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Nr^ 258. Erstes Blatt
Mittwoch, den 5. November 1902.
AbouuemevtöpreiS : in Gießen, abgtbslt monatlich 50 Pfg-, in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährlich Mk. 1 50.
®t«Hdbeil«gc. : cb.rh.sfis«-rk-mME-tt«.« (löslich) rh^Fh^siifA^ QHtfdiHft für 8ör^i^tfu)Ä|t/ Cbft- um© B-rteoba-^soi^e die «leiener Setfe«blasc» (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
_______________11. Jahrgang.
J«sertio»Sprei S, Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. - Reklame» die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.
Fer»sprecha»schlust Nr. 362.
(Hießener ^ageßtatf) Unabhängige Tageszeitung (Hießener Peilung)
für Overhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der GroßherzogNchen Bürgermeisterei (Rieken
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Deutscher Reichstag.
— Der Kampf gegen die Kartelle. —
208. Sitzung. CB. Berlin, 4. November.
Der Plenarsaal bot heute bei Beginn der Verhandlungen das merkwürdige Bild, daß auf der Bundesrats- tribüne nicht eine einzige Persönlichkeit anwesend war. Offenbar will die Regierung bannt zu erkennen geben, daß der von der Kommission neugeschaffene § ib des Zolltarifgesetzes für sie eine gleichgültige Sache sei. Bevor jedoch in die Verhandlungen euigetreten wurde, erfüllte das Haus einen Akt der Pietät, indem es nach einer Ansprache des Präsidenten das jinornfen des verstorbenen Abg. Rickert durch Erheben von hm Plätzen ehrte. Zunächst trat der nationalliberale Abg Dr Paasche als Verteidiger der Kartelle auf, die nicht immer eine Allstes Publiku ndern einen Schutz der Güter- krz uqung b^w.ckten. Für seine warme Vertüdigunqsrede m >üte er sich barn später durch den Abgeordneten Dr. Pach- nicke von der freisinnigen Vereinigung an das kartell- feindliche Verhalten seines Parleigenossm Freiherrn von H yl ernn-rn lassen P^chnicke sieht in den 6ar» lenen oie folgen des Zollschutzes, während der Abg. Gamp von der Reichspartei in den Kartellen das Mittel zur Erhaltung der Einzelbetriebe erblickt. Ohne sie müßten die verschiedenen Industrieanlagen desselben Zweiges vielfach miteinander verschmolzen werden. Ein grundsätzlicher Kampf gegen die Syndikate sei ein Unsinn; aber jeder Unsinn finde auch seine Verteidigung durch eine wissenschaftliche Autorität. Der Abg. Bebel, der nunmehr zu Worte kam, persiflierte diesen Satz mit der These: Jede gute Seite im bürgerlichen Leben habe auch ihre schlechte. Im übrigen aber bekannte er sich auch zu dem kärtellseindlichen Standpunkte, den sein.Parteigenosse Bernstein bereits in einer früheren Sitzung vorgetragen, hatte. Ter preußische Minister Möller, der inzwischen am Bundesratstische erschienen war, fand allerdings Bebels statistische Zisfern nicht einwandsfrei und betonte, daß gerade durch die Kartelle und deren Produktionseinschränkungen Lohnkürzungen vermieden worden seien. Der nationalliberale Abg. Dr. Beumer, der als Sekretär eines Judustri^llenverbandes naturgemäß ein genauer Kenner der Verhältnisse ist, hob hervor, daß auch die englische Schienenindustrie auf dem deutschen Markte mit den Preisen schleudere; da sei es ein Akt der Notwehr, wenn von unserer Seite das Gleiche geschähe. Ein Schutz- mittcl gegen die Lohndrückerei mancher Syndikate sei die bessere Ausgestaltung der Aussuhrvergütungen. Der Abg. Brömel von der freisinnigen Vereinigung warf einen Blick auf die Bundesratsestrade, wo manch teures Haupt fehlte und bedauerte das geringe Interesse, das die Regierung der Ringsrage entgegenbringe. Den Standpunkt, den der russische Finanzminister Witte in seinem bekannten erlaß gegen die Syndikate ausgesprochen hübe, billigte er durchaus, die englischen Kartelle nahm er gegen die Angriffe Dr. Beumers in Schutz. Sie seien etwas ganz anderes, als die unter dem Schutzzollsystem entstandenen deutschen Kartelle.
Hierauf teilte Vizepräsident Büsing mit, daß ein Ber- kagungsantrag des Abg. Dr. Barth eingegangen sei Da das Bureau über das Ergebnis der Abstimmung zwei- elhast war, wurde zur Auszählung geschritten, die bei Anwesenheit von 135 Mitgliedern die Beschlußunfähig- mu^A^i619“6' Die weitere Beratung wurde auf Mittwoch 12 Uhr vertagt. 1
Die Politik.
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Ein neues Kanalprojekt.
Minister Budde macht augenblicklich seine Aufwartung an den suddeutschen Höfen von Bayern, Reffen und . Baden und ist einstweilen in München eingetroffen. Wie man hierzu erfährt, ist die Mainkanalisation und zwar i auf der Strecke von Aschaffenburg (bayrisch) bis Offenbach (hessisch) der Zweck dieser Reise. Auch Baden würde daran als Anlieger (Wertheim und Umgebung) inter- bjUert sein. Von Frankfurt bis zur Mündung bei Mainz ist der Main kanalisiert worden, ehe der neue leistungs- fahlge Hafen zwischen Frankfurt und Offenbach gebaut * wurde. Die neue Kanalstrecke würde jenem Hafen ein k größeres Umschlaggebiet geben, an dem Preußen ein um )o größeres Interesse hat, als es durch die preußisch- i hes^Ao .^envayn-Berrrevsgemeinschast Frankfurt a. M. - äum Brückenköpfe des Verkehrs nach Frankreich und Jta- | Den gemacht hat.
Englische Intriguen gegen Deutschland.
* )é( Der Berliner*Korrespondent der „Vereinigten Presse" . hat nach Newyork telegraphiert, daß der deutsche Ge- < fa^te in -ondon Gras Wolff-Metternich und der eng- I 'sche Gesandte in Berlin Sir Frank Lascelles in einer Unterredung zu dem Ergebnis gekommen seien, ein Bünd- ^ -äs zwischen Enaland, ^euticbland und den Vereinigten
Staaten sei die wünschenswerteste politische Konstellation. Als aber Chamberlain in einer Rede dieses Zusammengehen empfohlen habe, sei er durch den Reichskanzler Grafen Bülow lächerlich gemacht worden. Da diese Unterredung, wenn sie stattgefunden hätte, von den beiden Staatsmännern geheim gehalten worden wäre, so ist die ganze Darstellung von Haus aus als eine Intrigue der englischen Deutschenfeinde zu erkennen, die nur eine Beeinträchtigung etwaiger günstiger Erfolge der Englandreise unseres Kaisers bezweckt.
England schwenkt vom Freihandel ab.
K Bekanntlich ist es das Ziel des englischen Kolonialsekretärs Chamberlain, eine engere Verbindung der unter eigener Verwaltung stehenden Kolonien mit dem Mutterlande auf der Grundlage eines Zollvereins herbeizuführen. Er wollte diesen Plan schon zur Zeit der Krönung des Königs durchführen, aber damals scheiterten die Verhandlungen, die er über diesen Punkt mit den leitenden Ministern der einzelnen Kolonien gehabt hat. Jetzt scheint man handelseins geworden zu sein, denn amtlich wird ein Uebereinkommen zwischen den Kolonialministern veröffentlicht, dessen Grundbedingungen im wesentlichen folgende sind: Sämtliche Kolonien ermäßigen die Zölle für Waren aus dem Mutterlande durchschnittlich um 25 bis 331/3 Prozent. Seither zollfreie Waren werden für fremde Staaten mit einem Zoll belegt. Für den Fall eines Krieges soll die ganze Kriegsflotte der sämtlichen Gebiete zusammengezogen werden. Ob die Kolonien Sitze im englischen Parlamente erhalten, ist noch nicht bestimmt; Chamberlain schwärmt nicht dafür und möchte über diesen Punkt durch Schaffung eines beratenden Ausschusses, der der Reichsregierung zur Seite stehen soll, hinwegkommen. Das heißt mit anderen Worten, daß die Kolonien in Fragen der allgemeinen Politik, wie Bismarck einmal sich ausdrückte, „nix to seggen", nichts zu sagen haben. Der Freihandel bleibt nur noch auf das englische Mutterland beschränkt. Das ist eine bedeutsame Wendung, die auch für Deutschland ein großes Interesse hat, da der deutsch-englische Handelsvertrag gekündigt ist.
Neues vom tollen Mullah.
P Auf dem Markte von Aden wurde durch fremde Händler die Nachricht verbreitet, daß der tolle Mullah neuerdings wieder einen vorgeschobenen englischen Posten angegriffen und einen großen Kameltransport erbeutet habe. In England liegt darüber noch keine Meldung vor. Dagegen tvird berichtet, daß der seitherige Kommandeur der Expeditionstruppen gegen den Mullah, Oberst Swayne, zurückberufen worden sei, um als „Berater des Auswärtigen Amtes" tätig zu sein. Eine liebenswürdige Kaltstellung! Auf dem Kriegsschauplatz ist ein landkundiger Mann natürlich nötiger, als beim Auswärtigen Amt in London. Swaynes Nachfolger ist General Manning. Italien macht auch schon mobil, um aus alle Fälle gerüstet zu sein. Der Kreuzer „Pomona" ist nach Jllio an der Küste des Schutzgebietes abgegangen. „Auch von Berber aus soll borgegangen werden," heißt es in einer halbamtlichen Meldung. Vorgegangen gegen wen? Sollte Italien im englischen Kielwasser fahren?
Chinesische Hinterlist.
8 China hat in dem Friedensprotokoll zu Peking die Bedingung angenommen und unterschrieben, wonach die Einfuhr von Waffen verboten ist. Trotzdem hat der Kaiser einen Beamten der vierten Rangstufe zum Mandarinen erster Klasse befördert, weil er tausend Mausergewehre und 300 000 Patronen nach Kwangli geschmuggelt und dem Gouverneur zur Unterdrückung des Aufstandes übergeben hatte. Das ist Chinesentreue.
Kurze politische Nachrichten.
* Der Kaiser stattete am Dienstag Vormittag dem Reichskanzler Grafen von Bülow einen längeren Besuch ab.
* In unterrichteten Kreisen wird es für wahrscheinlich gehalten, daß der deutsche Kronprinz noch in diesem Jahre einen Gegenbesuch am dänischen Königshofe machen wird.
* Der bisherige Direktor im Auswärtigen Amt, Geheimrat Hellwig, ist unter Verleihung des Roten Adler- ordens erster Klasse mit Eichenlaub, seinem Anträge gemäß in den Ruhestand getreten.
* Landgerichtsrat Dedekind in Braunschweig, ^der in einer Denkschrift an das Staatsministerrum den zog von Cumberland als den Landesherrn anerkannt^ ist mit einem Verweise disziplinarisch bestraft worden.
* Zur Verbesserung des Schutzes der Arbeiter gegen Milzbranderkrankungen hat der Bundesrat eine Verschärfung der Vorschriften über die Einrichtung und den Betrieb der Roßhaarspinnereien, Haar- und Borstenzu- richtereien sowie der Bürsten- und Pinselmachereren beschlossen.
* England und Frankreich haben jetzt auch ihre Beteiligung an der Berliner Konferenz über drahtlose Tele
graphie zugesagt, die Ende Februar stattfinden soll. Die Union wird durch den Chef des amerikanischen Departements für drahtlose Telegraphie, Kapitän der Flotte Barter, vertreten werden.
* Es verlautet, demnächst werde zwischen den Staaten der lateinischen Münzunion ein Zusatzabkommen zur Müu Convention unterzeichnet werden, durch das der Schweiz ein neues außerordentliches Kontingent von Silbermünzen bewilligt wird.
* Im englischen Unterhause wurde amtlich erklärt, daß behufs Uebergangs der Telagoabai und der Bahn von der Bai nach Pretoria in englischen Besitz keinerlei Schritte getan worden seien.
* Die Nachricht von der Beschießung der türkischen Insel Midi durch ein italienisches Geschwader wird iWnmehr auch von amtlichen Kreisen Italiens be^ stritten. Wahrscheinlich ist das ganze Gerücht lediglich dadurch entstanden, daß das italienische Geschwader ^uei türkische Schiffe zur Abfahrt aus der Midiabai aufforderte, wogegen der türkische Ge^ndte in Ronc im Auftrag seiner Heimatbehörde Wid ^pruch erhob. Ter ita lienische Geschwaderkommandant hatte den Verdacht, daß
Proviant für die Seeräuber an Bord hatten.
Piab und fern.
^ Die Hubertusjagd, die bisher nach alten Traditionen alljährlich im Grunewald bei Berlin von dem gleich namigen alten Jagdschlösse aus abgehalten zu merber pflegte und für die sportliebenden Berliner ein richtiges Volksfest war, ist dieses Jahr zum erstenmal auf bem weiten Gelände des Töberitzer Truppenübungsplatzes ge> ritten worden. Der Grund d<rzu ist, daß ein Teil des zuschauenden Publikums an den Mitgliedern des „roten Feldes" unliebsame Kritik geübt haben soll. Das Kaiserpaar hatte anfangs sein Erscheinen in Aussicht gestellt, sagte aber doch im letzten Augenblick ab. Dagegen ritten Prinz Friedrich Leopold, die Sölme des Prinzen Albrecht und der Prinz von Siam Die Jagd mit, so daß es immer noch genug zu sehen gab, wenn auch die Absperrungsmaßregeln ziemlich streng bunt)geführt wurden.
tt Sich selbst gerichtet hat bei Balmer Schreiber Ernst Thiele, der Sonntag feine it*r<nii Äse Brüß im Tiergarten durch drei Revolverfchüsje tö-blüb verwundet hat. Er schoß sich auf dem Klosett des großen Restaurants Aschinger am Alexanderplatz etne Kugel i" die Stirn, die ihn sofort tötete. Vorher hakte der Selbstmörder, dem wohl die Hand gezittert haben muß, schon fünf Schüsse abgegeben, die sämtlich in die Pfosten der von innen verriegelten Tür gingen. Die Aufregung in dem dicht besetzten Lokal während des Vorganges war unbeschreiblich.
M Zwei .Kinder im Schlas verbrannt. In einer sogenannten „Laubenkolonie" zu Rixdorf bei Berlin, wo der großstädtische Arbeiter abends nach vollbrachtem Tagewerk sich auf freiem Felde zu erholen pflegt, hatte ein Ehepaar Weßnack seinen ständigen Wohnsitz im Sommer und Winter aufgeschlagen. Der Ehemann ist tagsüber als Gasarbeiter beschäftigt, während die Frau den Haushalt besorgt. Als diese sich zu einigen Besorgungen entfernt hatte, nachdem sie ihre beiden klemen Kinder bereits zu Bett gebracht und im £erb Feuer für das Abendbrot an- aemacht hatte, brach ein Brand aus, der das leichte Gebäude in kurzen Minuten in helle Flammen setzte. Tie beiden Kinder verbrannten mitsamt ihren Betten.
;k Die angebliche Gumbinner Loldatenmißhandlung. Bekanntlich hat eine Frau Baltrusch veröffentlichen lassen, ihr Mann, der früher Gumbinner Kanonier war, fei in folge schwerer während seiner Dienstzeit erlittener Mißhandlungen gestorben. Die „Nationalzeitung", bie an maßgebender Stelle Erkundigungen eingezogen zu haben erklärt, versichert, daß in Berlin von dem Vorgänge nicht das Mindeste bekannt sei. Zur Meldung fei lediglich gelangt daß der Kanonier Baltrusch in Folge eines Ungtucks- falles einen Schädelbruch erlitten hat und sich vor dem Sturz in angetrunkenem Zustand befunden hat. Auffallend ist auch, daß die Witwe über den Vorfall fast ein Vierteljahr lang geschwiegen hat.
* Rekrutenvereidigung zu Berlin. In Gegenwart des Kaisers fand die feierliche Vereidigung der Rekruten der Garnisonen Berlin, Spandau, Charlottenburg und Lichterfelde auf dem Platze zwischen dem Berliner Kgl. Schlosse und dem Lustgarten statt. Tte Ferer vegann mit einer Ansprache des Divisionspfarrers der ersten Garde-Division v. Stosch unter Zugrundelegung der Bibelworte aus 1. Chronrka 22, 16: „Mache dich auf und richte es aus; der Herr wird mit dir sein." Am Schlüsse der Ansprache schärfte der Geistliche den Rekruten die drei Soldatentugenden ein: „Treue, Gehorsam und Gottesfurcht". Danach hielt der katholische Divisionspsarrer Dr. Wagner eine Ansprache an die katholischen Rekruten, welcher nunmehr die Vereidigung brigadeweise durch je einen berittenen Offizier ^eder Brigade folgte. Nach^be-