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Nr. 128.

Freitag, den 6. Juni 1902.

11 Jahrgang.

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Gießener

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Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Rendle Nachrichten

(Hießener Gagevtalt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Beitunfl)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei igegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Wochenschau.

Deutsches Reich

* Der Kaiser und die Kaiserin wohnten gestern Donnerstag der feierlichen Einweihung der prächtig restaurierten Kapelle des Schlosses Marienburg, des alten stolzen Sitzes des Johanniterordens, und den hiermit verbundenen Ordcnsfestlichkeiten bei. Von Marienburg aus haben sich dann die Majestäten zu einem kurzen Aufenthalt nach Cadinen, dec west- prcußiscben Sitzung des Kaisers, weiterbegeben.

Das Befinden König Alberts, welcher be­kanntlich während seines gegenwärtigen Frühjahrs- ausenthaltes auf seiner schlesischen Besitzung Sibhllcnort erneut von seinem alten Blasenleiden befallen worden ist, giebt erfreulicher Weise zu keinen ernsteren Besorg­nissen Anlaß.

Dresden, 6. Juni. Wie heute Morgeu gemeldet wird, konstatirtcn die Aerzte heute Nacht eine ernste Verschlimmerung des Leiden- König Alberts.

Mit dem am Dienstag erfolgten Wiederzu- sammentrittc auch des Reichstagsplenums ist der nachpfingstliche parlamentarische Reigen vervoll­ständigt worden. Wie lange derselbe etwa dauern wird, das läßt sich nicht mit voller Bestimmtheit sagen. Ob er etwa schon gegen den 12. Juni in die großen Sommerserien wird gehen können, das bleibt noch abzuwarten.

* Berlin, 6. Juni. Der Reichskanzler hat sich auf Einladung des Kaisers zur Einweihungsfeier nach Marienburg begeben, von wo er heute hierher zurückkehrt.

Berlin, 8. Juni. Der Bundesrat hat heute den Gesetzentwurf betreffend die Aufhebung des Dik­tatur-Paragraphen in Elsaß-Lothringen genehmigt.

Oesterreich.

Wien, 5. Juni. In der gestrigen Sitzung des Polenklubs wurde nach längerer Debatte, in welcher heftige Angriffe gegen die preußische Regier­ung gerichtet wurden, eine Resolution angenommen, in welcher die vollständige Selbständigkeit dec Monarchie und eine größere Unabhängigkeit derselben von dem preußischen Einfluß gefordert wird.

Frankreich.

Die Fortschritte der links-republikanischen Partei in Frankreich sind nach den letzten Kammerwahlen zunächst in der Einsetzung

Bourgeois zum Präsidenten des Hauses zum Ausdruck gekommen. Jetzt scheint auch die Neubildung des Ministeriums, welches Waldeck-Rousseau ablösen soll, ganz in zu diesem Sinne erfolgen. Ein Privattele­gramm berichtet dazu:

Nachdem Bourgeois und Brisson die Kabinetts­bildung abgelehut, heißt es jetzt als sicher, Combes werde das Präsidium, das Innere und den Kultus übernehmen, Delcassâ das Aeußere, Andre den Krieg, Etienne das Kolonialamt, Trouillot den Unterricht, Rouvier die Finanzen, Chaumin die Justiz, Vallè, Dubief und Doumergue würden gleichfalls diesem radikalen Kabinette angehören.

Combes gehörte dem radikalen Kabinett Bourgeois vom Oktober 1895 bis zum April des folgendes Jahres als Unterrichtsminister an. Bei den parlamentarischen Kämpfen, die vor kurzem um das antiklerikale Vereins­gesetz entbrannten, hatte Combes das Referat.

parlamentarisches.

* Die Zucker-Kommission des Reichs­tages setzte gestern ihre Beratungen fort und lehnte

die Kontingentierung mit 15 gegen 11 Stimmen ab. Artikel 4, nach welchem das Zuckersteuergesetz gleichzeitig mit der Brüsseler Konvention in Kraft treten soll, er­hielt auf Antrag des Abg. Grafen Limburg-Stirum einen Zusatz, durch den die ausdrückliche Genehmigung des Brüsseler Kongresses ausgesprochen wird. Damit ist die erste Lesung des Gesetzes erledigt. Morgen wird die Kommission das Saccharin-Gesetz beraten. — Die Zolltarif-Komniission fuhr heute bei der Beratung der Zölle für Farbstoffe fort und erledigte die Positionen 326 bis 335. Morgen wird die Berat­ung fortgesetzt.

* Dresden, 5. Juni. Die zweite Kammer sprach sich dafür aus, daß die Umsatzsteuer landcsgesetzlich eingeführt werde.

Deutscher Reichstag.

(Sitzung vom 5. Juni.)

Auf der Tagesordnung stand: Internationale Konvention zum Schutze der für die Landwirtschaft nützlichen Vögel.

Abg. B e ckh-Coburg bedauert, daß Italien sich dem Beitritt zur Konvention entzogen habe. Nicht zu ver- .stehen sei, weshalb nicht auch Rußland, Dänemark und die Niederlande ihren Beitritt erklärt hätten.

Abg. Steinhardt (nat.) beklagt, daß auch in Deutschland das Vöglein bisher nicht den nötigen Schutz seitens des Publikums gefunden habe. Das Vöglein werde gefangen und auf den Hut gesteckt. Ec bitte auf den Import von Vögeln und Vogelbälgen einen sehr hohen Eingangszoll zu legen.

Staatssekretär v. Posadowsky erwidert dem Abg. Beckh, daß sich der Beitritt Italiens zur Konvention leider nicht habe erreichen lassen. Die Konvention wird hierauf genehmigt.

Es folgt die dritte Lesung des Toleranz-Gesetz­entwurfes (Freiheit der Religionsübung). In der Generaldebatte bemerkt

Abg. Schrad er(freis. Ver.) seine Freunde würden dem vorliegenden Entwürfe in der Fassung der zweiten Lesung zustnnmen.

Abg. Kunert (Soz.) hält den § 1 in dec jetzigen Fassung eigentlich für unannehmbar. Mit dem Absatz 1 und 2 seien seine Freunde einverstanden, da darin den Reichsangehörigen die volle Freiheit des Religions­Bekenntnisses und ihrer persönlichen Ausübung gesichert werde. Nun komme aber der in zweiter Lesung auf

11

GesrtserÄ.

Novelle von E. V c l y.

(Nachdruck verboten.)

1.

I Der erste Octobersturm ist Nachts über das kleine gelbe tiland hingebraust, die Springflut!) hoch bis zu den Dünen cmpvrgckvmmcn und noch hat das Meer eine schwarz-graue oätbinig und der wolkenbcdcckte Himmel scheint in der Ferne mit der unruhig wogenden Wasscrinasse zu verschwimmen. Der seine Land ist weit hingetrieben und hat die schmalen Holz- Prcttcr, die zu beiden Seiten der Dorsstraße gelegt sind, damit P11^ lassen kann, bedeckt. An den niedern rothen sind thcilwcise die grünen Läden geschlossen, tz er Anttagsgundc. Die vornehmsten unter ihnen haben '^ welcher einen Garten urfteffen soll. Aber nicht einmal niederes Buschwerk gedeiht n dem Boden zwe. oder bre, verkümmerte Zierpflanzen bilden Iben Stolz der Hausfrau, wenn sie halbwegs zur Blüthe fommen.

Eines der größten Häuser steht am Ende der Straße doch hat man auch hier der Dünen halber keinen Ausblick auf das Meer. In den, Borgärtchen desselben prangt Iber als besvi,derer Zierrat!) ein defectes Holzbild der Aphro­dite, das einst am Bug eines Schiffes befestigt gewesen ist !«s nicht unschöne Profil ist noch intact, die hölzernen Locken haben aber bei mancher Seefahrt, vielleicht auch bei ciiicni Schiffbruch gelitten. Schreiende Spatzen haben sich «ns dem Haupte der Mecrgüttin niedergelassen, werden aber >on der gebräunten Hand eines alten Mannes, welcher un= »eit auf einem Scheinet sitzt und dicke Dampfwolken in die Liest bläst, mal' einem rauhen Fluche verjagt. Dann bringt seinen Stuhl in eine schaukelnde Bewegung und ruft, bem '?nu)e zugewandt: Geerlcerd ! Zweimal muß er jedoch den nichzenden Laut wiederholen, ehe eine Stimme von innen «ne undeutliche Antwort giebt. Geduldig hat er sich noch ilulat 'H auf- und niedcrgcschaulelt, dann ist in die Haus­

thür eine weibliche Gestalt getreten, ein hochgewachsenes Mädchen, in das übliche blaue Friesgewand, das die Insulanerinnen Sommer und Winter tragen, gekleidet. Sie hebt den Kopf, den schwere, schwarze Flechten umschlingen, heftet die dunklen Augen mit einem beinahe zornigen Ausdruck auf den Sitzenden und fragt unwillig: Nun?

_ Sie läuten drüben! sagt der Alte und kneift das eine gesunde Auge, das er besitzt, zu, das andere ist eine leere Höhlung.

Ist Sonntag, giebt das Mädchen zur Antwort.

Sonntag! Er nickt. Deshalb sind sie vorhin Alle fort — Du nicht, Gcerteerd!

Sie hat ein kurzes Lachen.

Bin Maniel Hal) sein Kind — zum Kirchengehen hast Du mich nicht angehalten!

Nein! knurrt er, halbvergnügt, streichi oann über sein strup­piges, graues Haar, nimmt ein paar Zuge aus seiner Pfeife und sagt, wie zu sich selber:

Keine Ursache dazu, Geerlcerd — keinen Anlaß.

Gcerteerd macht einige Schritte über den knirschenden Pfad, bis sie neben dem Vater sicht, legt ihm die Hand aus die Schulter und guckt in derselben Richtung, wie er, die Dorsstraße entlang. Es ist eine Ausschau, welche sie jeden Tag haben — niedere Ziegelhäuser, gelber Sand, das eine Dini nur ist der Himmel grau, das andere Mal sonnig. Sie sind nicht verwöhnt, die Insulaner — und knapp, wie sic die Nâtur behandelt, die ihnen nichts zeigt, als das Meer und die reizlose Scholle, welche cs täglich zu vernichten bereit sind sie auch mit ihren Worten und Gcbcrdcn. Mag lcnb daß sie darum wenig reden, weil ihnen der Wind so leicht die Worte von den Lippen weht, ehe sie des Andern Shr erreichen. Geerlcerd hat zwar auch die äußerlich ruhige und sprachkarge Art der Inselbewohner, aber wie sic mit Haar und Augen von ihnen absticht, scheint auch eine innere Un ruhe im Gegensatz zu Jenen bei ihr zu ejiftiten — das beweist

das häufige Vibriren ihrer Nasenflügel, das Zucken ihrer hoch­geschürzten rothen Lippen.

Maniel hat sich eine Weile mit seinen Gedanken beschäftigt, jetzt giebt er ihnen Ausdruck.

Von Keinem hättest Du lotcy ein Erbe-

Das Mädchen guckt zurück aufs Haus, nickt und erwidert: Ist Dir arg, daß ich kein Junge bin!

Der Alte kneift das gesunde Auge zu.

Jetzt denk ich nicht mehr dran!

Gcerteerd steht wieder eine Weile unbeweglich, die Wind­stöße führen immer eine Wolke feinen Sandes mit sich, der sich über alles legt, auch wie Puder auf des Mädchens dunkle Haare.

Maniel scheucht die schreienden Spatzen aufs Neue, hat ein kurzes Lachen und meint dann: Wirst mir Einen in's Haus bringen, der ein tüchtiger Schisser ist.

Das ist abzuwarten! erwidert sie mit einem dumpfen Tone.

Der Alte nimmt staunend die Pfeife aus dem Munde und macht eine ordentliche Anstrengung, um den Kops nach ihr zu wenden.

Mädchen! ruft er und dann zeigt er mit dcm Daumen hinter sich, es ist nicht sicher, ob bamit das Haus oder Gcerteerd ge- meint ist.

Wenn Keinem darnach der Sinn stehen sollte!

Abwarten, sammt es noch einmal von ihren Lippen und dann geht sie wieder dcm einstöckigen Hause zu, von dessen rother Ziegelfarbe der hellblaue Oelanstrich von Fenstern und Thür wunderlich absticht. Die Hausdicle ist geräumig, sie ent» hält dcn Herd, über dem ein blanker Wasserkessel hängt, unter welchem das Feuer tagsüber nicht erlischt. Es ist alles sauber, der stcinbclcgte Boden, die Holzbretter an den Seiten, auf denen der Hausrath prangt. Die verschiebbaren Holzwände im Hintergrund verbergen die Schlafstellen. Geerteerd schürt ein wenig am Herd und guckt auf die große Standuhr, tritt dann in die niedere Stube u»d spricht noch einmal: Abwarten — vor sich hin. (Fortsetzung folgt.)