Nr. 182. Erstes Blatt.
Freitag, den 8. August 1902.
11. Jahrgang.
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(Gießener Tagebtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Bettung)
für Oberüeffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckern, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, igegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
Zur Auflösung der Verlobung des Herzogs Siegfried.
In „beiderseitigem Einvecständniß" ist das Verlöbnis; zwischen dem Herzog Siegfried in Bayern und dec Erzherzogin Macia Annunciata von Oesterreich, das seit Mitte Juni dieses Jahres pro- klamirt war, wieder gelöst worden.
Erzherzogin Maria Annunciata, die am 31. Jul: ihc 2l>. Lebensjahr vollendet hat, ist eine Tochter des verstorbenen Erzherzogs Earl Ludwig aus dessen dritter Ehe mit dec Infantin Marie Theresia von Portugal, mithin eine Stiefschwester des präsumtiven Thronfolgers in Oesterreich-ttugacn und eine Nichte des Kaisers Franz Josef. Mit ganzem Herzen hängt sie an den Pflichten, die ihr als Aebtissin des adligen Damenstifts auf dem Hradschin in Prag obliegen.
Herzog Siegfried Maria SfammriMa
in Bayern. von Cc tiiu*-.
Herzog Siegfried in Bayern der Sohn des vor einem Jahrzehnt verstorbenen Herzogs Maximilian aus dessen Ehe mit der ebenfalls schon Heimgegangenen Prinzessin Amalie von Coburg, ist als flotter Offizier mit sportlichen Passionen und Lebemannsgewohnheiten in München bekannt und auch populär gewesen. Die finanziellen Eonsequenzen seiner Lebensführung machten sich vor einiger Zeit dahin geltend, daß Herzog Siegfried' sich genötigt sah, seinen Rennstall aufzulöscn und
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haid heim.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Inzwischen hatte er schon gefragt: „Nun, Marta, sind ^re aufrieben m
Und ganz impulsiv hatte sie geantwortet: „Zufrieden, Vetter Burkard? Gräßlich ist's! ganz gräßlich! Ein Kanarienvogel im Bauer ist ein Freiherr gegen mich!" •
Er lachte; ach, er war so glücklich sie wiederzusehnv sich so willkommen zu fühlen.
Sie hatte bereits ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen; ru viel saaen wollte sie nicht, sie brauchten es nicht alle zu wissen, das Brot der Dienstbarkeit ihr so bitter schmeckte. Viel lieber benndet als bemitleidet zu sein! Ihre Stimme, ihre Augen frohlockten aber daß sie „ihn" hier hatte. Wenn sie sich auch im r 1 viel aus chm gemacht hatte, heute war er ihr wahrhaft heb und ihre ganze Seele voll Dankbarkeit, daß er gekommen.
_ sieK üch aus der Ferne leichter an, mein Leben, als es ist, Burkard , erzählte sie. „Man muß eine Uninasse lernen, vor allem ein Automat zu sein, wenn die Loheiten es verlangen! Noch mehr muß man vergeben, z B. daß inan selber ein adliges Fraulem ist und leinen Stolz und ein Recht auf Rücksichten hat.
Arme, kleine Maria! tagte er lene — zärtlich
Wie klang das so bitter und herbe was sie sagte. Sofort stimmte sie einen leichteren Ton an.
„Natürlich, man hat auch allerlei dafür! Es trifft sich für mich nur sehr ungünstig, daß die Erzherzogin Trauer bat und daß sie und meine Prinzeß hier in Karlsbad zutammcw'varen, was der Herr Erzherzog Theobald in Paris verjubelt. O, Sie wundern sich, daß ich dies alles weit;? Lieber Gott, es geht bei so hohen Herrschaften gerade so inentchlich zu, wie bei anderen Staubgeborenen! Das hab ich mir früher auch nicht eingebildet. Ueberhaupt! da denkt man Wunder, wie die leben und wie sie binweaschreiten über alles Ungemach! Pah! ^m bin nom nicht drei Monat hier, aber wenn sie mich auch ivegl muten nnd mim nichts hören lassen von ihren Heinilichkeiten, wie wenn b:e Luft es fortträgt, so erfährt man's. Und ich bin ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Ein Wort der Oberhonneitlerin zu Gras Gorzberg oder gar auch nur zu einer Kammerfrau, und im haoe zu dem Geheimnis einen Schlüssel! Meine Lois'l irisiert mich, sie weiß allerlei, was der eine oder die andere im Vorzimmer, oder bei der Toilette der hohen Herrschaften erlauscht hat. Vom
in weiterer Folge sich auch Mitte Januar dieses Jahres auf einige Zeit aus dem aktiven Militärdienst zurückzuziehen. Damals wurde ihm ein einjähriger Urlaub erteilt, den er, wie es hieß, zu einer längeren Reise verwenden wollte, um über verschiedene jugendliche Exkursionen inzwischen Gras wachsen zu lassen.
Politische Nachrichten.
Zur Kaiserbegegnung in Reval.
Die Schiffs-Manöver nahmen gestern bei prächtigem Wetter ihren Fortgang. Zum Diener sind u. A. Bürgermeister Huseck und Rltterschafts-Hanptmann Dellingèhausen geladen. Reden sollen nicht gewechselt werden. Aus guter Quelle wird noch gemeldet, daß die Abreise des Kaisers um 6 Stunden verschoben werden soll, weil der Kaiser beschlossen habe, die Stadt zu besichtigen. Nachmittags gedachte der Kaiser heute an Land zu gehen, um selbst die Schießerfolge zu kontcolliren. — Aus Petersburg wird noch gemeldet, daß eine Deputation des 85. Wiborg'schen Infanterie-Regiments, dessen Chef der Kaiser ist, nach Reval zur Begrüßung des Kaisers abgereist ist. Ferner hat sich der Admiral Makanow nach Reval begeben, um dem Kaiser seinen Eisbrecher Jermak zu zeigen.
— Prinz und Prinzessin Heinrich haben heute Vormittag die Reise nach London zu den Krönungsfeierlichkeiten von Kiel aus angetreten.
— Heute begeht König Georg von Sachsen seinen 70. Geburtstag. Das deutsche Volk und ganz besonders die Sachsen haben alle Ursache, demselben an diesem Tage nur das beste zu wünschtn. Wie sein verstorbener Bruder, so hat auch er an dem Werke der Einigung Deutschlands geholfen und ist seitdem ein eifriger Förderer der Interessen des deutschen Reiches geblieben. Der „Reichs-Anzeiger" gedenkt in einem besonderen Artikel der Verdienste, die sich der König von Sachsen als erfolgreicher Feldherr um das deutsche Vaterland erworben hat.
Privattelegramm.
Hannover, 8. Aug. Der ehemalige Oberpräsident v. Bennigsen starb heute Nacht im Alter von 70 Jahren. (Her v. B. ist bekanntlich der Vater des im Duell erschossenen
Landrats v. Bennigsen.)
— Das Gesundbeten und der preußische Kultusminister. Gegen den Pastor Horst in Mansbach (Hessen-Kassel) ist ein Disziplinarverfahren im Gange, das jetzt von dem preußischen Kultusminister Studt in letzter Instanz zu erledigen ist.
Krieg reden sie, vom Mobilmachen und von politischen Dingen, aber auch von ihren Familiengeschäften. Sie haben schrecklichen Aerger, meine Prinzeß sollte den Kronprinzen von T. heiraten; es scheint mir, der hat aber andere Pläne." .
„Und das alles dürfen Sie mir ia nicht verraten, Mana! Ich könnte doch hingehen und es einem ZeituWsreponer erzählen!" mahnte er, aber er lachte sie dabei so glücklich an, daß sie ihm diese Erinnerunc; nicht übel nahm.
Sie war auch viel zu erregt, um sich beeinflussen zu
lassen. . . . ,
Ohne daß sie es wollte erfuhr er, daß die Erzherzogin Isabella infolge von allerlei misslichen Verhältnissen den Hot zu Wien mied und unter dem Vorwände von wirklicher Kranklu-utett die Karlsbader Wasser brauchte, zu einer Jahreszeit, die^Raria von Wazlaw sehr unpassend nannte; — dan ne und ihre Tochter nahezu wie Nonnen lebten, außer einigen älteren Herren nur gelegentlich mal einen jüngeren Herrn empfingen, unb dan Maria selbstredend in Gegenwart ihrer jungen Herrin überhaupt kaum
) „Das liegt nicht an den Herren, Vetter Burkard, die beiden Prinzen von M. und der Großherzog von T. waren jehr geneigt mir auch einmal ein Wort zu gönnen, aber meine nmge Hohen wußte unübertrefflich deutlich durch ihre Hielte zu sagen, das; im lediglich als Staffage zu betrachten sei." . ,. ,
Wie der beleidigte Stolz Marias nur dazu biente, sie noch schöne^u^ Frohberg erschrak in all seinem Entzücken doch
War sie den Erzherzoginnen unsympathisch? Ließ sie es an Bescheidenheit fehlen? . r
Er wagte natürlich nicht einmal, einen wlchen Gedanke anzudeuten; sie schien ihn aber zu erraten und mit den he Ger roten Wangen und blitzenden Augen, die blau waren wie ^tahl, neigte sie sich ihm noch näher zu: ^„„„„fc^,-
„Mem einziger Freund hier, Burkard, ist der Kammers von Äorzberg. Selbst den gönnen ne nur nicht! Baronci^ von Kaiserslautern will ihn kavern. beim eine «lan-endelc rartt giebt? nicht in ganz Böhmen. - nnb sie >K es,° H. revanchiere beiden Hoheiten gegen midiem nimmt: - notuih* reoonmteK ich.mich und ärgere sie wo ich kann, — über die ^haliawe in
„SKatia??8Sie werden doch nicht so wahnsinnig fein' ^.Dasweib ich noch nicht! Einstweilen scheint sein Schwanken beendet; — er wäre nicht abgeneigt —
Horst hat in seiner Gemeinde bei vielen eine große „Erweckung" herbeigeführt, die jetzt statt ins Wirtshaus in die Kirche gehen. Trotzdem ist er zur Strafversetzung, sowie in alle Kosten verurteilt, und wenn ec fortfahre, die Mansbachec Bahnen zu wandeln, mit Amtsentsetzung bedroht. Er soll sich durch die Art seiner Seelsorge zu dem Patron und den Gemeindealiedern in ein unerträgliches Verhältnis gesetzt, der Sektiererei Vorschub geleistet haben u. dergl. Aus dec Apologie, die Herr Stocker seinem Amtsbruder widmet, seien folgende Sätze mitgeteilt:
Die eine Stelle des Erkenntnisses ist sehr bezeichnend. Sie lautet also: „Es sei darauf hingewiesen, daß dec Angeklagte bei einem Unglücksfall, bei welchem ärztliche Hilfe nach menschlicher Ansicht unbedingt geboten war, erklären konnte, ein Arzt sei nicht nötig gewesen: derHeiland heile heute noch Wunden aufs Gebet hin."
Die Rekursschrift bemerkt dazu: „Dieser Mann, zu dem Pfarrer Horst nach der Heilung dies gesagt haben soll, ist ein armer Trinker. Pfarrer Horst weiß nicht mehr genau, in welchem Zusammenhänge ec mit diesem armen, ungläubigen Manne von Gott als dem Erretter auch in Kcankheitsnot gesprochen hat. Aber wenn Pfarrer Horst wirklich dies gesagt haben sollte, so hat er doch nur ganz biblisch geredet. Jedes Buch dec Bibel redet von Gott als dem lebendigen Gott, der Gebete erhört . . . Die Bibel redet doch in dieser Beziehung eine deutliche Sprache, z. B.: 2. Mose 15,26: „Ich bin dec Herr dein Arzt (genauer: dec dich heilt). Jak. 5, 14-15: Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und dec Herr wird ihn aufrichten. Matth. 8, 16. Mark. 16, 17—18 : Auf die Kranken werden sie die Hände legen, und sie werden gesund werden. Psalm 103, 3. Psalm 91, 15. Jer. 33, 6. Wenn die Herren im Kirchenregiment diesen Glauben an den Gott der Bibel, dec aufs Gebet hin Kranke gesund macht, für überspannt halten, so ist das ihre Sache. Sie haben aber kein Recht, einen Pfarrer zu verurteilen, weil er glaubt und lehrt, was die Bibel klar bezeugt."
Man darf mit Recht darauf gespannt sein, wie der preußische Kultusminister auf den eingelegten Rekurs entscheiden wird. Herr Studt steht vor einer sehr schweren Entscheidung, die *in wissenschaftlicher und kultureller Beziehung von hohem Interesse sein wird.
London, 7. August. Der König ertrug die gestrige Reffe nach London ohne die geringste Ermüdung. Er hatte eine
Es war ihm, als stocke ihm das Herz. Und es hieß ja Wahnsinn, - kompletter Wahnsinn, was er fühlte und dachte! Er hatte wahrlich nicht Ursache ihr denselben vorzuwerfen. Sie sah ihn dabei übermütig lachend an.
- „Wissen Sie, Burkard, es braucht nur ein ganz klein wenig mehr Freundlichkeit —! Aber ich kann mich noch nicht entschließen; --und doch —"
Er fuhr empor von seinem Sitz, sein Gesicht wurde plötzlich blaß und finster und zornig seine Miene.
„Wären Sie nicht so jung, daß Sie! kaum wi s.en, was Sie da sagen, Maria — so — so —. Es ist schmählich für ein junges Mädchen, zu sprechen wie Sie; scheußlicher noch, so im ^rnst zu denken. Ich weiß, Sie thun es nicht, aber thaten Sie es, Sie wären der Achtung eines braven Mannes unwert!
Ganz zitternd vor Empörung hatte er ihr das alles ent- gegengeschleudert und sie wechselte bie Farbe dabei und sah ihn eillQ(f/ ab^ wie erschrocken über sich selbst. Ihr banger Blick brachte ihn zur Vernunft.
„Verzeihen Sie, daß ich mich erhi^, Mana; ich bm wohl ein schwerfälliger Pedant, der keinen scherz versteht? lenkte Cr "^Da war ihr Trotz aber schon wieder obenauf.
Scherz habe ich nicht machen wollen! sagte sie kurz, übrigens bin ich mir ja allein Rechenschaft schuldig und wenn meine
Wißt — bann — Aber was zanken wir uns Ä*Ä Bari, Erzählen Sie mir von Lischa. Graf Kolonie, der VerNauIe unserer Hoheiten, der ewig in ihren Aufträgen unterwegs ist, fchwärmt tur t.iichas goldene Sinnen unb Wankaar, Er wird allerdings nie ein armes Mädchen ge raten das ginge sicherlich gegen leine Grundsätze! Aber könnte er sich dazu überwinden, er ist nämlich selbst sehr reich, dann wäre Lischa die Auserkorene.
Burkard von Frohberg stutzte ein wenig. Seine Mutter batte ihm andeutend verraten, dan Lischa und Kolonitz sich liebten. Er erschrak für die Schwester bei Atanas spöttischen Bemerkungen. Sie aber fragte weiter nach Vetter Joseph, dem Hauslehrer ihrer Brüder, nach den Geschwiltern und tausend Dingen, von denen ihrer Mutter Briefe nichts sagten.
Sie atmete zuweilen bei seinen Antworten tief auf und dann dachte sie offenbar mit Abscheu ober Widerwillen an das einsame Leben auf dem nüchternen Gutshofe, ihre jetzige Situatton doch noch vorztehend.
(Fottsetzungf olgt)