Nr. 231
Samstag, den 4. Oktober 1902.
11. Jahrgang.
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B Ba» Blatt erscheint an «°«. Werktagen nachmittag«. ----^ ^
Juir/tio»Svreiö: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3082.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferns; rechanschlnß Ät. 868.
,i Neueste Nachrichten
(Gießener Gngevtntl)
Zlnaöhängige Tageszeitung
(chießeuer Weitung)
für ^b erhoffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
^^n Derlag der Gießener Verlagsdi ucker i. Vorm. Wilh. Keller'sche Luchdrurterei, sgcgr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin'Kl «in', Giehen.
tim Hinscheiden
Dank.
erblitbenen iVwe.
2 6 Sitzung der Großh. Handelskammer liegen für die Kreise Gießen, Alsfeld und K Lauterbach V Protokoll-Aaszug
y Gießen, 30. September 1902.
W (Schluß.) .
Ul 8 Die Großh. Handelskammern IN Bingen und dl ültini hatten die Abhaltung von Kursen für Lehrer an 11 kaufmännischen Fortbildungsschulen angeregt. Nach (^Mteilung der letztgenannten Kammer soll bereits Mitte Lktobcr in Mainz ein derartiger Kursus beginnen, dessen Dauer auf acht Wochen mit je sechsstündigem Mj Unterricht in jeder Woche bemessen. Die Teilnahme an dem Kursus ist kostenlos. Die hiesige Kammer hielt f J die Einrichtung derartiger Kurse für sehr zweckmäßig, At fnab es aber für richtiger, daß solche Kurse in Frank- W fuct a. M stattfinden möchten, da Mainz für die ober- hessischen Lehrer zu ungünstig gelegen ist und in Frank- furt a. M. für die Abhaltung von Kursen auch sonst bessere Vorbedingungen gegeben ist.
9. Es ist als ein großer Mißstand empfunden ■J worden, daß im letzten Sommer-Semester die Lehr- linge einiger Firmen viele Unterrichtsstunden der ^auf- münnischen Fachschule in Gießen versäumt und als Grund hierfür geschäftliche Verhinderung angegeben UZ haben. Die Handelskammer war der Ansicht, daß ge- Mftltche Verhinderung nur in außergewöhnlichen ^Fällen als Grund zur Versäumnis angesehen werden ^kann und beschloß, da offenbar den kaufmännischen »^Prinzipalen noch nicht genügend der veränderte Charakter -—der kaufmännischen Fachschulen bekannt ist, in einer W Veröffentlichung nochmals auf diese Aenderung hinzuweisen und zu betonen, daß bei künftigen Versäumnissen die gesetzlichen Folgen eintreten würden. Die Schulleitung hat bei Aufstellung des Stundenplanes die Einrichtung getroffen, daß nie mehr als ein Lehrling zur selben Zeit dem gleichen Geschäft entzogen wird. Nach dieser gebotenen Rücksichtnahme muß im Interesse eines aeordneten Unterrichts um so strenger auf pünktlichen Besuch gehalten werden.
10. Entsprechend einer Eingabe des Zentral- berbandes der deutschen Uhrmacher in Leipzig an den Bundesrat sprach sich die Kammer für das Verbot des Hausierens mit Uhren jeglicher Art und für den Erlaß Don Ausführungsbestimmungen, die die Umgehung des Verbots unmöglich machen, aus.
11. Zu dem am 12. Oktober in Mainz stattfindenden Hessischen Handelskammertag wird die Kammer ihre beiden Vorsitzenden und den Syndikus entsenden.
12. Unter den Eingängen sind folgende hervorzuheben :
1. Eingabe des Vereins deutscher Papierfabrikanten an den Herrn Reichskanzler betr. die gesetzlich zulässige Arbeitszeit für Arbeiterinnen über 16 Jahre.
2 Eingabe des Verbandes deutscher Handlungsgehilfen in Leipzig an die deutschen Handelskammern, betr. die von dec Handelskammer zu Erfurt beantragte Aenderung der Ruhezeit für kaufmännische Angestellte.
3. Bericht des Ausschusses für das Studium zur Errichtung einer technischen Reichsbehörde in Berlin.
4. Kritik des letzten Geschäftsberichts des Kornhauses zu Halle a. S., herausgegeben vom Sächsischen Provinzialverein für Getreide- und Produktenhandel zu Halle a. S.
5. Veröffentlichungen des Deutschen Feuerversiche- rungs-Schutzvecbandes.
6. Geschäftsübecsichten der Gcoßh. Hessischen Aich- anstalten im Jahre 1901.
7. Bekanntmachung der Königl. Eisenbahndirektion zu Frankfurt a. M., in der die Interessenten zur Vermeidung von Verkehrsstörungen ersucht werden, die Kohlenbezüge möglichst bald zu bewirken.
8. Von zuverlässiger Seite ist der Großh. Handelskammer Mitteilung gemacht worden, daß die griechische Regierung jede Verantwortlichkeit für die in Aussicht genommene internationale Ausstellung in Athen sowie ihre Beteiligung daran entschieden in Abrede stellt.
9. Zweifelhafte Firmen in Großbritannien, Skandi- navien, Spanien, Kuba, Frankreich, Türkei, Rumänien ; Geschäfts- und Kceditvechältnisse in Südafrika und in verschiedenen Staaten Amerikas.
Die Eingänge können im Bureau der Handelskammer während der Geschäftsstunden eingesehen werden.
UermilcMes.
* Berlin, 3. Oktbr. Der Schachmeister W a l b r o d t ist heute zu Berlin im Alter von 31 Jahren gest orben.
Berlin, 3. Oktober. Wie der Lokal-Anzeiger aus Insterburg meldet, hat sich Leutnant Mut reich vom Feld Art.-Reg. Nr. 77, der heute vor einem Ehrengerichte erscheinen sollte, erschossen, vermutlich in einem Anfalle von Schwermut.
^Magdeburg, 3. Okt. Ein großer Gold-^und Silber- waren-Diebstahl ist in der vergangenen Nacht bei der Firma Albrecht Hierselbst verübt worden. Die Einbrecher drangen mittels Nachschlüssels vom Hautflur aus in den Laden und stahlen Waren im Werte von 40,000 Mt. Von den Thätern fehlt jede Spur.
Hannover, 2. Okt. Seit heute Morgen 3 Uhr herrscht hier Schneetreiben.
* Schmalkalden, 3. Okt. Eine furchtbare Feuersbrunst suchte gestern den benachbarten Ort Floh heim. Bei'starkem Ostwind brach gegen 5 Uhr nachmittags in dem Hause deS Drechsler Fleischmann Feuer aus, das sich mit rasender Schnelligkeit verbreitete und 35 Wohnhäuser und 15 Scheunen und Stallgebäude in Asche legte. Menschenleben sind nicht zu beklagen.
* Görlitz, 1. Okt. Jn Strahweite schoß ein 28 jähriger Zigarrenarbeiter aus Eifersucht auf seine 26 jährige Ehefrau, die tätlich verletzt wurde. Der Thäter beging darauf Selbstmord.
* Gumbinnen, 1. Oktober. Das größte Dampfmühlen-Etablissement Ostpreußens, der Firm A. P r a n g gehörig, steht seit heute früh in Flammen. Das große fünfstöckige Dampfmühlen-Gebäude brennt in seinem ganzen Umfange und ist unrettbar verloren. Große Menschenmengen umlagern die Brandstätte. Ueber die Entstehung des Brandes ist noch nichts bekannt,
z J * Warschau, 30. Septbr. Durch spielende Kinder wurde die Ortschaft Woschmick in Brand gesteckt. Von 129 Wohnhäusern sind 120 abgebrannt. Das Elend ist groß.
* Soeben (Steiermark), 1. Oktbr. Der Einwohner K o n r a tz aus Steinach wurde von dem hiesigen Kreis- gericht wegen Religions-Störung begangen durch Beleidigungen Martin Luthers zu 6 Monaten verschärften Kerker verurteilt.
* Bozen, 3. Okt. Auf dem Brenner wüten Schneestürme. Sämtliche Berge in der Umgebung sind mit Reu- Schnee bedeckt.
* Paris, 3. Okt. Der angesehene Finanzmann Doulaine wurde gestern im Justizpalast verhaftet. Er ist in die italienische Bank-Affaire verwickelt.
* Havre, 3. Oktober. Hier herrscht großes Aufsehen über die Auffindung einer Fcauenleiche am Strande. Es heißt, man habe es mit der Leiche der Frau Humbert zu thun. Die Leiche war sehr fein gekleidet. Die Geschäftszüge weisen thatsächlich eine Aehnlichkeit mit der Frau Humbert auf.
Entlarvt.
Roman von Moritz Lilie.
(Nachdruck verboten.)
bei dem uns be- . Vaters
yeren tiefgefühlte"
tertlieM16"
Stiehl-
plW^ ^Kikt-lè.
.,. «Gut, ich werde hier sein und eine Viertelstunde warten", entschied bte Sängerin. „Solltest Du nicht kommen, so werde ich sofort dem Herrn Grafen Rodeck meinen Besuch machen und Dtmielben bte für ihn ohne Zweifel sehr interessanten Neuigkeiten überbringen.
Zhue einen Gruß wandte er sich ab und ging.
^^ war sie zur festgesetzten Lit am bestimmten w™ wenige Minuten spater erschien auch Ancelot. Er über- «i ?;„M^ und erklärte, daß er ihr augenbhrfliÄ nicht mehr habe schaffen können.
brei Ta^n asf^o^ düsend Gulden wirft Du mir in spätestens I" kannst mir das Geld in meine
MfeÄtâÄ Kelter an im Anf-ng-
91U ^b.ss^ m^-V“^^ Ich wünsche, daß ii4em Tone <?rh hita ^°- ’& ®a,Üc m ruhigem, fast freund- liebern ^one. „Ich habe ein solches für Dich in der Rinaffraße ausgewahlt, und wenn Du willst können wir es gleich besichtigen " l "2ch ^ln ts zukreden . verletzte dieFraunach kurzem lieber- «gen, und beide machten sich auf den Weg
»Wir sind am Ziele' erstatte Ancelot'nach kurzer Zeit vor einem stattlichen Hause stehen bleibend ’ -^ , nor .mv^'"? -V°"^ Seraphine an dem vierstöckigen G-bänd- sy.6^ teTm Simsen sehr stattiich „Wie hoch?" fragte sie ins Haus tretend.
«Kwei Treppen", antwortete Ancelot.
Dorsaalthür war nicht verschlossen; offenbar erwartete ?, " b " Bemch Ein Mädchen, nicht mehr jung, empfing bie reiben, unb Ancelot stellte sie als die künftige Zofe vor.
"Wie Heiken Sie?» fragte Seraphine.
.ßiiette, gnädige Frau.»
M-i. K-roal ?aI "ite Mal, daß sich die Sängerin so nennen gone,j)ie Jose hatte damit sofort ihre Zuneigung gewonnen.
i^ können bleiben, ich behalte Sie", sagte sie freundlich unb begann, die Zimmer 511 besichtigen.
Ancelot war zurückgeblieben.
raunte er dem Mädchen zu. „Suchen Sie Oewn^-n ^ ECt^ ? n^ Sie haben sofort ihr Vertrauen Gewonnen. Sobald unser Plan geglückt ist, erhalten Sie hundert
Dukaten in Gold. In jedem Zimmer stehen mehrere Armleuchter mit Kerzen. Es muß der Frau klar gemacht werden, daß diese Beleuchtungsart weit vornehmer ist als jede andere", fuhr der Mann leise fort „Schonen Sie die Lichte nicht, es ist genügender Vorrat da."
„Sie sollen mit mir zufrieden sein, gnädiger Herr; auf diese Weise ist ohne jeden Verdacht der Zweck zu erreichen", versetzte das Mädchen, und in ihren grauen Augen blitzte es tückisch auf.
Seraphine kehrte zurück, und Ancelot trat rasch ans Fenster, während Lisette an der Thür stehen blieb und ihre künftige Herrin erwartete.
„Ich nehme die Wohnung", wandte sich die Sängerin an ihren Mann. „Morgen ziehe ich ein."
„Wann darf ich die gnädige Frau erwarten?" fragte Lisette.
„Am Vormittag nicht; ich bin gewöhnt, lange zu schlafen", erklärte diese.
Ancelot wechselte einen Blick des Einverständnisses mit der Zofe; dann verließ er mit seiner Frau die Wohnung. „
Auf der Straße trennte sich das seltsame Paar ohne Händedruck, selbst ohne Gruß. Jedes schlug eine andere Richtung ein.
XX.
Im neuen Heim.
Seraphine hakte die neue Wohnung bezogen und sich häuslich darin eingerichtet.
Sie rührte ein äußerst beguemes Leben, dessen ganze Thätigkeit in Essen, Schlafen und Spazierenfahren gipfelte.
Aber es war eigentümlich, das träge Leben schien der sonst so kräftigen Frau nicht sonderlich zu bekommen.
Sie sah bleich und kränklich aus, ihre dunklen Augen hatten nicht mehr den gewohnten Glanz, und ihre Bewegungen waren schwer und matt. . „
Das Kammermädchen suchte Seraphine ihre Leiden möglichst zu erleichtern; sie besorgte ihr Erftischnngen aller Artz wartete nnd pflegte sie und bestand endlich darauf, daß sie einen Arzt nehme. Der Heilkundige, welchen Lisette ins Haus brachte, war aber ihr Bruder, welcher in einer der Nachbarstratzen einen Barbierladen besaß. . _ .
Zuweilen fühlte sich die junge Frau so matt, daß sie lang im Bette zubrachte. Der angebliche Arzt verbot ihr, das Zimmer zu verlassen, da das Wetter für sie viel zu kalt und rauh sei; ja, nicht einmal die Fenster durste sie offnen, weil die Lust ihren leidenden Lungen schade. Dafür ordnete er moguchsi gut
geheizt« Zimmer an, und die Zofe sorgte dafür, daß eine hohe Temperamr herrschte, obgleich das die Nerven der inngen Stau n0*Sobalb^ dunkeln begann, zündete Lisette in den Zimmern, welche ihrer Herrin zur Wohnung dienten, sämtliche K«rz«n an. sodaß die Räum« in hellstem Lichte erftrablttn.
Der Mann, welchen die Krank« für den Arzt halten muht«, kam zwar täglich und gab Verhaltungsmaßregeln, aber die Lerdende mUr ©i™"^ wie vertraulich und fäabenfrofc die Zofe und der Arzt sich zulâcheiten, wenn Ser-vhin« i über «. nehmende Schmerzen klagte, noch weniger wußte sie, daß Ancelot der Dienerin bei jedem Besuche ein Goldstück in die Hand druckte und ihr außerdem in Worten seine vollste Zufnedenhett zu er- ^n^So^wa'r der heilipe Abend herangekommen, in Palast und
^UttMfl^ Zofe gebeten, einen Christbaum zu schmucken, aber das Mädchen hatte diesen Wunsch schroff ab9CÄ^ eine solche Kinderspielerei, gnädige Frau?" sagte sie kurz und trotzig. „Ich habe keine Zeit zu öe^ärtzgen Arbeiten, durch Ihre Krankheit ist schon ohnehin weine Thätigkeit mehr als genug in Anspruch genommen und keineswegs auf besonders ang-n-ßme Art/« „ ^ ^d schwi-a. Si« war an ihr
Schmerzenslager gefesselt und vermochte nichts dagegen zu thun.
Längst chon hätte sie das Mädchen, welches immer dreister und selbstständiger a-g-n sie aufwat. entlassen aber An-tlm gab dies nicht zu, und sie war bereits so krank, daß sie ihren Willen
Eingangsthür zur Wohnung an«
^^CHe'te^n'g; um nachzusehen, wer Einlaß begehrt«.
Vielleicht war es ein Hausierer ob« ein Betlier, di« h«ut«, am W-ihnachistage, besonders willige Hand« fanden.
Frauenstimmen ertönten auf dem Vorsaal. .
„Ich sage Ihnen, die gnädige Frau ist nicht zu sprechen: sie ist schwer krank", rief das Kammermädchen, offenbar bemüht, der anderen den Eintritt zu wehren.
„Um so eher muß ich zu ihr", versetzte in entschiedenem Tone die Frau. „Sie haben keineswegs nötig, mich erst anzumelden."
„Wenn ich Ihnen aber sage, es geht nicht, der Arzt hat eS auf das Strengste verboten!" warf Lisette ein, als jene sich vor die Thür stellte.