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Nr. 204.

Erstes Blatt

Mittwoch, den 3. September 1902.

11. Jahrgang

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Postzeitungsliste No. 9032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

Fer«sprecha«schl»ß Nr. 368.

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ege Nachrichten

tchießener Tagebtatti

Unabhängige Tageszeitung

tchießener Aeilung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

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Druck und Verlag der Gießener Verlagödruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Die Entwickelung der Be­völkerung des deutschen Reichs.

Von Prof. Dr. M. Br, Gießen.

(Nachdruck verboten.)

I.

Unsere amtlichen statistischen Quellenwerke sind nach Umfang und Preisgestaltung bedauerlicher Weise recht wenig geeignet, sich Eingang in das große Pub­likum zu verschaffen. Man hat diesem Uebelstand dadurch abzuhelfcn gesucht, daß man populär gehaltene statistische Taschenbücher, die sich Jedermann anschaffen kann, auf den Büchermarkt brachte. Ein solches Vor­gehen verdient gewiß unbedingten Beifall, denn die Kenntnis dec wichtigsten statistischen Daten dec Gegen­wart gehört heutzutage zum täglichen Rüstzeug jedes ge­bildeten Staatsbürgers. Leider sind aber die meisten unserer statistischen Taschenkalender recht unvollkommen ausgefallen und haben deshalb die erwartete Verbreitung nicht gefunden. Das Mißlingen liegt hauptsächlich daran, daß man unterlassen hat, die trockenen und er­müdenden statistischen Daten und Zahlenreihen mit einem kurzen orientierten Text zu versehen, das weniger Wichtige sorgfältig von dem Wichtigeren zu scheiden und gleichzeitig da, wo es interessant erscheint, Ver­gleiche mit ausländischen Kulturstaaten anzustellen.

Die hier zum Abdruck gelangenden statistischen Betrachtungen sollen einen Versuch darstellen, die Haupt­zahlen der deutschen Bevolkecungsst atistik m übersichtlicher Gruppierung und mit kurzem kritischen Texte wiederzugeben. Wir beschränken uns für dies­mal aus folgende Kapitel: Volkszahl; prozentuale Zunahme der Bevölkerung; Auswanderung; uneheliche Geburten; totgeborene; Binnenwanderungen; Orts- gebürtigkeit; Verteilung der Geschlechter; Altecsvec- teilung; Familienstand; Religion; Berufsstand und Glaubensbekenntnis; Haushaltungen und Wohnhäuser.

Wir empfehlen diesen und die folgenden Aufsätze auszuschneiden und aufzubewahren. Durch Aufkleben in ein gewöhnliches Notizbuch kann ohne besondere Umstände ein statistischesVademekum", das man gelegentlich zu Nate ziehen kann, geschaffen werden.

Das deutsche Reich hatte nach der letzten Volks­zählung vom 1. Dezember 1900 56^3 Millionen Ein­wohner, davon kamen

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In eigener Sache Dichter.

Roman von L. HaidHei m.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Orkan, der noch mit ungeminderter Kraft wütete, hatte die meisten Herren, die heute hier getagt, an der Abreise ver­hindert. Die Mehrzahl kannten beide Damen, oder die eine von ihnen und so kam der größte Teil derselben sie zu begrüßen und Alix von Wazlaw hielt einmal wieder Hof, wie vor einem Jahr beim Begräbnis in Klaino während die liebenswürdige Frau von Frohberg auch heute wieder bescheiden in den Schatten ihrer stolzen Cousine zurückttat.

Mit dem Ausgang der Testamentseröffnung zurückzuhalten, erschien allerseits zwecklos - damit war auch ein Gesprächsthema gegeben, das im ganzen das Hannloseste erschien.

Man ignorierte die noch nicht offiziell bekannt gegebene Ver­lobung, aber wenn Frau Alix vorhin überlegte, ob sie nicht besser Witwe blieb, w kam ihr doch jetzt die lockende Aussicht auf den Mitbesitz des Ebermcheu Majorats mehr als je zum Bewußtsein und zugleich auch die feste Absicht dies Glück nicht allzu teuer zu bezahlen.

Wochen waren vergangen - für Burkard Frohberg keine leichten, denn Ernst Nepoinuk hielt ihm Wort betreffs des Kampfes bis aufs Messer.

Thatsächlich laut Testament und Gesetzesparagraphen als Erbe und Besitzer von Klaino von den Gerichten des Landes und der Ritterschaft anerkannt, hatte Frohberg doch noch keinen Tay als solcher erlebt, der ihm nicht in irgend einer Weise deutliche Zeichen geliefert von der brennenden Thätigkeit seines Gegners.

Mit der wühlenden Geschicklichkeit eines Maulwurfs wußte derAftikaner" sich aus alten verstaubten Archiven und den Repositorien der Gerichtskanzleien, aus tausend Quellen an die niemand dachte, allerlei Material für feine Angriffe zu sammeln, und so geizig er sonst war, er zeigte, daß er gelernt hatte, sem Geld für feine Zwecke zu verausgaben... Und hinter diesen Eifer setzte er zu gleicher Zeit eine jeoes Zögern überwindende Eile. Es erschien beinahe unglaublich, wie er es verstand, den gemüt­lichen Schlendrian, der seither hier geherrscht, aufzuheben und alles in Bewegung zu setzen. c ,

Burkard hatte in tief melancholischer Stimmung das Schloß wieder in den früheren Stand setzen lassen und wenn hier und da einer seiner Leute, oder sonst jemand es wagte, auf die

Millionen

auf Preußen

341/,

Bayern

6,2

Sachsen

4,2

Württemberg

2,2

Baden

1,9

Elsaß-Lothrtgen 1,7

Hessen

1,1

2

//

//

//

Bei dec Gründung des Reiches (1871) betrug die Bevölkerung 41 Millionen; sie hat sich also in dem kurzen Zeitraum von 3 Jahrzehnten um mehr als ein Drittel vermehrt. Die heutigen wirtschaftlichen Zu­stände müssen unter dem Gesichtspunkte der fortgesetzt starken Volksvermehrung betrachtet werden, und man wird in der Wirtschaftspolitik der Gegenwart die vor­aussichtliche Thatsache, daß das deutsche Reich im Jahre 1925 etwa 80 Millionen Einwohner zu ernähren hat, nicht unberücksichtigt lassen können.

Ueber die Bevölkerungsbewegung in früheren Jahr­hunderten haben wir nur ganz allgemeine und unge­fähre Vorstellungen. Einigermaßen zuverlässige Volks­zählungen sind erst Ende des 18. Jahrhunderts vocge- nommen worden. Sicher ist jedenfalls, daß die Be­völkerung im heutigen Reichsgebiete im Laufe des 19. Jahrhunderts sich mehr wie verdoppelt hat.

Das Wachstum der Bevölkerung in den letzten Dezennien ist ein weit rascheres als um die Mitte' dieses Jahrhunderts, überholt aber erst in den letzten paar Jahren das verhältnismäßige Wachstum in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen.

Mit der Volkszunahme dec romanischen Völker, insbesondere Frankreichs, verglichen ist diejenige Deutsch­lands, wie bei den germanischen Völkern überhaupt, im 19. Jahrhundert eine sehr viel stärkere gewesen. Frank­reich hat in den letzten Jahren einen so geringen Be­völkerungszuwachs (0,09 Proz.) zu verzeichnen, daß man von einem Stillstand sprechen darf. Dagegen wird die deutsche Volkszunahme von dec englischen noch etwas übertroffen und von derjenigen der Vereinigten Staaten von Amerika, wo eine durchschnittliche Jahreszunahme von 3 Proz. festgestellt worden ist, bei weitem über­flügelt.

Die prozentuale Bevölkerungszunahme im deutschen Reich geht aus folgender Tabelle hervor:

junge Herrin für das stolze Klaino anzuspielen, so wurde er zornig und hieß sie sich um andere Dinge zu kümmern.

In seinem Innern sah es trostlos aus. Die jubelnde Freude über den reichen Besitz war eigentlich nur ein minuten­langes Vergessen seiner Lage gewesen und gleich darauf nur der eine Gedanke an Maria, und bte Unmöglichkeit sie sein zu nennen, ihm klar geworden. Sie beherrschte fein Herz vollständig.

Cs kamen dann wohl, wie es bei seinem kraftvollen Naturell nicht anders sein konnte, frohere und hoffnungsvolle Stimmungen, aber wie er auch grübelte einen Ausweg sah er nicht, außer, daß Lenette ihn frei gab.

Und die? Sie hätte laut aufgelacht, wenn er ihr mit einer solchen Zumutung gekommen wäre. Sie überschwemmte ihn mit Briefen und Telegrammen; die letzteren unterzeichnete sieDeine Lenette" und nur das war das Mittel ihn zu einer Antwort zu zwingen.

O, und wie er an Maria dachte in glühender Sehnsucht, an Maria, die troß des mütterlichen Befehls nicht heimkehrte, ja nicht einmal mehr Nachricht von sich gab.

Durch die Zeitung erfuhr man, daß Graf Ernst Nepomuk von Ebern und Alexandra von Wazlaw, geborene Gräfin Ebern, sich verheiratet hatten. Karten empfing niemand, die Ceremonie der Trauung war so nüchtern und poesielos vollzogen wie nur möglich und was in der Braut Augen noch viel schlimmer er­schien, so prunkloswie eines Besenbinders Hochzeit". Es hatte keine schleppentragende Pagen, keine Ehrenfräulein und kein glänzendes vornehmes Gefolge von Hochzeitsgästen gegeben und wenn sie überhaupt getraut sein und Gräfin Ebern werden wollte, so mußte sie freilich nachgeben. Ernst Nepomuk that es sicher nicht. c r .

O, es war ein Skandal! Die ganze Gegend sprach^davon, daß sie ihre drei jüngsten Kinder, in himmelblauen Lammet gekleidet, mit zur Kirche hatte nehmen wollen, baß aber der Afrikaner" diese Idee für Verrücktheit erklärt, dle Kinder in die Schulstube geschickt und noch obendrein höhnstch gelacht hatte über solchendeutschen Unsinn".

Seine Jiingen" hätten auch keine himmelblaue Hosen an und er dachte nicht daran sie mitzunehmen.

Ja, der Klatsch beschäftigte sich lebhaft,mit den Zuständen von Schloß Ebernfeld und den Wunderlichkeiten bey MmoratS- Herrn, der seinen Vater noch weit übertraf.

Ob es Gräfin Alexandra von Ebern zur Genugthuung reichte, daß sie jetzt eine der vornehmsten Damen des Landes

Jahr

Volkszahl

Durchschnittliche jährliche Zunahme.

1820

26,3 Mill

1,43 Proz.

1825

28,1

1,34

1830

29,5

0,98

1835

30,9 ,

0,94

1840

32,8

1,16

1845

34,4

0,96

1850

35,4

0,57

1855

36,1

0,40

1860

37,7

0,88

1865

39,7

0,99

1870

40,8

0,58

1875

42,7

0,91

1880

45,2

1.14

1885

46,9

0,70

1890

49,4

1,07

1895

52,3

1,12

1900

56,3

1,51

1816-185'

0,96 Proz.

1855190(

)

0,99

1816-190(

)

0,98 ,

In den letzten 5 Jahren von 1895-1900 hat die Bevölkerung des deutschen Reichs sich um 7,78 Proz. vermehrt. Die entsprechende Zunahme in Preußen be­trägt 8,19 Proz., in Bayern 6,13 Proz., in Württemberg 4,07 Proz., in Sachsen 10,88 Proz., in Baden 8,18 Proz. und in Hessen 7,83 Proz. In Preußen haben die geringsten Zunahmeziffecn die vorwiegend land­wirtschaftlichen Provinzen Posen, Pommern und West­preußen. Die Provinz Ostpreußen hat zum ersten Male in dem letzten Lustcum eine absolute BevötkerungS- abnahme (0,61 Proz) zu verzeichnen. Der Schwerpunkt der Bevölkerungszunahme des preußischen Staates in der fraglichen Periode liegt in Brandenburg (10 Proz.), Berlin (12^3 Proz.) und in den industriellen Bezirken von Rheinland (123/* Proz.) und Westfalen (18 Proz.)

Bekanntlich wird das Wachstum der Bevölkerung durch zwei (Elemente bestimmt, durch den Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle und die Wanderbewegung. Ersteren bezeichnet man als inneres Wachstum, letztere, sofern dec Wanderungsverlust geringer ist als die Zu­wanderung, als äußeres Wachstum.

Die Volkszunahme des deutschen Reiches ist ledia» lich auf inneres Wachstum zurückzuführen, denn die

war und Herrin eines der schönsten Schlösser, das erfuhr niemand, denn man sah sie nicht.

Ihre Kinder wurden wirklich, die Söhne in eine vornehme Erziehungsanstalt, die Tochter in ein Kloster geschickt und thr blieben zur Gesellschaft nur diese unerzogenen, aber ©entastens gutmütigenJungen", ihre Stiefsöhne, die der Vater selbst m feiner Weisefür das Leben schulte , leider ohne Erfolg, denn sie blieben einfältig und gutmütig, wie ihre Mutter es ge­wesen.

Zu Frau von Frohberg kam die neue Gräfin Ebern nie­mals in dieser Zeit und da sie auch nicht schrieb, wußte man nicht, ob Maria heimkehren, oder fernbleiben wurde, wenn bte Jungen" nicht geplaudert.

Inzwischen mehrten sich die Vexationen des Mmoratsherm gegen Burkard und er wehrte sich seiner Haut mit derselben

Energie. ,

Was ihn nach und nach erbitterte war bte gemeine Denk­art, die sich bei allen diesen Animositäten desAfrikaners verriet, dieses argwöhnische Drängen auf Rechnungsablage. betreffs des Mandats Burkards und die sich mehr und mehr zuspttzende Untersuchung wegen des allerdings rätselhaften Verschwindens jener 16 000 Gulden.

Ist es nicht, als hielte er mich für den Dieb? begann Burkard sich zu fragen.

Eine andere Angelegenheit trat aber für den Moment in den Vordergrund und lenkte ihn davon ab. Burkard hatte schon zu des Großvaters Lebzeiten eingesehen, daß der Boden von Klaino sich für eine größere Fabrikation von Majoliken eignete; jetzt war es sein brennendes Verlangen,diesen Plan zu verwirklichen und eine Reise nach Wien die nächste Folge.

Er beoefdüerte an Vetter Joseph, der - von Burkard in ner großmütigsten Weise, als bei der Erbschaft beteiligt - aus -reien Stücken abgehoben worden und der letzt in seinem ge­liebten Wien wahrhaft glückselige Taye mit seinem Einkommen verlebte. Ohne Schulden denn bie hatte er damals bezahlt alstapferer Soldat" undVeteran" mit Sympathie oe- Haudett; ohne Sorgen um das tägliche Brot und in bescheidener Weise den großen Herrn spielend, was wollte man mehr?

Er hatte Burkard in diesem Sinne häufig aeschrieben und 'ich in der That dann auch glücklicher gefühlt, als je in seinem Veben. Aber diese Hellen Tage hatten dennoch dunkle Stunden und schlaflose Nächte, die der Leichtsinn wohl hintan hielt, aber niemals ganz verbannen konnte.

(Fortsetzung folgt).

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