gleichnamigen Kreise ein großer Teil der Chausseen, Zufuhrwege rc., mit diesen Schienen versehen, welche auch an vielen anderen Stellen Deutschlands verlegt sind.
Die auf Jahre lange Beobachtung begründeten Gutachten der sämmtlichen Beteiligten äußern sich (in yöchst anerkennender Weise über diese Gleise, welche selbst in starken Krümmungen und erheblichen Steigungen sich ganz vorzüglich bewährt haben. Es ist zu erwarten, daß eine so nützliche Erfindng, wie die Fuhrwerksbahngleise, größere Verbreitung finden wird und lebhaft zu wünschen, daß die Kenntniß des Systems mit Rücksicht auf die sofort in die Augen springenden großen Vorzüge derselben sich bald in weiteren Kreisen Bahn brechen möge.
Deutsches Reich.
Die beiden ostasiatischen Gäste des Kaisers, der Schah von Persien und der Kronprinz von Siam, haben ihren Besuch am kaiserlichen Hofe wieder beendigt. Der Schah reiste nach Karlsbad ab. Der persische Herrscher zeichnetediePrinzessinFricdrich Augustvon Sachsen, welche bekanntlich nebst ihrem Gemahl zur selben Zeit in Berlin verweilte, in besonderer Weise dadurch aus, daß er der hohen Frau den vornehmsten von ihm zu vergebenden Orden, den Sonnen- und Löwenorden, verlieh und der Prinzessin selbst überreichte.
* Prinz Ludwig von Bayern hat in Kaiserslautern, wo er der Wanderversammlung der bayerischen Landwirte beiwohnte, eine Rede gehalten, in der er zum Zusammenwirken aller erwerbenden Stände mahnte.
Dresden 3. Juni. Der König, bei dem das alte Leiden wieder stärker austritt, ist gezwungen, einige Tage das Bett zu hüten.
Berlin, 3. Juni. Auf dem Bornstedter Felde stürzte heute Vormittag Erbprinz Victor von Ratibor, Leutnant im Regiment Garde du Corps bei einer Uebung des Regiments mit dem Pferde und erlitt schwere Ver- letzungen.
Oesterreich.
Lemberg, 3. Juni. Gestern fanden wiederum Exzesse statt, welche bis spät Nachts dauerten. An ihnen sollen aber weniger streikende Bauarbeiter als andere unruhige Elemente teilgenommen haben. Soweit bis jetzt bekannt, sind über 40 Personen durch Säbelhiebe und Schüsse verwundet worden, darunter 29 lebensgefährlich. Auf Seiten des Militärs sind drei Husaren schwer und mehrere Soldaten durch Steinwürfe leichter verletzt worden. Verhaftet wurden 26 Personen. Außerdem haben zahlreiche Kinder durch die Kavallerie-Attacke Verletzungen davongetragen. Die Zahl der Kinder ist jedoch nicht zu eruiren. Da für heute weitere Exzesse befürchtet werden, durchzogen während der ganzen Nacht Militärpatrouillen die Stadt.
In der Schule wetteiferten sie, sich das Interesse von Lehrern und Lehrerinnen zu erhalten, zu verdienen, — wie zwei Untrennbare hockten sie nebeneinander auf der Schulbank.
Man hätte stets nur eine einzige Censur für sie auszuschreiben brauchen; ihre Fortfchritte, ihre Mängel waren die gleichen, — im Singen und Zeichnen exzellirten die Zwillinge.
Jahre flogen dahin. Die Lernzeit schloß mit der Konfirmation ab. Der Prediger hatte den Schwestern Ruth's herrliches Wort zu Noemi als Leitjpruch mit auf den Lebensweg gegeben.
Noch zwei Jahre eifriger Schulung in Küche und Haushalt, und die schönste Zeit brach an für Lulu und Lolo, die sorgenloseste im Leben junger Mädchen aus wohlhabendem Stande.
Die Zwillinge dursten sich am Besuch von Konzerten, Theater und Gesellschaften erfreuen, sie durften tanzen, — tanzen!
Einen Erfolg hatten ihre frischen Erscheinungen! Man riß^sich um das Doppel-Phänomen, um diese reizenden Schwestern, die sich durch Nichts unterschieden, als durch das Perlkreuz und das Korallenherz.
Oesters machten Lulu und Lo<o sich den Scherz, die Kettchen mit einem Shawl zu verhängen. In welche Verlegenheit dann ihre Tänzer geriethen! Und die Zwillinge schmollten und lachten und rissen schließlich die Shawls ab, um das Inkognito zu lüften — —
Nach einem Ball war's . . .
Lulu uud Lolo hatten den größten Erfolg des Abends verzeichnen dürfen. Mit Kotillonsträußchen beladen waren sie heimgekehrt, die leichtsinnig - schwer- müthigen Echos Strauß'scher Walzer noch in den Ohren.
Nun standen sie im gemeinsamen Schlafzimmer in ihren rosigen, zerdrückten Kleidern, verhaltene Seuszer aus den Lippen.
Lulu drehte ihr Korallenherz zwischen den Fingern. „Gott, war das ledern heut", bemerkte sie gähnend.
Lolo machte schmale Augen. „So ledern wie neulich bei Tante Mila, und in der vorigen Woche auf dem Juristenball. Nicht wahr? Ja, ja, wenn gewisse Leute fehlen!"
Wie gestochen fuhr Lulu zusanimen.
„Mir hat Niemand gefehlt!" betheuerte sie blutroth, „von mir kann doch gar nicht die Rede fein —". Sie bückte sich, als suchte sie etwas, um ihr Erröthen zu bemänteln. „Ich weiß überhaupt gar nicht, von wem Du sprichst —
„Nun, von ihm, der auf drei Wochen in feine Heimath gereist ist —"
„Ah--", dehnte Lulu, „Du meinst Assessor Arndt."
„Gewiß, Ulrich Arndt. Merk' auf, ehe der Fasching da ist, hält er um Dich an."
Lemberg, 3. Juni. Nach einer Wiener Depesche des Berliner Tageblattes sind von den Verwundeten noch 5 gestorben, andere befinden sich noch in Lebensgefahr.
Kleine politische nachrichten.
Berlin, 3. Juni. Die Zolltarifkommission des Reichstags setzte ihre Beratungen bei den Positionen Essig 2C. fort. Nach längerer Diskussion wurde Position 185 nach der Regierungs-Vorlage angenommen, ebenso Position 275. Bei Position 307 wurde der Zollsatz nach einem Anträge Gamp auf 1 Mk. festgesetzt. Bei Position 347 wurde der Zollsatz ebenfalls auf einen Antrag Gamp mit 5 Mk. nominirt. Position 368 wurde nach einem Anträge Beumer abgeändert, welcher einen Zoll von 20 Mk. vorschlägt. Die Positionen 308 bis 313 wurden sämmtlich in der Regierungsverfassung angenommen. Pei Position 314, zu welcher eine Reihe von Anträgen vorlag, wurde die Beratung auf morgen vertagt.
Die Verbannung von 42 Stude nten und 5 Professoren der staatswissenschaftlichen Fakultät zu Warschau, welche, da sie einem polnischen Geheimbunde angehörten, zur Deportation nach Sibirien verurteilt waren, ist erfolgt.
Deutscher Reichstag.
(Sitzung vom 3. Juni.)
Am Bundesratstische Minister von Podbielski, Schatzsekretär Thielmann.
Präsident Graf Vallestrem begrüßt das Haus und gedenkt sodann des schweren Unglücks auf der französischen Insel Martinique. (Die Mitglieder des Hauses erheben sich von den Plätzen.) Eine blühende Stadt sei vollständig vernichtet worden. Noch immer drohe dem bisher verschont gebliebenen Teile der Insel dasselbe Schicksal, da die Naturerscheinungen, welche dieses Unheil herbeigesührt haben, noch nicht aufgehört haben. Tiefes Mitgefühl habe das deutsche Volk empfunden bei diesem Unglück, das die edle französische Nation betroffen habe. Diesem Gefühl im Namen der Vertreter des deutschen Volkes Ausdruck zu geben, sei der Zweck dieser Worte.
Tagesordnung: Zweite Lesung des Sü ß stoffgesetze è.
Abg. Becker (Centrum) beantragt nochmalige Zurückverweisung des Gesetzes an die Zuckersteuer-Commission. Nachdem Abg. Hermes (freis. Volksp.) diesem Anträge beigetreten, wird derselbe angenommen.
Es folgt die Fortsetzung der dritten Lesung der Novelle zum Branntweinsteuer-Gesetz auf Grund der nachträglich zu Artikel 2 von der Commission gefaßten Beschlüsse. Die Commission hat in der Hauptsache die Brennsteuer wieder eingeführt mit einer bestimmten Steuer-Skala, durch welche namentlich die gewerblichen großen Brennereien und Melasse-Brennereien hervorragend schwer von der Steuer
„Nein! um Dich, das ist bei mir längst ausgemachte Sache."
Lolo lachte gequält auf und nahm sich den Veilchenkranz aus den Haaren.
„Um mich? Wie sollte er darauf kommen? Mit mir hat er sich nur beschäftigt, weil ich Deine Schwester bin.
„Und mit mir, weil ich Dir ähnlich sehe." Lulu schleuderte so heftig ihre goldledernen Schuhe von den Füßen, daß sie unter's Bett hinnntertanzten.
Lolo zuckte die Achseln. Das rosige Kleid glitt ihr von der Schulter. „Als ob ich ihn überhaupt nehmen würde! Ich hab' einen ganz anderen Geschmack."
Die Schwester hielt im Auskleiden inne.
„Zum ersten Mal im Leben einen anderen Geschmack als ich?" Kaum war ihr das verrätherische Geständniß entflohen, so hätte sie es zurücknehmen mögen um jeden Preis.
Lolo klatschte in die Hände. „Du liebst ihn! Du liebst ihn! Und er Dich!" Sie blickte in den Spiegel. „Und ich laß mir hier neben den Mund ein kleines Rial auf die Haut tätowiren, danüt keine Verwechslung vorkommt, wenn Ulrich Dich erst küssen wird —"
Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Thränen.
Lulu stand da mit herabgezerrten Mundwinkeln, die langen Haare gelöst, — ein Bild schwermüthiger Reue. Gleich einem großen Blutstropfen schimmerte das Korallenherz auf ihrer Brust.
„Mein Liebling, mein Kleinod," sagte sie leise und betrübt. „Du liebst ihn, Ulrich. Ich weiß es längst. Und daß er Dich stets auszeichnete, hat mich glücklich gemacht, so glücklich!" Zivei schwere Thränen tropften auf ihr weißes Nachtkleid herab.
Lolo schluchzte laut. „Und ich bin so — unglücklich! Ach, meine Herzensschwester, nimm Du ihn doch! Kein Mensch paßt besser zu ihm, als Du mit Deinem zärtlichen Herzen, Deinen holden Augen. Er muß Dich ja lieben. Und er thut's auch gewiß. Willst Du es leugnen?"
Lulu sah plötzlich sehr streng aus. „Dann liebt er uns beide."
„Das ist doch aber nicht möglich, nicht möglich," stamnielte Lolo und öffnete die sammtenen Augen weit.
„Nicht möglich? Sind wir denn etwa zu unterscheiden?" rief Lulu verzweiflungsvoll, „und wenn Du nicht das Perlkreuz trügst —"
„Und Du das Korallenherz —"
„Dann wüßte er vielleicht gar nicht —”
„Daß ich die Lolo bin —"
„Und ich die Lulu."
Weinend sanken sie sich in die Arme.
Lulu fing zuerst an, die Schwester zu trösten, aufzurichten. „Komm, Liebling, setz' Dich hier neben mich auf mein Bett," sagte sie, „ich bin doch die Verständigere, eine ganze Stunde älter als Du."
getroffen werden. § 1 des bestehenden Branntweinsteuer- Gesetzes ermächtigt in seinem letzten Absatz den Bundesrat, auch solchen Branntwein von der Verbrauchs-Abgabe frei zu lassen, der zu wissenschaftlichen oder Heil-Zwecken verwendet wird. Die Commission schlägt eine Abänderung dieses Absatzes dahin vor, daß die Steuer-Freiheit nur beschränkt sein soll auf den Branntwein, der in „öffentlichen Kranken-, Entbindungs- und ähnlichen Anstalten oder in öffentlichen wissenschaftlichen Anstalten verwendet wird".
Abg. Pachnicke (freis. Volksp.) stellt den Antrag, unter Ablehnung des Commffsions-Vorschlages den betreffenden Absatz des § 1 in der bisherigen Fassung weiter bestehen zu lassen. Redner übt dabei Kritik an der ganzen bisherigen Branntweinsteuer-Gesetzgebung, die sich nicht bewährt habe. Sollte der Reichstag wirklich Alles das annehmen, was die Commission beschlossen habe, so werde er bald sagen, wie der Lehrling zum Meister gesagt habe: Herr Meister, das Werk ist jetzt gethan. Wann fangen die Reparaturen an?
Abg. Wurm (Soz.) beantragt gänzliche Streichung des § 1, also völlige Beseitigung der Verbrauchs-Abgaben. Geraoe diese werden von den Armen und Aermsten getrag n, die Branntwein trinken, um ihr soziales und geistiges Eiend zeitweilig zu vergessen.
Fi n anz mlnister von Rheinbaben widerspricht dem sozialistischen Anträge Würde diese Steuer beseitigt, dann würde der Branntwein-Genuß ins Ungemessene wachsen und wo solle das Reich das Geld hernehmcn, wenn Branntweinsteuer und Zuckersteuer fortfallen. (Ruf links Einkommensteuer, Vermögenssteuer.) Bei der schwierigen Lage der Landwirtschaft bitte ei das vorliegende Gesetz möglichst bald zum Abschluß zu bringen.
Abg. Dietrich (Ions ) hält den Sozialdemokraten vor, daß sie sich von Rücksichten auf die Schankwirte leiten ließen und deshalb hier nicht so frei gegen das Branntwein-Trinken aufträten, wie sie dies sonst wohl thun würden.
Abg. Wurm (Soz) protestirt gegen diese Behauptung und tritt dann noch den Aeußerungen des Finanzministers entgegen.
Abg Paasche (natl ) tritt im Interesse des not- leidenden Brennerei-Gewerbes für das Gesetz ein.
Abg. von Dziembowski-Pomian (Pole) führt aus, angesichts der Thatsache, daß jetzt wiederum in Preußen zur Bekämpfung des polnischen Großgrundbesitzes eine Viertel Milliarde ausgegeben werden sollte, stimmten seine Freunde dem vorliegenden Gesetze zu.
Damit schließt die Debatte. § 1 wird in allen seinen vier Absätzen angenommen. Der § 2 gelangt in der Commissionsfassung zur Annahme. Zum § 4 liegt ein sozialistischer Antrag vor, belieffend die Einführung des Rektifikations-Zwanges für Kartoffel Spiritus. Nach kurzer Debatte, an der sich die Abgeoidncien Wurm (Soz.) Müller- Sagan (steif. Volksp.) und Gamp (Reichèp.) beteiligen, wird der sozialistische Antrag abgelehnt.
Mittwoch Fortsctzuug der Berathung.
Da brach P'olo aui’v Neue in verzweiflungsvolles Schluchzen aus und schüttelte wild ihre Haare. „Auch das weiß man nicht! Die Großmutter hat mir's eine Woche vor ihrem Tode gestaude», daß sie uns am Tauftage verwechselt hat, und daß es überhaupt nicht festzu- steUen ist? wer doh uns die Aeltere, wer von uns die Lelo oder die Lulu ist —!"
Die Schwester senkte ernst die thränenschwerm Wimpern. „Wir siiid eben Eins. Nichts soll uns trennen auf Erden. So war's bestimmt von allem Anfang her."
Ihre Stimme zitterte. „Du liebst Ulrich?"
„Ja. Und Du?"
„Ich liebe ihn ebenfalls. Doch niemals soll Dich das stören, Liebste. Ohne Neid und Groll könnte ich Dein Glück sehen."
„Und Du meinst, solches Opfer würde ich annehmen?"
Sie blickten sich an.
Wie Sterne strahlten ihre dunkelblauen Augen — diese Augen, die sich glichen wie Spiegelbilder. In langem, innigem Kuß fanden sich zwei unschuldige Lippenpaare.
Müde von den Aufregungen des Abends, müde von ihren Seufzern und Thränen legten sich die Schwestern zur Ruhe. Arm in Arm, wie sie es als Kinder gethan. Ihre goldflimmernden Haare mischten sich, ihr Athem floß süß ineinander. Und über den Zwillings-Herzen bewegte sich leis das Perlkreuz und die Koralle, die einem Blutstropfen glich.
* •
Am anderen Morgen trat die Mutter an das Bett der beiden Mädchen.
„Langschläferinnen Ihr! Die Sonne scheint Euch in's Gesicht, ohne daß Jhr's merkt! Und eine Neuigkeit hab' ich für Euch!" Sie schwenkte ein Blatt in den Händen. „Lulu, Lolo, rathet, wer sich verlobt hat." Die Brauen zusammeuschiebend, fuhr sie fort: „Eigentlich hat er Euch Beiden ein bischen stark den Hof gemacht. Doch das thun ja Alle! Ihr seid eben zu liebe Narren mit Eurer Aehnlichkeit und Eurem Gezwitscher. Und wenn nicht irgendwo Zwillingsbrüder für Euch gewachsen sind, da werdet Ihr wohl schwerlich Männer bekommen."
Lulu blinzelte gleichgiltig. „Wer kann sich verlobt haben! Ich weiß nicht, Mama."
Lolo griff nach dem Blatt und blickte hinein: „Ulrich Arndt mit seiner Cousine!"
Die Schwestern richteten sich auf, Arm in Arm.
Draußen an den Fenstern lag glänzender Sonnenschein und zeigte ihnen die Welt, hell, leuchtend — und so weit, so weit!