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Nr. 158.
Zweites Blatt
Freitag, den 11. Juli 1902.
11. Jahrgang.
^âüen:
Ä*m wuchtige — 'Ed um u fiZn.^ M M"' Steinstrab,!»
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion unb Expedition: Gießen Neuenweg 28.
(chießener Tagevtatt»
(Gießener Zeitung)
für rbcrhcneii mib die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gcgr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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(Sin Beitrag zur Charak eriftik des Ministers Budde
„Schon wieder ein General!" sagten kopfschüttelnd manche Allzuvorstchtige, als Generalmajor Budde an die Spitze des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten berufen wulde. Wie unbegründet aber alle Bedenken gerade diesem Mann gegenüber waren, erhellt am besten aus einem Privat- büicf, den der jetzige Mmist r in früh ren Jahren an einen militärischen Freund schrieb und den wir unsern Lesern nachstehend mitteilen. Daß hier ein Mann zu uns spricht, der sich gleichsam mit Leib und Leben jenem riesenhaften Verkehrsmittel verschrieben hat, das mit Dampf und Elsen- schienen das Leben der Gegenwart beherrscht, wird jedem einleuchteu. Da ist kein Bild, das nicht dem Eisenbahnwesen entnommen wäre. In launiger Weise schildert der jetzige Minister sein ganzes Leben und Arbeiten mit AuS- dlücken aus der Sphäre des geflügelten Rades. Der Brief ist wirklich das beste Zeichen, daß das ganze Denken und Dichten deS Mannes, der jetzt, schon lange, bevor er Minister wurde, vollständig im „Zeichen des Verkehrs" stand; er hat folgenden Wortlaut:
Berlin, den 22. 4. 1883. Potsdamer Str. 80a.
Hochverehrter Herr!
Tie kleine Kritik, welche Sie die Güte hatten, von mir annehmen zu wollen, ist nicht fahrplanmäßig bei Ihnen eingelaufen. Die Maschine war in der Zwischenzeit etwas überlastet und mußte daher einige Achsen, deren Beförderung lange in Aussicht genommen war, zurückiassen. Anbei läuft sie nun ein, und der Dampf, mit dem sie fährt, ist nicht lediglich das Resultat freundschaftlicher Empfindung sondern das Büchlein selbst erzeugt den Hochdruck und verdient die hohe Spannung der Kräfte. Die etwa erforderliche Bremsung wird Ihr Blaustift ja leicht bewirken können.
Beifolgend rollt auch Ihr gütiger Brief wieder an Sie zurück. Die Jungfrau, welcher Sie mit berechtigtem Enthusiasmus so stark die Cour gemacht haben, ist mit Courierzug. Geschwindigkeit in die Armee des K. G F. H z. P geeilt. Alle Arretirungs- und Bremsversuche waren vergeblich, m.d ich konnte ihr im Enteilen von hier nicht einmal mehr Ihren Gruß bringen und lhr den Brief zeigen. Es war recht, daß dies nette Mädel die Ver-
Sie haben vielleicht die Güte, den Fahrplan event, mir aufzustellen, damit ich den Anschluß nicht versäume. Ich vermute, daß Sie momentan als „Betriebs-Kon- troleur" auf Reisen sind, oder gar schon für neues „Betciebspecsonal" (Adressat war gerade in Aushebungs-
geschäften unterwegs) sorgen, eine hübsche Abwechselung in mäßige Getriebe des Daseins.
Meiner Frau und mir geht
Beides bringt immer das sonst so fahcplan-
es unberufen wie im Erhoffen von Ihnen ein
preßzug 1. Klasse, und wir
Gleiches. Wir denken Sie bald hier mit Aufenthalt zu kreuzen, da wir um Mitte Juni den Bummelzug auf einige Wochen besteigen wollen. Wir melden Ihnen hierdurch das fahrplanmäßige Ablaufen unserer Grütze für Sie und Ihren verehrten Betrieb, dem es hoffentlich in allen seinen Teilen wohl ergeht.
Immer Ihr treu ergebenster Schaffner
Budde".
fettung eingegangen ist; wäre es doch schade gewesen, wenn sie hätte alle Jungfer werden sollen.
Sind Sie überhaupt noch im Betriebe des Lebens? Wenn mir W nicht im Begegnen hier und da ein Zeichen gegeben hätte, daß Sie in Berlin einpassiert seien, um die „ Ö1 ..... rnnkstatton bei Hausmann zu besuchen, so hätte ich nicht ^rtzevwovuuge«^ gewußt, ob Sie nicht den Betrieb ganz eingestellt hätten, mfort der Wit eni Mehrmals sagte bereits meine Frau, wenn es läutete: „Da eingerichtet, vom ^ mlbet . . seine Ankunft an." Nachher war es aber immer [ßt 32^ lein Personenzug, meist kamen nur Güter an. Wann werden ^zThnnaa ^e denn einmal Ihren Kurs wieder hierher richten? Das iu^ Evc>Y i3t3 Cleis liegt noch in der Potsdamer Straße, der Fahrplan pünktlich innegehalten und bie Verpflegungsstation ist l^-^^7age 7 Oa in Ordnung, wovon ich nicht verfehle, auch im äntt 6^Ä"S“ftra9e ""Nir besseren Hälfte ganz gehorsamst Mel ung mit Bab. Ballon ^ rächen
Rißen d"2^ ws ,. ^"ier Betrieb geht den bekannten Gang. Stockungen \KÄ ^ . «^ands emgetr.ten, wiewohl der Schaffner manchmal
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M®elfe èulQ^ in aller Ordnung zu bewältigen.
.2^*8 ^ QH ^ ^^hr etwas nach, und die Maschine ist
â und fon^^t "cht mehr so stark im Dampf, und man kann bremsen, alb ^X^ ?Q holte tch denn auch wohl einmal wieder aus dem Koupe ^erwo^ » jerauS rechts und links Umschau in die Welt und sehe mir allem an, was dort passiert.
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nur
m-^sE , Nun eidllcke ich bei solcher Rekognoszierung eine Menge mitt^M wir ««, Äoss über die „Repetiergewehrsroge" und wollte bei Ihnen .'tt/iwsd"-?^»-«' ^èigen, ob die Slr.cke zu Ihnen frei ist für einen kurzen Ä» «ii1?. «uäH ^S von wenigen Achsen, der Ihnen Material über diese iMenp^t p-rO^ W lebhast ventilierte Frage brächte. Namentlich würde nieten. S in ' M die taktische Seite Beltuchlung finden. Vielleicht haben aU^Ä^ ®e die Strecke mit solchem Material noch nicht besetzt?
M4 ^^ p Serner wollte ich hierdurch melden, daß ich daran ßiÄ^ '^^ mich mit der neuen französischen Schieß-Instruktion verkuppeln, und im Anschluß an die frühere Arbeit 1n ^e^ni Sommer eine kurze Ergänzung derselben ^chen möchte. Wenn keine Kollission in Ihrem ^hcplane zu befürchten ist, und Sie bereit sind, das »lid ÄaI ouf Station J anzunehmen, bezw. Platz zur iM^ Il^Üung in ihren Gleisen vorhanden ist, so würde X'«^5D mir ^gnen dankbar sein, wenn ich an meinen Ruhetagen «ilelsch ... $ '" diesem Sinne beschäftigen könnte.
hessischer Landtag.
Darmstadt, 10. Juli.
(Erste Kammer.)
Unter dem Vorsitz desGrafenGörzzuSchlitz trat heute Morgen V2IO Uhr die Erste Kammer zu einer zweitägigen Sitzung zusammen. Zu dec Anfcage des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich, die Erhebung der allgemeinenKirchensteuer betr., er klärt Staatsminister Rothe, daß die Regierung nach eingehenden Erhebungen nicht zu dec Ansicht gekommen sei, an dem jetzigen Veranlagungsmodus etwas zu ändern. Die Möglichkeit sei jedoch nicht ausgeschlossen, daß auf Grund eines späteren Rechnungsergebnisses eine Verminderung der Steuer eintreten könne.
Ohne Debatte wird sodann die Vorstellung der Mitglieder der großherzlichen Hoftheatermusik wegen Ausbesserung ihrer Gehälter erledigt. Die Vorstellung der Einwohner von Castel wegen Unterstützung ihrer Bestrebungen zur Stadterweiterung fand die Zustimmung der Regierung. Staatsminister Rothe erklärt, daß das Umwandlungsgelände auf Risiko des Staates angekauft und dec Gemeinde Castel überlassen werden solle, um dieser Gelegenheit zu geben, sich nach Möglichkeit auszudehnen. Dadurch würde eine große Anzahl seither bestehender Mißstände beseitigt werden. Für den Bau des neuen Museums und für dessen innere Einrichtung werden die von der Regierung geforderten 269,000 Mk. und 289,000 Mk. ohne Debatte genehmigt.
Zu dem Gesetzentwurf über das Eigentum der Kirchen und Pfarrhäuser hatte Bischof Heinrich in Mainz gewünscht, daß man das einschlägige preußische Gesetz heranziehe. Es sei nicht richtig, daß sich die großherzogliche Regierung als Eigentümerin der Kirchen- und Pfarrhäuser erklären könne und auch den Gemeinden stehe ein solches Recht nicht zu. Staatsminister Rothe und Ministerialrat B e st widersprechen dieser Ansicht und betonen, daß mit dem Gesetzentwurf allen berechtigten Wünschen dec katholischen Bevölkerung Rechnung getragen worden sei. Der Ausschußantrag auf Annahme des Gesetzes findet einstimmige Billigung. Zu dec Regiecungsvor- lage, den Bau zweier Irrenanstalten in Rheinhessen und in Ober Hessen beantragt der Ausschuß Beitritt zu den Beschlüssen Zweiter Kammer, jedoch mit dec Motiviecung, daß füc jede der beiden Anstalten nur 60,000 Markt bewilligt und die Bestimmung, daß die Gießener Anstalt zuerst gebaut werde, in Wegfall kommt. Das Haus beschließt demgemäß.
Zu dem Antrag des Abg. Haas-Darmstadt auf Errichtung einer Landwirtschaftskammer für das Gcoßherzogtum Hessen nimmt der Ausschuß eine ablehnende Stellung ein, das Plenum gleichfalls, und zwar einstimmig.
Die Regierungsvorlage über die Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte findet einstimmige Annahme. Zu der Regierungsvorlage über and-rweite Einteilung der Handelskammer- pezirke im Gcoßherzogtum Hessen wild ein Antrag des Fchrn. v. Heyl zu Herrnsheim wegen anderweitiger Angliederung verschiedeiwc Orte im Handelskammer- bezirk Worms mit 10 gegen 9 Stimmen angenommen. Morgen 9.30 Uhr Fortsetzung der Beratung.
Bus bellen und nacbbargebieten.
dt. Darmstadt, 10. Juli. Der Grobherzog hat 9. Juli den provisorischen Assistenten bei der Gewerbe-
Inspektion Darmstadt Dr. Heinrich Muller zum Assistenten bei dieser Behörde ernannt.
^O. Trendelburg (Kreis Hofgeismar), 10. Juli. Zu einer wüsten Scene kam es vor einigen Tagen auf der hiesigen Domäne. Wegen B a hn strei ti g ke i t c n st ü r mte n die zahlreichen polnischen Arbeiter des Gutes das Haus ihres Lohnherrn, des Frhrn. v. Grothe, so daß dieser sich genötigt sah, nach Hofgaismar um Huse zu telephonieren. Eine Abteilung Dragoner unter Führung eines Offiziers traf alsbald ein und trieb die mit Sensen, Mistgabeln usw. bewaffneten Polacken auseinander. Mehrere Rädelsführer wurden verhaftet.
300,000 Einwohner Nach Mitteilung des statistischen Amtes ist die Volkszahl für den Stadtkreis Frankfurt a. M. unter Berücksichtigung der seit der letzten Volks- Zahlung polizeilich gemeldeten Zu- und Abwanderungen, sowie des entsprechenden Überschusses der Geburten über die Sterbefälle am 1. Juli 1902 mit rund 300 000 anzunehmen. — Kurz nach dem 66er Krieg zählte Frankfurt etwa 80 000 Einwohner. Im Jahre 1880 waren eS 137 000, 1885: 155 000, 1890: 180 000, 1895: 229 000. An dem raschen Zuwachs in der letzten Zeit sind mit einer nicht unbedeutenden Ziffer auch die Eingemeindungen beteiligt.
Heusenstamm bei Offenbach, 10 Juli. Gestern traf ein Blitzstrahl die hiesige katholische Kirche. Der ganze Turm und das Dach der Kirche, sowie eine benachbarte Hofraithe standen alsbald in Hellen Flammen. Die hiesige Feuerwehr konnte des verheerenden Elements nicht Herr werden. Erst nachdem die benachbarten Wehren wirkungsvoll mit eingegriffen, wurde das Feuer auf seinen Herd beschränkt.
f. Bergen (Kreis Hanau), 10, Juli. Ein hiesiger Amtsgerichtssekretär, der sich Unterschlagung amtlicher Gelder und Bücherfälschung hat zu Schulden kommen lassen, ging von hier flüchtig.
H. Wiesbaden, 10. Juli. Die Thal- und Kleinbahn Miehlen und Nahstätten wurde heute eröffnet.
Mainz, 10. Juli. In Alzey wurde ein 15 jähriges Kindermädchen verhaftet, weil es ein ihm anvertrautes einjähriges Kind mit Salzsäure zu töten versuchte.
fc. Vom Main, 10. Jul, In den umfangreichen Weinbergen dec fürstlichen Standesherrschaften Löwen- stein-Wectheim wurde dec Sauerwurm konstatiert.
Erbach. (Rheingau). Dec Knecht eines Seiltänzers wollte während dec Vorstellung eine Petroleumfackel auffüllen. Die Kanne explodierte, und ein 11jähriges Mäd chen namens Kauter wurde so schwer verbraunt, daß es inzwischen gestorben ist. Ein 12jähriger Knabe und dessen 6jähciger Bruder kamen mit leichten Verletzungen davon.
vermischtes.
** Büdingen, 10. Juli. Dec Großherzog ernannte am 9. Juli den Kreisamtsgehilfen Wilhelm Volk zum Bureauvocsteher bei dem Kreisamt Büdingen. ~
* Mellinghausen, 8. Juli. (n chw eineg lu ck.) Eine Sau des Kaufmanns D. Heinecke hierselbst brachte dieser Tage 25 Ferkel zuc Welt, wovon 20 lebten.
* Hannover, 8. Juli. Eine Gesamtstrafe von vier Jahren Zuchthaus und 1500 Mark Geldstrafe eventuell weiteren 70 Tagen Zuchthaus erhielt der oft vorbestrafte Handelsmann Ludwig Fette von hier von der Strafkammer wegen gemeingefährlicher Schwindeleien, Kurpfuschereien und Diebstahls im Rückfall. Der Angeklagte hat in vielen Ortschaften des Kle ses Hannover s in „Handwerk" getrieben. Salben, die er für 10 Pfennig in der Apotheke kaufte, schwatzte er den bei ibm Heilung suchenden Personen für 14 bis 20 Mark auf. Auch verkaufte er zum Schutz gegen Krankheiten eme verschlossene Blechbüchse, in der das 6. und 7. Buch Moses verwahrt sein sollte, während eS in Wahrheit nur etwas Quecksilber enthielt, mit der Scbingung, daß die Büchse nicht geöffnet werde, weil sonst „das Feuer" herausspritzen würde.
Moskau, 9. Juli. GcafTolstoi, welcher völlig hecgestellt ist, hat sich nach seinem Landgute bet Tula begeben.
* Eine sehr angenehme Ausgabe hat der Gemeinderat in Stuttgart einer Kommission zugewiesen. Dieselbe soll die bedeutenderen RatskellerDeutsch- lands und Oesterreichs besuchen und deren Weinlager und sonstigen Einrichtungen prüfen. Die gesammelten Erfahrungen sollen verwertet werden für