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Nr. 126.

Mittwoch, den 4. Juni 1902.

_______________11 Jahrgang.

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Gießener

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Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktton und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Weseke Wachrichte»

(Gießener Dagebtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Ieilung)

für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Kellersche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich - Albin Klein, Gießen.

Vie Eisenbahn in der Landwirtschaft.

Der zunehmende Wettbewerb, namentlich der über­seeischen Länder, denen billige Wassecfcachten zur Ver­fügung stehen, zwingt die heimische Landwirtschaft, auch ihrerseits mit einem Blindestmaß an Beförderungs­kosten die großen Verbcauchsstellen zu erreichen. Sogar solche Gegenden, die den letzteren näher liegen, haben vielfach an deren Versorgung nicht den ihnen zukommenden Anteil, weil die ersten Landfrachten bis zur billig fahrenden Eisenbahn zu hoch sind. Ebenso billiger Frachten bedürftig sind die landwirtschaftlichen Neben­betriebe, die neuerdings nur mit größter Sparsamkeit in der Wirtschaft noch Nutzen abwerfen. Billige Zu­fuhr von Brennstoff ist da ebenso nötig, als die Er­mäßigung sämtlicher Zwischentransportkosten und auf diesem Wege ist bis zur Einführung von Eisenbahnen in die unmittelbare Landwirtschaft vorzugehen. Er­leichtert und außerordentlich viel nutzbringender werden die Feldbahnen durch das Netz der sogenannten Klein­bahnen, loclches jetzt in der Entwicklung begriffen ist. Dieses bietet das meist notwendige Zwischenglied zwischen der leichten Eisenbahn des einzelnen Besitzers und der Vollbahn, die den großen Verbrauchsstlatz er­reicht, mit dem Endziel dec billigen Gletse-Beförderung von der Ackerstelle aus bis zum Markte dec letzteren. Aber auch umgekehrt werden die vielfach von länd­lichen Körperschaften gebauten Kleinbahnen nur dann eine genügende Ertragsfähigkeit erreichen, wenn,ihnen auf die angedeutete Art die Frachtmengen der Land­wirtschaft zufließen und andere, Brennstoffe, Dünger usw. abgenommen werden.

Die diesjährige Ausstellung der Deutschen Land wirtschafts-Gesellschaft zu Mannheim bietet wiederum eine vollständige Uebersicht auch be­züglich des Gebietes des landwirtschaftlichen Transport­wesens.

Es sei daher an der Hand dieses Teiles der Aus­stellung das Wesentlichste der Kleinbahn besprochen. Den jetzt erbauten Kleinbahnen wird entweder eine Spurweite von 600, 750 oder 1000 Millim. gegeben. Für diese Bahnen wird vielfach in ländlichen Bezirken zweckmäßigerweise bie Spur von 600 Millim. bevorzugt, um daran die Feldbahn unmittelbar anschließen zu können und zwar in 3 Formen: als feste Gleise, als halbbewegliche Gleise und als leichtbewegliche Gleise. Das Matz der Spurweite muß von den letzteren aus­gehen, damit die volle Beweglichkeit und das Anpassen an die Unebenheiten des Ackerbodens usw. gewahrt

bleibt und doch dieselben Wagen thunlichst ohne Um­laden an die Klein- oder Voll-, bezw. Nebenbahnen herangebracht werden können. Andererseits lassen sich auf einer Kleinbahn von 600 Millim. Spur mit ent­sprechend kräftigen Schienen und Schwellen schon ganz erhebliche Lasten befördern und Lokomotiven bis zu 40 Pferdestärken anwenden. Entsprechend gebaute Untergestelle (auch zur streckenweisen Beförderung von Landfuhrwerk brauchbar) ermöglichen sogar ein Ueber- gehen der Betriebsmittel von Kleinbahnen mit größerer Spur zum Versorgen der landwirtschaftlichen Nebenbe- triebe. Es ist außerdem möglich, die auf dem Klein­bahnnetze derselben Spur zur Verwendung kommenden Wagen auch für die anschließenden Strecken der fest­liegenden oder halbbeweglichen Gleise der Feldbahn zu benutzen, vorausgesetzt, daß auch hierfür etwas stärkere Schienen und Schwellen, aber doch noch sogenannte transportable Gleisrahmen benutzt werden. So findet dies thatsächlich in ländlichen Bezirken, z. B. mit vor­wiegendem Zuckerrübenbau, bereits statt; es werden die Kleinbahnwagen mit einem Inhalt bis zu 8 Cbm. und einer Ladefähigkeit bis zu 6000 Kg., sowohl auf der Kleinbahn, als auch auf den anschließenden Feldbahnen bewegt. Der Betrieb auf den letzteren kann natürlich nicht durch Lokomotiven, sondern nur durch Pfecdezug bewirkt werden, was aber kaum in Betracht kommt, da es sich ja immer um verhältnismäßig nur kurze Strecken handelt.

Die halbbewegliche Bahn wird meistens im Ge­stänge leichter zu halten sein, auch mit kürzeren, wie stets vorher zusammengebaulen Rahmenlängen, fooatz letztere von zwei Leuten verlegt werden können. Die letchtbeweglicheu Geleise endlich gehen auf Rahmen­längen von 2 und l/a Meter, wenn nötig, zurück, die ein Mann schon zu verlegen im Stande ist. Die Stoß­verbindungen sind so angeordnet, daß sie trotz voller Sicherheit beweglich bleiben, bei den kurzen Rahmen­längen, Curven u. s. w., also ohne vorheriges Biegen der Schienen zu legen sind. Diese Rahmen schmiegen sich dem Acker oder Gelände vollkommen an, während die halbbeweglichen Gleise zweckmäßig ein mehr oder weniger ausgeglichenes Planum haben und die festen endlich nach Art dec Kleinbahnen verlegt sind, aber mit größerer Freiheit der Bewegung, was Curven, Steig­ungen u. s. W. angeht. Auf diese Art wird ein Nutzen von Geleisen geschaffen, das auf jede Stelle des Ackers, einen beliebigen Platz im Walde, im Moore, in jeden kleinsten Steinbruch, jedes Sand- und Lehmloch, jede Kies- und Mergelgcube vordringen kann, mit dem halb­

beweglichen den Zwischenverkehr der Nebenbetriebe be­sorgt und mit dem festen an die eigentlichen Eisen­bahnen anschließt.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Landwirt­schaft, insonderheit deren Nebenbetriebe in ihrem heu­tigen schweren Daseinskämpfe durch eine ausgedehnte Verwendung solcher Feldbahnen noch eine wesentliche Stütze finden kann. Und gerade die jetzige Zett der Erbauung von Kleinbahnen und des sehr billigen Preises aller Eisen-Erzeugnisse sollte dazu die Anregung bieten. Größere Betriebe, Zuckerfabriken, Brennereien, Ziegeleien, Steinbrüche in Verbindung mit der Land­wirtschaft, größere Gutsbezirke, vor allen Dingen Forst, betriebe, werden ja auch unschwer den Anknüpfung». Punkt finden. Aber auch kleinere Wirtschaften sollten da nicht zurückbleiben, und wo in Gegenden mit zer­splittertem Grundbesitz sich der Einzelne nicht stark ge- nua fühlt, da müssen zu diesem Zwecke Genossenschaften auftreten, ebensogut wie bei der Bodenverbesserung, dem Wiesenbau und zu ähnlichen Fortschritten, dann wird auch der Vorteil nicht ausbleiben.

Schließlich sei unter den ausgestellten Materialien noch eines eigenartigen Gleissystems gedacht, welcher dieselbe Beachtung verdient, wie die Feldbahn und den Zwecken der Landwirtschaft in gleichem Maße wie diese dienstbar ist: wir meinen die Fuhrwerksbahn­gleise. Das Verwendungsgebiet in der Fuhrwerks­bahnschiene steht hinter dem der Feldbahn in keiner Weise zurück. Auf Chausseen, Feldwegen, Zufuhr­straßen, Gutshöfen, überall dort, wo die schnelle Be­wältigung des Transportes schwerer Lasten durch Land­suhrwerk zu geschehen hat, sind diese eigenartigen Schienen von großem Nutzen, da naturgemäß auf der glatten Fahrbahn die Beförderung bedeutend schneller als auf bestunterhaltener Chaussee erfolgen kann, und in Folge dessen nicht nur Menschen und Zugtiere, son­dern auch das Wagenmaterial auf die denkbarste Weise geschont werden. Dadurch, daß anerkanntermaßen die Schienengleise den Verkehr mit Lastfuhrwerken fast ganz auf sich ziehen, wird die Steinbahn dec Chaussee ganz erheblich entlastet nnd natürlich geschont, sodaß die allerorts als lästig empfundenen hohen Unterhaltungs­kosten der Kunststcaßen um ein Wesentliches vermindert werden können.

Daß sich in Folge dessen die staatlichen Wegebau­behörden sowohl, als auch eine ganze Reihe von Pri­vaten die Vorteile dieser Gleise zu Nutze machen, ist begreiflich. So sind beispielsweise in dem Bezirk der Landesbauinspection Gardelegen, hauptsächlich in dem

Zwillings Herzen.

Novellette von

A. Schoebel.

Machdruck verboten.)

Damals, als sie auf die Welt gekommen waren, hatte man ihnen je ein rothes und ein blaues Bändchen um den Arm gelegt. Sie wären sonst wahrhaftig nicht zu unterscheiden gewesen. Ganz gewiß nicht! Thörichter Weise hatten sie es nämlich versäumt, irgend ein Mal oder Leberfleckchen mitzubringen, sie sahen sich ähnlich wie ein Ei dem andern, Zwilliugsschwestern!

Man hatte sie Lulu und Lola getauft. Während des feierlichen Akts war Lulu's Steckkissen roth, Lolo's blau bebändert gewesen, aber als man sie abends in die Wiege legte, da vertauschte die gute Großmama. die zehn Jahre lang vergeblich auf Enkel gewartet hatte und nun, feit die Zwillinge da waren, fortwährend lächelte und Dunim- heiten machte da vertauschte die Großmama die Kinderchen, und es ließ sich überhaupt nicht mehr sest- fteUen, welches als Lolo und welches als Lulu feinen Lebensweg zu wandeln bestimmt gewesen.

Erschrocken und fassungslos hatte sich die gute Alte aufgemacht und war in's Staatszimmer hinübergeeilt, allivo die Pathcuschaft und eine ganze Anzahl guter Freunde und getreuer Nachbarn tafelten. Sie hatte dem glücklichen Vater einen Wink gegeben und ihni ängstlich wispernd ihr Mißgeschick offenbart. Stirnrunzelnd folgte er der Schwiegermutter in's Kinderzimmer.

Dort betrachtete er die Zwillinge von rechts, be­trachtete sie von links, zupfte an dem goldigen Flaum, der auf den weichen Köpfchen wucherte, wickelte die nach Milch duftenden Körper aus ihren aestickten Bändern

hervor, tastete daran herum: es war unmöglich, diese närrischen Dinger zu unterscheiden!

Kurz entschlossen ergriff er irgend ein rothes Band und wickelte es dem ihm znnächst liegenden Zwilling um das Fettringelchen der Hand.

Das soll die Lulu sein. Basta! Und kein Wort zu meiner Frau von der Verwechslung!"

Von da an theilte er mit der Schwiegermutter ein wichtiges Geheimniß, welcher Zustand ihm ein bedeuten­des Uebergewicht im Hause verschaffte. Clara, feine Gattin, konnte sich's nicht erklären, weshalb die Mutter seit dem Taustage in grenzenloser Parteilichkeit bei allen streitigen Punkten ihrem Gatten Recht gab---

Die Zwillinge wuchsen und erstarkten, nahmen zu an Weißheit" und Fett; aber weder Lulu noch Lolo konnte sich entschließen, irgend eine Variante zu entwickeln, die zur Unterscheidung der beiden kleinen Persönlichkeiten ge­dient hätte, sei es im Bau oder der Entwickelung des Körpers, der Wesenheit, der Stimme, fei es in der Farbe des Haares oder der Augen.

Beide Zwillinge behielten die dunkelblauen Augen und die goldig schimmernden Braunhaare, die sie mit auf die Welt gebracht. Ihre Zähnchen brachen zu gleicher Zeit und in gleich zierlicher Form durch, ihre kleinen Stumpfnasen forschten keck und übermüthig in der Luft umher, und ihre Oberlippen zeigten dieselbe geschweifte Form.

Der verblüffenden Aehnlichkeit im Aeußeren gesellte sich eine ebenso große der inneren Veranlagung hinzu. Derselbe Trieb, Bilderbücher zu beschauen und Verschen zu lernen, zeichnete das Zwillingspaar aus, dieselbe jauchzende Liebe für Vögel und Blumen.

Lulu und Lolo verspürten im nämlichen Moment Hunger und Durst, beide empfanden Abscheu vor Hafer­schleim und aßen fick ie und je krank an Obit und

kleinen Mandelkuchen, die Großmütterchen für ihre Lieb­linge buk.

Sie lachten und weinten zu gleicher Zeit, sie schliefen abends Arm in Arm ein und fchlugen morgens ihre glänzenden Augen auf wie zwei Marionetten, die ein und derselbe Faden bewegt. Sie liebten denselben total verküßten Hampelmatz, denselben abgezausten Hund aus Wolle, schnitten hinter Tante Lene die garstigsten Gesichter her und vergötterten ihren Papa, der ihnen freilich am Liebsten die Sterne vom Himmel geholt hätte.

Und eines Tages lagen sie ebenfalls beide da, fiebernd, rothe Pünktchen in der Haut und machten gemeinsam Masern und Scharlach durch.

Nach der Genesung blühten sie erst recht auf; doch stets wie zwei Knöspchen an einem Zweig. Die Eltern selber hätten sie nicht zu unterscheiden vermocht. In Er­innerung an den Tauftag hatte der Vater feinen .drolligen Aeffchen', wie er sie nannte, goldene Ketten um den Hals schmieden lassen, die wohl ein Wachsthum gestatteten, doch sich nicht entfernen ließen. An Lulu's Kette hing ein Korallenherz, an Lolo's ein Perlkreuzchen, die die Kinder bis zu dem Tage tragen sollten, wo irgend eine hervortretende Charaktereigenthümlichkeit oder eine Ver­änderung in der körperlichen Entfaltung die Abzeichen überflüssig machen würde.

Doch niemals kam dieser Tag. Die Zwillinge blieben die Wiederholung ein und desselben Wesens, eine Doppel­ansgabe der Species Mensch. Ihre Herzen glichen zwei Uhren mit gleichem Gang.

Sie wuchsen so recht im Sonnenschein aus. Wo sie erschienen, riefen sie Lächeln und frohe Gefühle wach Man scherzt-mit ihnen, verwöhnte sie, staunte sie an. Wie hatten sie anders als heiter und liebenswürdig werden sollenl