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Nr. 155.

Zweites Blatt

Dienstag, den 8. Juli 1902.

11 Jahrgang.

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(Gießener HageSkatt)

Hlnabljängige Tageszeitung

(chiekener Aeitnng)

für Oberheffen und die Streife Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Nuigebuua

Druck und Verlag der Gießener VerlagSdruckerei, borm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Giesten

Der hai)erird)eJMm^

Zufällig hat "es sich "in Bayern zugetragen und der Cul'ttsminister, der es Heraufbeschworen hat, heißt v. Land­mann ; es hätte aber ebenso gut in ^cu^n geschehen fönmn und der Minister hätte den Namen des Besten unter Allen traten können, die dort seit* einem Mensche-.alter den Posten des Cultusministers bekleidet haben.

Als König Ernst August von Hannover die Göttinger Si. den aus i&r.m Amte vertrieben hatte, sagte »r in seiner jovialen Weise, Professoren und Tänzerinnen könne man jeder Zeit bekommen Er brauchte noch^ein^drittes Wort, das wir nicht wiederholens wollen ^und durch das er an­deutet', daß er die Professor n tiner Klasse von weiblichen Personen gleichstellte. der man selbst eine anständige Tänzerin nicht gleichstellen würbe. Es will uns jcherneu, das; Hute M nistr gebt, die über^die^Würoe, eines Professors II cht viel anders denken, als d r j tzt in Gort ruhende König Er ft August.

Herr v. Landin um ist übel nm dem Senot ter tlui- reifüät Wärzb irg umgegange', in^en erhübe dessen Ein­sicht und Charaktersestigkeit sich in w gweis ndem Tone äußerte. Aber bei Nr ersten Nachricht von diesem Ereignis mußten wir uns die Frage vorlegen, ob denn Herr v. Goßler besserjmirber medizinisch''n Fakultät der UniversitätWerlin umgegangm ist, damals als er Herrn Schwenninger eine Pro­fessur gab und^ihm^die Leitung einer Klinik anvertraute. Und doch ist Herr v. Goßler unter den fünf Cultusministern, die Preußen seit der Entlassung Falk's gehabt hat, ohne Zweifel Derjenige gewesen, der den j lebhaftesten Sinn für die Würde der Wissenschaft gehabt hat.

Herr Schwenninger war von einem bayerischen Gerichts­höfe rechtskräftig verurteilt worden wegen eines Vergehens, das unter bie'Jex Heinze fällt. Er hatte eine Gefängnis­strafe verbüßt; er konnte aus jedem Orte ausgewiesen werden, in dem er nicht Heimaisberechtigung erworben hatte. Hätten die Aerztekammern und ärztlichen Ehrengerichte in ihrer 'heutigen^Organisation schon bestanden, so hätte es nicht ausbleiben können, daß ihm die Approbation entzogen wurde. Und trotzdem wurde er zum Professor berufen. Die Männer der Wissenschaft waren damals der Ansicht, daß Herr Schwenninger kein Verdienst in die Wagschale werfen könne. Wenn wir wi8 nicht sehr irren, hat die wissen­schaftliche Wertschätzung des Herrn Schwenninger keine Fortschritte gemacht. Das zeigt, daß die Männer der Wissenschaft, die damals der Berufung des Mannes sich widersetzten,Zm.Rechte gewesen waren.

Aber Herr v. Goßler erklärte, das Verdienst, das sich Herr Schwenninger um die Gesundheit^des Fürsten Bismarck erworben, sei so groß, daß man alle gegen ihn erhobenen Bedenken vergessen müsse. Als^die medizinische Fakultät über idas persönliche Verhalten, das ihre Mitglieder gegen Herrn Schwenninger beobachten würden, einen Beschluß ge­faßt hatte, machte Herr v. Goßler kraft eines Aussichts­verbots einen Strich durch diesen Beschluß und erklärte ihn für ungültig. Es war ein harter Tag für die Würde der Wissenschaft. ^Seitdem hat es nicht an Ereignissen gefehlt, die zeigen, 8daß bei den Regierungen der Respekt, den sie früher vor den Universitäten gehabt hatten, im Schwinden ist. Wir erinnern an den schroffen Eingriff in die Honorar­verhältnisse Eher ^Professoren, den Herr v. Miquel ver­schuldet hat.

Was Herr v. Landmann über die Bedeutung von Pro- ftssorenbeschlüssen geäußert hat, war allerdings das S:ärkste, was geboten* werden kann. Es erfüllt uns mit Genug­thuung, daß'^der Senat von Würzburg sich mannhaft zur Wehr gesetzt ^hat, daß das Professorenkollegium ihm beige­sprungen ist, und^daß die Professoren der beiden anderen bayerischen Universitäten auf seine Seite getreten sind. Es handelt sich^nicht um eine Frage der Etiquette, der äußeren Höflichkeit; es handelt sich um die Würde der Wissenschaft, wenn ^die Professoren von einem Manne, der ihnen als Kollege beigegeben werden soll, sagen, er fei dazu untauglich. Wir-hoffen, daß die bayerischen Professoren in der Vertret­ung ihrer Wünsche Erfolg haben.

Die7W ürz^burger Universitätsangelegen- heit zieht weitere Kreise in der akademischen Welt. Neun­undzwanzig ordentliche Professoren in Würzburg haben das Verhaltens des Senats in einer Adresse gebilligt und nur acht Zfünf Theologen und drei Philosophen haben ihre,Unterschrift verweigert. Auch in Erlangen und München rührt es sich : die liberalen Professoren dieser Hoch­schulen sollen entschlossen sein, sich mit den Würzburgrr Collegen^solidarisch zu erklären. Sollte es dazu kommen, so würde das bayerische Gelehrtenthum der Universitäten in seiner großen Mehrheit gegen den Unterrichtsminister v. Landmann im Felde stehen.

Rus dessen und llacbbargebieten.

in. Hungen, 7. Juli. Der Orts Vorstand von Hungen beabsichtigt mit dem am 15. September stattfindenden P r ä m i i r u n g s m a r k t e (Fasel- s ch a u) eine Verlosung von Vieh u n d land­wirtschaftlichen Geräten zu verbinden. Die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Ver­losung mürbe vom Ministerium des Innern unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 5000 Lose, zu 1 Mark das Stück, ausgegeben werden dürfen und minbeftenS MpZt. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zuin Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­tuenden sind. Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Ob er Hessen gestattet worden.

dt. Bad Nauheim Am 5 JuU fand hier d e feierliche Eröffnung des neu irbaut n Inhalatoriums statt.

Bensheim. 7. Juli. Gestern nachmittag wurde bei günstigster Witterung das E i n w e i h u n g s fe st des von der Sektion Bensheim des Odenwald­klubs auf dem H e m sberg errichteten Bismar ck turm es festlich begangen.

Königstein, 4. Juli. Einen unerbetenen Gast erhielt gestern Nachmittag das Lesezimmer dts Kurveceins, indem das'^ Pferd eines Handelsmanns durch das Fenster eindrang unb" alle Scheiben in Trümmer legte.

A Frankfurt a M., 7. Juli. Auf dem hiesigen Haupt­bahnhofe gab's heute morgen fröhliche Gesichter. Der Verein für Ferienkolonieen entsandte seine Schützlinge in die frische freie Natur. Es gingen ab: nach Hofheim 39, Königstein 50, Seelheim a. B. 30, Ober-Ramstadt 60, Friedberg 24 und Gelnhausen 124 Kinder. Außerdem wurden noch vom Ostbahnhof aus zahlreiche Kinder nach mehreren OrtenJM Odenwald gesandt.

Frankfurt, 7. Juli. In der vergangenen Nacht kamen zwei junge Leute, ein Z i v i l i st und ein Soldat vom 81. Jnf.-Reg., in der Hasenstraße mit einander in Streit, der dahin ausartete, daß der Soldat sein Seitengewehr zog unbTfeinem Gegner damit einen derartigen Hieb über den Kopf versetzte, daß er blutüberströmt zusammenbrach. Der Schwerverletzte verstarb auf dem Transport nach dem Krankenhause.

Frankfurt a. M., 8. Jicki. Die Generalversammlung desRabhinerverbandes inDeutschland wurde gestern vormittag durch Maybaum-Berlin im Saal der Loge Karl dahier eröffnet. Anwesend sind 60 bis 70 Vertreter. Dec Vorsitz wurde Dr. Horovitz- Frankfurt übertragen. Aus dem Kassenbericht ergibt sich, daß dec Verband gegenwärtig 153 Mitglieder zählt. Guttmann-Breslau spricht überDie Bedeutung des Judentums in der Gegenwart." Das Judentum dauert fort, so schloß der Redner unter stürmischem Beifall, weil es seine Weltmission noch nickt beendet hat. Aber es erhebt nicht den Anspruch, oie allein­seligmachende Religion zu sein; wir haben nur den Wunsch, daß man uns ruhig und ungestört des Weges ziehen lasse. Rosenack-Bremen referiert überDie Be­kämpfung des Mädchenhandels", so schreibt dieFrkf. Ztg.", und schlägt folgende Leitsätze vor: 1. Der Rabbinerverband würdigt die Bestrebungen zur Be­kämpfung des Mädchenhandels und spricht namentlich seine Befriedigung darüber aus, daß die Komitees in London und Hamburg mit Ernst und Energie Alles aufbieten, um dem Mädchenhandel wirksam ent­gegenzutreten. 2. Der Rabbinerverband unterstützt diese Bestrebungen zunächst dadurch, daß seine Mitglieder die freundschaftlichen Warnungen an allein reisende Frauen und Mädchen zahlreich unterschreiben. 3. Der Rabbinerverband beschließt, ein dringliches Schreiben zunächst an die galizischen und russischen Rab­biner zu richten, worin sie nochmals, wie in einem ähnlichen, bereits früher ergangenen Aufruf, auf die große Gefahr aufmerksam gemacht und zur wirksamen Bekämpfung derselben aufgefordert werden. Eventuell sollen zunächst die galizischen Rabbiner in diesem Schreiben aufgefordert werden, zu diesem Zwecke eine R a b b i n e r- konferenz in Galizien einzubecufen, die dann unsererseits beschickt werden soll.

Vom Kahlgrund, 7. Juli. Die Obstaussichten sind sehr schlecht. Kirschen-, Ruß-, Aepfel-, Birn- und Zwetschen- bäume haben infolge der starken Maifröste keinen Frucht­ansatz. Auch mit dem Wein steht es schlecht. Man ver­spricht sich einen Drittel Herbst.

Altheim, 6. Juli. Herrn Pfarrer Gustav Fey wurde der Charakter als Kirchenrat verliehen.

Dieburg, 5. Juli. Heute tagte hier der Verband

der Erwerbs- und Wi rtsch a st 3 g cn offen * f d) a f t e n der Provinzen Starkenbllrg und Ober Hessen. Der Bericht über das abgelanfene Geschäfts, jähr stellt fest, daß bcm Lehrer Elten lnnll er in Mör selben, der als Delegierter zum allgemeinen Genossen sckaftstag in Baden-Baden gewählt mar, von seiner vorgesetzten Behörde der Urlaub verweigert wurde, während in gleichem Falle bei den Raifeissenkassen keine Schwierigkeiten megen Urlaubserteilung gemacht werden Der Verband mirb, wenn sich der Fall wiederholen sollte, beim Schulministerium vorstellig werden.

Alzey, 5. Juli. Die Ehefrau d s Dreschmaschinenbe^ sitzers Jsselhardt ließ sich gestern Abend durch den letzten Zug von Worms überfahren. Der Kopf war vom Rumpfe getrennt.

UermikMes.

n Gcilcnkirchtu Seit Dienstag Abend wird unser Gendarm Mauset vermißt, der anèoegangen war, um in der Hochhmde aus Wilderer zu fahnden. Alle Versuche, eine Spur des Gendarmen au foufinhen, sind vergeblich ge­wesen, man nimmt daher an, daß er wie sein Vorgänger Schmidt vor etwa 2^2 Jahren von Wilddieben er schossen worden ist. In der Gegend des Dorfes, nach dem Mauset seine Schritte gelenkt hatte, sind am Dienstag Abend spät drei Schüsse gehört worden, sie wurden aber nicht weiter beachtet, da dort häufig gewildert wirb. Die Mörder sind bis jetzt nicht entdeckt wordeu.

* Straßburg, 5. Juli. Ländlich-sittlich! Diese- Wort hat wieder eine sonderbare Illustration durch ein kani- balisches Verbrechen. Die Witwe Lambour hatte am Sonn­tag während der Gemeinderatswahl fleißig dem in der Wirtschaft L. verzapften Freibier zugesprochen. Von vier Burschen begleitet, begab sich abends die Frau in bezechtem Zustande nach ihrer Wohnung zurück. Die vier Kerle, welche die Frau in unmenschlicher Weise mißbrauchten, steckten ihr schließlich einen Lappen in den Mund, um sie am Schreien zu verhindern. Es traten infolge dessen Er­stickungsnöte und hierauf ein Lungenschlag ein, welches dem Leben der Frau ein Ende setzte. Um die Spuren ihrer That zu verwischm und um den Anschein zu erwecken, als habe Frau Lambour in der Trunkenheit ihren Tod selber verschuldet, steckten die Unmenschen die Kleidung ihres Opfers in Brand. Die Thäter, welche geständig sind, mürben verhaftet.

Stettin, 1. Juli. Eine Gesundbeteanstalt ist Hiec aufgehoben worden. SeitJahcesfcistwirkte" hier ein Prediger Peters. Der Warnungen aus ärzt­lichen wie aus theologischen Kreisen ungeachtet hatte Peters einen großen Zulauf aus den verschiedensten Kr.isen dec Bevölkerung, und auch aus dec llmgegend, ja selbst aus weiter Entfernung kamen Kranke, um sich von Peters und seinen Gehilfen und Gehilfinnen gesund beten zu lassen. Ob die Leute nun mit inneren Krank­heiten oder äußeren behaftet waren Nervenkranken wie Hautkranken, Epileptischen wie Augenkranken oder Rheumatischen versprach der Wundermann Heilung binnen wenigen Tagen. Honorar wurde incht bean­sprucht, freilich freiroillige Spenden von häufig recht hohem Werte wurden nicht zurückgewiesen. Die Kranken aller Art speisten in einem gemeinsamen Saale, und gemeinsam wurde auch gebetet. Wenn ihnen Prediger Peters nach Tagen oder Wochen oder auch Monaten dann versicherrte;Sie sind jetzt gesund", so waren sie häufig selbst davon überzeugt und trugen das Wunder ihrecHeilung" in alle Welt. Die Polizei beobachtete das Treiben in der Peters'schen Heilanstalt längere Zeit hindurch, bis sie jetzt die Schließung verfugen konnte. Wie dieReue Stettiner Tageszettung" mit- teilt, wurden die Kranken der Behandlung des Peters entzogen und Heilanstalten übergeben, wo sie hostent- lich unter sachgemäßer Pflege ihrer wirklichen Heilung entgegengehen. , c _ ,, ,

* Wien, 7. Juli Auf dem Semmering hat sich ein unbekannter wahrscheinlich aus Deutschland stammender ele­gant gekleideter 50jähriger Mann erschossen. Auf dem Hemd­kragen ist die Firma Leopold Gallinger Hoflieferant einge­druckt.

* London, 7. Juli. Der Luftschiffer Spencer unternahm gestern in Begleitung seiner 9jährigen Nichte einen Aufstieg mit seinem neuen lenkbaren Luftschiff. Der Versuch gelang vollständig.

* Grundsätzlich wichtig. Bei den Berliner Gerichten schwebt gegenwärtig ein Prozeß, dessen Aus­gang man in Gastwirtskreisen mit beträchtlicher Spann-