(Fortsetzung folgt)'
Nr. 206.
Zweites Blatt
Sw^«eme»t preiS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg-. ^è^
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Aeueile Bachrichlen
(Gießener Uagektall) Hlnaöhängige Tageszeitung (Hießener Ieilung)
für Lberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lotalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck undHag der Gießener Verlagsdruckerei, bonn. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
„L»hrlingszüchterei."
Bon 6. R in B.
(Nachdruck verboten.)
Kaum waren die Handwerkskammeln im Laufe der beiden lewen Jahre ins Leben getreten, so befaßten sie sich sofort allgemein mit der ihnen gesetzlich besonders vorge- schr,ebenen Regelung des Lehrlingswesens. Es waren un- i.ugbac im Handwerk, hauptsächlich unter dem Einfluß der völlig schrankenlosen lAewerbejreiheit, Mißstände in dieser Hinsicht erngerrssen. In nicht wenigen Werkstätten wurde eine übermäßig große Anzahl von Lehrlingen gehalten, zum Teil zu allerlei häuslichen und sonstigen Verrichtungen herangezogen, dagegen in der eigentlichen fachlichen Ausbildung ternachtässigt. Mit allem Ernst und fast übereifrig benähten sich die Kammern, diesen Uebelstand der Lehrlings- züchterei auSzurotten, sie bestimmten namentlich die Höchst- zahl der Lehrlinge, Die in einem Handwerksbetriebe gehalten werden dürfen, und beließen es nicht bei bloßen mehr oder vilnder strengen Vorschriften, sondern stellten auch Beauftragte an, Die »hre Befolgung überwachen müssen. Man bemass Die Lehrlingszahl zumeist nach der Anzahl der gleich- ^tltg beschäftigten Gesellen, obwohl dieses Verfahren seine großen Bedenken hat, indem die GeseÜcnzahl außerordentlich schwanten kann und ein Meist-r mit vielen Gesellen sich ost noch weniger um Die Ausbildung der Lehrlinge zu bekümmern vermag, als ein anderer, der nur wenige oder gar Inne Gesellen hält. Andrerseits kann der eine Meister nicht einen, ein zweiter ein halbes Dutzend Lehrlinge zu gleicher Zeit vortrefflich unterweisen. Denn es kommt hierbei viel auf das persönliche erzieherische Geschick an, jodaß man in einzelnen Bundesstaaten, wie Baden, vorzüglichen Lehrmeistern sogar Prämien gewahrt und zwar mit gutem Erfolg. Mögen also auch manche Kammern zu schablonenmätzig vorgegangen wm, so ist doch im allgemeinen eine gründliche Besserung eingetreten, und man Darf jetzt wohl behaupten, daß im großen und ganzen Die LehrlingSzüchterei im Handwerk so gut wie verschwunden ist.
Als die Handwerkskammern ihre Maßregeln dagegen trafen, stellte sich übrigens heraus, daß die lauten Klagen über Die LehrUngSzuchterel im Handwerk zum Teil sehr übertrieben waren, ja in vielen Gegenden und Gewerben rrgaa sich sogar ein empfindlicher Mangel an Lehrlingen. In Nicht seltenen Fauen wurden ferner nur deshalb zu viele Lehrlinge gehalten, weil feine Gesellen zu haben waren; es war ein Notbehelf, denn gemeinhin ist der Nutzen, den ein Meister von feinem Lehrling hat, im Verhältnis zu den Schâoen und Muhen nicht allzu groß. Schuld daran hatte in erheblichem Maße die Großindustrie, weil sie d-m
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Fu ebener guoje $uyier.
Roman von L. Haid heim.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Wein, Baronin, kein Unglück, m r ein Aergernis, einen neuen Streich unseres afrikanischen Staudesgeuoffeu, bei ick mir, verzeihen Sie, als Ihren Bruder überhaupt nicht denken sann", lautete seine Erwiderung.
„Fostern Sie mich nicht! Was ist es?" stieß sie sofort atemlos heraus.
„An siK sehr wenig. Man hat in Krapolno hinter Burkards Bett ein etud Papier gefunden, beschrieben von der Hand feines 'Grotzvaters —.
• f - Lud -? Hat er noch ein anderes Testament -?" lief Frau von Frohberg.
. -Nein, eS ist nur eine Notiz, betreffend den Empfang einer großeien Geldsumme von dem Müller von Biela für -gekaufte Moldauwiesen —
„Aber das Geld ist es ja, was fehlt!" rief Liscka indes Kolonitz aufgeregt hin und her lief. T $ '
-Ja, das war ja die ärgerliche Geschichte", setzte auch Frau Don Frohberg noch ganz harmlos hinzu.
Es wurde Adelsberg sehr schwer, seine Pflicht zu thun er mußte es ihnen aber sagen: Richt, daß man diese Notiz gesunken sondern welche niederträchtige Verdächtigung der,, Afrikaner" baran lüpfte, war das schlimme und je schneller Burkard zur Stelle schien, dem elenden Gerede entgegen zu treten, um so besser. —
begriffen es erst nach und nach: Ernst Repomuk hatte die ßnrgefunbene Notiz — mit der zitternden Hand des Alten von Krapolno geschrieben — sofort der Staatsanwaltschaft eingereicht Aue Gemahlin selbst bezeugte, auf Befehl ihres Gatten, daß Lmrrard Frohberg jenes Zimmer bewohnt, in jenem Bette geschlafen habe; das Sienltpcrfoual war inzwischen gewechselt, per man wurde es wieder herbeischaffen und jedenfalls konnte Ae_Jungfer der Gräfin bezeugen, daß später — nach dem Fortzuge des Baron Frohberg kein anderer das Zimmer bewohnt habe.
.»„Das soll aber doch wohl nicht heißen, daß mein Bruder meinen Sohn — ? |
-- "«"klagt, die fehlenden 16 000 Gulden zn seinem Mnen Nutzen bei Sette geschafft zu haben!" unterbrach Graf Wurtz ""* Schwiegermutter mit vor Wut ganz blassem
Freitag, den 5. September 1902.
Handwerk viele ausgebildete Kräfte entzog und so den Ge- jellenmangel mit verursachte.
Und nun fragen wir: Ist die Industrie auch heute wohl von dem Vorwurf ver Lehrlingszüchterei sreizusprechen? Haben nicht die Berichte der Gewecbeinspektoren schon wiederholt Klagen darüber erhoben, daß in Fabriken zu viel Lehrlinge gehalten werden? Hier aber werden sie in der Regel noch einseitiger und mangelhafter angeleitet, sogar vielfach nur als Ärbeitsburschen verwendet, an denen man den Lohn zu sparen sucht. Häufiger als in Handwerksbetrieben wird das Anleiten der Lehrlinge in den Fabriken von den Lehrherren anderen Personen übertragen, es ist also noch weniger Gewähr für eine ordentliche Ausbildung gegeben. — Und im Handel? Steht dieser in Bezug auf Lehrlingszüchtung ganz makellos und ohne Fehle da? Uns sind Fälle bekannt, wo selbst große „vornehme Häuser" einen Ueberfluß an Lehrlingen haben, nur aus niedriger Gewinnsucht, und das ist hierdurch noch viel verwerflicher, als bei einem kleinen Handwerksmeister. Und wo werden mehr junge weibliche Kräfte ausgenützt, in der Industrie und im Handel, oder in dem vielverleumdeten Handwerk?
Jedenfall herrscht in Bezug auf das LehrlingSwesen im Handwerk jetzt schon mehr Ordnung, als in diesen anderen Ständen. Die Handelskammern, denen Industrie und Handel unterstellt sind, kümmern sich um das Lehrlingswesen wenig oder gar nicht. In Fabrik-Betrieben beschränkt die untere Verwaltungsbehörde die Zahl der Lehrlinge nur dann, wenn sie gar zu groß ist; außerdem können auch vom Bundesrat für einzelne Gewerbezweige Vorschriften über die Höchstzahl erlassen werden. Noch unbestimmter sind die Verhältnisse im Handel. — Eine Prüfung am Ende der Lehrzeit fehlt hier wie da, mithin ein Beweis, ob bte jungen Leute in der Lehrzeit etwas gelernt haben. Eine Ausnahme machen nur handwerksmäßig ausgebildete Fabritlehrlinge, wenn sie von der Handwerkskammer geprüft werden und in Preußen, auch Württemberg nach ministeriellen Verfügungen geprüft werden müssen, obwohl sich die Kammer im übrigen nicht um sie bekümmern darf. — Im Handwerk Dagegen wachcn Innungen und Kammern über die Lehrlinge; der Lehrherr kann sogar, wenn der Lehrling durch fein Verschulden die Gesellenprüfung nicht besteht, dazu angehal'en werden, ihn auf seine Kosten anderswo auslernen zu lassen. So streng sind manche Vorschriften üoer das Lehrlingswesen, daß selbst Eltern sich mitunter scheuen, ihre Söhne dem Handwerk zu übergeben, und auf Der anderen Sekte viele Meister es vorziehen, lieber keine Lehrlinge zu halten, zumal da sie häufig nicht gerade die klügsten und besten Jung n zugeführt erhalten und später die Großiadusirie den Ha-pinutzen von der Ausbilduna hat.
„Burkard — anklagt — ? Ab-r das ist ja Unsinn! Darüber werden wir uns doch nicht aufregen?" meinte Lischa in voller Ruhe. Sie begriff überhaupt nicht, wie Burkard dergleichen berühren tonne. —
. O, aber doch! Selbst einen Burkard von Frohberg konnte eine solche Anklage auf gemeinen Diebstahl nicht gleichgültig bleiben! Mochte er sich noch w frei fühlen, seine Ehre war angetattet worden und mit ihm die aller seiner Freunde; und der dies gewagt war sein Onkel, ein alter Mann, weit über baS Alter hinaus, wo man. ihn vor die Pistole fordern konnte. -
Und eben weil er alt und sein nächster Verwandter war, lag bas. grobe Publikum immerhin umsomehr Glaub- wurdlgreit bann und um so heilloser wurde die Schädigung von Frohbergs Ehre!
Sie starrten sich alle vier blab an. Erst langsam ging ihnen bte ganze Tragweite dieser unglaublichen Beschimpfung auf.
„Wie haben Sie dies alles erfahren, Adelsberg?" fuhr Kolonitz dann empor.
. o -'Auf dem nächsten Wege, vom Müller von Biela, der mir das Pferd verkauft hat, auf dem ich herkam. Er erzählte mir, wie er sagte in seiner Unruhe um den Herrn Baron von Frohberg! -Ler „Afrikaner sei neulich plötzlich bei ihm erschienen und habe ihn ganz fteundlich gebeten, Einsicht nehmen zu dünen von der Quittung für die Wielen, welche derselbe von seinem Vater gekauft. „Im dachte, er luche einen Haken, den Kauf rüdgängig zu machen tino war heimlich schadenfroh, daß er sich an mir seine gelben Zähne ausbeltzen würde", berichtete der Äcüller weiter, und so hätte er ihm die Quittung gezeigt. Der „Aftikaner" aber hatte einen streifen Papier daneben gelegt und triumphierend geschrien: „Jetzt hab' ich ihn, jetzt hab' ich ihn." Und bann habe er gefragt, ob der Müller wohl erkenne, daß das beides seines Vaters Lchnst sei? — „O. ja, denn den Notizzettel hat er in meiner Gegenwart geschrieben, um die Scheine gelegt, die ich ihm eben pghin gezählt hatte und sie dann in se' '- Brieftasche geschlossen, die er immer auf der Brust trug."
. -La habe der „Afrikaner" gelacht und gefeixt und sich auf bte Knie geichlagen wie verrückt und ihn angekchrien „das müne er beim Staatsanwalt beschwören —" jetzt wolle er seinen Herrn Renen das schöne Klaino schon aus der diebischen Hand winden. — Ueber das Wort seien sie dann in einen lauten Streit geraten und er habe zuletzt in der Wut ben Majoratsherrn vom,Hofe gewiesen; dieser habe ihm zuaeschrien, er bringe die Papiere sofort zum Staatsanwalt. . , ,,
„Aber har er denn das wirklich gethan? Cs war doch wohl nur eine Drohung?" fragte Kolonitz.
11. Jahrgang
I«fe^tio«Svre1S: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie gan, Cberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Ps^.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernst recha«schl«ß Nr. 368.
Fälle von „LehrlingSzüchterei" im Handwerk sind jetzt nur noch vereinzelte Ausnahmen und, wo sie vorkommen, vlei leichter auszumerzen als in Industrie und Handel.
daher jetzt noch, sogar von gelehrter Seite, behauptet ? ,8üom Handwerk überhaupt noch leben kann, verdankt diese letzte Existenzmöalichkeit einem bösen Parasitismus, einem Raub an der Jugend der Nation, der Lehr- lingszuchterei" — so ist das eine, wir nehmen an, nicht absichtlich aber fahrlässig ausgesprochene Unwahrheit. Las Handwerk lebt vielmehr immer noch und es wird weiter gedeihen, obwohl oder, richtiger gesagt, weil die LehrlingS- zuchterei in seinem Schoße fast ganz aufgehört hat. Mögen einzelne seiner Mitglieder dadurch geschädigt oder zur Aufgabe ihrer unlauteren Thätigkeit genötigt worden sein, so ist doch dem ganzen Stande damit ein Dienst erwiesen worden, daß nicht mehr so viele Pfuscher herangezogen werden. Die große Masse der ordentlichen StandeSmitglieder hat durch, aus nichts dagegen, sind doch vielmehr auS ihrer Mitte selbst die lautesten Beschwerden über Lehrling-züchtung erhoben worden. Wohl aber verwahren sie sich ganz entschieden, mit ihrem Stande selbst als Parasiten am Volk-körper bezeichnet zu werden, wenn auch das Fortbestehen deS Handwerks den Verfechtern des „modernen" wie des „zukünftigen" Staate- weder in ihre Theorieen noch in ihre Praktiken paßt. „Parasiten," sind allerdings im Handwerk wie in anderen Ständen zu finden, und solche stehen nicht selten den Verleumdern des Handwerks sehr nahe.
Giessener Cagesneuidkeiten.
** Das Regierungsblatt Nr- 62, ausgegeben am 3. Sept, enthält: 1) Bekanntmachung, die Abänderung des Statut- für die H a n d w e r k s k a m m e r zu Darmstadt betreffend.
— 2) Berichtigung
•* Die alten Wetterregeln für September befagen, daß ein sonniger trockener Septemberanfang aus einen schönen Herbst und Winter schließen lassen. Gewitter im September deuten aus Schnee im Dezember. — Am Septemberregen ist dem Bauer viel gelegen. Matthäus (21. Sept.) mit viel Wasser ist gutem Weine Hasser. - RegnetS am St. Michelstag (29.), kommt ein milder Winter nach. — Das Verhalten der Tiere im September findet solgende Deutung: Wenn Die Spinnen kriechen, sie schon den Winter riechen. —-3c rauher der Hase, je bälder erfrierst du die Nase. — Scharren Die Mäuse tief sich ein, wirds ein harter Winter fein, doch viel härter wird er noch, bauen die Ameisen hoch. ^kehn ju Michaelis die Fische hoch, kommt viel schönes Wetter ^noch.
^Keinesfalls! Sehen Sie hier!" Und jetzt zeigte Ade^bers einen Brief ohne Unterschrift . der ihn benachrichtigte » daß der Baron von Frohberg auf Klamo des gemeinen Diebstahls bei der Staatsanwaltschaft angeklayt fei. -
»Sie waren sprachlos - die Damen wie Graf^Kolonitz - nichr aus Schrecken, sondern vor namenloser Empörung. Und b°" ^ÄÄÄ^ M-r-enfrüb- an
Burk-Z «« ÄÄ Burkard,
Vertreter allerlei Vorschläge machten^ in bte Sache einzugreifen â ,-in- MuM 'hm aller selbst zu überlassen.
Und am anderen Morgen war er da. hT-.n,
Starr vor Staunen sagen sie ihn an , als er plötzlich an ibrem Frühstückstische erschien. War daS derselbe Burkard, den sie kannten^ Dieser sttahlend Glückliche, der ernste, msichgekehrte Mann, dn nichts zu fennen schien als Lie Arbett, bie Dftub', bte S-lbW°W-L (#fwt Ne°i, Er NE glücklich! - Aber zu sagen wagten sie nichts gJ Ä HftiÄ
ttLumerisch nach innen und -m ^tn
©Hiebt - alsüre «kaumwasf» ij^inkr meinem Bette ZWZtzSLSâMW
ZM'LLN^ DV «
^a^DaS war Burkards wirkliche Meinung: auch ihn berührte
(3efd)ic6te nur obenhin. Da erzählte ein Gerücht, bÄberin jener* “ttä fei biejeb fle ®täfin Ebern selbst gewesen. Sie habe in Strapolno grobe Derândemngen beichloNen, Maurer- und Zimmerleute bergerufen und selbst Stunde um Swnde habet aeftanben, als man die Zimmer auSräumte um Wände emzu- reißen, Balkons zu erbauen und dem Schlosse ein ganz anderer Aussehen zu geben. - Ein Zufall hatte rhr wirklich selbst jenes Blatt in bk Hände gespielt und sie sich beeilt, es ihrem Gemahl zu geben, ohne Ahnung vielleicht von der Art, wie er es verwenden würv'