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Nr. 182.
Zweites Blatt
Freitag, den 8. August 1902.
11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Erveditton: Gießen Neuenweg 28. ^er»sprecha«schluß Nr. 362.
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Quelle Nachrichten
(Gießener Ungevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Eier liessen und die greife Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metze» und Umgebwig
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Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion^verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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Das Bestehen eines deutsch-englischen «eheimvertrages
ist im englischen Unterhause vom Unterstaatssekretär des Auswärtigen Lord Cranborne zugestanden worden. Als Zweck dieses Vertrages wurde von dem Mitgliede Gibson Bowles die Aufteilung der portugiesischen Besitzungen in Afrika zwischen England und Deutschland hingestellt. Diese Behauptung ist nicht neu; sie ist auch in der deutschen Presse wiederholt aufgetaucht. Daß sie berechtigt scheint, beweist die Verweigerung von Aufklärungen seitens des britischen Staatssekretärs.
Die „B. Volksztg." schreibt ba^u: Das deutsche Volk steht diesem Vertrage mit höchstem und berechtigtstem Mißtrauen gegenüber, was nach der Abtretung Zanzibars an England nicht verwunderlich ist.
Wir brauchen unsere „Plätze an der Sonne" nicht durch portugiesische Fiebernester zu vermehren; daß uns England aber die Delagoabai überlassen wird, glaubt hier kein Mensch.
Hoffentlich wird nach dem Zusammentritte des Reichstages dem Grafen Bülow Gelegenheit gegeben, sich über diesen Vertrag zu äußern. Das deutsche Volk hat ein Recht daraus, seinen Inhalt kennen zu lernen.
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Polililcbe Nachrichten.
Berlin, 7. Aug. Zu der Meldung, daß die französische Regierung sich bereit erklärt habe, ihre Truppen aus Shanghai zurückzuziehen, sobald andere Mächte dies ebenfalls thun, erfährt die National-Zeitung von unterrichteter Seite, daß die deutsche Regierung auf demselben Standpunkt steht und die Zurückziehung der deutschen Truppen davon abhängig machen würde, daß England, Frankreich und Japan dasselbe gleichfalls thun.
— Zur Ankunft des Königs von Italien in Becln. Der Polizeipräsident von Windheim hat den Magistrat amtlich davon in Kenntniß gesetzt, daß nach einer Mitteilung des Oberhofmacschallamtes der König von Italien am Mittwoch, den 27. August, in Potsdam eintrifft. Am 28. August begibt sich dec Kaiser mit seinem Gaste nach Berlin, wo feierlicher Einzug stattfinden soll.
— Das Heiratsprogramm der Regierung. In einer Betrachtung über den Fall Löhning schreibt die „Köln. Volks-Ztg.":
„ . . . Jedenfalls steht die Regierung vor der Alternative, entweder durch Preisgabe der „Hauptbeteiligten" der beleidigten öffentlichen Meinung eine Sühne zu gewähren oder durch konsequente Durchführung der im Löhning'schen Falle maßgebend gewesenen Grundsätze einen großen politischen Sturm zu entfesseln. Will sie z. B. den Vorfall auf den bakatistischen Karren laden, so bleibt ihr nichts übrig, als ein großes, hochnotpeinliches Strafgericht gegen alle hohen Beamten, die sich mißbilligend über die Polenpolitik ausgesprochen haben, und dann wird ein gleiches V?rfolgungssystem auch in anderen politischen Fragen eingeleitet werden müssen, wie z. B. in der Zoll- und Handelspolitik, der Kanalpolitik 2C. Oder will die Regierung den staatlichen Boykott der Feldwebelstöchtec aufrecht erhalten, so wird sie das Programm ihrer neuen H^i^atsp o litik nach ältestem chinesischem Muster entwickeln müssen, damit jederBeamte genau u für ihn die Möglichkeit, Feldwebel- und Subalternbeamtentöchter zu heiraten, anfängt und aufhört. der Ftnanzminister sich wohl hinreichend todten Kuchen er da anschnitt? Ec hatte es aber thun muffen, denn „regieren heißt voraussehen. v p
Wir glauben nicht, daß die Regierung sich zu groß angelegten Kämpfen aufgelegt fühlt, und deshalb können wir die Meinung der Blätter, daß der Finanzminister zurücktreten werde, nicht als unwahrscheinlich bezeichnen. Dies würde nicht das erste Opfer sein, welches die falsche Jnstradierung unserer Ostmarkenpolitik fordert, ganz sicher aber auch nicht das letzte. Eine ganz und gar verkehrte und unmögliche Politik muß immer von neuem jedem Beamten die Gelegenheit bieten, Fehler zu begehen, Die „Festigkeit" thut es allein nicht; je kräftiger man in eine Dornenhecke hineingretft, desto schwerer verletzt man sich.
Am ungünstigsten ist bei dem ganzen Handel der Militärstaat gestellt. Der nach vielen Tausenden zählende Feldwebel- und Untecoffizierstand, — welche herzerhebenden Begriffe erhält er jetzt von der „Kamerad-
schaftlichkeit", die alle Glieder der Armee gleichmäßig umschlingt; die das „Volk in Waffen" zu einer einzigen Brüderlichkeit zusammenschließt? . . .
— In der gestrigen Sitzung der Zolltarif- Kommission erklärte Staatssekretär Graf PosadowSky, es handle sich doch nicht lediglich um ein CompensationS- Geschäft zwischen Landwirtschaft und Industrie sondern um eine Vorlage der verbündeten Regierungen, die sich darnach richten müßten, ob die Sätze derart seien, daß ihnen in einem Handelsverträge freundschaftliche Verhältnisse zu anderen Staaten bleiben oder neue eintreten können.
— Wie aus Baden geschrieben wird, hat der landständische Ausschuß dem Landtage über die Lage der badischen Staatsbahnen einen Bericht erstattet, der von dem Regierungsblatte in seinem Wortlaut veröffentlicht worden ist und u. A. auch interessante Angaben über die Bezahlung des Eisenpersonals in den verschiedenen deutschen Staaten enthält. Es ergiebt sich daraus, daß die preußischen Eisenbahnangestellten am schlechte sten entlohnt werden. Der persönliche Aufwand auf den Kopf beträgt an direkten Bezügen des Eisenbahnpersonals in Baden 1401, Bayern 1372, Elsaß-Lothringen 1321, Sachsen 1312, Württemberg 1294 und Preußen 1278 Mk. Rechnet man für die Wohlfahrtszwecke bestimmten Ausgaben ein, so werden durchschnittlich an das Eisenbahnpersonal gezahlt in Baden 1505, Elsaß- Lothringen 1432, Sachsen 1418, Bayern 1404, Württemberg 1375 und Preußen 1355 Mk. Die „Berliner Volksztg." begleitet die Mitteilung dieser Thatsachen mit der schwer zurückzuweisenden Bemerkung: Für Preußen, das also überall auf der untersten Stufe steht, ist dies Ergebnis um so beschämender, als es seine höheren Eisenbahnbeamten weit besser bezahlt, als andere deutsche Staaten, die Lage der „niederen" Angestellten also noch schlimmer sein muß, als sie nach den mitgeteilten Durchschnittsberechnungen erscheint Gegenüber dem Durchschnitt der deutschen Bahnen (1370 Mk. bleibt die Entlohnung des preußischen Eisenbahnpersonals unter Berücksichtigung der Ausgaben für Wohlfahrtszwecke um 15 Mk. pro Kopf zurück; Preußen müßte daher, bei einer Gesamtzamizahl von ca. 30 000 Angestellten, von vornherein etwa 4^2 Mill. Mark jährlich mehr an Gehältern usw. zahlen, wenn seine Eisenbahnangestellten durchschnittlich nicht schlechter gestellt sein sollten als diejenigen anderer deutscher Staaten. Wollte Preußen jedoch sein Eisenbahnpersonal ebenso besolden, wie dies in Baden geschieht, so hätte es im Jahre 154 Mk. pro Kopf mehr aufzuwenden, also insgesamt ca. 142/3 Mill. Mark mehr zu zahlen. Wenn Minister Budde die soziale Lage dec Angestellten der preußischen Eisenbahnverwaltung in der That nach Möglichkeit verbessern will, so hat ec dazu nur allzu reichliche Gelegenheit.
— Der Ausstand der galäzischen Feldarbeiter ist nach einer offiziösen Meldung im Abnehmen begriffen; in mehreren Gemeinden haben die Ausgleichsverhandlungen zu einer Einigung geführt. In Ubinie (Bezirksgerichtssprengel Radziechow) kamen am Dienstag „Ausschreitungen" vor, das Militär stellte die „Ruhe" wieder her; 15 Verhaftungen wurden vorgenommen.
Haag, 7. Aug. Zu dem gestrigen Besuch deS Präsidenten Krüger bei Steijn in der Villa Norma wird gemeldet: Krüger trat mit ausgestreckter Hand an das Lager Steijns. Letzterer erhob sich mühsam und reichte seine zitternde Rechte Krüger. Dieser spendete dem Kranken unter Thränen Worte des Trostes und der Ermutigung.
Brüssel, 7. Aug. Bis jetzt sind bei dec Regierung 14 Concessionsgesuche zur Ausbeutung der Kohlengruben in dem neu entdeckten Becken dec Provinz Limburg eingegangen.
Zur Kongregationsbewegung in Frankreich.
Brüssel, 7. August. Der Jndependance belge zufolge sind nicht weniger als 12 Schlösser und sonstige große Besitzungen von französischen Ordensleu'en Belgien erworben worden. Die letzteren gedenken sich dauernd in Belgien niederzulasfen. — Der liberale Abgeordnete Janson will die Interpellation über die Anhäufung der Kapitalien in den Klöstern und die Massen-Einwanderung französischer Ordms- leute in Belgien beim Wiederzusammentritt der Kammer vertreten.
Paris, 7. Aug. Eine Volksmenge von über 500 Personen drang gestern in die Schule von Clermaracs ein, schlug 23 Thüren ein, die mit dem Amtssiegel versehen waren und überrumpelte die wachthabenden
Gendarmen. Die Schwestern nahmen darauf wieder Besitz von dem Schul-Lokal.
— Die Krönung Eduards VII. findet morgen Samstag abend, 9. d. M. bestimmt statt. Das amtliche Programm für die Feierlichkeiten ist:
Ueber 25,000 Mann aller Waffengattungen werden vom Buckingham-Palast nach der Westminster-Abtei Spalier bilden, und wohl an 10,000 Schutzleute werden für die Aufrechterhaltung der Ordnung unter den erwarteten großen Volks- massen sorgen. Diejenigen, die Einladungen zu der Krönung in der Westminster-Abtei erhalten haben, müssen spätestens um ^210 Uhr vormittags aus ihren Plätzen sein. Dann wird die Abtei für das Publikum geschlossen. Eine Stunde später erfolgt die Auffahrt der Prinzen und der Prinzessinnen des englischen Königshauses und der nach London gekommenen fremden Fürstlichkeiten in acht Prunkwagen mit zahlreicher GirdeeSkorte. Nach kurzer Pause langt der Auszug des Thronfolgerpaares vor den Portalen der Abtei an.
Die Proz essiondesKönigSundderKönigin verläßt den Buckingham-Palast um 11 Uhr. Den Zug eröffnet ein Stabsoffizier zu Pferde an dec Spitze einer zahlreichen Gardekavallerieeskorte. Dem vergoldeten, und von acht prächtig geschirrten Falben gezogenen Prunkwagen mit dem Königspaare voran reiten der persönliche Stab deS Ober-Kommandanten der britischen Armee, die Generale und Flügeladjutanten des Königs, die Offiziere des großen Generalstabes, ferner Prinz Albert von Schleswig-Holstein und der Herzog von Albany. Dann folgen Abteilungen der kolonialen, indischen und englischen Kavallerie. Neben dem Prunkwagen reiten der Herzog von Connaught und sein Sohn Prinz Arthur. Gleich hinter dem Königspaar trägt ein berittener O fizier das Reichsbanner. Dann folgen zahlreiche Wagen mit den obersten Hofchargen. Den Schluß des langen Zuges bildet eine starke Eskocte der berittenen Leibgarde-Regimenter.
Das Krönungszeremoniell in der Abtei ist mit Rücksicht auf den Zustand des König- wesentlich gekürzt worden. Die Verlesung der zehn Gebote und..die übliche Predigt fallen weg. Die Eidesleistung, die Salbung, die Ueberreichung der Sporen und des Schwertes, sowie der eigentliche Krönungsakt werden indes in Gemäßheit des für die Krönung am 26. Juni vorgeschriebenen Programms vollzogen.
— Japan in den Fußtapfen Englands. Die im Stillen Ozean liegende Qiano-Jnsel Marcus-Island welche von Amerika wie von Japan begehrt wird, ist von den Japanern besetzt worden. Der japanische Kreuzer „Kisagi" landete dort eine Abteilung Marinemannschaften. Bis dahin war der auf Markus Island erwartete amerikanische Kapitän Rosehill daselbst noch nicht eingetroffen.
Giessener Cagesneuigkeiten.
** Eine sonderbare Anordnung im Post- anweisun gs-Verkehr ist vom Reichspostamt getroffen worden. Es wird darüber Folgendes mitgeteilt: Einem in Hamburg weilenden Kaufmann wurde von seiner Berliner Firma gestern mitgeteilt, daß eine Geldanweisung mit 300 Mk. hauptpostlagernd für ihn nach Hamburg abgegangen sei. Als sich daraufhin der Kaufmann heute Morgen nach dem Schalter des Hauptpostamtes begab und seine Legitimation vorwies, wurde ihm mitgeteilt, daß die Postanweisung bereits in dec Nacht eingetroffen sei, daß er aber gleichwohl das Geld noch nicht auSgezahlt erhalten könne, da nach einer Verordnung des Reichspostamtes bei allen postlagernd gesandten Postanweisungen über 200 Mk. erst an der Ausgabestelle telegraphisch angefcagt werden muffe, ob das Geld auch wirklich eingezahlt worden fei. Erst nach Eingang einer bejahenden Antwort könne das Geld ausgegeben werden. Als hierauf der Kaufmann bei dem betreffenden Postdirektor vorstellig wurde, erklärte Dieser Herr, daß dec Beamte sich lediglich an seine Instruktion gehalten hätte, eine solche Verfügung des Reichspostamts existiere allerdings. Wir haben keine Veranlassung, an dec Richtigkeit dieser Angaben zu zweifeln, müssen aber bekennen, daß wir eine Anordnung, auf die so deutlich das Wort von dem bekannten „grünen Tisch" paßt, kaum jemals vorgefunden haben. Was soll denn mit der Sache bezweckt werden? Der Herr Postdirektor gab an, die Verfügung verfolge den Zweck, dem Schwindel und den Betrügereien, die häufig mit postlagernden Postanweisungen betrieben wurden, vorzubeugen. Sollte das wirklich der Zweck sein? 3 mal 195 Mk. macht beinahe ebenso viel, wie 3 mal 210 Mk-, also wer betrügen will, nimmt einfach