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Nr. 157. Zweites Blatt.

Donnerstag, den 10. Juli 1902.

11. Jahrgang.

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Abo««eme»1spreiS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg, in'S HauS gebracht 60 Pf«., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1 50

«^ttsbeilaqe» : Cberbeffifdje ^amilte»ze1tu»q (täglich) Cberbrfftfdir Zeitschrift für v-mdwirtschaft, Obst- ««d Gart-abaa, sowie die Gt<Ken-r Se1f-«blase« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

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«Lietzener Aageöfatt)

für Eterlicffcn mib dic greife Marburg und Wetzlar; Lotalanzeiger für lSietzc» und Umgeblmg.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr 1783); für die Redg^ion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Altersversorgung im Kaufmannsstand

- Ein socialpolitischer Gesetzentwurf von hervorragender Bedeutung, dieN o o e l le z u m Kr a n k e n ve rfi chec- unaSaesctz, wird voraussichtlich den Reichstag in dec nächsten Session beschäftigen. An ben um fanareichen Vorarbeiten zu diesem Entwurf, der im wesentlichen sertiggestellt ist, war in erster Reihe der verstorbene Direktor im Reichsaint des Innern, Dr. von Wocdtke/ beteiligt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dec Reichstag die Novelle baldmöglichst zur Ver­abschiedung bringen wird, da aus die Dringlichkeit dieser Reform von parlamentarischer Seite wiederholt hinge­wiesen worden ist. , r r a

Beij dieser Gelegenheit sei an ein sozialpolitisches Projekt erinnert, dessena^Durchführung in Anlehnung oder nach dem Muster der Krankenversicherung vor längerem schon von sachkundiger Seite empfohlen wurde; an das Projekt einer obligatorischenPensions- versicherung. Es kann sich hierbei nur handeln um die einheitliche Regelung der Pensionsverhältnisse der kaufmännischen Angestellten. Hinsichtlich der Altersversorgung der deutschen Handelsbeflisienen bleibt bekanntlich noch sehr viel zu wünschen. Es fehlt an einer solchen Einrichtung fast überall, von wenigen kaufmännischen Großbetrieben abgesehen. Andererseits aber ist unbestritten und unbestreitbar, daß die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse in besonderem Maße auf das kaufmännische Gewerbe einwirkt, zur Entlass­ung gerade älterer Handelsangestellter führt und diese einem traurigen Schicksal überliefert. Ist es doch bei Bankzusammenbrüchen vorgekommen, daß Pen­sionsfonds, die infetten" Jahren von der Verwaltung gestiftet wurden bilanzmäßig wenigstens, ohne Sang und Klang in dem großen Abgrund mitver­schwanden. Ja, sogar Pensionskassen, an die die Bank­beamten in der Zuversicht, dadurch eine bescheidene AlterSversorguna7zu erlangen, ihre Beiträge entrichteten, sind von der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen worden. Allerdings hat der Angestellte vermöge seiner Beitragsleistung einentRechtsanspruch an das Institut. Aber wo nichts ist, hat auch ein Bankbeamter sein Recht verloren,^ und Bankkonlurse pflegendurchgreifend" zu sein.

Doch die Notwendigkeit einer Altersversorgung besteht, wie bereits erwähnt, nicht nur für die Bank­beamten, sondern für alle Handelsangestellten. In einem Artikel derVoss. Ztg." wurde der Gedanke angeregt, kaufmännische Pensionskassen nach Branchen getrennt ähnlich wie bei der Kran­kenversicherung einzuführen. Diese Lösung dec Frage hat den Vorzug der Einfachheit, und Einfachheit ist hier mit Zweckmäßigkeit ziemlich gleichbedeutend. Es wäre beispielsweise in der Praxis verfehlt, die Ein­richtung einer Pensionskasse für' die einzelnen kauf­männischen Betriebe zu verfügen, schon aus dem Grunde, weil eine Gewähr für das Bestehen des ein­zelnen Geschäfts nicht gegeben werden kann. Daß aber eine ganze Branche erlischt, dürfte aus­geschlossen sein.

Bei der außerordentlichen Wichtigkeit der Pensions­frage im Kaufmannsstande nimmt es einigermaßen Wunder, daß die Handelsangestellten selbst in der Agitation für die Verwirklichung des Projekts den entsprechenden Eifer mitunter vermissen lassen. Hier sollten die Organisationen, Vertretungen usw. sämt­licher Branchen sich zusammenschließen und einmütig agitieren. Es wäre eine soziale That, wenn den Handelsangestellten für die Zeit der Dienstunfähigkeit, des Alters eine materielle Unterstützung gewährleistet würde.

Zur Amerikanifirung der Welt

(Von unserem ^-Korrespondenten.)

Berlin, 9. Juli.

Jenseits des großen Wassers lebt eine ganze Anzahl hervorragender Politiker und weltbeherrschender Kapi­talisten, die an eine AmerikanisirunK der Welt glauben und zwar nicht bloß an einen Siegeszug des amerika­nischen Geistes, sondern an einen Triumph der amerika­nischen Macht. Unsere Güter, so meinte der bekannte, kürzlich".^ vom Kaiser empfangene Großindustrielle Pierpont Morgan, werden die Märkte der Welt er­obern, zugleich aber auch den Rationen den Frieden bringen. Das ist der Gruß Amerikas an das neue Jahrhundert.

te Retter

Htnnbhängige Tageszeitung

So poetisch das klingt, so unerfreulich wäre für die Völker die Erfüllung dieses prophetisch gedachten Wortes. Denn toenn die amerikanischen Güter die Märkte erobern, dann kommt in den eroberten Ländern die Gütererzeugung zum Stillstand. Die Völker vec- fallen zunächst einer finanziellen, in der weiteren Folge aber auch einer politischen Abhängigkeit von Amerika. Allerdings hören unter diesen unterjochten Völkern alle Zwistigkeiten und Reibereien auf, denn die mächtige Faust des Zins- und Machtherrn zwingt sie zur Ruhe. Das ist der Friedensgruß, von dem Morgan und jeder echte Aankee träumt. Aber für eine solche Amerika­nisierung bedanken wir uns.

Ob^die Amerikaner vermöge ihrer Kapitalmacht und des Hochstandes ihrer Industrie, ferner durch die Ergiebigkeit des jungfräulichen Bodens für die Agrarprodukte der alten Welt große Gefahren bringen können, darüber sind die Meinungen geteilt. Die Agrargefahr wird von zwei be­deutenden Gelehrten verschiedenartig^beurteilt. Pros. Gering ift^ber Ansicht, daß der Boden bei dem herrschenden Raub­bau bald erschöpft sei, und Professor Sartorius fürchtet, daß das Vorhandensein neuer Anbauflächen für die nächsten Jahrzehnte den scharfen Wettbewerb Amerikas auf dem Ge­treidemarkt fortbestehen läßt. Die Gefahr für die Industrie der alten'Welt aber besteht darin, daß Amerika sich durch hohe Zölle gegen unsere ganze Ausfuhr abgeschlossen hat und auf seinem eigenen Markte übertrieben hohe Preise für seine Waaren nehmen kann, um auf den ausländischen Märkten, bis die fremden Industrien ruinirt sind, mit Ver­lusten zu verkaufen. Hiergegen wäre der wirksamste Schutz eine europäische Zollvereinigung, die jetzt scheinbar noch in weiter Ferne liegt, die aber schnell geschaffen sein kann und geschaffen wird, wenn der Druck der amerikanischen Kon­kurrenz übermäßig wird. Also auch^hier werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Ein Siegeszug des amerikanischen Geistes könnte unS allerdings in gewissem Sinne erwünscht sein, denn in dem Amerikaner verkörpert sich geradezu das moderne Erwerbs­leben. Rasch in der Auffassung, beweglich in der Ausführ­ung, frei von lästigen Vorurteilen und stolz nicht auf Stand und Stellung, sondern auf die eigne Arbeitstüchtig­keit und die eigene Persönlichkeit vereinigt der^Amerikaner in sich jene Summe von Eigenschaften, die ihn zum ziel- und selbstbewußten Eroberer macht. Und es ist ein Teil unseres eigenen Volksgeistes, der sich hier zeigt. DaS wurde auch am Freitag, den 4. Juli, bei der Unabhängigkeitsfeier, welche die deutsch-amerikanische Kolonie zu Berlin feierte, be­tont:Unsere Stammheimat, die Heimat der Angelsachsen," so hieß es hier,ist und bleibt Deutschland. An den Ge­staden der Nord- und Ostsee ist unsere Geburtsstätte."

Aber dem amerikanischen Volksgeiste haften auch die Fehler seiner Vorzüge an. Die gleichen Eigenschaften, die ihn zum Eroberer der Weltmärkte machen, berauben ihn auch der Fähigkeit, an allen geistigen Gütern und Errungen­schaften teilzunehmen Alles muß praktisch verwendbar und und gewinnbringend sein. Die Kenntnisse des Amerikaners sind reine Brod- und Erwerbswisfenschast, und seine Kunst sieht er in den Erzeugnissen einer hochentwickelten Technik. Für das, was das Leben verschönt und verklärt, fehlt ihm Blick, Verständnis und Interesse. Diese kalte Lebensanschau- ung verdüstert die Sonne und läßt die Sterne verblassen, sie macht das Leben nüchtern und leer, und an dieser An­schauung wollen wir keinen Anteil haben. Unsere amerika­nische Regsamkeit wollen" wir nicht mit amerikanischer Nüchternheit erkaufen. Unsere Ideale sollen uns und wir wollen ihnen treu bleiben, denn nur so ist das Leben lebens- wert und schön.

Hus stellen und Nacbbargebieten.

Frankfurt a. M., 8. Juli. In den weiteren Ver­handlungen des Deutschen Rabbinerverbandes sprach Prager-Kassel über die Seelsorge der Straf­gefangenen. Bis zum Jahre 1897 wurden sämtliche jüdische Strafgefangene in zwei besonderen Anstalten untergebracht, die sich in Köln und Rawitsch befauden. Seitdem ist das anders geworden. Die 214 jüdischen Gefangenen des Jahres 1901 verteilten sich auf 24 ver­schiedene Strafanstalten. Die Versammlung wählte m den Ausschuß eine Reihe von Rabbinern, die an Straf­anstalten thätig waren oder noch sind. Auf Antrag von Guttmann-Breslau wurden der frühere Vorsitzende des Verbandes Ungerleider und sein^ältestes Mit­glied, der 88 jährige Salomon Brand- Schneldemuyl, zu Ehrenmitgliedern ernannt. Es solgtenemige Satz­ungsänderungen und dann die Wahlen. Rach Erledigung

J»sertto«SpreiS t Die einspaltige Petitzetle für Gießen, wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfa. sonst 15 Pfg.,» Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

(Gießener Zeitung)

der Tagesordnung faßte der Vorsitzende Dr. Horovitz die Ergebnisse dec zweitägigen Beratungen in einem Schlußwort zusammen. Ec erinnerte daran, daß schon 1603 eine Rabbinervecsammlung zu Frankfurt tagte und sich mit ähnlichen Fragen beschäftigte. Drei ver­schiedene Richtungen seien im Rabbinerverband vertreten, aber alle drei seien einig, wenn cs gelte, den Stein vom Brunnen zu wälzen, damit dieser dem Volke Israel ein Wasser spende.

Uermifcbtes.

* Die Nacktheit und das Sittenaesetz. In der in München erscheinenden ZeitschriftWerkstatt der Kunst" lesen wir folgende Auseinandersetzungen:Vor Kurzem war berichtet worden, daß dec neue Brunnen auf dem Marktplatz zu St. I o h a n n, weil ec eine nackte Figur trägt, das Mißfallen der heiligen Herren erregt hat. Die katholischen Geistlichen des Kreises Saarbrücken haben infolgedessen an das Landratsamt eine Eingabe gerichtet, die nach derSaarbrückener Zeitung folgenden Wortlaut hat:

Ew. Hochwohlgeboren gestatten sich die unter­zeichneten katholischen Pfarrer des Dekanats Saar­brücken folgende Bitte vorzutragen: In St. Johann hat auf dem Brunnen des Marktplatzes eine vollständig unbekleidete männliche Figur Aufstellung gefunden, die das christliche Sittengesetz in allergröbster Weise ver­letzt. Wir wollen nicht leugnen, daß es einem ge­wiegten Kunstkenner gelingen kann, mit Ueberwindung des sittlichen Abscheues vor der ekelhaften Nacktheit nur die Kunst in dieser Figur zu bewundern. Für die große Menge des Volkes aber ist diese Statue ein schweres Aergernis, Der gewöhnliche Mann sieht in derselben einen von der Obrigkeit öffentlich ausgestellten Freibrief für alle unsittlichen Schaustellungen. Den Frauen und Jungfrauen steigt die Schamröte auf die Stirne, wenn sie gezwungen sind, an dieser abscheulich nackten Figur vorübergehen und dabei noch die unflätigen Bemerkungen schamloser Männer hören zu müssen. Und für unsere Kinder ist diese Figur gerad^u der Mord ihrer Unschuld. Berufen, das Volk zur Sittlich­keit zu erziehen, drängt es uns, unserer tiefsten Ent. rüstung über die Aufstellung dieses aller Sittlichkeit Hohn sprechenden Bilderwerkes Ausdruck zu geben. Wir bitten Ew. Hochwohlgeboren, veranlassen zu wollen, daß die wie zur Verächtlichmachung des Gebotes Gottes auf öffentlichem Platze aufgestellte Figur von dieser Stelle entfernt werde." Die Bibel sagt, daß man in dem Körper des Menschen, affo auch dem nackten, einen Tempel Gottes verehren soll. Auch wir sind der Meinung, daß nicht die Nacktheit ekelhast ist, sondern die schmutzigen Gedanken, von denen sich so viele Leute bei ihrem Anblick nicht freihalten können, sind 'eS. Das übrige Urteil steht bei unsern Lesern.

Ueber die Bedeutung der ländllcheu Bevölkerung für dieWehrkraft des Deutschen Reiches hat der deutsche LandwirtschaftSrat in diesen Tagen den Verhandlungsbericht herausgegeben. Der Bericht wird voraussichtlich eine lebhafte Erörteruna dieser wichtigen Frage Hervorrufen, welche ^bekanntlich schon vor einigen Jahren infolge eines Artikels der Professors Brentano in derNation" über die heutige Grundlage der deutschen Wehrkraft ru einer scharfen Auseinandersetzung unter den deutschen Gelehrten ge- führt hatte. Da dieselbe indes eine Klärung dieser Frage nicht zur Folge hatte, setzte der deutsche Land- wirtschastsrat den Gegenstand auf die Tagesordnung seiner Plenarversammlung im Februar b. Js. Die Referenten waren Professor Dr. Sering von der Ber- liner Universität und Freiherr v. Cetto aus München. Die Verhandlungen führten zu dem Ergebnis, daß die Mehrzahl dec wissenschaftlichen Untersuchungen die über­wiegende Militärtauglichkeit der ländlichen Bevölkerung gegenüber der städtisch-industriellen dargethan hat, daß aber ein sicheres Urteil über die Bedeutung der Ab­stammung, der Wohnweise und der verschiedenen Be­rufsthätigkeiten für die körperliche Entwickelung dec Heranwachsenden Jugend aus dem bisher veröffentlichten Material der Ersatzbehörden nicht gewonnen werden kann. Hierzu sei die Feststellung des Berufes, deS Wohnortes und der Herkunft der Eltern ferner die Feststellung des "Geburtsortes, des Aufenthaltsortes und des seit der Schulentlassung hauptsächlich betrie- beneu Berufes der Gestellungspflichtigen erforderlich. Der deutsche LandwirtschaftSrat beschloß daher, den