Nr. 180. Erstes Blatt.
Mittwoch, den 6. August 1902.
11. Jahrgang.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktton und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. ^erusprecha«schl«ß Nr. 362.
Hleueste Wachrichten
(Gießener Hageötatt» Unabhängige Tageszeitung (Gießener Aettung)
für Oberüefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
Druck und Verlag,der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gcgr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
Poliiilcbe nacbricbUn.
^ur Reise Kaiser Wilhelms nach Rußland.
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung bespricht an dec Spitze ihrer gestrigen Nummer in einem offiziösen Artikel die Reise des Kaisers nach Rußland und hebt hervor, daß die Beziehungen Deutschlands zu Rußland sich seit dem letzten Beisammensein der Souveräne so günstig fortentwickelt haben, wie es der Abwesenheit jeder politischen Reibungsflächen zwischen den beiden Weichen entspricht. Die allgemeine Lage könne einen abermaligen vertraulichen Gedanken-Austausch zweier mächtigen Monarchen, deren Politik für die Erhaltung des Friedens vor allem ins Gewicht falle, nur willkommen erscheinen lassen. Diese Aussprache tuerbe durch die Unterredung ergänzt, zu denen als Teil- nehmer an der Begegnung ihrer Monarchen dec Neichskanzlec und der russische Minister des Aeußecn Gelegenheit haben werden. Wir zweifeln nicht, so schließt das Blatt, daß diese persönliche Berührung dec Herrscher und der Staatsmänner das durch keinerlei politische Streitpunkte verdunkelte freundnachbarliche Einvernehmen zwischen Deutschland und Rußland befestigen und fördern werde.
Die Ankunft wird morgen früh 8 Uhr erwartet. Die Manöver gehen morgen Nacht unter Mitwirkung von Scheinwerfern vor sich. Es ist nicht unmöglich, daß der Kaiser vielleicht inkognito an Land gehen wird. Der deutsche Konsul trifft für diesen Fall die erforderlichen Vorbereitungen.
— Dec Kai se c wird anläßlich feiner Anwesenheit auf der Rhede von Reval dec russischen Marine einen prachtvollen Pokal widmen. Das Geschenk ist nach besonderen Angaben gezeichnet und mit einer entsprechenden Widmung versehen.
Memel, 5. Aug. Die „Hohenz o ll er n" mit dem Kaiser an Bord nebst den Kreuzern „Prinz Heinrich", „Nymphetz" und dem Depeschenboot „Sleip- nec" kam heute Vormittag 10 Uhr in Sicht. Die Schiffe fuhren sechs Seemeilen von der Küste entfernt bei ruhig ec See und aufkläcendem Wettec vorüber.
Reval, 5. Aug. Kaiser Nikolaus ist heute Vormittag 11 Uhr an Bord der Dacht „Standart" auf der Riesigen Rhede eingetroffen.
Homburg v. d. H, 5. August. Die Feier der E n t h ü l l u n g des Denkmals dec K a i s e r i n F r i e d - li ch im hiesigen Kurpark ist laut einer vom Kaiser eingetroffenen Ordre auf Dienstag den 29. d., Vor
mittags 11 Uhr festgesetzt worden. Auf Befehl des Kaisers wird die Feier der Enthüllung des ersten Denkmals seiner Mutter sich besonders festlich gestalten. Außer dem Kaiserpaar werden sämtliche Mitglieder des königlichen Hauses der Feier beiwohnen. Ferner nimmt daran teil das Füsilier-Regiment von Gersdorff, dessen Chef die verewigte Kaiserin war. Die Ansprache an den Kaiser und die feierliche Uebergabe des Denkmals erfolgt durch den Vorsitzenden des Denkmal-Komitees Stadtverordnetenvocsteher Dr. Rüdiger.
Kaiserslautern, 5. Aug. Die heutige Delegiecten- Versammlung des bayrischen Lehcertages beschloß mit großer Majorität den Anschluß an den deutschen Lehrer-Verein.
— Die Verlängerung des deutsch-italienischen Handelsvertrages bis Ende 1904 soll, wenn auch noch nicht formell so doch thatsächlich beschlossene Sache sein.
Wien, 6. August. Vier galizische Reichsrats-Abgeordnete sandten gestern an Körber eine Depesche, in welcher sie die Androhung des Ausnahmezustandes wegen den ausständigen Feldarbeitern als zweckos bezeichnen, da mit Ausnahme vereinzelter Fälle wo fremde Arbeiter an der Arbeit verhindert wurden, im ganzen Ausstandsgebiete eine verhältnismäßig gcadezu beispiellose Ruhe bestehe. Die grundlose Heranschaffung von Militär schaffe erst den Aufstand. In einem Dorfe wurden bei einem unerwarteten Angriffe von Husaren zwei Bauern lebensgefährlich und sechs schwer verletzt. Dec Klageruf der ruthenischen Abgeordneten schließt mit der Bitte, unbefangene Beamte aus Wien zur Untersuchung zu entsenden, dann werde dec Ausstand schnell beendet sein.
Budapest, 5. August. Blättermeldungen zufolge hat der vom Minister des Innern zur Revision der Finanzverwaltung von Maria Theresiopol entsandte Beamte unerhörteZustände angetroffen. Etwa2Millionen städtische Gelder sind einfach verschwunden. Eine dreimal so große Summe ist ohne jede Vollmacht ausgegeben worden. Die Hauptbücher sind seit langen Jahren gefälscht, Einnahmen defraudiert worden. Gegen sämtliche Beamte, Bürgermeister und Oberbuchhalter ist Untersuchung eingeleitet.
Haag. 6. August. Präsident Kr ü ger wird morgen Stein in Schweveningen besuchen. Lucas Mayer war gestern bei Krüger in Utrecht. Nachrichten aus Damaraland zufolge siedelten sich 400 Buren, welche
England nicht den Treueid leisten wollten, mit 200 Frauen und Kindern auf deutschem Gebiet an.
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ZurKongregationsbewegunginFrankreich.
Paris, 5. August. Morgen Abend findet im 10. Pariser Wahlbezirk eine große antiklerikale Versammlung statt, in welcher der Abgeordnete Chaane und der frühere Priester Charbonelle als Redner auftreten werden. In der Bretagne wurden die Ordensschulen wäbcend dec ganzen Nacht von der Bevölkerung bewacht. Es wurden sogar Wachtposten auf den Kirchtürmen aufgestellt, welche die heranrückenden Gendarmen und Truppen melden sollten, worauf die Glocken Sturm läuten und die Bewohner sich zusammenrotten werden. Katholische Priester durchziehen die Gegend, die Bevölkerung auffordernd, die Truppen mit den Rufen: „Es leben die Schwestern, es lebe die Freiheit!" zu empfangen. Die Arbeiter werden von ihren Arbeitgebern zur Teilnahme an den Kundgebungen auf- gefordect, da die letzteren sonst ihre Werkstätten schließen würden. Eine Gendarmerie-Brigade wird bei Anbruch der Nacht nach der Bretagne abgehen. In ßanouéc wurde der mit der Schließung beauftragte Polizeikommissac von bewaffneten Frauen und Männern angegriffen und mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.
London, 5. August. Der „Standard" erfährt aus Odessa, König Eduard beabsichtige Ende September auf seiner Jacht Viktoria und Albert von Kopenhagen und dem Zaren in Petersburg einen Besuch abzustatten.
New-Dork, 5. August. Auf dem Gebiete der Anthracitfelder bei Shenandoah sind neuerdings Unruhen aus- gebrochen. Das einschreitende Militär wurde von den Streikenden in einen förmlichen Kampf verwickelt. Auf beiden Seiten gab es Tode und Verwundete. Man fürchtet weitere Revolten.
New-Dork, 5. Aug. Das Schatzamt hat die Zollbehörde angewiesen, die vom deutschen Kaiser nach Amerika gesandten Orden und anderen Ehrengeschenke zollfrei einzulassen.
Giessener Cagesneuigkeiten.
M. Turnerisches. In einfacher, aber ächt turnerischer Weis; wurden gestern Abend, die vom Wormser Keisturnfest zurückkehrender Sieger des hiesigen Turnvereins von dessen Vorstand und vielen Angehörigen am Bahnhof begrüßt, um alsdann bei einem Glase Bier zu erfahren, wie die turnerischen
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haidhei m.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
•xx ^c schreckliche Herabstimmung der Nerven verlor sich: aber f r!e tödliche Anast vor Entdeckung, nicht der Absweu vor stt^r, der sein Verbrechen nicht ungeschehen machen konnte und doch nicht den Mut hatte, die Frucht oesselben zu genießen.
, Ain — um die ganze Welt nicht! Er konnte diese scheuß- ruulne nirgends umwechseln, aus Angst ertappt zu werden; (Mnmi™ itokn!L;erx2? vermocht, so viel Rest von anständiaer Ehrlichkeit war doch in ihm, daß er es nicht über ch gewinnen konnte, einen Gulden anzurübren.
wie fl;ÄÄ aber ffoft. Mg-mn^r f'dion^ii^egen'roTe man wohl"em Aemtchm oder Einkommen bei moghebst qerinner ^emicycn, tannte. Und von da -rg°ab.1ich WKrachtm ^ schwer fet, aber auch so ein täglicher Beruf recht kästig fallen
Nun, man konnte fa sehen: Burkard würde für ein hnnr hundert Gulden sorgen, man ließ sich mal wieder im Cirkus ^unb ,m Theater blicken, amüsierte sich ein paar £ag" m^ suchebeieniftußrelchen Bekannten und imponierte seinen Gläubiaern und Lieferanten als „Erbe" des verstorbenen Grafen Ebern.^ 1
Denn — erben würde man doch unter allen Umständen Sa — und zenes verfluchte Geld! Nicht anrühren! Am besten es verbrennen! Daß nur kein Fetzen davon wieder zu Ta-te kam! Verbrennen? Nein, Unsinn, man konnte doch nie wissen —' Wozu verbrennen? Aber es verstecken, daß kein Mensch es je wiederfand.
Das war das richtige. Darüber grübelte er lange.
Und endlich, als alles in tiefem Schlaf lag, wickelte er ganz leise und Hennlich jenen Rock zusammen, unter dessen Seiden- futter es leise knitterte. Dann unischnürte er ihn fest mit Bind- saven viele Male, ganz fest.
die zu den Dachstuben führte, hatte er neulich einen offenen Verschlag gesehen, ganz voll alten Gerümpels;
eiils der Mädchen hatte eben irgend etwas Wertloses, Zerbrochenes hinein geworfen und schloß den Verschlag mit einer Krampe.
Damals hatte er das Mädchen angeredet, weil es hübsch schien und gefragt, was für ein Loch das sei.
„O, dahinein kommt alles Wertlose — das ganze Dmg steckt voll Plunder und Spinngeweben."
„Ob denn die Herrschaft das litte?" fragte er weiter.
„Die wüßte wohl garnichts von dem alten Loch, das sei gerade unter dem Treppenabsatz", meinte die Person.
Das Ntädchen halte miserable Zähne, damit wurde sie Ebern gleichgültig. Aber an jenem Tage schon war ihm der Gedanke gekonimen: „Dahinein verstecke das Geld!"
Run that er es. Wenn ein böser Zufall wollte, daß man seinen Rock da fand, so ahnte doch niemand das Geld darin. Man fand ibn auch sicher nicht, wer sollte da jetzt nachsuchen? Und — im schlimmsten Falle — er selbst konnte das Bündel da immer wegnehmen, cs jederzeit wieder hervorholen.
Das entschied. — Rian kann nie wissen, wo man Geld haben, unter allen Umständen Haden mi ß.
Gott sei Dank! Nun lag das Bündel da unter Staub vergraben, von Spinngeweben eingehüllt, in der dunkelsten Ecke. — Ganz sachte sckwb Joseph Ebern die Krampe wieder vor das Thürchcu und lautlos wie ein Schatten glitt er die Treppenstufen hinab bis zu seiner Kammer. , , .
Allf der Hausuhr schlug es vier; — alles, lag noch im tiefsten Schlaf und ganz erleichtert sank er auf sein Bett. Ihm war zu Ntute, als hätte er nun den ganzen ehrlosen Handel von sich gethan: nie, nie wieder wollte er daran denken —. Was er in einem Zustande wahnsinniger Verzweiflung damals gethan, das schien ihm jetzt gesühnt durch den „freiwilligen Verzicht .
In den nächsten Tagen war Graf Joseph Ebern heiterer als je und sehr beschäftigt .
Der Hauslehrer hatte sich auf eme bezügliche Bemerkung hin erboten, ihm englische und französische Stunden zu geben, das auf der Schule Geleimte wieder autzumschen. Das war eine Vorarbeit für die beabsichtigte Stellensuche m Wien, ohne diese beiden Sprachen konnte er dort nichts erreichen; das war Grund genug, einstweilen in Krapolno still zu sitzen.
Die Baronin Wazlaw war, tchon nach âl Tagen von Karlsbad zurück; niemaud hatte sie eingeladen, ihren Aufenthalt *°" ‘sÄaW mit großer Genugthuung von dem Empfang, den sie und Maria bei den Erzherzoginnen gesunden, Mana hatte gefallen, die fürstliche Mutter betonte belonders, daß sie sich
für die Baronesse entschieden habe, weil dieselbe noch nicht ver» wobnt und in einsamen Verhältnissen erzogen sei, wie Baron Gorzberg ihr gesagt. Die jüngere Erzherzogin sei noch.befangener gewesen als Maria, scheine überhaupt eine. reservierte, kuh Statur von der die hohe Mutter wuniche, daß der Verkchr mit her jugendlichen Gefährtin sie heiterer und zugänglich mache.
,Wßa mar bann der ersten ffammerrrau uberroiefen und unser deren Aufsicht wurden neue Tollet en nach Angabe der
schwuni>ew b GesMchaft gern und oft in An- r»«,* . nh nertrau e ihm alle ihre mütterlichen Sehnungen und SSMSZZ
einzuheimsen. . ~.sh auc seine in Klaino an=
Daß erauch nur wü einer Sub ar von Wazlaw gedeuteten Wunsche zunlckgekomm ,^ g ^oloni^ in Karlsbad nie, wohl aber er^l e fe ihr erzählt, er
bei der Erzh.erzoam g in Graz getrosten. -
gebiini bet surfte« bie Baronin von den glänzenden Ver-
.. Die Art. >n wci - „dele und von fernen Zukunstz- P°Ät? lieft @raf Joseph schlicken, daß die Mutter sich mit Hoffnungen trug, ihn später als Bewerber um Mana auftreten JU ^Burkard Frohberg ging seinen vielen Geschäften nach, kam oft tagelang nicht nach Krapolno zurück, wohin er i-èt dauernd ubergesiedelt war, und.auch wenn er einmal zu Haus blieb, war er E^z wurde mehrfach über die vermißte Geldsumme geredet, die in des Verstorbenen Rasse sehlte. und von. der auch sein alt« Diener zufällig wußte, baB er sie vom Muller Grobhol» cm«
welcher die Baronin von den glänzenden Ver- - - ^ ----^ —k —1 seinen Zukunfts
Pfannen
(Fortsetzung folgt)