherrschen.
.. k»Gleich .morgen sollen Sie fort, Vetter! Sie-werden ein -ellmet lein für hundert andere Söhne unseres Adels, die jetzt, wie etc seinen rechten Lebenszweck haben", rief er in tiefer Un- rude^und lehr froh dieses Ausweges. Die Sorge, daß Lischa und ^oleph —! O, Himmel, er mochte den Gedanken nicht aus-
M .wie sanft und glückselig blickte Lischa in Josephs ^uigeu. Wie mütterlich liebevoll ließ sie ihm ihre Hand? Aber o unbefangen blickt die Liebe doch nicht? Ja, ja, gleich morgen!
Nir Ebern mußte beschafft werden. Burkard nahm den unter den Vorwand von notwendigen Besprechungen mit Ncy hinaus, schickte einen Erpreßboten nach B., dort vom Bankier das nötige zu holen. 1
„Sie haben große Eile mich fomufdiaffeii, Vetter Frohberg", sagte Joseph argwöhnisch und nun schon unlustig, da er b°âMâ lüsse (ann En nicht schnell genug ausführen/.
„Mir scheint, ich bin wohl lchon langn im Wege gewesen, da Sie so sehr eilen mich auf den ersten Laut hm an die frische LE ich es leugnen, Ebern? Das Nichtsthunl von
Ihrer Seite und Lischas brennender „Eifer Sie zu bekehren, finden je eher je besser diesen Abschluß."
„Und Lischa natürlich ebenso eine große Partie Wie Ihre angebekte ®l^ mk6 gilâ hem Kreise Ihrer Bemerkungen ebenso fort wie meine Schwel ter", wurde Burkard Hornig.
Aber sie liebt diesen Kolonie nicht!, Wenn sie chn liebte, würde sie fick nicht so voll Engelsgüte —." ... L , ,
èbern! Kein Wort weiter! Ich will nichts gehört haben. Webe' Ihnen, wenn Sie die Gastlichkeit dieies Hauses damit belohnt hatten, Lischas Herzensfrieden zu stören!
Und wo wäre der Mann, der kalt bliebe bei eines solchen Mädchens -. Sie liebt mich - sie liebt mich!" „
Beide Männer standen.sich mit heißen Köpfen und AmAW den Auaen gegenüber. Graf Josephs Jnbevchrel hatte BurkardK Herz rühren können, denn es klang aus betreiben zugleich fein ganzes Lerlassensein, die bittere Herzensverarmung.
Aber den Klang wollte, durfte Burkard Frohberg nicht 6ätC Jinb wenn meine Schwester mich auf dm Knien anfl-hte und éie wären reich wie ein Krösus, ich wurde Sie Ihnen immer versagen, Graf Ebern. 34 bin der letzte, der sich das Reckt nehmen dürfte, den TugenöwiegA .spielen zu wollen aber kann es Ihnen nie verzeihen, was Sie am.der Seele haben. Ich kenne Ihr Abenteiicr in Agram, Vetter, lasten Sie uns Nicht weiter davon reden und — .
Wer? Wer?" keuchte leichenblaß und ganz fassungslos Graf ^o^^Ädelsberg hat es mir gesagt. Er hielt es für seine '^ ^Aber*er - er kannte nur die äusseres Thatsachen; die inneren Vorgänge —*
„Tas junge Mädchen ihrem Bräutigam abwendig gemacht, die glücklichste Verbindung zerstört, den Bräutigam zum Selbstmord getrieben — und —"
„Aber sie war es längst — längst — * eüvuieöung loigt.)