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Nr. 154. erstes Blatt.

Abo««eme«tsPreiS: in Gießen, abgeholtmonatlich 50 Pfg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1 50.

(Gratisbeilage« : 17 der hessische ^am1tte«zettu«g ltâglich) Lberhessische Zeitschrist für Landwirtschaft, Obft u«d Gartenbau, sowie die Giestener Teife«blase« wöchentlich). Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Montag, den 7. Juli 1902.

Gießener

_______________11. Jahrgang.

I«sertio«SvreiS : Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie, ganj Oberbefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Neueste Nachrichten

(Gießener HageötaN) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich : A l b i n K l e i n, G i e ß c yl

p. P.

Gießen, 7. Juli 1902.

Am Samstag mußten wir zu unserm Bedauern verschiedene wichtige Lokal-Notizen, sowieSprechsaal" zurückstellem, weil in letzter Stunde der Jnseraten-Andrang so stark war, daß es mit dem besten Willen nicht anders zu machen war. Wir bitten daher die verschiedenen Herren Einsender um Entschuldigung. Zugleich möchten wir unsere geehrten Herren Inserenten höflichst bitten, größere Inserate möglichst am Tage vorher einzusenden.

Es ist unser Bestreben dieGießener Neueste Nachrichten" zu einer Weitung zu gestalten, von der die Gießener Bürgerschaft sagen muß: Der Inhalt ist wirklich interessant; nicht mit großen langweiligen Artikel«, in ^Artikel«, ,Die kein Mensch liest, wollen wir unsern gesch. Lesern dienen, sondern uns mit solchen Begebenheiten und lesenswerten Arbeiten, welche die Meßener auch wirklich lesen. 'Von allen Seiten wurde uns schon Aner­kennung zuteil; wir entnehmen dies hauptsächlich aus der stets wachsenden Abonnentenzahl und den sich fortwährend mehrenden Jnseraten-Aufträgcn.

Wir danken allen Denjenigen, die uns bis jetzt darin unterstützt haben .und kgeben die feste ^Versicherung, unser Möglichstes zu thun, bie'Gießener Neueste Nachrichten" nicht zu einem Großstadtblott, wohl aber zu einer Zeitung^zuIgestalten, die jeder.Leser mit Befriedigung-aus der Hand legt und, was die Hauptsache ist, mit Spannung erwartet. i'yl^il * - ,

Hochachtungsvoll W

(; RedaktionAnd^Erpedition.

Zur Wahlrechtsvorlage.

Das Schicksal der Vorlage der Regierung betreffend Einführung der direkten Wahlen zum Landtag ist besiegelt und zwar, wie wir zu unserer Freude gestehen, in einem weite Kreise, insbesondere die Landbevölkerung, durchaus befriedigenden Sinne. Die direkte Wahl, diese alte Forderung eines jeden, nur einiger­maßen liberal denkenden Mannes, ist angenommen; die Wahlpflicht ist abgelehnt und die Zusammensetzung der Kammer bleibt vorerst unverändert, i^s ist nicht der Neid gegen die Städte, was manche Abgeordnete bewogen hat, gegen die Vermehrung der städtischen Abgeordneten zu stimmen; es ist die einfache, nackte Thatsache, daß trotzdem heute nur 10 Abgeordnete aus städtischen Wahlkreisen in der Zweiten Kammer sitzen, ferner noch 12 weitere Abgeordnete aus den größeren Städten als Vertreter von Landbezirken gewählt sind. Diese Erwägung ist bei den Beratungen fast vollständig ignoriert worden. Außer den zwei Darmstädter Ver­tretern sitzen noch weitere 6 Darmstädter, außer den zwei Mainzer Vertretern noch weitere 4 Mainzer, ebenso ein weiterer Offenbacher, als Landbezirk-Vertreter in der Kammer und daß die Erste Kammer in der Haupt­sache aus Stadtvertretern besteht, ist ebenfalls nur wenig berührt worden.

Die städtischen Interessen sind also mehr wie ge­nügend vertreten, dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß die Vertreter der Städte mit wenigen Ausnahmen studierte oder besser durchgebildete oder wie die Sozial­demokraten. schlagfertigere Männer sind. Wenn auch ein Abgeordneter sich als Vertreter des ganzen Landes fühlen soll, so kommen doch viele Fälle vor, wo der eigene Wahlkreis ganz besonders in Betracht kommt und wo dessen besondere Interessen, wie bei der Platz­frage dec Errichtung staatlicher Anstalten, bei Erbauung von Bahnen 2C., vertreten werden müssen; deshalb halten wir die gegenwärtige Wahlkreis-Einteilung für eine durchaus genügende und freuen uns, daß die Zweite Kammer in letzter Stunde noch ein Wahlgesetz unter Dach und Fach gebracht hat, was sich die Erste Kammer hüten wird zu vereiteln.

Wir sind so gut Deutsch gesinnt, wie jeder Andere, dec sein Deutsches Vaterland liebt; wir halten unser hessisches Volk für völlig reif, sich seine Vertreter für den Landtag selbst zu wählen und es wird, wenn die direkte Wahl, die ja auch die Regierung als die richtigere anerkannt hat, Gesetz wird, deshalb unserem Lande gewiß nicht schlechter gehen!

Politische naebriebten.

Der Kaiser tritt heute Montag'von Trave­münde aus seine Nordlandsreise an.

König Georg von Sachsen hat eine außerordentliche Sitzung des sächsischen Landtages mit einer Thronrede eröffnet.

Der ehemalige Präsident des Reichstages Freiherr v. Buol-Berenberg ist gestern in Baden-Baden gestorben. Geboren wurde er am 24. Mai 1842 zu Zizenhausen bei Stockach in Baden, studierte in Freiburg, München und Heidelberg Jura und wurde 1870 Richter in Mannheim. Im Jahre 1898 wurde er zum Oberlandesgerichtsrat ernannt, nahm aber im folgenden Jahre aus Gesundheitsrück­sichten seine Entlassung. Er hat während seiner aller­

dings nur kurzen Präsidentschaft Festigkeit und Gerech- | tigkeit bewiesen. Namentlich die kleinen Parteien und die parlamentarischen Einspänner, die unter seinen Vorgängern oft genug mundtot gemacht wurden, haben jedenfalls das schnelle Ende seiner Präsident­schaft bedauert. Mit ihm ist ein persönlich hochehren­werter und überzeugungstreuer Politiker aus dem Leben geschieden, dem nicht nur seine Partei, sondern auch seine politischen Gegner ein ehrenvolles Andenken bewahren werden.

Der Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts, Vize-Admiral v. Tirpitz hat sich auf Urlaub begeben. Die Vertretung in den laufenden Geschäften hat der Vize-Admiral Sack übernommen.

Zum Studium der Tierarzneikunde werden nach dem Beschluß des Bundesrats fortan nur Abiturienten der Gymnasien, Real-Gymnasien und Ober-Realschulen (die letzteren ohne die für Mediziner vorgeschriebene Nachprüfung im Lateinischen) zugelassen werden. Die neue Bestimmung tritt vom 1. April 1903 ab in Kraft.

Reichskanzler Graf v. Bülow wird von Kiel aus sofort seinen Sommer-Urlaub antreten und sich nach Norderney begeben. Ebenso tritt der Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Richthofen, jetzt seinen Sommer- Urlaub an. Beide werden nach Berlin zurückkehren, wenn der König von Italien im August hier zum Besuche des kaiserlichen Hofes eintrifft.

Zum Tode des ertrunkenen Kapitän-, leutnants Rosen st ock von Rhöneck wird uns noch folgendes geschrieben: Durch die Blätter geht soeben die Meldung, daß der englische König das heldenhafte Verhalten dieses Kapitäns sehr gelobt habe, weil er die Engländer zuerst in das Rettungsboot bringen ließ. Wie man aber jetzt all­mählich erfährt, hat dec todesmutige Befehlshaber noch viel mehr gethan. Nicht nur hat er die 3 eng­lischen Lords zuerst in das Rettungsbootsteigen lassen, er hat ihnen sogar noch obendrein als 2. Rettungs- mittel seinen eigenen Rettungsgürtel und die von zweien seiner Maschinisten gereicht, obwohl er wußte, daß er dadurch sich und diesen seinen Leuten den sicheren Tod bereite. Und die 3 englischen Lords haben diese That ohne Widerspruch, als etwas ganz Selbst­verständliches hingenommen. Wir meinen, aus diesem ihrem Verhalten spricht einmal eine ganz unglaublicke Feigheit im Angesichte des Todes, dann aber auch zeugt es von sehr wenig Nächstenliebe, wie man es eben nur von einem Engländer erwarten kann.

Dresch-Graf Pückler Klein Tschirne sprach gestern in öffentlicher Versammlung über seine letzte Gerichtsverhandlung. Dec Saal war schon lange vor Eröffnung so überfüllt, daß die Polizei die Thüren schließen ließ. Graf Pückler erging sich überaus scharf über die Art seiner Behandlung durch das Glogauec Gericht aus. Ec erklärte, wenn das Reichsgericht das Urteil bestätigen sollte, werde er, wenn er aus dem Gefängnis entlassen sei,weiter dreschen" Schließlich erfolgte die Auflösung dec Versammlung als dec Redner dieSöhne des Lichts und der Gnade" aufforderte, sich zu einer festen Phalanx zusammen zu scharen und alles niederzuwerfen, was jüdisch ist." Auf der Straße kam es zu einigen Sistierungen.

Schwerin. Auf der Station Buetzow fuhr am Samstag ein von Neubrandenburg-Rostock kommender Zug dem dort nach Rostock ausfahrenden Schnellzug in

die Flanke. Ein Wagen stürzte um, andere Wagen wurden beschäftigt. 11 Personen wurden schwerverletzt.

Arzt und Krankenkasse.

Königsberg, 4. Juli. In der heutigen Sitzung des deutschen Aerztetages wurden u. A. folgende Anträge einstimmig angenommen: 1. Mitglieder von Krankenkassen sollen die Hilfe eines jeden Arztes anrufen können, der im Bezirk thätig ist und sich auf die vereinbarten Bedingungen verpflichtet hat. 2. Die gegenseitigen Leistungen zwischen den Aerzten und Krankenkassen sollen vereinbart ^werden von Kommissionen, die zu gleichen Teilen von den^Aerzten deS Bezirks und Delegierten der Krankenkassen gebildet werden.

Deutschland hat sein Geld von China. Entgegen den verschiedensten Nachrichten, wonach China sich weigere, die Kciegs-Entschädigung in Gold zu zahlen, meldet ein Privattelegramm, daß China die auf Deutschland entfallende Rate von 5,600,000 Mk., doch richtig in Gold bezahlt hat.

Deutschland und Amerika.

* Leipzig, 4. Juli. Der amerikanische Botschafter am Berliner Hofe, Mr. White hielt aus Anlaß der Feier deS amerikanischen Unabhängigkeitstages hier eine längere Rede über Politik und Ideen des gegenwärtigen Präsidenten Roosevelt. Von besonderen Interesse für Deutschland war die Bemerkung des Botschafters über die Vorliebe des Präsi­denten Roosevelt für deutsches Wesen und deutschen Geist. Mr. Whlte erklärte, Präsident Roosevelt habe zu einem seiner nach Europa fahrenden Freunde gesagt, ich habe von jeher eine Liebe und Verehrung für Deutschland und wenn ich dies sage, so wissen Sie, daß ich dies auch so meine. Alle die Roosevelt kennen, wissen, daß kein anderer Präsident so völlig erfaßt hat, was Deutschland der Zivilisation ge­geben hat und noch immer giebt.

Belgien. Der Ausschuß zur Reform dec belgischen Artillerie beschäftigt sich gegenwärtig mit dem Studium von dcciHeschützarten. Es handelt sich um die Kcupp'schen die Cockerillffchen und die französischen Schnellfeuer-Ge­schütze des Werkes von St. Chamond.

Die französische Regierung '.hat nunmehr die Schließung sämtlicher Kongregationen, welche sich den Vorschriften des neuen Vereins-Gesetzes nicht Anterworfeir hatten, vollzogen.

London, o. Juli. Heute fand das 5königSmahl für ^2 Million von Londoner Armen statt. Es waren bazu alle öffentlichen Hallen, zahlreiche Exerzierräume und ähnliche Gebäude in Anspruch genommen Außerdem waren in öffentlichen Parks 380 große Zelte aufgeschlagen. Nahezu qlle her größeren Festveranstaltungen wurden von ver­schiedenen Mitgliedern der kgl. Familie besucht. Bei allen wurde die Botschaft des Königs an den Lord mayor ver­lesen, in welcher er bedauert, nicht persönlich unter seinen Gästen weilen zu können.

Die Leibärzte erklären König Eduard für außer Gefahr befindlich.

Die bulgarische Regierung droht der Pforte mit dem Abbruch der diplomatischen Bezieh­ungen.

Ein amerikanisches Geschwader wird demnächst einer Einladung des Prinzen Heinrich folgend, zum Besuch in Kiel eintreffen.

Alle infolge des Burenkrieges verfügten Ein­schränkungen des telegraphischen Verkehrs für Telegramme von und nach Lanzibar, den Seychellen, Mauntlus Madagaskar, Britisch Wafrika, Deutsch- ~ t ' Mc^ambique und Lourenzo Marquez sind an.fg eh oben worden.