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Nr 288.

Erstes Blatt

ftboiiwemetttdprtié : in Gießen, abgeholt monatlich üv Pfg., ins HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1 50.

!!â"SbeUâge« : Oberhesfische Familte«zeit»«g (täglich) Lberhesstfche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- **b Einbau, sowie die Gießer reife«blafe« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an «Gen Werktagen nachmittags.

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Neueste Nachrichten

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Anaöyängige Tageszeitung

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gissten und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gifßen und anderer Behörden von Oberhessni

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Das deutsch-englische

Ultimatum an Venezuela.

In Caracas haben am Montag Nachmittag die Ber- ' tretet Deutschlands und Englands dem venezolanischen I Minister des Auswärtigen namens ihrer Regierungen I zwei Ultimaten überreicht, die die unverzügliche Befrie- bigung der deutschen und der englischen Ansprüche in ; Venezuela verlangen.

Zur Begründung dieses ilach allem Vorhergegan­genen durchaus notivendigen Schrittes hat der Reichs­kanzler Graf Bülow dem Reichstage eine Denkschrift zu- aehen lassen, der wir entnehmen, daß die bisher^ als f berechtigt von der deutschen Regierung anerkannten For- 1 berungen deutscher Unternehmer in Venezuela sich auf mehr als dreizehn Millionen Bolivares (Francs) belaufen.

Deshalb erklärt der Reichskanzler, gegen Venezuela energisch vorgehen zu müssen. Ausdrücklich betont er, daß Deutschland der staatlichen Unabhängigkeit Venezue­las, mit dem es gern freundschaftliche Bezrehungen unter­halten wolle, nicht zu nahe treten und sich auch in die inneren Angelegenheiten des Freistaats nicht einmischen trolle. Aber die deutsche Regierung tonne dochdas Verhalten der venezolanischen Regierung als ihrer Würde zuNiderlausend nicht länger dulden und glaube daher ibrerseits auf die Erledigung der brutschen Kriegsre- namationen in bestimmter Weise hinwirken zu müssen."

Das ist zunächst burd) die Ueberreichung des Ul- . timatumë geschehen, in dem die alsbaldige Zahlung ober befriedigende Erklärungen wegen Festsetzung und Ächerstellung der vorbezeichnet ul Forderungen verlangt ^aerde. Sollte aus das Ultimatum nicht alsbald eine befriedigende Antwort erfolgen, so würde, erklärt der p/?Heixhelandet, die kaiserliche 31 gierung sich zu ihrem Bebauern genötigt sehen, die Sorge für die Durchsetzung her deutschen An sprichst! selbst zu übernehmen.

Tas beutjdx Ultimatum sept als Frist für die Zah­lung des Betrages von 1 700 000 Bolivares die Zeit von 24 Stunden fest.

ter Länder gegang billigen der Bevöll

;en. Beide

Depeschen aus Caracas lassen darauf schließen, daß das U l t i m a t u m dem V nezuela u i ch t angenommen lvorderr ist. Es haben nämlich der britische Gesandte und der deutsche Geschäftsträger Caracas veranlassen und sind an Bord der Kriegsschiffe ihre ' haben, um feindliche Krmdgebungen der Bevölkerung zu vermeideil, der denezolanifcheu Regierung ihre Ab­reise nicht offiziell angezeigt.

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Deutsd^er Reichstag

CB. Berlin, 9. Dezember.

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Antrag Gröber angenommen.

Die Signatur des H. ut'gen Tages war e ne fast voll­zählige Besetzung von Haus und Tribünen. Selbst die vofloge mar gut besucht, vorzugsweise von Herren in Zivil unb in der goldstrotzenven Uniform der Garde­husaren ; ii. a. war auch die Gräfin Bülow, die Gemahlin des Reichskanzlers anwesend. Aus der Tagesordnung stand der A n t r a g G r ö b e r - B a s s e r m a n n aus eine Aende­rung des 8 44 der Geschästsordnung, deren Wortlaut Sie bereits veröffentlicht haben.

Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff der Avg. Singer zur Geschäftsordnung das Wort, um gegen den Antrag Gröber Widerspruch zu erheben. Er erklärte diesen für einen Bruch der Geschäftsordnung und beantragte Ab letzung des Antrags von der Tagesordnung. Der Abg. Bassermann, der mit seinem kleinen schlvingenden Xenor ein wenig wirkungsvoller Redner ist, betonte unter Berufung aus den Slraßburger Staats:echt l h er Labans daß die Geschäftsordnung nur so lange Giltigkeit hat, als sie der Mehrheit gefällt, und daß diese sonach jederzeit berechtigt ist, sie zu ändern, und setzte dann an der Hand einer Statistik, wonach 80 Prozent der Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung und der Sozialdemokratie das Wort zur Geschäftsordnung ergriffen haben, auseinander, daß das Verhalten der Minderheit geradezu eine Ver­höhnung der Mehrheit sei, die diese sich nicht länger ge­fallen lasse. Er sei deshalb, zumal die Zolltarisreform burd)geführt werden müsse, für den Antrag Gröber. Der Abg. Dr. Pachnicke von der Freisinnigen Bereinigung er klärte, daß der Antrag Gröber als ein Initiativantrag auf- rufassen und daher nach der Reihenfolge zu behandeln sei. Er empfahl daher den Antrag Singer zur Annahme, der. indes mit großer Majorität abgelehnt wurde.

Hierauf erhrelt der Abg. Gröber zur Begründung seines Antrags das Wort. Er stellte als Merkmal einer guten Geschäftsordnung drei fundamentale Grundsätze auf: sie muß eine geordnete, beschleunigte und würdige Verhandlung ermöglichen, und wo sie diesen Dienst der sagt, muß sie so lange geändert werden, bis sie richtig funktioniert. Diejenigen, die sich den Anschein geben, als ob ihnen beim Anrufen der Geschäftsordnung ein heiliget Schauer durch den Leib riesele, wollten damit lediglich der

Mittwoch, den 10. Dezember 1902.

Gießener

Mehrheit ben Willen der Minderheit aufbrängen und sie wollten sich die Brotzollvarole für die Propaganda auf sparen. Seine Rebe wurde mehrfach von ironischem Ge lächter der Linken begleitet. Desto herzlicher war aber das Gelächter im Zentrum und auf der Rechten, als er die Obftruktionsredner unb ihre Werke bespöttelte.

Aus Gröber folgte Bebel, der zunächst unter schallen der Heiterkeit des Hauses über die Erholung der Ab geordneten während der letzten Pause und das von der Kreuzzeitung" vorgeschlagene Gesundbeten witzelte und dann dem Abg. Gröber vorwarf, er habe noch niemals so schlecht gesprochen, wie heute. Nicht weil sie die Ge­schäftsordnung für etwas Heilige? und Unabänderliches halten, sind die Sozialdemokraten Gegner des Antrags Gröber, sondern weil er die Minderheit unterdrücken wolle. Im Verlaufe seiner Rede wurde er immer leidenschaft licher, sodaß er einmal sogar ausrief, es sei ein Maßstab für die Unfähigkeit der Abgeordneten, daß dieser Antrag eine so starke Mehrheit gefunden habe.

Die Politik.

Diplomatische Taktlosigkeit.

I Jetzt haben auch die Engländer eine Assäre, die an die Vorgänge erinnert, welche s. Zt. zu dem Hochverrats­prozeß gegen den deutschen Botschafter in Paris, Graf Harry Arnim geführt haben. Der frühere britische Bot­schafter in Wien Sir Horace Rumbold hat in einer bri­tischen Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht, in dem m über eine interessante und wichtig. Unterrebung mit idem Kaiser von Oesterreich berichtet. Der Bericht enthielt eine* Reihe von Mitteilungen, die für ben deutschen Kaiser und das deutsche Volk verletzend waren und zugleich den Kaiser Franz Joses bloßstellerc. Wir haben nirzlich übew 4>iefe Affäre, die auch im Wiener Reichsrat viel Staub ausgè- unrbelt hat, berichtet. In dec letzten Satzung des britischerr Oberhauses wurde an dem Verfahren des indiskrete« Diplomaten scharfe Kritik geübt. Die britische Regierung . will jetzt eine Verordnung erlassen, die der Wichtigtuerei plauderhafter Diplomaten einen Zaum anlegen soll.

Singer demissioniert.

£ Ter Abg. Singer hat sein Amt als Vorsitzender der Geschäftsordnungsrommissmion des Reichstags nieder­gelegt, unter dem Vorwand, daß die Unterzeichnung de« Antrags Gröber (auf Beschränkung der Geschäftsordnungs­debatte) durch die Mehrheit der Konimissionslnitglieder ihm die weitere Führung des Vorsitzes unmöglich mache. Der wirkliche Grund soll, wie man in Abgeordnetenkreisen versichert, der sein, daß die übrigen Mitglieder der Ge^ schästsordnungskonlmission unter Singers Vorsitz nicht mehr tagen wollen. Als der Abg. Singer neulich am Tage nach seiner Ausschließung von der Sitzung die Geschäftsordnungskolnmcssion zusammenberief, leistete kein Mitglied bem Rufe Folge, Singer erschien allein in dem Berathungszimmer.

Eine Unterredung mit Delarey.

)( Ein Vertreter eines Brüsseler Blattes hatte eine Unterredung mit General Delarey, in der dieser u. a. mitteilte, General Methuen habe ihn um eine Zusammen­kunft vor ferner Abreise nach Südafrika gebeten, um ihm seinen Dank für seine Freilassung aus der Gefangenschaft auszudrückeu. Aus die Frage, ob er angesichts solcher Erfahrungen Methuen nochmals freilassen würde, ant­wortete Delarey:Ganz gewiß! Er würde in unserem Feldlager gestorben sein, wenn ich ihn nicht freigelassen hätte. Deshalb war es ein eins adjes Gebot der Menschlich­keit, ihn freijugebeii. Tiefem Gebote würde ich auch heute noch folgen müssen!" Batist unb Delarey sind übrigens am Dienstag von Brüssel abgereist, um sich über London nach Südafrika zu begeben.

Bom Marseiller Seemannöftreik.

~ Das Syndikat der französischen Rheder hat die vom ScemannSsyndikat gemeinsam mit Vertretern de ? Marme- ten Jarberungen der Marseiller ^ec»

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Ministers ausgestellt... ......o leute ab gelehnt. Infolgedessen hat das Seeruanussyndikat beschlossen, eine allgemeine Versammlung bei Marseiller Arbeiter einzuberusen, um über bic Proklamierung des Generalstreiks Beschluß zu fassen. Wie wir schon meldeten, soll dieser 9üi§staub sämtliche Seeleute Frankreichs um­fassen. Auch einzelne Fischer haben ihre Teilnahme an bem Streik bereits in Aussicht gestellt. Ebenso wollen in Marseille wenigstens die Tischler, Bäcker und Schlächter mit den Seeleuten streiken.

Kurze politische .tachrrchte«.

* In einer Unterredung mit dem Präsidenten Roose­velt sprach der Vertreter Deutschlands für die Aus­stellung in St. Louis, Geh Ober-Re gierur^srat Lewald, die Ueberzeugung aus, der Wunsch Kaiser Wilhelms, Deutschland solle aus der Ausstellung gut ver­treten sein, werde in Erfüllung gehen.

* Die Verhandlungen zwischen der deutschen Re­gierung und der päpstlichen Kurie wegen der Errichtung der katholisch-theologischen Fakultät an o^r

I1. Jahrgang.

im wie

I»sertto«-pre1 -, Tic cinivaltigc ^ditjftlr füi (Zittert ganz Oberhesicn. die Kreise Metzlar und Marburg 10 ^

ganz Oberhessen. bic Kreise Metzlar und Marburg iu Pfg sonn 15 Pfg , Rcklewca die Pefitzeite 0 resp 40 Pfg.

ioftjdtunf.cfiftc Rn 3269.

Redaktion und örvebition : (Sieben Neuenweg 2^. Fer«speecha«fchs»ß Nr, ^SL

Universität Straßburg |uib endgiltig abgeschlossen und die theologische Fakultät von dem Papste bewilligt worden.

* Die weimarische Landessynode nahm einen Antrag ihres Ausschusses a i. looimd) in der Jeage der Jeu er­be [tat tun g das Kirchen regim ent um die größte Weit­her igkeit ersucht ivirb. Insbesondere soll Iei her Bei­setzung von Aschenresten auf Friedhöfen die Mitwirkung der Kirche gestaltet sein

* Die Revolte ii in Spanie u nehmen (ein Ende. In Eoruna imirben am Dienstag zwei Gendarmen von einer Anzahl Personen überfallen Ein Gendarm wurde verwuiidet; von den Angreifern wurde einer getötet, mch rere andere erlitten Verletzungen.

Aus Marokko werben neue Thronstreitigkeiten gc melbet. Ein neuer Thronprätendent ist aufgetreten, der sich ^amib ben Mohmued Hassan nennt. Er befinbet sich in Tazza, wo er als 5)errschec auftritt. Er hat sich des Schatzes, der Geschütz? und der Maffenniederlagen bemäch­tigt unb erhebt whqaben.

Der Niedergang des

Parlamentarismus.

WH. Welcher politischen Ueberzeugung man v '.ch huldigen mag, das Eine wird man nicht in Abrede stellen können, daß der Partamentarisnius entschieden im Nie­dergang ist. In ben romanischen Parlamenten, in Spa nieu also, Frankreich und Itaileit hat das lebhaftere Temperament und die leidenschaftlichere Natur des Vol kes bereits zu tätlichen Auseinandersetzungeu zwischen den Abgeorduetetl geführt, Ivie denn jüngst am Soun abend das franko] ijehe Abgeordnetenhaus bad erquicklich Schauspiel einer Vorstadt Keilerei bot, während in den kühleren deutschen Parlamenten der Knüttel zum Glück, und mir wollen zusetzen, unberufen, noch feine Rolle ge spielt hat. Wir wissen indes nicht, was noch kommen mag.

Da aber der Niedergang des ParlamentarisuruS in allen (onftitutioneHeu Staaten gleichzeitig austritt, jo muß mau wohl annehmen, daß diese Erscheinung bic Folge einer natürtickwu Eulwicklnug ist.

Die Parlamente, mo sie auch entstanden sind, waren überall das Ergebnis eines Kampfes, der sich in man cheu Staaten durch Jai, hunderte, jedenfalls aber immer durch ein Menschenalter hinzog. Wo er dann burd) einen Sien des konstitutionellen Systems endigte, da war das Parlament das Wahrzeichen der Volksbesreiung und nur die auserlesensten Männer des Volkes wurden mert bc funden, die Bürgerkrone des Abgeordneten zu tragen. Im Anfänge des parlamentarischen Systems aber machen sich auch die Parteizerklüftungen nicht in dem Maße fühlbar, wie nach längerer Wirksamkeit und auf der Suche nach ben Abgeordneten wird nach dem Werte des Mannes, nicht aber nach seiner persönlichen Farbe ge fragt; aber wie im französischen Revolutionsparlamente die geistvollen Männer der Gironde durch die wilden Persönlichkeiten des Jakobiuerktubs abgelöst wurden, so n erben in allen anderen Ländern ebenfalls nach länge­rem Bestehen immer geringwertigere Kräfte in das Par lament gebracht. Tie Parlamentsverhandlungen entmint den die Fehden der Wahlkämpfe und die aufgewühlt.' Volksleidenschaft der Wahlkampagne Hingt auch tm neuen Parlamente wieder nach. So steigern sich allmählich bie Momente, die auf eine Verschlechterung des Par­laments in seinen Mitgliedern und auf eine Lerwild' riing der Sitten und Anschauungeic hinwirken.

Leider ist auch die deutsche Volksvertretung von dein Geiste der Zeit ergriffen morben und leider wurde auch uns nicht der Anblick wilder entfesselter Leidenschaften erspart. Indes gibt es gegen die Weiterentwicklung bk fer Tendenz ein sehr wirksames Schlitzmittel und diese? liegt bei der Wählerschaft. Sie muß mehr als seither sich bis Persönlichkeit der Mandatsbewerber ansehen unb muj vor allem wieder Männer finden, bic auch eine ih rer verfassungsmäßigen Souveränität entsprech^mde ®?b stesgröße und Größe des Charakters besitzen.

Vermischtes

F fDie reichste preußische Großftadtjj ist, wie ans einer Aufstellung des Charlottenburger Magistrats hervorgeht, auch im Jahre 1901 Frankfurt a. M. geblieben. Das durch­schnittlich veranlagte Jahreseinkommen der Steuerzahler betrug dort 4791 Mark gegen 5368 Mark im Vorjahre. An zweiter Stelle folgt die Stadt Charlottenburg, doch ist auch hier, wie überhaupt in den meisten Städten, das durchschnittliche Einkommen von 4283 auf 40 54 Mark her­ab gegangen. Die dritte Stelle nimmt Aachen mit 3878 Mark ein, dann folgen Breslau mit 3320, Königsberg mit 3270, Köln mit 2950, Danzig mit 2903, Essen mit 2781, Elberfeld mit 2780, Stettin mit 2751, Magdeburg mit 2738, Hannover mit 2736, Halle mit 2681, Berlin mit