Nr. 133. Erstes Blatt.
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Donnerstag, den 12. Juni 1902.
Gießener
__11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Erpedition: Kietzen, Neuenweg 23.
Deuesle Pachrichien
(Gießener Tngevsnit) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marbnra und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gietzener Verlagsdruckerei, norm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Kietzen.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 11. Juni. Bei der Neubesetzung des rilinisteriums der öffentlichen Arbeiten käme irgend ein anderer nicht mehr aktiver General in Frage.
Zum Rücktritt Thielens. Es wird mitgeteilt, ba9 in den Berliner höheren Eisenbahnkreisen als eventueller Nachfolger des Etsenbahnministers I hie len der Geh. Obersinanzrat Lehmann bezeichnet wird. Herr Lehmann mar früher Mitglied der Eisenbahndirektion Fra nkfurt a. M., wurde von Miquel ins Finanzministerium berufen und hat dort schnell Carrière gemacht. Vor kurzer Zeit wurde ihm der Titel „Exellenz" verliehen.
* Zur Main-Neckar Bahnvorlagc. Daß die Main- Necta r-Ba hn v o rla ge im Sinne der Regierung entschieden werden würde, war zieinlich gewiß, schon loeil man die Abstimmung auf Dienstag vertagte. Wäre die Abstimmuug letzten Samstag erfolgt unter dem frischen Eindruck der Debatten, so mürbe sie wohl etwas anders ausgefallen sein. Inzwischen sind in bei That noch einige Abg. vom Lande anderer Meinung geworden und die Regierung erreichte, zumal da Finanzminister Gnauth die Kabinettsfrage damit stellt, was sie wollte. Gegen die Vorlage stimmten geschlossen die Sozialdemokraten und das Zentrum, mit Ausnahme des Abg. V. Brentano, der auf einmal 'nicht „da mar". Für die Vorlage stimmten außer den „llmgefallenen" die Nationalliberalen und die beiden freisinnigen. Die beiden eigens zugezogenen Räte '/berregierungsrat Welcker von Mainz und Oberbaurat öoulmann von Frankfurt, schwiegen sich aus. Der Humor von der Sache aber ist, daß die Nationalliberalen, so schreibt die „Frkf. Ztg." es wider Willen sein mußten, die den von ihnen wenig geliebten sreigesinnten Finanzminister Gnauth hielten.
Das Befinden des Königs von Sachsen hat sich er- srenlicher Weise etlvas gebessert. Der Patient hat den Mittwoch Nachmittag in guter Stimmung verbracht. Wichtige Gründe, die das Eintreten einer Katastrophe befürchten lassen, liegen nicht vor. Prinz Georg bleibt bis auf Weiteres in Sibyllenort, um jeden Augenblick yit Hand zu sein.
* Während die galizischen Polen sich bisher in ihrer Presse und im österreichischen Reichsrat jeder aggressiven Demonstration gegen die Marieuburger Rede des Deutschen Kaisers enthalten haben, nahmen die ra- dilalen Tschechen am Mittwoch den Gegenstand im Parla-
Geerteerd.
Novelle von E. Bely.
kNichdrulk verboten.)
W!e er im Flur ist, bläst ihn der kalte Wind hart an. Geerteerd steht in der offenen Thur und guit in’« Schwarze.
muff wieder denken, weich' ein Mädchen das ist, das ficht 'ichts^an und bem bangt vor nichts: sie wäre so tüchtig zu mnn ^ermann-fron. Er bleibt neben ihr stehen und klopft am ihncpfoncn seine Pfeife aus, dann fragt er:
Kreit und Anne warten aus Freier?
I Ev sagte ich.
Ur räuspert sich. Wenn ich Dich nicht kriege, muß es eine ludere sein.
lacht in dem Dunkel so weich, wie ein girrendes » audlbeu. rn- in ein Ton, wie er ilm noch nie von Weiber- Upen ’gcbmi hat.
®" ^nuggeseti sollst Du desbalb auch nicht bleiben, fügt |it eem Vmtieii bei.
'Noch einmal klopft er gegen seine Pfeife.
lju Die bade ich Zutrauen, manuell er dabei.
Vast es bewiesen, antwortet sie wieder so ungewvhut inilde
Welche soll ich? noni er dann heraus und i , srog, daß sie süa Gesicht nicht getpailren kann
Kreil ist nicht arni Anne hat nichls, aber sie ist bie islste, sagt Keerlecrd.
diu Nachsinnen, zweinial setzt er nun Spcechcn an, endlich MGst's deutlich heraus: Anne soll's sein. Da sucht eine kleine
Hand^ die seine und die Worte klingen ihm in s dir: âptft recht -nd sollst glücklich werden, Edv!
Dann stolpert er die Stufen hinab, tappt sich durch den èklrd und ist in seinem Sinn ganz getröstet, beim morgen Wm er auf« Neue werben.
Äeerteerd schlägt die Thür zu, den Schlüssel braucht sie ü^r umzudrehn, vor Hieben ist man auf bem Eiland sicher. Samu gießt sie die Kohlen aus, und bentt dabei, wie rasch
ment auf und benutzten ihn zu maßlosen Ausfällen gegen Kaiser Wilhelm. Nur durch Schließung der Sitzung vermochte der Präsident dem Unsuge ein Ende zu setzen.
* Fürst Ferdinand von Bulgarien ist am Dienstag in Petersburg angekommen und am Mittwoch vom Zarenpaar empfangen worden.
Die Königin Wilhelmine von Holland ist am Dienstag nachmittag in Begleitung der Königin-Mutter in Balduinstein angekommen. Zum Empfang der Königin war der Fürst von Waldeck eingetroffen. Der Prinzgemahl begleitete den Hofzug bis Koblenz und begab sich von da nach Oesterreich zur Jagd. Ec soll erst in den letzten 14 Tagen des Aufenthaltes dec Königin Wilhelmine hier erwartet werden.
* Die Massai scheinen, wie aus Deutsch-Ostasrika berichtet wird, an der Nordgrenze der Kolonie unausgesetzt auf bem Kriegspfade zu wandeln. In jüngster Zeit sollen die Massai aus Britisch-Ostascika auch in deutsches Gebiet eingefallen sein und in erbitterten Kämpfen mit Verlust vieler Menschenleben viele Viehherden geraubt haben.
Bayreuth, 11. Juni. Bei der La n dt a gs er s a tz- wahl für den verstorbenen liberalen Abg. Friedel waren infolge von Stimmenzersplitterung fünf Wahlgänge notwendig. Schließlich wurde der Mühlenbesitzer Dörnhöfer (Bund der Landwirte) gewählt.
Brüssel, 11. Juni. Das hiesige Buren-Komitè hat in einer gestern Abend gehaltenen Versammlung beschlossen, von dem beabsichtigten Straßen-llmzuge am Vorabende des Krönungstages des Königs Eduard abzusehen, dagegen an demselben Abend ein großes Meeting einzuberufen, um den Buren bei dieser Gelegenheit die Sympathieen auszudrücken. An den Präsidenten Stein und Krüger sollen Sympathie- Adressen gesandt werden.
* Washington Der Senat nahm die Marinebill mit der Abänderung an, daß 2 Schlachtschiffe 1. Klasse, 2 Panzerkreuzer 1. Klasse und 2 Kanonenboote gebaut werden sollen.
* Washington. Während das Anarchistengesetz vom Repräsentantenhaus angenommen wurde, hat dasselbe die vom Senat beschlossene Errichtung einer Leibwache für den Präsidenten abgelehnt. Präsident Roosevelt hätte sicher von einer Leibwache keinen Gebrauch gemacht.
Oesterreich.
* Wien, 11. Juni. Zu Beginn der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses sprach der Präsident Graf
■■■■■■«■■■■■■■■— MM—Hmam—lllsWg — I"IKIWWII » sich Edv gefuiiben hat. — Ob sv alle Mannsleute sind? flüstert sie und wie aus der Ferne tönen die eigenen Worte zu ihr zurück, welche sie am Nachmittag zu Jv gesprochen bat: „Wenn Du nicht wieder kamst, ging ich auch in s Meer". Sic weist, sie hätte sie gehalten. Ist beim mehr Beständigkeit bei nns? fragt sie. Der Wind rüttelt an der Thür und an den Holzläden — es mag wieder eine stürmische Nacht werden, jede Schraube ächzt, jedes Brett wackelt — Antwort wird ihr nicht.
Mauiel Hau sitzt noch aus bem alten Platz: als sie ein= tritt, macht er ein verschmitztes Gesicht.
Vang bedacht hast Du Dich nicht, meint er und sie muß jetzt über seine Gelassenheit staunen.
War nichts zn bedenken, Vater!
Hm !
Es schlägt mit schnarrendem Ton zehn Nhr, das ist des Alten Stunde. Schwerfällig steht er auf, giltst sein schlankes Mädchen an und fragt: Mir war er recht — warum Dir nicht?
Morgen sag ich's!
Auch gut!
Der Schein ans der offenen Thür genügt, damit er seine Mtube findet.
GeeUeerb steht und starrt in die Flanime der Lampe und schaut bann um sich.
Wenn der aln Baler wüßte, daß morgen ein ganz anderer Nteiwerber dahertonnnl - auf demselben Platz sitzen und aus der gleichen Flasche hinten wird nur dieselben Worte wird er nicht sagen. Er lann sofort beginnen: Mauiel Hay, die > «eerleerd und ich sind einig —
vs fiel I sie ja jetzt niniianb, sie reckt sehnsüchtig beide Arme 111 die Luft und drückt dann die eine Hand aus's Herz. — Morgen
Weilt Toben bat bie Lampe in die Mitte des Tisches ge- fielU; das Gemach gludjt genau bem, wv Geerleerd baust —
Better sein tiefstes Bedauern über den die Würde und das Ansehen des Hauses schwer schädigenden Angriff des Abgeordneten Klofac gegen den deutschen Kaiser am Schluffe der gestrigen Sitzung aus. (K. hatte gleich, nachdem Kaiser Wilhelm bei dem letzter Tage statt- gefunbenen Marienburger Johanniterfeste eine Rede über die Polenfrage gehalten, diese in der gemeinsten Weise kritisirt.) Alsdann erklärte der Ministerpräsident V. Körber, daß die Regierung die Worte des Abgeord. neten mit Betrübnis zurückweise. Er schloß mit der Mitteilung, daß die Regierung die Beantwortung dec in dieser Sache eingereichten Interpellation entschieden ablehne. Während der Reden Vetters und Körbers inscenirten Klofac und einige andere tschechische Abgeordnete wiederum Lärmscenen. Einer derselben rief: Der deutsche Kaiser kommandirt Euch.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 11. Juni.
191. Sitzung. Vorm. 9 Uhr.
Am Bundesratstische Graf Bülow, Graf Posadowsky. Auf dec Tagesocdnnng steht die zweite Beratung des Süßstoffgesetzes. K1 wird debattelos angenommen nach den Beschlüssen der Kommission. Nach den §§ 2 und 3 soll die Herstellung von Süßstoff ohne besondere Erlaubnis des Bundesrats, die aber nur einem oder mehreren Gewerbetreibenden erteilt werden soll, verboten sein. Mit derselben Blaßgabe soll auch die Einfuhr und das Feilhalten verboten sein. Nach § 4 soll die Abgabe von Süßstoff den Herstellern und Importeuren nur an Apotheken und solche Personen gestattet sein, welche die amtliche Erlaubnis zum Bezüge von Süßstoffen besitzen. Diese Erlaubnis soll überhaupt nur erteilt werden dürfen an Personen und unter Umständen, bei denen eine Verwendung des Süßstoffes zu anderen als wissenschaftlichen oder Heilzwecken ausgeschlossen erscheint. Die Verwendung des Süßstoffes soll dementsprechend überwacht werden. In der Debatte über § 2 legt
Abg. Hermes (freis. Volksp.) lebhaft Verwahrung gegen eine derartige monopolisirende Beschränkung des Verkehrs in Süßstoffen ein. Mit der Zuckerkonvention habe diese Vorlage gar nichts zu ^schaffen. Es handle sich hier um Vergewaltigung einer blühenden Industrie, um das Vorgehen einer brutalen agrarischen Mehrheit. Er verlange einfach die Verlängerung dec Handelsverträge.
Gesichter, Gewvhvheiteu, Häuser und HauSrath auf ber Insel haben alle eine Art von Familienäyulichkeit.
Hamit ich Dich sehen kann — spricht bie alte weißhaarige Frau nach dem Fenster hin.
O, an mir ist nichts zu schu! entgegnet Meerie Möllers und lacht dabei.
Reick schüttelt ernst den Kopf.
Was alt ist, soll die Freude am Jungen nicht verlieren.
Meeric streichelt das Kätzchen, «velches sich an ihre Knie schmiegt, und giebt ihm einen SchMeichelnamcn.
Sung und jung, fährt Reick fort, paßt freilich besser zu 'einander.
Da sehen des Mädchens blaue Augen fröhlich zu ihr hinaus.
Bei Dir, Mutter Reick, vergißt sich's ganz, daß Deine Haare weiß sind.
Denkst Du?
Ich komm lieber hierher, als zu deu Mädchen.
Ein Lächeln gleitet um die Lippen der Frau.
Meerie betheuert ernsthaft weiter. Wenn Tu den Willen hast, kannst Du viel reden — meine Mutter nicht, die klagt früh und spät —
Die alte Frau nickt und sagt entschuldigend:
Ist von scher so gewesen.
Und hat nicht niehr erlebt als Du — daß sie eine Wittwe geworden ist, setzt Meerie hinzu.
Reick kommt geräuschlos heran und legt dem Mädchen die Hand auf bie Schulter.
Talke Möllers hat nicht genug erlebt — wem das passirt, der lernt, was fügen ist.
Meinst Du? fragt Meerie.
Die Alte nickt. Die blauen Augen da vor ihr haben noch einen ungläubigen Ausdruck; wenn des Mädchens Mutter ihr Klagelied singt, ist immer der Schluß: So gut wie Reick Toben habe ich» nicht — die ist wenigstens mit einem Jungen dagevlieven. (Fortsetzung folgt)