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Nr. 132. Erstes Blatt.

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Mittwoch, den 11. Juni 1902.

Gießener

________________11. Jahrgang.

IuserlionSvretS : Die einspaltige Petit,eile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg sonst 16 Psg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Psg

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Weueke Wachrichten

(Gießener Pagevkatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Perlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, chegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Die deutsche Grenzmark im Westen.

Ohne jede Debatte hat dec Reichstag am Montag den Gesetzentwurf, welcher die Aufhebung des Diktatur- paragraphen in Elsaß-Lothringen ausspcicht, in dritter Lesung definitiv angenommen, und hiermit zu erkennen gegeben, daß die deutsche Volksvertretung, die von Kaiser Wilhelm so hochherzig verfügte Beseitigung der bislang dem Statthalter von Elsaß-Lothringen ver­liehenen Ausnahmegewalten vollkommen billigt. Mit diesem gesetzgeberischen Schritte hat der seit 30 Jahren in Elsaß-Lothringen bestandene Ausnahmezustand sein Ende erreicht und es greifen nunmehr auch dort nor- ma e Verhältnisse Platz, wie sie ja in den übrigen Bundesstaaten schon längst bestehen. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß dies endliche Verschwinden des Dittaturparagraphen das im Reichslaude mehr und mehr platzgreifende Gefühl der engen Zugehörigkeit zum übrigen Deutschland nur verstärken und hierdurch ein neues Band um das Reich und seine Grenzmark im Westen schlingen wird, trägt doch diese Maßnahme einem schon immer geäußerten dringenden Wunsche der reichsländischen Bevölkerung nur mehr Rechnung.

Es giebt zwar auch jetzt noch ängstliche Gemüter in Altdeutschland, welche der Meinung sind, die Auf­hebung des Diktaturparagraphen stelle ein bedenkliches polititisches Experiment dar, das unter Umständen leicht andere Wirkungen erzeugen könne, als man sie in den Berliner Regierungs- und parlamentarischen Kreisen von ihm crivarte. Eine derartige Besorgnis ist in­dessen sicher unbegründet, im Gegenteil, man darf viel­mehr hoffen, daß das Fallcniassen des Diktatur- Paragraphen, der im allmählichen Absterben begriffenen protestlerischcn Richtung in Elsaß-Lothringen vollends den Rest geben werde, trugen doch gerade die bisherigen Ausuahmebcfugnisse des Statthalters mit dazu vei, das Prvtestlertum noch über Wasser zu halten. Die Aufhebung des Paßzwanges in Elsaß-Lothringen hat ja auch nicht die in altdeutschen Kreisen damals viel­fach gefürchtete Wiederbelebung des protestlerischen Elements unter dec reichsländischen Bevölkerung zur Folge gehabt, es ist da nicht einzusehen, warum denn just die Beseitigung des Diktaturpacagraphen auf die Frânzöslinge ermutigend einwirken solle.

Vielleicht wird die weitere Klärung der Lage in Elsaß-Lothringen, wie sie sich in dec Aufhebung des Diklatucparagcaphen wiedecspiegelt, auch das Gute haben, die Franzosen endlich von den sich immer

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Geerteerd.

Novelle von E. V e l y.

S (Nachdruck verboten.)

Die harten Finger des Seemannes streicheln ihre sammet- weichen Wangen; er achtet wohl gar nicht auf den drohenden Ton: Manicl Hay hat für Alles feine Rache gehabt, sagt er. Er suhlt das Klopsen ihres Herzens an seiner Brust und flüstert: Weil Du so zornig fein kannst, habe ich Dich gleich gemocht.

Sie ist jetzt still und geduldig, ihr hat fein mildes Wesen gefallen und daß es eine Stimme in der Welt giebt, die weich mit ihr sprechen kann.

Weißt Du noch, Geerteerd? ch ich zu Schiff bin, bist Du auch hierher gekommen!

Sie nickt.

Heimlich sind wir zu einander geschlichen.

Sie hat es freilich wunderlich genug damals anfangen müssen.

Ja!

Einen Kuß habe ich Dir gestohlen so war's.

Sic duldet seine Liebkosung und schiebt ihn dann plötzlich wieder von sich.

Deern! protcstirt er.

An Eines sollst Du denken

An viel, lacht er, keck geworden.

Geerteerd Hay bin ich getauft.

Geerteerd Toben lautet besser.

Sie schließt die Augen, wie vor einem blendenden Strahl.

Wenn ich wieder an Bord gehe, fährt Jo fort, bin ich kein lediger Mann mehl Habe eine Wette gethan.

Sie hat eine feierliche Miene.

Jo! all' die Zeit habe ich an Dich gedacht. Glaub'è!

Sie ist so sanft, daß er's Recken wagen kann.

Die Andern aber?

Laß fiel

Der Feuerwächter geht Dir nach!

weiter befestigenden, politischen Zuständen in den geraubten Provinzen", wie man das Elsaß- und Deutsche Lothringen noch heute in Frankreich mit Vor­liebe bezeichnet, zu überzeugen. Das Aufhören des Ausnahmezustandes im jetzigen deutschen Reichslande sollte wenigstens von den Franzosen als das genommen werden, was diese Maßregel in der That auch bedeutet, als ein äußerliches Zeichen dessen, daß die elsaß-loth­ringische Bevölkerung nicht nur Kraft des Eroberungs­rechtes, sondern jetzt auch in Folge des freien Willens mindestens ihrer gewaltigen Mehrheit nach dem deutschen Reiche angehört. Es wird darum auch den Revanche­politikern jenseits dec Vogesen gewiß immer schwerer fallen, dec breiten Masse ihrer Landsleute vorzureden, daß die Elsaß-Lothringer nach wie vor nichts sehnlicher wünschen, als die Wiedervereinigung ihres schönen Landes mit Frankreich und daß sie lieber heute als morgen das Joch der verhaßtenPcussiens" abschütteln möchten.

In unterrichteten Kreisen des französischen Volkes dürfte man es wohl auch längst wissen, daß sich die Elsaß-Lothringer allmählich in die neuen Verhältnisse gefunden und sich mit der deutschen Herrschaft aus­gesöhnt haben, und daß das verbissene protestlerische Geschlecht in der heutigen deutschen Grenzmark des Westens im entschiedenen Absterben begriffen ist. Die reichsländische Bevölkerung weiß eben recht gut den wirtschaftlichen wie kulturellen Aufschwung zu würdigen, den ihc Land seit seiner Wiederangliederung an das alte Mutterland unzweifelhaft genommen hat, wie sie auch die Machtstellung und das Ansehen Deutschlands im Rate dec Völker Europas vollauf zu schätzen versteht. Dem gegenüber vermögen alle Rückerinnerungen an die fast 200jährige Zugehörigkeit Elsaß-Lothrmgens zu Frankreich nicht mehr aufzukommen, und sie müssen um so weiter verblassen, je stabiler in jeder Beziehung die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen werden. Wenn erst Elsaß-Lothringen einen eigenen Vertreter im Bundesrate und hiermit Sitz und Stimme in dieser hochmögcnden Körperschaft erhalten wird, dann dürfte man cs vielleicht selbst in Frankreich nicht mehr wagen, von einerelsässischen Frage" zu reden.

Kleine poliüScbe Nachrichten.

* Berlin, 11. Juni. Der Kronprinz wird zu dec am 29. Juni stattftndendcn Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals nach Lehnin kommen.

Die Leute sagen es und es ist wahr. Jo, die Wege sind frei.

Und Edo Finnink?

Ist nicht Platz genug vor dem Hause?

Schars bist Du, Geerteerd, bewundert er sie und sie lacht harmlos und glücklich auf.

Habe allerlei mitgebracht, erzählt er dann.

Sie schüttelt den Kopf was braucht sie mehr als ihn.

Komm, sagt sie.

Er weiß, daß Reick wartet, aber wo sie nicht nah' ist, hat er selbständige Regungen und fast genug, denkt er, küßt man sich nicht leicht an Geerteerd 's Lippen. Sie aber löst sich sanft aus seinen Armen.

Ist Dir der Wind zu rauh? fragt er.

Rein aber morgen ist noch ein Tag.

Das Wort ist wahr!

Und morgen mußt Du zu Maniel Hay gehnl

Das thu ich!

Richt ein Gedanke an seine alte Mutter kommt ihm jetzt.

Rath', was mir ciusällt, sagt er nach einer Pause.

Sie macht ein Zeichen, daß sie's nicht kann.

Der Pastor kommt herüber, fährt er fort und hält dann wieder inne.

Elas Krusen will seine Zwillinge taufen setzt sie hinzu.

Da soll er uns zusammen geben.

Sic sagt nichts, sie blickt mit seligem Lächeln den Abend- Himmel an.

Sie gehen neben einander bis hart an die ersten Häuser, bann hebt Geerteerd beide Arme in die Höhe und wirst sich an dem Burschen seine Brust.

Wenn Du nicht wiederkamst, Jo ich wäre auch in's Meer gegangen.

Er küßt ihre heißen Lippen und dann sagt er:

Meerie Möllers mag Edo Finnjnk nehmen, das giebt auch ein Paar.

Was gcht'è Dich an, was sie thut! ruft Geerteerd.

* Berlin. Eine Meldung aus St. Thomas besagt, die deutschen KreuzerFalke" undGazelle" er­hielten eilige Segclordre nach L a g u y r a (Venezuela).

* Berlin, 11. Juni. In zwei dicht an einander anschließenden Plenarsitzungen will der Reichstag heute den gegenwärtigen Abschnitt seiner Tagung ab­schließen Die Gesamt-Abstimmungen über die Zucker- Convention, die Novelle zum Zuckecsteuer-Gesetz und das Branntweinsteuer-Gesetz werden in die zweite Plenarsitzung verlegt werden, so zwar daß die Ab­stimmung über die Branntweinsteuer-Novelle zwischen die andern Abstimmungen geschoben werden soll. Die Vertagung des Reichstages soll bis Ende Oktober oder Anfang November ausgesprochen werden.

Berlin, 10. Juni. Die Zolltarifkommission des Reichstages beriet Pos. 361 und 363 Brenn- stoff, Schießpulver. Auf Antrag Gothein sollen die bisherigen Zollsätze beibehalten werden, nämlich Schießbaumwolle und Tollodiumwolle Mk. 3, Schieß­pulver, Sprengpulver und andere Sprengmittel frei, dieselben in Hülsen oder Kapseln Mk. 3.

Minister von Thielen will zurücktreten. Aus zuver- lässiger Quelle geht derNational-Zeitung" die Mit­teilung zu, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten von Thielen entschlossen sei, unmittelbar nach der Be­endigung der Landtags-Session in den Ruhestand zu treten. Unter Vorbehalt berichtet dasselbe Blatt weiter, daß dem Kaiser ein Antrag des Staatsmini­steriums zur Entscheidung vorliege, wonach die Wasser- bau-Verwaltung von dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten getrennt und dem Landwirtschafts-Ministerium übertragen werden soll.

Der Kronprinz von Siam, der noch immer in Deutschland weilt, ist in Essen zu einer Besichtigung der Kcupp'schen Etablissements eingetcoffen. Hoffent­lich hat der südländische Gast auch Bestellungen mit­gebracht, die Eisenindustrie kann es jetzt bei dem geschäftlichen Stillstand ganz schön gebrauchen.

München, 11. Juni. Aus Rom wird depeschirt: Im Vatikan wird ein neuer Kandidat für die Münchener Nuntiatur bezeichnet, nämlich Monsignore Averardi, der bereits Auditeur der Nuntiatur in Madrid und Paris war und als tüchtiger Diplomat gilt.

Ein herrliches Wort hat Prinz Ludwig von Bayern auf der Wandecversammlung der bayerischen Landwirte in Kaiserslautern gesprochen:Auf schlechte Tage kommen gute. Ein Volk, cs mag ihm noch so schlecht gehen, wenn es nur sittlich tüchtig ist, ist

Wahr ist das! lacht er.

Dann stehen sie noch eine Weile Hand in Hand und schauen einander in die glücklichen Gesichter. Endlich warnt das Mädchen:

Braucht uns heute keiner zusammen zu sehen.

Aber morgen! ist sein letztes Wort, dann trennen sie sich.

Morgen, sagt Geerteerd noch einmal vor sich hin, als sie im Halbdunkel das Gärtchen durchschreitet, und blickt zurück nach dem nächsten Hause, aus welchem ein helles Licht schimmert. Bei dem hat Reick wohl schon lange aus ihren Sohn gewartet. Wenn sie wüßte, wo er gewesen ist. Morgen wird und muß sie es wissen.

Gönne es ihr! murmelt das Mädchen zwischen den Zähnen. Ja, mit all der Feindschaft, die sie von Kind auf aus Blick, Geberde und hie und da aus einem Wort der Reick vernommen, ist es nun doch dahin gekommen, daß Jo Toben sich Geerteerd Hay zum Weibe holt.

Maniel hat seinen Platz draußen verlassen; unter dem Kessel im Hausflur will das Feuer erlöschen, sie schürt's, und hört, ehe sie noch damit zu Ende ist, des Vaters rufenbe Stimme:

Leuchte an Bord!

Sie zündet die kleine Lampe an und blickt erstaunt auf, als sie, in das Geniach tretend, ben alten Seemann nicht wie sonst allein darin findet Edo Finnink steht breitspurig neben ihm und hilft ihm, den Raum mit Pseifenrauch anzufüllen. Eine dichte, blaugraue Wolke umhüllt die Männer und die wunder­lichen Porzellanfigurcu sehen durch denselben nur noch gespenstischer von den Wänden herab.

Wo bist Du herumgekreuzt? fragt der Alte, der die Dunkel­heit nicht leiden kann, mit barschem Ton.

In gutem Fahrwasser, antwortet sie gelassen.

Edo Finnink weiß noch ein entschuldigendes Wort dazu: Sonntag haben die Frauensleute am meisten zu sagen.

Manncsleute gehen auch zu einander, giebt sie zurück, des ungewohnten Besuchs halber. (Fortsetzung folgt.)