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Nr. 210.
Zweites Blatt
Mittwoch, denlESeptember 1902.
11. Jahrgang
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^mu-tiowtmcki : Die einspaltige Petit,eile für Gießen wie gan, Cbcrbdfen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pig.; Reklame« die Pctitzeilc 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
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Fernsprecha«schl»ß Nr. 368.
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(Lietzener Dagevrâ Ynabkängige Tageszeitung (Lietzener Reifung)
für Lberüefsen und die Kreise Mnrbnvll und' Wetzlnr; Lokalanzeinev für Gießen und Umgebung.
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Zubehöre
Haisertnanöver 1902.
(Von unjerr m Spezial-Berichterstatter.) 9. September 1902.
Bereits am 4. September hat sich ein rotes Armeekorps, bestehend aus der 9. und 10. Division, sowie einer kom- hniinn 41. Division, zu der Truppenteile des 2. Armeekorps (Regt. 49 und 140) herangezogen sind, mit der Kavallelitdwtsion B, Führer Generalleutnant von HennigS, von Posen aus Frankfurt a. O. in Marsch gesetzt;^ das Oberkommando führt General der Infanterie von Stülpnagel; es sind im Ganzen ungefähr 37 Bataillone, 45 Es- kodrons und 38 Batterien vereinigt. Als Gegner hat ein blaues Korps unter General der Infanterie von Liegnitz tyute von Frankfurt aus den Vormarsch angetreten, zu- wmmengesttzl aus der 5. und 6. Division, der 1. Garde- Infanteriedivision und der Kavalleriedivision B unter General- ltmnant von Winterfeld, im ganzen 42 Bataillone, 45 Eskadrons, 40 Balterieen.
Stärken und Absichten sind gegenseitig nicht bekannt ; wenn sich die Stärke auch friedensmäßig berechnen lägt, fv bleibt es der Oberleitung, in diesem Falle dem obersten Kriegsherrn, unbenommen, durch Fornnrung von Flaggen- iruppen oder kriegsstarken Verbänden dre^rledenSformationen zu verstärken oder zu vermindern. Auch die Anmarschlinien sind in Dunkel gehüllt und den weit vorausgesandten Kavallerlemassen die wichtige Aufgabe gestellt, durch eine gewandte Aufklärung dieses Dunkel zu erhellen, dabei aber durch übermächtiges Erscheinen im entscheidenden Augenblick die eigenen Wege zu verschleiern und Oie lästigen femolichen AusklärungSorgane der eigenen Truppe vom Leibe zu halten. Um den kriegsmäßigen Charakter der Uevungen möglichst lange zu wahren, ist auch Die im übrigen ohne Einschränkung zugelassene Presse zur Zurückhaltung im Verbreiten der ihr vom großen Generalstabe zugegangenen Nachrichten aufgefordert. Wie wichtig aber auch für den E.nstjall eine große Verschwiegenheit der griffe über Truppenbewegungen ist, lehrt uns die Kriegsgeschichte; ist doch im Jahre 1870/71 d.r Abmarsch der JDLc Muhon'fchcn Armee von EhalonS aus Sedan lediglich durch Oie Nachrichten in der englischen Presse zur Kenntnis der deutschen Heeresleitung gekommen. Somit verraten wir heule noch nichts über Oie Absichten der beiden semdlichen Hcereskörper, schon auS dem einfachen Grunde nicht, weil wir sie nicht kennen; sie begnügen uns heute damit, Vermutungen über den voraussichtlichen Vormarsch, über die Marschziele und den voraussichtlichen ersten Zusammenstoß der vordersten Linie auS-
zusprechen, ohne dafür irgend welche autoritative Bedeutung zu beanspruchen. Es kann sich jedes Laiengcmüt mit einigem Nachdenken, einer Karte und einem Zirkel seinen VerS selbst machen, ohne dadurch befürchten zu müssen, den Maßnahmen der feindlichen Führer irgendwie vorzugreifen.
Daß „Roth" von Posen, „Blair" von Frankfurt aus den Vormarsch antreten würde, das lag auf der Hand, nachdem die Korps bei beiden Orten zur Parade versammelt gewesen waren; eS fehlt beim 3. Armeekorps (Blau) allerdings dec Sammelpunkt der zugeteilten Garde-Infanterie- Division; doch, wo diese auch angrsetzt sein mag, sie wird ihre Marschrichtung immer auf die höchstwahrscheinliche An- marschrrichtung der „Roten" zu nehmen. Rechnet man eine tägliche Marschleistung von 20—25 Kilometer im Durchschnitt, so kann das röte Korps die Linie Hamburg— Zie- lenzig— Sternberg usw. am 9. September erreichen; gleichzeitig kann auch das blaue Korps dort eintreffen, in der Nähe dieser Linie kann also aller Voraussicht nach der erste Zujammenstoß stattfinden.
Als Manövergeläude überhaupt kann nur daè Land zwischen Warthe und Oder einerseits, die Linie Schwerin a. W.—Tirschuegel—Bentschen andrerseits in Betracht kommen. Ein Blick aus die Karte giebt zu interessanten Erwägangen Veranlassung; was besonders in die Augen springt, ist der große Reichtum an Seen und Wasserlinun, die den vorerwähnten Abschnitt vorwiegend in der Richtung von Nord nach Süd, also im rechten Winkel zur Marschrichtung der Korps durchschneiden und vielfach schwierig zu passierende Hindernisse buden; namentlich die großen Kavallerlemassen werden Nicht leicht gangbares Feld zur Entwickelung finden.
Es wird dec Aufbietung der ganzen Fühcecgrschick- lichkeit bedürfen, um eine Trennung dec Truppen durch die Seen, einen Angriff in den zwischen den Seen liegenden Engwegen, oder mit dem Rücken gegen die Seenreihen zu vermeiden. Die die einzelnen Seen verbindenden Wasserläufe durchschneiden sumpfige Fließe, die vorwiegend nuc auf den künstlichen Uebergängen überschreitbac sind. Auch die Wegeverhältnisse sind dem Anmarsch dec Korps nicht günstig; es fühcen auf einet Breite von ca. 3u Kilometer nur drei, für alle Waffen und die Bagagen benutzbaren Wege nach vorwärts, die parallellaufenden Feldwege sind sandig, daher für die Fußtcuppen und Bagagen wenig empfehlenswert. Dagegen führen eine viel größere Zahl von Chausseen und gefestigten Wegen rechtwinklich zu den Anmarschwegen, so daß die Verbindung untereinander und das Heranziehen der Marschkolonnen von einer Straße auf die andere, das Melliecen nach einem Flügel, das Zu-
fammenziehn der Korps nach einem seitlich gelegenen Punkte keine großen Schwierigkeiten machen wird. Jedenfalls wird es interessant fein, zu beobachten, wie sich die Führung beiderseits mit den einer raschen Entwickelung sich cntgegenstellendenHindernissenabfinden wird. Die verhältnißmäßig kurzen Marschkolonnen und kleinen Truppenkörper besitzen naturgemäß eine größere Beweglichkeit, wie mobile Truppen und wird daher die geringe Auswahl in der Zahl der Marschstraßen nicht die Bedeutung haben, wie im Ernstfall, bei dem der Aufmarsch eines auf einer Straße marschierenden Korps einen halben Tag in Anspruch nimmt.
Weitere Schwierigkeiten bietet das Gelände durch ausgedehnte Forsten, die die Entwicklung und Uebersicht beschränken, und andererseits aber auch bessere Gelegenheit zu unbeobachtetem Anmarsch bieten. Der in der Armee immer noch überwiegende offensive Geist wird den meisten Gefechten dem Charakter von Begegnungsgefechten verleihen, in denen ein rascher, energisch ausgesührter Entschluß meist ausschlaggebend wirkt, andererseits der Uebereilung in dem Ergreifen von Gegenmaßregeln durch die Verhältnisse leicht Vorschub geleistet wird. Der „Posilionskrieg", das krampfhafte Suchen nach Stellungen, das vor dem Jahre 66 den Oesterreichern die Bezeichnung „Wursteltaktiker" eintrug, weil aus den Karten jeder eine Stellung bietende Abschnitt mit einem den Konturen einer Wurst entsprechenden Zeichen kenntlich gemacht war, ist aus der Armee voraussichtlich für immer verschwunden, um einer frischen, fröhlichen Offensive, wie sie
letzten Feldzuge so glänzend bewährte, Platz zu Unsere Friedensübungen gewinnen dadurch be* an Reiz und Ueberraschungen, und bei den Be- daher auch an Interesse; giebt es doch schon im nichts Nlederdrückenderes, als stundenlang in vor- Stellung den Gegner zu erwarten, in den meisten Fällen nur, um sestzustellen, daß der Feind ganz anders angreift, als nach den vielen Erwägungen und Ueberlegungen
sich im machen, deutend teiligten Frieden bereiteter
eigentlich anzunehmen war.
Dem 2. Korps stand heute noch eine ganz beson- ders schwierige Aufgabe bevor, und zwar der Oder- übergang auf der einzigen dazu bei Frankfurt verfügbaren Brücke. Nur eine bis in das kleinste sorgfältige Anordnung und deren gewissenhafte Befolgung gewährleistest eine ordnungsmäßige Durchführung. Das Ueberschreiten geschah in der Zeit von 7 bis 9 Uhr vormittags in musterhafter Ordnung ohne Stockung, ohne Eingreifen höherer Gewalten in vortrefflicher Ruhe. Zunächst die 11. Brigade, die Regimenter 20 und 85 aus ihren weit entlegenen Quartieren Biegen,
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In eigener Sache Kichter.
Roman von L. H a i d h e i in.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
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Ein Fiaker wurde geholt —. Sie leiteten zunächst die Auf- ^uniing — schrieben Telegramme an Burkard — an Molonib. — ^>er ihnen gestern Abend gesagt hätte, was das Heute ihnen hingen würde!
Als sie ihn verließen, ruhte Joseph, Graf Ebern, ein stiller einsam in seinem hübschen Salon, an derselben Stelle, ? 5 er feine Beichte abgeleistet. Sie momte ihn wohl viel ge- .estet haben — mehr als das Leben! Auf seinem bleichen Antlitz '56 Un tiefer, schmerzvoller Ernst, zwei Fältchen zwischen den Kh^aJ Ä ^n Rtund — ganz im Gegensatz zu seinem mutigen Aussehen die verzweiflungsvolle Entschlossenheit. -
"-Hi umsonst an mich gewendet haben, der lualuckliche! Ich will ihm die Treue halten - trotz allem -
Langte, als sie zum Gerichtsbaiise fuhren, vtinend der arme Herr Brucheisen.
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Ein Wagen rasselte auf den Hof.
Erstaunt blickten sie beide auf. Die Ebernschen Livree Der konnte das sein? Die Eguipage entschieden ganz alt- modisch —.
Burkard war so hingenommen, daß er über seiner eigenen nichts anderes sah. — ft-rau von Frohberg rief aber ganz indHöden und verwirrt: „Mein Bruder? Nkein Bruder — zu Burkard, Burkard, begegne ihm nicht, nicht jetzt —V .., Iowischen war der Wagen auf die Rampe gefahren und Der einzige Diener, den Frau vou Frohberg halte, stürzte Daus und riß den Schlag auf, während die geängstete Herrin kreideweiß vor Schrecken mit weit aufgerissenen Augen dahin- Mrrte. „Was? Nicht der Majoratsherr?" Sie atmete auf.
Vsur seine Gemahlin — sie ganz allein — ? Der Schlag ivar schon wieder geschlossen, der Wagen nach der Remise gefahren, die jetzige Gräfin Ebern im Hause verschwunden. —
Burkards erstes Gefühl, von der Alacht der guten Erziehung eg eben.war gewesen, der Verwandten, der Danw entgegen zu eilen und ihr den Arm zu bieten. -
an -^un siel ihm plötzlich ein, was sie ihm angethan, was ^THür^kehxte e^ua^ huldig geblieben! Nein -l An
(stete Herrin
, »Empfange Du sie, Mutter, sie bringt uns wo^l nichts Erfreuliches, und ich bin heute
, Cu ging durch eine Seitenthürfort, Frau von Frobberg blieb keine Zeit zum Besinnen, denn schon hörte sie den Gast, von Lttcha, die zufällig ihr begegnete, überrascht und etwas verlegen bewillkommnet, auf der Treppe reden.--
* „Cäcilie! Sei gut! Rechne nicht!" rief die Gräfin Ebern der einstigen Freundin mit geradezu angstvollem Ton entgegen.
„Willkommen, Alexandra, Du findest spät zu mir, aber nicht zu spat!" lautete die Entgegnung.
„Wirklich nicht? Ist noch ein Fünkchen Liebe lebendig?-
»Du fragst darnach? Du brauchst sie, Alix?"
„O, Cäcilie, wie sehr! wie sehr!" — Und was nie zuvor jemand von rhr gesehen, die hochmütige, kalte Frau lag tvemend an Cäcilie von Frohbergs Halse und stammelte: „Bergieb! Vergieb mir.
„Liebe Alix! liebe Alix!" entgegnete diese aufgeregt und grenzenlos überrascht.
Da nahm sich die Gräfin aber schon wieder zusammen, scheu sah sie sich nach Lischa um; es wäre ihr sichtlich unangenehm gewesen, von dem jungen Mädchen beobachtet zu sein, aber dieses hatte sich, zartfühlend, sofort zurückgezogen.
„Laß uns allein bleiben, Cäcilie!" bat — nein, befahl die Dame. Ihr Ton war noch herber und herrischer als früher, trotz der sichtlichen Ergriffenheit. „Ich habe Dir viel zu sagen — viel, was uns beide angeht —. O, Gott, wie hat mich verlangt, einmal bei Dir zu sein, es hinausschreien zu —". Lie brach mitten in der leidenschaftlichen Aufwallung ab. Frau von Frohberg die in ihrer zärtlichen Weife ihre Hände gehalten, brauchte auch nicht mehr, um zu sehen, diese Heirat hatte Alexanoia nicht glücklicher gemacht, auch nicht verändert, denn sie war noch genau so heftig und leidenschaftlich wie immer. —
„Wie Du kalt bist, Alix, ich will zuerst Thee bringen lassen!" sagte sie, als habe sie nichts benierft.
, l-Ach, ja, thue das! Bitte! O, wie wohlig und heimlich ist es bei Dir!"
, „Das wohl, Liebe, aber so schön und vornehm wie Du es jetzt hast
„Sprich mir nicht davon. Ich bleibe nicht bei dem Maune Ich Ziehe nach Krapolno, sobald - aber gieb mir etwas Warmes, liebste Cäcilie, Du siehst, ich zittere vor Malte und - nun ja — vor Aufregung."
Frau von Frohberg gab die nötigen Befehle. Man sollte den Samowar im Kabinett nebenan aufstellen, sie würden dorthin gehen und wünschten, allein zu bleiben. —
„Ach, wie gut unb umsichtig Du bist!" rief hochaufatmend die Gräfin. — Plötzlich sprang sie auf, kam Frau von Frohbera mit ein paar raschen Schritten entgegen und rief, ihre Hand ergreifend: „Lache nicht! Spotte nicht der Närrin, die in ihrm grauen Haaren nach einem Phantom von Glück tm Reichtum nachlief. Ich bleibe nicht bei Deinem Bruder,, Cacille! U« feinen Preis! Er bringt mich um! Er macht mich mahn finnig! Er ist ein Mensch ohne anständige Gesinnung! Er traut der ganzen Welt nur Gemeinheit au! Mit einem solchen Menschen kann ich nicht leben, — ich will es nicht!" .... „ .
„Alerandra! Du bist außer Drr! rief die arme kleine Frau von Frohberg entsetzt, zitternd von der vulkanischen Heftigkeit
:f die arme kleine lkanischen Heftigkeit
Alexandras.
„Außer mir? Ha ha ha ha! Wer wohl bei dem nicht außer sich geriete! Glaubst Du, daß ich hier wäre, wenn er nicht heute früh nach Wien hätte reisen müssen? Wie eine Gefangene hält er mich! Ich — die Geinahlin des Grafen Ebern, selbst eine geborene Gräfin Ebern, habe in meinem Schlosse nicht Die Freiheit, aus einer guten Porzellantasse zu trinken, sondern muß fürlieb nehmen mit zerbrochenem, gemeinem Steingut.— Ich—
O, wie dieser eine Zug diese Frau charakterisierte. Und doch - das sagte sich Cäcilie Frohberg - war daS nur ber Tropfen, der den Kelch zum Ueberlaufen brachte. —
Und in diesem Tone ging das fort, bis ein Klopfen an der Thür meldete, der Thee fei da und sie ins Kabmett traten. —
Da war es allerdings noch viel traulicher und wohnlicher und sie saßen noch abgefchiebenei Frau von Frohbergs Thee- fernice - die schönen gediegenen ^ilbergeräte, bte köstlichen suchen daneben und die zierlichen Butterbrolchen mit allerlei gutem darauf, - ha-? alles, - an sich w ganz etwas Aeußerliches. - brachte die unglückliche Frau wieder zu Thränen. Das adel war so herrschaftlich!
„O, Cäcilie! Habe mich wieder lieb! Ich habe niemand, ich brauche Teilnahme!" meinte sie.
Frau von Frohberg tröstete und pflegte, wie daS ihre so schöne Gabe war: -- nach und nach beruhigte sich die erregte Gräfin — aber, obwohl sie jetzt zusammenhängender, und ihre tiefe (Erbitterung unterdrückend, sich aussprach, so kam doch immer wieder beriethe Schluß aller ihrer Mitteilungen: Es ist nicht !™ ihm zu leben. Dein Vater war schlimm, aber Ernst Nepomuk ist viel schlimmer.
(Fortsetzung Iolgt.)