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Nr. 257.

Dienstag, den 4. November 1902.

11. Jahrgang.

«boaaementdprd«: in Bie&tn, °bakb«l- monatüch in« Haus gebracht 60 Psg.. durch die Post bezogen vtcrtel.

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Iuscrtiov^prei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg. sonst 15 Pfg.. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Psg.

Postzeitungsliste No. 3032.

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Das ^iart «idfir.t an «0« Wer,tagen nachmittag«.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.

Fernsprechanschlnß Nr. 362.

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Pagekkatt)

(Gießener Zertun«;)

für Oberhefserr und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung

____________ Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

Die Politik

Nahender Konflikt.

Q Ter Kampf um die Zolltarifvorlage wird mit der heute stattfindenden Reichstagssitzung in ein noch tritt* scheret Stadium eintreten, als seither. Wie aus sozial­demokratischen und freisinnigen Kreisen verlautet, soll in ber nächsten Zeit die Obstruktion mit verstärkter Kraft ei«setzen Die Parteien der Linken erblicken nämlid) in der Art, wie der Antrag Wangenheim erledigt wurde, einen Verstoß gegen die Geschäftsordnung, der nicht un­geahndet bleiben dürfe. Bekanntlich wurde der genannte Antrag durch Uebergang zur Tagesordnung aus der Welt geschafft, ebe noch eine Diskussion darüber stattae- funden hatte In dem Abschneiden der Diskussion, be­vor sie eröffnet mar, erblickt die Linke einen Gewaltakt, den sie auch mit einem solchen in Form verstärkter Ob­struktion beantworten will.

Diplomatische Steuerkunst.

K Wie nunmehr bestimmt bekannt wird, findet der Gegenbesuch des Zaren Nikolaus beim König von Ita­lien Mitte Januar statt. Der Zar will bei dieser Ge­legenheit auch dem Papste eine Aufwartung machen. Da dieser aber Gäste des königlichen Hofes nicht em­pfängt, so wird das Zeremoniell gewählt, das erstmalig bei dem Besuche des deutschen Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich, über diese Klippe hinweghelfen mußte. Der Zar begiebt sich nach der russischen Botschaft und fährt von dort aus in eigenem Gespann vor. So wird die Illusion erweckt, als käme der Zar, da die Botschaften Extcrritorialrechte haben, d. h. direkt unter der Hoheit des Heimatlandes stehen, von russischem Gebiet zum Va­tikan

Die Zarin an Melancholie erkrankt.

5 Bereits mehrfach war die Nachricht verbreitet, aber immer wieder dementiert worden, daß Irrenärzte nach Livadia an den Hof des Zaren beschieden worden seien. Wie wir jetzt zuverlässig erfahren, ist die russische Kai­serin an Melancholie erkrankt. Bekanntlich hat die frü­here, lebenslustige Prii:zessin Alix von Hessen sich nicht nach Hermelin und Krone gesehnt und lange Zeit Be­denken getragen, ehe sie die Werbung des jetzigen Kai­sers, der sie lieht und auf Händen trägt, annahm. Das Mißgeschick, das ihre Ehe durch das Ausbleiben des vom ganzen Volke heißersehnten Thronerben betroffen hat, und die letzte Erkrankung der Zarin haben ihr Ge­mütsleben stark erschüttert, so daß sie zusehends mehr der Melancholie verfiel.

Ein sanfter Druck auf die Türkei.

Die türkische Regierung läßt von Zeit zu Zeit er­klären, daß alle Aufstandsbewegungen im Balkan völlig unterdrückt sind. Trotzdenc aber kommen immer wieder Nachrichten von blutigen Gefechten, die bald da und bald dort stattgefunden haben. Im Zeitraum von einem Mo­nat sind 75 Personen erschossen und 38 gefangen gesetzt worden. Auf feiten der Negierungstruppen sollen im ganzen 17 Tote konstatiert worden sein. Man nimmt in­des an, daß die doppelte Zahl in den Gefechten gefallen ist. Die Dörfer werden nach Waffen und Munition durch­sucht; bis jetzt sind 150 Mannlicheraewehre ausgefunden worden. Die Grenzwachen sind verstärkt; außerdem ha­ben viele Dörfer Gendarmerieposten erhalten. Die bul­garische und die serbische Regierung haben die Erklärung I abgegeben, daß sie mithelfen wollen, die Aufstände zu unterdrücken. Trotzdem aber ist der französische Politi­ker Leroy-Beaulieu der Meinung, daß die Zustände im Orient einen Krieg herbeiführen können, wenn sich nicht die Srgnatarmächte des Berliner Vertrages einmischen !»nd zur Schlichtung der Disserenzen zwischen den aus- standrschen Volksmmderberten und ber Pforte Sorge tragen.

Kurze politische Nachrichten.

... * Berti n, 3. November. (Hofbericht.) Der Kaiser hörte Montag Vormittag im Neuen Palais die Vorträge des Stellvertreters des Chefs des Zivilkabinets, Geheimen rber-Regierungsrates von Valentini, des Ministers für Landwirtschaft, Staatsministers von Podbielski, des ^wgsministers, Generals der Infanterie von Goßler und des Professors Klingenberg. Der Kaiser beabsichtigt, dre verlautet, in Posen ein Residenzschloß zu bauen.

. * Der deutsche DampferTherapia" von der Levante- vor kurzem von dem Fürsten von Bulgarien bester)tigt Ter Generaldirektor der Levantelinie hat nun­mehr dem Kaiser über diese Besichtigung und zugleich Eer, die freundlichen Aeußerungen des Fürsten über reutschland und den Kaiser Bericht erstattet, was den ritterlichen Monarchen veranlaßte, dem Fürsten Ferdinand m einem huldvollen Telegramm seinen Dank auszu­sprechen.

, * Freiherr v. Zedlitz, der anerkannte Führer der frerkonservatrven Landtaaskraktion. der bekanntlich fei-

ner Zeit wegen seines Widerstandes gegen die Kanawor- lage als Präsident der Seehandlung pensioniert wurde, ist als Direktionsmitglied in die Invaliden- und Lebens­versicherungsanstaltAugusta" eingetreten.

* Die Bewohner von Damaraland in Südafrika, dem Volksstamme nach Hottentotten, sind, in einem Auf­stand gegen die englische Oberherrschaft begriffen, aus deutsches Gebiet übergetreten.

* Der österreichische Kronrat hat beschlossen, die Wehrvorlage zurückzuziehen. Das bedeutet eine Kapitu­lation vor der Obstruktion des Parlaments.

* Die Vertreter der ausständigen französischen Berg­arbeiter und der Bergwerksgesellschaften hatten am Montag Nachmittag eine Besprechung. Die Versammlung beschloß, die Streitfrage zwischen den Gesellschaften und Arbeitern bezüglich der Lohnprämien dem Schiedsgericht zu unterbreiten. Die Schiedsrichter sind von dem Mind» sterium bereits ernannt.

* Die Kundgebungen der englischen Kämpfer aus dem südafrikanischen Kriege wegen des rückständigen Soldes nehmen, da sich das Publikum immer stärker dafür inter­essiert, einen bedrohlichen Umfang an.

* Der Dampfertrust richtet eine Verbindung zwi­schen England und Südafrika ein.

* In Paris war die Nachricht verbreitet, daß ein italienisches Geschwader die türkische Insel Midi beschossen habe, weil die türkische Regierung keine befriedigenden Erklärungen bezüglich der Seeräubereien abgegeben habe. In Rom ist davon nichts bekannt; die Meldung ist also falsch.

* Wie der russischeRegierungsbote" und derRus­sische Invalide" bekannt geben, ist der Kommandeur des _ Gardekorps General-Adjutant Großfürst Paul Alexan­dr o w i l s ch aus dem Dienst verabschiedet worden, ein einzig dastehendes Vorkommnis bei einem Prinzen.

* DieRussische Telegraphen-Agentur" erklärt die Meldung, daß Finanzminister Witte bei seinen Inspek­tionsreisen in Ostasien über 200 Beamte seines Ressorts entlassen habe, für vollkommen unbegründet. Trotz dieses Dementis wird doch jeder glauben, was er will.

* Die Nachricht, daß tausend Buren im Somaliland für die Engländer Kriegsdienste leisten wollen, reduziert sich ganz gewaltig Bis jetzt ist ein einziges Angebot be­kannt und zwar von dem Burenkominandanteii Ben Viljoen, der seine Offerte dem Lord Roberts gemacht hat. Der Elephant wird zur Mücke.

* Die chinesische Regierung hat auf Verlangen der englischen Botschaft in Peking über mehrere höhere Beamte in der Provinz.Huan, die nichts zum Schutze der ermor­deten englischen Missionare getan haben, die Todesstrafe verhängt. .

st ah und fern.

A Einweihung der Kunsthochschulen in Eharlotten» burg. Die neuen Gebäude der Kgl. Hochschulen für die bildenden Künste und für Musik zu Charlottenburg wurden im Beisein des Kaiserpaars feierlich eingeweiht. Eröffnet wurden die Festlichkeiten durch einen farbenprächtigen Aus­zug der Berliner und Charlottenburger Hochschulen. Das Kaiserpaar mit großer Suite erschien zu dem Festakt in der Aula, wo es von den versammelten Professoren im Ornat begrüßt wurde. Nachdem Kaiser und Kaiserin auf einer Estrade unter einem Baldachin Platz genommen hatte, er­griff Kultusminister Dr. Studt das Wort zu einer An­sprache, in der er dem Kaiser dafür dankte, daß er durch seine tatkräftige Initiative das Zustandekommen der neuen notwendigen Bauten gesichert habe. Auch in ihnen soll das edle Ideal hochgehalten werden: nach dem Schönen und Erhabenem in Natur und Leben zu forschen und zu streben. Der Kaiser erwiderte in längerer Rede, in der er das hohe Interesse hervorhob, welches die Hohenzollern stets den schönen Künsten entgegengcbracht hätten. Be­sonders Kaiser Friedrich III. hätte sich für die Verlegung ber Hochschulen an einen würdigeren Platz verwendet, ein Projekt, dessen Verwirklichung jetzt gelungen sei. Er be­glückwünsche die Akademie dazu unb hoffe, daß sie auch fernerhin in enger Anlehnung an die unerreichbaren klassi­schen Vorbilder und in treuer Nachfolge der zahlreichen großen Meister aller späteren Jahrhunderte, w.'lche der Kunst sich geweiht und sie fortentwickelt haben, die Ideale der Kunst in den durch Ueberlieferung und die unwandel­baren Gesetze der Schönheit, Harmonie und Aesthetik ge­wiesenen Bahnen pflegen werde. Mit einem Konzert in der Hochschule für Musik schloß die erhebende Feier.

I4:l Ein nächtliches Duell wurde in Berlin zwischen dem Referendar v. S. und dem Landwirt und Reserve­offizier B. ausgefochten, die in einem Cafe nachis um 1 Uhr über ein politisches Thema in Streit geraten waren, der schließlich in Tätlichkeiten ausartete. Die Beteilig­ten kamen überein, daß wegen der Schwere der Beleidi-

Fung das Duell sofort ausgefochten werden sollte. Sie begaben sich nach der Wohnung des Herrn M., wo im ge­räumigen Korridor der Zweikampf mit schweren Säbeln s attfand. Schon beim ersten Gange erhielt der Referendar ei''en tiefen Stich in den Unterleib, sodaß er sofort mittels "1' "ach seiner in der Mittelstraße befindlichen Woh­nung übergeführt werden mußte, wo Herr von S., der sich nur zum Besuch in Berlin aufhielt, schwer krank dar- mederliegt.

^^i Licbe^tragödicu im Berliner Tiergarten, ^bespaar aus Hainichen, der 25 Jahre alte Tech- nner Ernst Bernstein nnb seine 19 Jahre alte Geliebte, ore Verkäuferin Sarah Meßler, wurden in einer Allee rnl Berliner Tiergarten tätlich verwundet aufgefunden. Sie hatten beschlossen, gemeinsam in den Tod zu gehen, va die Eltern des jungen Mannes sich einer Verbindung der beiden widersetzten. Bernstein starb bald nach sei ner Auffindung, das junge Mädchen erlag im Kranken Hause ihren Verlegungen. Weiter wird aus Berlin gemeldet: Der 22 Jahre alte Schreiber Ernst August Threle versuchte seine 18 jährige Braut, die Arbeiterin Else Bruß, in der Eichen-Allee zu erschießen, nacljbem sie sich geweigert hatte, mit ihm gemeinsam in den Tod 511 gegen. Die drei Schüsse, die T abgegeben hatte, bracht ten der Brüß schwere, wenn auch nicht lebensgefährliche Verwundungen bei. Unmittelbar nach der Tat entfloh Thiele, ohne daß es bisher gelungen ist, seiner habhaft zu werden. Die von einem Schutzmann aufgefundene Else Brüß mürbe nach der Charite geschafft. Ihre Ver­nehmung hat bisher nicht stattfinden können. Auf die Ergreifung des Täters hat der Berliner Polizeipräsident eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt und die Tat durch Säulenanschlag besannt gegeben.

i Eine Hochstaplerin in Männcrllcidnng. Unter dieser Spitzmarke teilt das BerlinerKleine Journal" folgende etwasräubermüßig" klingende Geschichte mit. In der Familie des Medizinalrats E. in Charlottenburg verkehrte seit einigen Monaten ein junger Student der Medizin, der sich von Kaminski nannte und angab, gebürtiger Pole zu sein. Die 17jährige Tochter des Medizinalrats hatte den jungen Studenten in einer Privatgesellschaft kennen ge­lernt und sich sterblich in denselben verliebt. Auf ihre dringenden Bitten durfte von K. im Hause ihres Vaters verkehren, obgleich der junge Pole dem Medizinalrat nicht sympathisch war. Die verliebte Tochter wußte es sogar durchzusetzen, daß der Student, der stets sehr bescheiden austrat, einen Freitisch im Hause des Vaters erhielt. Vor etlichen Wochen machte nun der Medizinalrat die unange­nehme Entdeckung, daß ihm mehrere teure chirurgische Instrumente sowie eine Anzahl Schmuckgegenstände von Wert abhanden gekommen waren, und sein Verdacht lenkte sich auf den jungen Polen. Um sich darüber Gewißheit zu verschaffen, betraute er ein Privatdetektivbureau mit der Beobachtung des jungen Studenten, dessen Wohnung der Familie des Medizinalrats nicht einmal bekannt war. Schon nach wenigen Tagen teilte ein Detektiv dem er­staunten Medizinalrat mit, daß der angebliche Pole eine Polin sei nnb bei einer Frau W. in der Knesebeckstraße möbliert wohne. In Begleitung des Medizinalrates be­gaben sich zwei Detektivs am letzten Sonntag Vormittag zu dem Pseudo-Studenten und entlarvten ihn als Be­trügerin. Von den gestohlenen Schmucksachen fand man nichts mehr vor, wohl aber sämtliche Instrumente. Die Hochstaplerin, welche sich unter falschem Namen in Char­lottenburg aufhielt und in Männerkleidung in der besten Gesellschaft verkehrte, legte ein offenes Geständnis ab und dürfte sie deshalb nicht den Behörden übergeben werden.

|::| Rettung Schiffbrüchiger. Die Rettungsstation Kloster der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schlffbrüchi- ger telegraphierte am 3. November: Von dem bei Neuen­dorf gestrandeten dänischen SchoonerCatharina", Kapi­tän Christensen, mit Gerste von Kopenhagen nach Stral­sund bestimmt, wurden drei Personen durch den Raketen- apparat der Station gerettet

Vermischtes.

A sDer Kaiserin Abschieds Die St. James Gazette bringt folgende hübsche Anekdote von unserem Kaiser­paar: Der Kaiser begab sich einmal auf die österreichische Gesandtschaft und hielt sich dort länger aus, als er be­absichtigt hatte, so daß es ihm nicht mehr möglich gewesen wäre, sich von der Kaiserin zu verabschieden, da er ab­reisen wollte. Auf des Kaisers Ersuchen setzte der Ge­sandte das Telephon mit dem Schloß in Verbindung. Ter Kaiser sprach hinein, allein die Antwort schien nicht den Schluß zu bilden. Nach wenigen Minuten fuhr ein kaiserlicher Wagen im schärfsten Galopp vor der Gesandt­schaft vor, die Kaiserin sprang heraus, umarmte den Kaiser und entfernte sich sogleich wieder. Im Fortgehen wandte sie sich zu dem Gesandten und sagte:Ich bitte Oesterreich-Ungarn um Verzeihung."

* [Gin edler Wettstreits ist unter einigen Pariser Zeitungen entbrannt. Die Wiederverüaftuna des entflo-