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Nr. 181. Zweites Blatt

Donnerstag, den 7. August 1902.

11. Jahrgang.

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(Gießener Hagevratt) Hlnabhüngige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhesfen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Zur Ergänzung des Aalles Löhning.

Es ist wahr, was die nationalliberale „Straßb. Post" in ihrer scharfen Beurteilung des Falles Löhning sagt, daß derselbe im Grunde gar nichts Ueberraschendes biete ; sie habe nicht ausgerufen: „Ist so etwas wirklich möglich ?", sondern sie habe sich ganz ruhig gesagt: „Es ist also noch immer so". Und dann habe sie sich einiger Fälle Löhning erinnert:

Des „Falles Löhning", in dem ein außer­gewöhnlich leistungsfähiger und hochbegabter Beamter

— auch ec war zufällig ein Rat zweiter Klasse — zur Einreichung seines Abschiedes gezwungen wurde, weil er die Dame geheiratet, die ihm, dem verein­samten Wittwer, das Hauswesen geführt hatte; des „Falles Löhning", in dem ein hoher Offizier — ein Obsrst, also auch ein Rat zweiter Klasse — verab­schiedet wurde, weil er, ebenfalls ein Wittwer, ein wohlgebildetes, tadelloses und vermögendes Mädchen heiraten wollte, dessen Eltern ein großes Wollwaren­geschäft besaßen, in dem auch die Tochter mit thätig gewesen war; des „Falles Löhning", in dem ein vielversprechender junger Leutnant, dec mit Leib und Seele beim königlichen Dienst war, den Rock des Königs ausziehen mußte, weil er die Tochter der Wittwe eines Universitäts-Bibliothekars, bei der er mehrere Jahre gewohnt hatte, heiraten wollte. Der Regimentskommandeur, ein wohlwollender und dem jungen Leutnant durchaus freundlich gesinnter Mann, erklärte diesem gegenüber ausdrücklich, daß gegen die junge Dame weder der Herkunft noch der Person nach irgend etwas zu erinnern sei, daß aber der Umstand des „gewerbsmäßigen Zimmer­vermietens" seitens dec Mutter sie unmöglich mache. Und ist es etwa etwas anderes als ein „Fall Löhning", wenn ein junger Mann, wissen­schaftlicher Hülfslehcer und Doktor der Philosophie, dec feiner einjährig-freiwilligen Dienstpflicht mit be­sonderem Eifer und von seinen Vorgesetzten aner­kanntem Erfolg genügt hat, nicht zum Reserve-Offi­zier für gualifizirt erachtet wird, weil sein Vater Pedell an einem Gymnasium ist? Von zwei Brüdern, Söhnen des Besitzers einer bekannten großen Tuch­handlung, die ihrer Militärpflicht als Einjährige in einem und demselben Cavallerie-Regiment genügt hatten, wurde der eine, Referendar, zum Reserve-Offi­zier befördert, der andere, obwohl er dienstlich der tüchtigere war, nicht. Nach Jahren stellte es sich

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Stock nm vinieten.

In eigener Sache Richter.

Roman von L. Haid heim.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Durch die beglichen Beziehungen, welche auch Frau von Wazlaw zu der früher so oft kühl üben ebenen, bescheidenen Cäcilie Frobberg anknnpfte, entspann sich ein täglicher Verkehr der Ver- wandten, der Marias Mutter um so notwendiger wurde, als sie zuerst ihre stolzen Mutterträume von der glänzenden Carriere, dann nach und nach leise aufdämmernde Sorge in das teil­nehmende Herz der Jugendfreundin niederlegen konnte.

Mn^?^. ?^r mrr mit sich und Maria beschäftigt: ihre jüngeren Sora? fe kaum, für die mochte her Hauslehrer

die Bonne, welche man nun doch noch gemietet. eKS Zukunft - Marias Chancen für dankend das war der sich stets wiederholende Ge- oanrengang der Egoistin, bie in der Tochter Erkola" zuletzt dock immer nur bie eigene Zukunft sah. "^r'019 oocy â LH^

ruhmeSsimmung verdarb und'ihm unm%Ä^^ èjn'bche'rer Mensch zu werden. - Und das war doch sein Zweck - i^n^r -seit Lischa unb er fast täglich ernste und eingehendes hängen führten über bie Mtigfeiten des Lebens, welches ohne Arbett und Nutzen für andere vergeht. ’

. . Während die holde Lischa sich zur Aufgabe gestellt, den ver­irrten Vetter, der für sie eben nickt mehr war als irgend ein anderer Mensch, auf den rechten Weg zurückzuführen, hörte er Wre neben ernsten Vorstellungen mit dem ehrlichen Dank einer guten und bereuenden Seele an, faßte eine Unmasse der besten Vorsätze und dachte dabei dock fortwährend: „Welch rasendes Gluck so geliebt zu werden, wie dies süße Geschöpf mich liebt."

KW

. * Er hätte ja kein Mensch sein müssen, um sich darüber nicht einerseits täglich tiefer in eine Liebe zu verstricken, die im An- Me nichts „war, als geschmeichelte Eitelkeit und die jetzt, dank Aschas Bemühungen um Vetter Josephs Seelenheil und um

na, zu einer Gewalt ers Ahnung hatte, wie sie.

— Dennoch blieb er

eine innere Vertiefung, zu einer Gewalt erstarkte, von welcher er .elber so toentg eine Ahnung hatte, wie sie. - 2.....^ 2.2 ~ Ä KA.Hen seiner Besonnenheit, daß^er sie diese „thörichten Gefühle nicht einmal ahnen ließ. Lischa hatte ihn ja von Anfang ?V° oft geneckt Mit seinen me versagenden, nie fehlenden Höflich­leite«, und chn so oft scherzend gefragt, ob er etwa darin seinen

heraus, daß seine Zurücksetzung mit dem Umstand zusammenhing, daß er im Geschäft seines Vaters thätig war und dort gelegentlich auch beim Verkauf mit angriff. Das war als „ungeeignete Stellung" angesehen worden, und so brachte der junge Kaufmann es schließlich nur bis zum Unteroffizier. Ist das kein „Fall Löhning" ? Zum Schluß sei noch ein Fall er­wähnt, in dem der Sohn eines reichen und ange­sehenen Kaufmannes, Besitzers vieler Ehrenämter, ein junger Mann von feiner Bildung, stattlicher Er- scheinungung und besten Formen, der mit nngewöhn- lich Eifec als Einjähriger gedient hatte und bei seinen Vorgesetzten ohne Ausnahme sehr wohl gelitten war, mit brennendem Schmerz darauf verzichten mußte, Reserve-Offizier zu werden, weil der Vater Jude war und nicht die „Vorsicht gehabt" hatte, wenigstens seine Kinder taufen zu lassen. Ist das nicht auch in seiner Art ein „Fall Löhning" ?

Am Schluß seines Artikels sagt das Straßburger Blatt: „Wenn das nicht Sozialdemokraten züchten heißt, dann wissen wir es nicht."

xv. General Versammlung des Zentral- verbandes deutscher Kaufleute u. Gewerbe treibender.

Leipzig, 4. August.

Der heutigen Generalversammlung des Zentcal- Verbandes deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender, die unter dem Vorsitz des Präsidenten Hugo Geest- Leipzig im Saale des Zoologischen Gartens tagte, wohnten als Ehrengäste eine Anzahl Mitglieder dec Leipziger Handelskammer und der Gewerbekammer bei. Auch der Gründer des Verbandes, Senator Schulze- Gifthorn, war anwesend. Nach der Erstattung des Geschäftsberichts und Erteilung der Decharge wurde zunächst ein Antrag des Vereins Berliner Kolonialwacenhändler auf Schaffung eines ge- m e i n s ch a f t l i ch e n R e ch 1 s ch u tz b u r e a u s zur kostenfreien schriftlichen Auskunfts- und Raterteilung an alle Mitglieder des Zentcalvecbandes beraten. Dec Antrag wurde mit großer Mehrheit ab gelehnt.

Ein Antrag des Verbandes Thüringer Kaufleute, daß die dem Zentralverband angehörenden Vereine sich verpflichten, alle von ihnen behandelten Fälle des unlauteren Wettbewerbs und deren Bekämpfung zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, wird angenommen und besonders die

Lebensberuf sehe, daß ihr jetzt schon gar nicht auffiel, wie er eigentlich nur für sie hätte leben mögen.

Im Grunde fand sie auch wenig Zeit dazu über diese Be­weise von Vetter Josephs Verehrung nachzudenken. Frau von Frohberg war in Bezug auf praktische Tüchtigkeit ihres Vaters echte Tochter; wenn sie und Lischa daheim auf dem Gütchen hausten, bann spielten sie nicht die großen Damen, eine Nolle, die übrigens Cäcilie Frohberg nie gepaßt, sondern die sorgsamen Hausfrauen, die mit kleinen Mitteln zu rechnen hatten und — wer konnte es wissen? — vielleicht auch immer rechnen mußten. Und jetzt, wo der Herr des Hauses nicht mehr wie sonst nach allem sah, weil er fast immer in Klaino, oder sonst wo zu thun hatte, mußte Frau von Frohberg der Tochter mehr Pflichten als früher auferlegen und selbst die des Sohnes übernehmen.

* *

In einer großen schloßartigen Villa hatte die Erzherzogin Isabella für den Winter Wohnung genommen und in einem nach Norden gelegenen Zimmer derselben, stand Maria von Wazlaw am Fenster und schaute tief verstimmt, ja erbittert vor sich hin auf den entlaubten Wald und die kahlen, halb verschneiten Bergwände in der Nähe, und darüber weg auf die weißen Häupter des Erzgebirges, von wo ein eisiger Nordost herüber wehte.

„Dies Leben war ja ärger als Gefangenschaft!" grollte sie in sich hinein. „Immer in dirs Zimmer hinein geschickt zu werden, wenn Mutter und Tochter Besuche empfingen,, mit dem sie offenbar allerlei Geheimes zu reden hatten, in dies öde, kahle Zimmer, in welches weder Sonne noch Mond schien ! Und wenn die fürstlichen Damen etwa miteinander allein zu sein wünschten, dann hieß es huldvoll: „Liebe Baronesse, nun sollen Sie einmal sich selbst gehören/ wir werden Sie benachrichtigen, wenn wir Ihrer wieder bedürfen." .

O, wie sie es haßte, so sich selbst überlassen im einsamen Zimmer sitzen zu müssen; sie war nicht innerlich genug in sich einzukehren, sie hatte sich so fest eingebildet sich amüsieren zu können, in Glanz und Lust dahin zu leben, nichts von dem allem war ihr geworden, dagegen Enttäuschungen über Enttäuschungen. _ Heute wieder. — Graf Kolonie war von Wien zurück mit einem Haufen Neuigkeiten und da schickte man sie fort Unb menn ne noch hätte hinauslaufen können auf die Straße, sich Bewegung zu machen: Karlsbad im Sommer mochte m reizend mm "n Winter erschien es ihr schrecklich, aber selbst ant den öden Straßen wäre es doch besser gewesen wie hier.in diesem Gesangnis., ,

Maria dachte noch an den ersten -tag, den sie b^r in Karlsbad verlebt! Die Mutter tröstete damals: „Das wird

Veröffentlichung in dec Kolonialwacenzeitung und in den Mitteilungen des Zentcal-Vecbandes empfohlen.

Ebenso wird der Antrag des Detaillisten-VecbandeS für H essen und W a ldeck: Die Generalversammlung wolle beschließen, den Vorstand zu veranlassen, an das Reichsamt des Innern eine erneute Eingabe zu richten wegen Abänderung des Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes, special des Ausverkaufs­wesens gut geheißen.

Bei den Berichten über die bisher mit dem Rabatt- Sparverein gesammelten Erfahrungen sind die Meinungen sehr geteilt. Aus Berlin, Hannover, Magde­burg lauten die Berichte von den Rabatt-Sparvereinen günstig, die Vertreter Hamburgs erklären sich gegen die Rabatt-Sparvereine, da sie in ihnen ein unreelles Kampfmittel sehen.

Ein entschiedener Antrag wird zurückgezogen unb die Berichte lediglich zur Kenntnis genommen.

Es wird dann die Wiederholung der Eingabe an den Reichstag betreffend Aenderung dec Reichsgewerbe- ocdnung, daß die nächtliche Ruhepause der Angestellten allgemein aus 10 Stunden bemessen werde, beschlossen.

In der Debatte tadelte Kaufmann Franz Vogel- Breslau scharf das Vorgehen des Breslauer Deutsch­nationalen Verbandes dec Handlungsgehilfen und der socialdemokratischen Handlungsgehilfen Breslau wegen 'Einführung des obligatorischen 8 Uhr-Ladenschlusses.

Bei dec Beratung des Antrages, daß in Städten über 300 000 Einwohner die Ortspolizeibehörde die Ausnahmetage, an denen die Geschäfte bis Abends 10 Uhr geöffnet sein können, auf 60 erhöhen darf, be­merkt dec Referent I. H. C l a s e n-Hamburg, daß die Zahl der Ausnahmetage mindestens so groß sein muß, daß an sämtlichen Samstagen die Geschäfte bis 10 Uhr offen sind. Die arbeitende Bevölkerung der großen Städte sei auf den Samstag-Abend zur Deckung ihrer Lebensbedürfnisse angewiesen. Auch gegen die Bestrebungen des Deutsch-nationalen Handlungsgehilfen- Verbandes, den Sonntagsgeschäftsbetrieb ganz zu be­seitigen, sei Front zu machen. Ein entsprechender An­trag wird mit zur Debatte gestellt. Der Antrag auf Erhöhung der Ausnahmetage auf 60 in den großen Städten wird angenommen.

Den Antrag auf Verwerfung jeder Er­weiterung der z. Zt. bestehenden Sonn­tagsruhe begründet Kaufmann Louis Körner- Berlin. Die Agitation wegen Einführung der völligen

aWanberS, wenn Du Dich eingelebt hatt, dies emiache Zmuner ist doch am Ende nur für den allerklemsten Teil des Taßes Dein Aufenthalt! Ach, und wie oft wurde sie hlerher aeschâ stundenlang; und dann mertte sie allemal, daß in ihrer Abwesen- heü Dinge verhandelt wurden, höchst wichtige, aufreaende Dmge die man vor ihr geheim hielt. Wie es sie krankte, daß man ihr mißtraute! Es handelte sich um Preußen und um Krieg, hatte sie mehr als einmal gemerft <

. tÄ ÄÄ\ hatte MeinaefÄ sich satt zu weinen, aber der heiße Merger hatte bie Thränen ^âo Aaronesse ein Herr, der —. Die Frau Oberhofmeisterin sind Sei Königlicher Hoheit, ich darf nicht stören!" flüsterte ein ÄammKMen^ ^ _ Lois'l? Baron Gorzberg?

Oder"—?"

„Ganz ein frember Herr, Euer Gnaden! Ein wunderschöner $^'ff Lois'l ein, dem Hoffräulein die Karte zu bieten, die der so gepriesene Herr ihr gegeben.

Maria las in der offenen Thür stehend unb mit einem Jubelschrei, der durch den langen Sang bis ^i?^/?>pe hinunter schallte, flog sie über den langen Tevpichstreâ lautl^ dahm, die Stufen hinab wie ein Vogel, unb hatte Burkard„Stof)derg ihr die Arme entgegengebreitet, ne Hare ihm ohne Zögern ans ^ ttl tffiW«! Willkommen!' jubelte sie und hielt feine Hand in ihren beiden, so zärtlich und Mt «uh fab ibn so glückstrahlend an, daß ihm Heitz wurde vor unsägsicher Freude unk das Blut ihm bis unter das Haar stieg.

Pieber bester Vetter! Welche Freude!"

^Liebe 'Maria! Liebe Cousine Maria!" stammelten sie ^^Qo warmherzig, so reizend hatte er sie nie gesehen. Er folgte ihr wie ein Trunkener, als sie ihn die Stufen hinan führte nach ihrem Zimmer, in froher Hast, ganz unbekümmert um die Blicke der Diener und um bie Gesetze der Etikette.

• Nun schloß sich die Thür! Sie war allein mit ihm, sie durfte ihrem Herzen endlich Luft machen.

Und da plötzlich wurde ihr anders zu Mute! Ncin, sie sollten es daheim in Krapolno nicht wissen, wie elend sie sich hier fühlte; die ganze Tiefe ihres Elends wollte sie ihm nicht offenbaren.

(Fortsetzung folgt.)