Nr. 204.
Zweites Blatt
Mittwoch, den 3. September 1902.
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mtatièbeitagen Cbtt6effif*e st-«»'" 'L' '/."^»"'Ä Cbetbefüfdn Z.tischrNt für «^"‘V^l^^nth^ Gartenbau, sowie die Gießener L-eifenblase« roocfcentlicfO. Das Blatt.erscheint an allen Werktagen nachmittags.
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11. Jahrgang.
Juse^tionSvreiS : Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Psg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusprecha«schl«ß Nr. 868.
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eueste Wachrichten
(Aießener Pagektatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Lietzener Weitung)
für Lberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
DrückHerlag der Gießener Verlagsdruckerki, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
: Ammer im 1. , teil.
Schutstraße 10.
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Poimicbe Nachrichten.
— Der Kaiser sandte an den Statthalter von Elsaß-Lothringen Fürsten Hohen! ohe-Langen- burg folgendes Telegramm: Ich sende Dir zum heutigen Tage, an welchem Tu Dein 70. Lebensjahr vollendest, meine herzlichsten Glückwünsche und verbinde damit die Hoffnung, daß Gott der Herr Dir noch lange Jahre gesegneten Wirkens in unveljüngter Frische schenken möge. Wilhelm. — Ferner empfing der Statthalter Telegramme von den regierenden Fürstenhäusern, dem Reichskanzler, dem Kultus- minister, dem Minister des Innern, dem Staatssekretär des Auswärtigen, von den Spitzen des Landes-Auèschusses sowie von allen Civil- und Militärbehörden.
Berlin, 2. Sept. Wie aus München gemeldet wird, soll die Reichsregierung in der Frage der Errichtung einer katholischen Fakultät in Straßburg nachgegeben haben. Die Hauptbedingung deS Vatikan, wonach dem jeweiligen Bischof in Straßburg ein Vorschlags- und Ab- setzungsrecht der Prosessoren düser Fakultät zusteht, soll von der Regierung angenommen worden sein.
Na nur, 2. Sept. Der gestern abgehaltene Kongreß der belgischen Schullehrer forderte sämtliche Mitglieder aus, mit allen Kräften bei der Regierung dahin zu wirken, den allgemeinen Schulzwang in Belgien einzusühren. Der Kongreß drückte die Hoffnung aus, die Regierung werde diesem Wunsche baldigst nachkommen.
Agram. Die Demonstrationen, welche infolge des nicht nur wegen politischer sondern auch wegen konfessioneller Gegensätze sehr gespannten Verhältnisses zwischen Kroatien und. Serbien besondere Bedeutung haben, erneuerten sich gestern in verstärktem Maße. Die Menge erstürmte b i e W oh nhäuser der Serbcnführer, sowie mehrere serbische Geschäfte, sodaß die Polizei mit blanker Waffe einschreiten und noch die Hilse des Militärs in Anspruch nehmen mußte. 11 Personen wurden verhaftet, 18 verwundet.
Spanien.
Der Vatikan hat der spanischen Regierung sein' Antwort bezüglich der Erneuerung des Concordats zugehen lassen. Die Bedingungen des Vatikans scheinen der spanischen Regierung unannehmbar zu sein. Man vermutet, daß der Vatikan beabsichtigt, eine Minister-Krisis in Spanien herbeizusühren. Die Königin-Mutter von Spanien ist infolge
eines Telegrammes des Papstes nach Spanien zurückgekehrt. Der Wortlaut des Telegramms besagt, die Anwesenheit der Königin-Mutter sei notwendig, um die Rechte und Interessen der Kirche zu schützen.
Aus Hessen und Nacbbâsgebieten.
** Aus Hessen, 1. Sept. Die Büchse von der Wand! Heute ist allgemeine Jagderöffnung. Feldhühner und Hasen giebt es in schwerer Menge.
Von best unterrichteter Seite gehen uns folgende Zeilen zu:
** Langsdorf, I.Sept. Seitens des Hessischen Bauernbundes wurde am letzten Sonntag in einec Vertrauensmänner-Versammlung des Kreises Gründe rg - L u m d a th a l dec Schriftführer des Hess. Bauernbundes Otto Hirschel in Offenbach a. M. einstimmig als Kandidat für die bevorstehenden Landtagswahlen aufgestellt. Seitheriger Vertreter ist der nationalliberale Kreisrat Schönfeld von Schotten.
** Butzbach, 1. September. Mit einer schweren Verletzung am Bein, die er sich am Samstag bei der Regimentsvorstellung zugezogen hat, liegt hier ein Soldat des 168. Jnf.-Regts. darnieder.
* Vom Odenwald. Zur Zeit ist man allenthalben an den Bächen thätig, um dem hellen Gebirgswasser den diesjährigen Reichtum an Forellen und Krebsen zu entnehmen. Die Fischpächter können trotz der in den letzten Jahren fihr in die Höhe gegangenen Pachtpreise wohl zufrieden sein; denn es gibt — Dank dem vom Staate in den letzten Jahren allenthalben vorgenommenen Einsätze von Fischbrut — viele Forellen. Auch findet man wieder überall reicheren Krebsbestand. Bekanntlich waren die Krebse durch eine vor etwa sieben Jahren unter ihnen herrschende seuchenartige Krankheit fast alle zu Grunde gegangen.
Darmstadt, 1. Sept. Die Einweihung des Ance-Denkmals findet entgegen anderweitiger Meldung bestimmt am 12. Sept. Nachm. 4 Uhr statt. — Die Feier zur Wiederöffnung des neuen Turnhauses der Turngemeinde Darmstadt vereinigte gestern die Mitglieder und Angehörigen dec Turngemeinde in sehr stattlicher Zahl. Der 1. Sprecher der Turngemeinde, Herr Professor Fri ed r i ch hielt die Festansprache. — DerMilitä cvecein Würzberg wurde nach Erfüllung dec satzungsgemäßen Pflichten in einer Stärke von ‘ " ' ~
ia dec satzungsgemäßen Pflichten in 27 Mitgliedern in den Landesverband der Kriegerkameradschaft „Hassia" ausgenommen und dem Bezirk Michelstadt zugeteilt.
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In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haidheim.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
V rr Wie eine heimliche, giftige Wunde trug der stolze und lebens- lusttge Graf Joteph Ebern die Erinnerung an die Sterbestunde seines Großvaters mit sich herum; bald dieser, bald jener berührte sie ahnungslos, daß er hätte aufschreien mögen vor wahn-
M. Aber er wußte wohl, warum er die Zahne auseinander biß. —
. Immer wieder indes half der Leichtsinn und der Trost, daß keme Seele darum wußte, und als Burkards Telegramm kam, jubelte Joseph Ebern l.au auf machte sich so schön und fesch er konnte, lwß seinen Liebliugsfiaker kommen, den er großartig „meinen Kutscher nannte und fuhr zur Bahn, den Vetter zu holen und mit einer Herzlichkeit zu begrüßen, die Burkard rührte M2 mi&JitÄ -2» «laub- gar. Du . ,-N°. aber ob ich mich freue! Wen hab' ich denn im Leben gehabt, der wahrhaft gut ju mir gewesen wäre, als Dich und meinen alten Lehrer — und die Lischa?" —
Daun entschuldigte er sich bei Burkard:
„Ich gab' der Lenette, die hier schon seit Wochen, wie sie sagt „studiert , keine Nachricht von Deinem Kommen. — Na — aber was ist denn? Sie redet von Dir in den höchsten Tönen und Du wehrst mit beiden Händen ab? Ja, ja, das ist manchmal klebrig wie Harz." —
Sie verlebten ein paar sehr vergnügte Tage, die sich zu einer Woche ausdehnten und das fteundschaftliche Verhältnis zwischen ihnen nur vertieften.
So geschah es denn, daß eines Abends beim pertraulichen téte-â-tete hinter einer Flasche guten Weins Burkards hoffnungslose Liebe zu Maria — seine ganze hoffnungslose Abhängigkeit von Lenette zwischen ihnen zur Sprache kam "Joseph lachte — dann wütete er, schlug allerlei Kriegslisten vor, Lenette „herein- zulegen." Er begriff Burkard garnicht, wie er sagte - doch es kam ihm eine immer tiefere Einsicht in dessen edles Wesen. - Dennoch schalt er zomig. Aber er sah es ein. Burkard war nun einmal ein Mensch, der sich selbst keine Konzessionen machte, und die fatale Geschichte stimmte ihn offenbar ernst und ging ihm tagelang im Kopfe herum. Auf den „Aftikaner" fluchte und wetterte er, das war nun mal nicht anders wie sonst, es that ihm nur leib, daß Burkard ihm so wenig von Tante Alix zu erzählen wußte. Er dagegen hatte einen Sack voll Neuigkeiten
von der neuen Granu labern und dem „Afrikaner"; sie mußte ne „Zungen ictzl brenieren; man behauptete auch, daß sie ihnen Tanzstunde geben müsse und, Burkard erfuhr so in Wien, was er zu Haus — allem Klatsch feiud — nie gehört, daß der ganze Ltdel in zorniger Entrüstung den Grafen Ebern ignoriere, der es so wcn:g verstand, sich wie ein,vornehmer Mann zu benehmen.
Adclsberg, den er traf, sein demnächsttgerGSchwager Kolonitz und viele andere Bekannte ließen ihn garnicht los; — es war das erste Mal, daß Burkard von Frohberg sich selber als großer Herr fühlen durfte und wäre nur nicht sein nach Maila» Liebe durstendes Herz so qualvoll unruhig gewesen, so hatte es ihn vielleicht noch länger gehalten.
Jetzt aber war ihm der Umstand ganz erwünscht, daß er den ihm empfohlenen Erbauer der neuen Fabrik in Wren nicht traf, soudcru ihn in Venedig aufsuchen mußte.
eine schlimme Reise. Der Winter kehrte seine größte Hane gerade in dieser Zeil heraus und ein toller Sturm, der ganze Wolken seinen körnigen Schnees mit sich führte, um- brauste den Zug auf den Höhen des Karst.
.. Wle oft hatte Burkard Frohberg sich in früheren Jahren gcromiKbt, Venedig zu besuchen, Italien zu bereisen: — jetzt dachte er garnicht baranj die winterliche Natur ließ reden Gedanken an italienischen Sonnenschein und an die viel gepriesenen wonnigen Lüfte vergehen. — Statt dessen berechnete er die Kosten des Baues, schlief ein paar Stunden und war froh, als ein Ntit- reiscuder auf die ganz mit Eis bedeckten Lagunen aufmerksam machte, die sie unmittelbar vor der Ankunft in Venedig durchfuhren. „Ach, wie so ganz anders gestaltet sich die Wirklichkeit meist, als unsere Träume sie uns malten", dachte Burkard von Frohberg. —
Das Getümmel am Bahnhof empfing ihn; ehe er es nur recht wußte, saß er schon in oer Gondel des Hotel Danieli, welches ihm Adelsbera empfohlen hatte. —
Das war also die „Gondel" aller Romane, die er in seinen ^cyuler- und Leutnantsjahren so heißhungrig verschlang.^ Das war das Venedig Shakespeares! — Wie ein Traum überkam es ihn: — die schwarze Gondel, die schmalen stillen Kanäle! Und nun waren sie schon da; — unter einem hoch über dem Kanal von einem zum anderen Palazzo gehenden Brückchen glitt man hindurch und dann öffnete sich der eine dieser Palazzi und wieder war es wie ein Traum, daß er durch Gänge, über Treppchen und Stiegen, an einem offenen inneren Hofe her über säulengettagene Balkons geführt wurde alles wie es hunberte von Jahre durch gewesen. - Und endlich stand er in seinem Zimmer und vor ihm lag das tiefblaue Vteer, drüben ganz nahe San Gwrgw und
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* Darmstadt, 1. Sept. Dec Großherzog beabsichtigt am Mittwoch früh wieder hierher zurückzukehren.
Mainz, 1. September. Es wird keine Suppe so heiß gegessen wie sie gekocht wird! Mehrere Schweinemetzger schneiden entgegen dem Beschlusse der Metzger- meisterVersammlung wieder Wurststucke zu lOPfg. aus.
** Kastel, 1. Sept. Die 5. Batterie 63. Feld- artillerieregiments ist nicht mit zum Manöver aus- geruckt, weil die Brustseuche unter den Pferden ausgebrochen ist. Die Batterie hat die Quartiere der nach dem Manöver nach Bockenheim übersiedelnden Batterie bezogen.
*+ Frankfurt a. M., 1. September. Im hiesigen Hauptbahnhofe sind gestern ca 40 000 — 50 000 Fremde angekommen, die teils die Anwesenheit des Königs von Italien, teils die Wettfahrt der Autler, teils der Achter match zwischen der Frankfurter „Germania" und dem Pariser Rowing-Klub angezogen chatte Abends nach der Abfahrt Viktor Emanuels herrschte auf dem Bahnhöfe ein lebensgefährliches Gedränge.
Citttrarikbes.
Occultismus und Liebe. In dem Verlage v. H. Barsdorf-Berlin W. erscheinen „Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtslebens" deren 5. Band: Occultismus und Liebe nach dem französischen Original dec Heccn Dr. Emil Laurent und Paul
Nagour von Dc. med. G. H. Berndt in deutscher Bearbeitung soeben dec Oeffentlichkeit übergeben worden ist. Den ganzen reichen Inhalt des auf durchaus wissenschaftlicher Grundlage basierenden Buches hier anzuaeben, ist unmöglich. Es will hauptsächlich Studien zur Geschichte der sexuellen Verirrungen bieten. Nachdem die Verfasser im ersten Kapitel den Occultismus im allgemeinen abgehandelt, betrachten sie im 2. Kapitel „Das Verhältnis dec Religionen zuc Liebe" und zwar ist hier die geschlechtliche Liebe gemeint. DeS weiteren werden dann die Mittel besprochen, denen man Einfluß auf die Liebe zuschrieb. Das ganze Werk ist streng historisch gearbeitet und stützt sich auf die Aussprüche zeitgenössischer Schriftsteller. Es ist zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens, dec auch jetzt noch nicht ganz ausgerottet ist und sich auf LiebeS- Aalismane, Liebessträuche und werweiß alles aufbaut. Insofern es sich gegen den Irrtum richtet, hat es eine aufklärende Wirkung und ist gereiften, vorurteilslosen Leuten zum Studium ^t^mpft^len.
ch jetzt Liebes-
St. Maria della Salute. Und durch die offenen Fenster drang wonniger warmer Sonnenschein und bie mildeste, köstlichste Lust. —' Uno wie ein Traum blieb es ihm, dies wunderbare stille, alte Venedig, in welchem es jetzt, vor Beginn der Saison, keine Reisende und kein Kommen und Gehen, Laufen und Schieben gab. Im Hotel war er. außer einer zahlreichen amerikanischen Familie, der einzige (^ast, und gerade dies Alleinsein in bem wunderbar im arten Stil erhaltenen Palaste, erhöhte ihm dre ^^Se'in Baumeister erwies sich als ein höchst inlèlliaenter, vielseiffg gebildeter Mann, in dessen Gesellschaft er denDoaen- palast, die Dtarkuskirche und das Kloster San Giorgio mit hohem 3nter$eVSe strebsam? Künstler war sehr bereit auf die Dar- ichläge Frohbergs einzugehen und so wurde dessen Geschäft tn 2>enebi^beenbeLn ^ ^ weisen, Herr Baron, ohne auch erst noch etwas mehr von dem schonen Italien zu sehen , riet Herr Mindetti, der übrigens ein Ste^rmarker war,strotz deS italienischen Namens: „Bologna, Pisa, Florenz, Rom
"- und ein gutes Dutzend anderer ruhmreicher Städte» - unterbrach Burkard ihn lächelnd. -
ja, es ist wahr — der Appetit kommt im Essen, da- hab' üy an mir selbst erfahren", gab ,der Baumeister zu.
^Mich hindert später nichts wiederzukommen. Im vollen Frühüng will ich dies gottbegnadete Land sehen .nahm Burkard ich vor und setzte die Heimreise für den anderen Nachmittag fest. W Den letzten Morgen wollte er noch einmal â seine Lieb- linasvlätze besuchen und für Mischas Hochzeit die herrlichen Midi» Md diese wunderbaren Glaswaren von Murano ein. taufen. ^ erlebiflt war, ging er in die Markuskirche. Die (Snnne schien bereits reichlich warm vom wolkenlos blauen Himmel und im San Marko war es so All, einsam und kühl!
Nur wenige Menschen — meist alte Frauen — kamen in die Kirche, verrichteten vor einem der Altäre ihre Gebete und verschwanden wieder; er beachtete sie nicht und sie ihn ebenso wenig.
Aber er war zuletzt so versunken in dies stille Schauen und Genießen, daß er auch nicht Acht darauf hatte wie eine Dame, eine junge Dame, sich durch den Gang daher dem Hauptaltar näherte. *
Sie trug einen großen weichen, schwarzen Rembrandthut mit reichem Federschmuck auf dem hellblonden Köpfchen und einen einfachen, aber eleganten fchtvarzen Sammetanzug.
MBE .. i (Fortsetzung folgt).