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1910 in Silber zu gestatten wegen der groben Verluste, die es in Folge der Entwertung des Silbers zu er- tragen habe.___________________________________________

Ein offenes Sendschreiben an den Kaiser veröffentlicht Professor Lehmann-Hohenberg in der neuesten Nummer seiner ZeitschriftVolksanwalt". Professor Leh­mann beklagt darin, daß sich in der Umgebung des Kaisers keine Männer befinden, die über das nötige biologisch­technische Wissen verfügen, um gemäß der Anregung deS Kaisers die Deutschen deutsch zu erziehen. Er entwirft dann weiter ein nicht sehr schmeichelhafte- Bild von den Rath­gebern deS Kaisers:

Deine jetzigen Minister und Geheimen Räte können daS nicht machen; ja, sie sind nicht einmal imstande, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und leisten somit nicht daS, was daS Volk von ihnen erwarten darf.

Ein Schreiben von mir an den Herrn Reichskanzler Grafen v. Bülow, hat nicht die Beachtung gefunden, die ich erwartete. Ich will mir nun nicht länger den Weg zum Ohr meines Fürsten versperren lassen. Zehn Jahre bemühe ich mich bereits darum, und daS zeigt, daß eS nicht so ist, wie eS sein sollte. Auch spreche ich nicht als Einzelner, sondern ich bringe einen Notschrei des deutschen Volkes vor Dein Ohr, der bislang an dem Walle Deiner Beamten verhallte."

Und zum Schluffe sagt Professor Lehmann:

Höre also die Stimme des Volkes, erkenne die Wahr­heit, berufe Männer in Deinem Rat, die hier zu helfen verstehen, und werde zu einem Ersüller sozialer Gerechtig­keit! Gott erleuchte und erhalte Dich zum Segen des deutschen Volkes!"

Giessener Cagesneuigkeiten.

r. Ein stattlicher Zug bewegte sich gestern Abend um 5 Uhr durch die festlich geschmückten Straßen unserer Stadt.. Drei Spitzenreiter im Vollwichs ritten voran. Es folgten dann eine Reihe Wagen, die u. a. Magnificenz Prof. Dr. Hansen und Herrn Bürger­meister Mecum zum Festplatz brachten. An die Wagen schloß sich der imposante Zug der Studentenschaft an. Nachdem sich die Testteilnehmer an den Tischen nieder­gelassen, ertönte Trompetensignal und Herr Bürger­meister Mecum erschien als erster Redner auf der Tribüne. Seine sicher gegebenen Worte klangen in ein Hoch aus auf unserem Kaiser und Landesfücsten. Herr Rektor Dr. Hansen als nächster Redner gab seine Freude über das schöne Verhältnis zwischen Stadt und Universität Ausdruck und stattete im Namen der letz­teren der Stadt den Dank ab. Seine Worte wurden vielfach mit Beifall unterbrochen. Am Schlüße stellte er dem Publikum noch den 1000 ften Studenten stud. med. Simons vor. Als Folgenden hörten wir den Präses der Hasso-Rhenania reden, dec in seine Worte die gute Aufnahme der Studentenschaft seitens dec Bevölkerung hervorhob u. daraufhin einen Salamander reiben ließ. Auf dem Festplatz entwickelte sich bald ein reges Leben und Treiben. Die belegten Brode und das Freibier mundeten vorzüglich. Die Bedienung durch die Soldaten war ausgezeichnet man brauchte nicht Hunger und Durst zu leiden. Meistens konnte leider nur ein kleiner Teil der etwa 5000 köpfigen Menge hören und auch dieser nur unvollkommen, da natürlich der Menschenmenge entsprechend ein ziemlicher Lärm war. Bis 11.30 Uhr vergnügte man sich so bei Gesang Tanz und Musik. Dann kam der Heimmarsch mit Lampions. Es gewährte einen wundervollen Eindruck, die endlose Reihe buntfarbiger Ampeln aus dem Walde heraus zur Stadt ziehen zu sehen. Als die letzten gerade die neue Kaserne passierten, langten die ersten bereits auf dem Ludwigsplatz an. Heute sieht es auf dem gestern so froh belebten Festplatz wüst und öde aus. Ein Freund unseres Blattes, der heute in dec Frühe einen

Geerteerd.

Novelle von E. V e l y.

3 4] «Nachdruck verboten.)

Was nützt's? antwortet Maniel, mit dem einen Auge ist mir's doch schwer.

Geerteerd hat ein leises, ungläubiges Lächeln, sie hat's nie ergründen können, ob das Auge der Vorwand ist für die Lesens­und Schreibens-Unkundigkeit des Alten.

So nimmt sie den Brief. Ein glänzendes weißes Blatt fällt ihr daraus entgegen, von dem liest sie ab:

Helene Frömming und Fritz West."

Das bedeutet wohl gar macht Maniel und sicht sie an und stockt dann wieder. - -

Sie nickt. Das ist eine vornehme Art, wie man den Leuten sagt, daß die Beiden einander heirathen wollen ist hier einmal unter Badegästen vorgekommen! erklärt Geerteerd mit ruhiger Stimme.

Gefällt mir nicht! antwortet Maniel, wobei es dem Mädchen überlassen bleibt, sich zu denken, daß er die Art oder die That­sache meint

Er dampft ziemlich gewaltig, spuckt aus, räuspert sich und sagt: Wenn das auch schon vornehm thut.

Geerteerd's Garn hat sich verwickelt, sie braucht nicht zu ant­worten.

Wenn's Einer angab, daß er das Leuchtfeuer just an dem Abend vernachlässigt hat, sonnte ihm schlimm gehen, grollt der Seemann.

An dem Abend, murmelt Geerteerd und wird plötzlich blaß. Maniel scharrt mit dem Fuße. Da liegt ja noch was Schrist- liches.

Das Mädchen hebt das Blatt empor.

Das ist ein Bries! von Fritz West! flüstert sie.

So ein Brief seinetwegen brauchte der Fremde, der

Morgenspaziergang nach dem Philosophenwald unter­nahm, erzählte uns, daß er auf demSchlachtfelde" nicht weniger als 203 leere Bierfässer von ver­schiedener beträchtlicher Größe gezählt habe. Wenn man daraus den allgemeinen Katzenjammer berechnen wollte, o weh!! Im allgemeinen kann man mit dem Verlauf des Festes sehr zufrieden sein. Unangenehme Zwischenfälle, die sich bei solchen großen Festen kaum vermeiden lassen, kamen unseres Wissens nicht vor.

Auf ein an unseren Landesfürsten abgesandtes Telegramm ging heute morgen an Herrn Bürger­meister Mecum Pec Draht folgende Dankantwort ein:

Bürgermeister Mecum Gießen.

Se. Königliche Hoheit der Großheczog lassen der zur Feier dec Immatrikulation des tausendsten Studenten gestern stattgehabten Festversammlung für aufmerk­same Begrüßung bestens danken und wünschen der alma mater Ludoviciana auch für die Zukunft von Herzen bestes Gedeihen.

Römheld, Geh. Kabinetsrat.

* Das Prädikat Professor wurde dem Oberlehrer Th. Schaumann am hiesigen Realgym­nasium verliehen.

* ** Dec ordentliche Professor dec klassischen Philo­logie an unserer Universität Dr. G. Gundermann hat die Berufung an die Universität zu Tübingen ange­nommen. Er wird sein neues Amt mit Beginn des Wintersemesters antreten.

* * Landeslotterie. Bei dec gestern stattgehabten Ziehung dec 4. Klasse der Hessischen Landeslotterie wurden folgende Nummern gezogen: 55 000 Mk. Prämie und 20 000 Mk. Hauptgewinn fielen auf Nr. 33284 nach Gießen. 10 000 Mk. auf Nr. 27990 nach Mainz. 5000 Mk. auf Nc. 42605 nach Darmstadt. 3000 Mk. auf Nr. 44975 nach Worms. - 2000 Mk. auf Nr. 1858 nach Bingen, Nr. 39234 nach Worms, Nr. 52438 nach Mainz. - 1000 Mk. auf Nr. 5797, 23775, 29296, 52766. 400 Mk. auf Nr. 4127, 9578, 26523, 27481, 30709, 30995, 35501. - 300 Mk. auf Nr. 4763, 6027, 15216, 18715, 20487, 27436. 31668, 37190, 45968, 48892. - 200 Mk. auf Nr. 3143, 5291, 5602, 6128, 7965, 9924, 13431, 14235, 15373, 17488, 22156, 24702, 25384, 26180, 26718, 30770, 41551, 45912, 48691, 51279, 26887. An dem Hauptgewinn von 75000 Mk. ist auch ein hiesiger Schriftsetzer be­teiligt, der mit zwei Verwandten ein Achtel-Los ge­spielt hatte.

* Am nächsten Sonntag veranstaltet der WohlthätigkeitsvereinContentia" wieder ein Sommer- fest auf der schönen Aussicht. Bis jetzt waren sämtliche Veranstaltungen dec Contentia in diesem Jahre sehr gut besucht und wohlgelungen. Hoffen wir, daß auch das Festprogramm für nächsten Sonntag, das den früheren an Reichhaltigkeit nichts nachgiebt, wieder zahl­reiche Freunde und Freundinnen findet.

g . Im Etablissement Orpheum konzertieren bis zum 15. JuU allabendlich 5 Damen und 2 Herren.

V Volksbad. Im Juni wurden verabreicht 10 737 Bäder gegen 8502 im Mai 1902 uno 10 606 im Juni 1901, oder im Durchschnitt auf den ganzen Badetag 390 Bäder gegen 315 im Moi 1902 und 393 im Juni 1901. Der Besuch hat sich wie folgt verteilt:

Schwimmbad 4593 Männer, darunter 601 zu 10 Pfg. 1418 Frauen, 319 10

Wannenbäder 1. Kl. 299 Mäner, 143 Frauen.

2. Kl. 855 682

Dampf- und Heißluft, sowie Massage zusammen: 143 Männer, 31 Frauen. Brausebäder 2039 Männer, 534 Frauen. Die Personenwage wurde von 280 Personen benutzt. Das Bad von 11 Personen be­sichtigt.

* Besiywcchsel. Das kürzlich von Herrn H. Winn erworbene Leosche Besitztum am Seltersweg 73 ging ihm in der That lieber geworden war, als er's gestehen will, auch nicht mel)r zu schreiben, aber er setzt doch hinzu: Was will er denn?

Sie liest mit monotoner Stimme:

Seit jenem Abend, liebe Geerteerd, ist's mir schlecht er­gangen in meinem Gemüthe ich habe nicht rechte Ruhe finden können, weil ich keine rechte Auslegung für das Ereigniß hatte. Eins nur habe ich gleich gefühlt, daß die alten Wünsche begraben werden müßten schnell und ohne Abschied bin ich fort­gegangen, es war wohl das Veste für uns Beide.

Leicht ist mir's nicht geworden, Geerteerd, und den lustigen Fritz haben die Leute gar nicht wieder erkennen können. Keiner hat erfahren, warum, aber was mich ängstigte, war der Gedanke, daß eine Anklage kommen könnte. Sv ungerecht sie gewesen wäre, ich hätte sie erdulden müssen. Die Angst ist nun endlich von mir genommen und ich bin im guten Brot und habe keine Klage mehr. Meine alte Mutter will's aber nicht mehr leiden, daß ich so allein bin in der Fremde, und hat für mich nach einer rechtschaffenen Frau gesehen.

Auf Umwegen habe ich von Ihrer Genesung gehört auch die meinige zeigt Ihnen beifolgendes Blatt. Mit Grüßen und Wünschen für Sie und Vater Maniel Ihr Fritz West."

Donnerwetter, fällt Maniel ein, wenn ich mehr als das Letzte davon verstanden habe, so soll mich ein Hai lebendig schlucken!

Geerteerd antwortet nicht.

Wenn's an eine Stadtjungfer wäre, die möchte sich was herauslesen! poltert der alte Seebär wieder.

Da hebt das Mädchen sein blasses Gesicht und sagt leise: Ich hab's verstanden, Vater, Alles, wie's gemeint ist.

Maniel zieht dicke Wolken aus seiner Pfeife und brummt nach einer Weile aus denselben heraus: Nun, so sag's, daß ich auch klug werde. Sie nickt. Sobald ich's kann, Vater! Das scheint ihm auch recht und sie reden nicht mehr darüber.

heute durch Kauf an Herrn Metzgermeister Friedrich Schreiner über. Der Preis beträgt 40 000 Mk.

* Das diesjährige Manöver des 18. Armeekorps wird, wie wir schon berichteten in den Kreisen Hanau, Gelnhausen, Frankfurt a. M., Höchst, Obertaunus, der Provinz Oberhessen bis Gießen hin abgehalten werden. Am Schluß desselben wird Artillerie und Infanterie das Dorf Rüddigshausen, welches zu den Gemeinden gehört, die von dem Militärfiskus als Uebungsplatz für das 18. Armeekorps angekauft wurden, in Brand schießen. Eine Anzahl Dörfer werden auf diese Weise vom Erdboden ver­schwinden. Der Uebungsplatz liegt in der Nähe von Gießen.

Buttergesetz. Seit dem 1. Juli darf Butter, welche in 100 Gewichtsteilen weniger als 80 Gewichtsteile Fett, oder in ungesalzenem Zustande mehr wie 18 Gewichtsteile Wasser enthält, gewerbs­mäßig nicht mehr verkauft oder feilgeboten werden.

* Erdbeeren. Die Erdbeere ist diejenige Frucht, die sich am meisten beeilt, auf dem Tisch zu erscheinen, um schon durch ihr verlockendes Rot jetzt allgemein zum Genusse einzuladen, durch ihren wür­zigen Geschmack zu ergötzen und zu erfrischen. Sie ist dec bunt bemalte Herold, dec das baldige Erscheinen des herrlichen Sommers mit seiner von nun an stets zunehmenden Fruchtfülle verkündet, sie ist die Frucht, Die nicht nur zur angenehmen Befriedigung zarten Geschmackes dient, sondern auch gesundheitlich durch allgemeine blutreinigende und appetitanregende Wir­kung sich ausgezeichnet. Alle Fruchtsäfte sind das beste Mittel gegen brennenden Durst an warmen Tagen. Man sollte sie zu diesem Zwecke mit Wasser gemischt vielmehr anwenden. Die Erdbeeren speziell sind ein vorzügliches Mittel gegen Rheumatismus, der bekannt­lich mit besonderer Hartnäckigkeit festen Fuß im Körper faßt. Schon dec berühmte Naturforscher Linnè hatte gefunden, daß Erdbeeren vortrefflich gegen Rheumatis­mus wirken. Der reine Instinkt führte ihn auf diese Früchte, nachdem er verschiedene ärztliche Mittel um­sonst angewandt hatte. Am meisten wirken die Erd­beeren gleich des Morgens reichlich genossen.

Briefaufschriften. Dec Briefverkehr in Berlin hat einen derartigen Umfang angenommen, daß es zur Durchführung einer ordnungsmäßigen und unverzögerten Bestellung der Sendungen dringend nötig ist, in der Aufschrift dec nach Beclin gerichteten Briefe außer dem Postbezick (N., N. 0. W. usw,) auch die Nummer des Postamts anzugeben, von dem die Briefe bestellt oder abgeholt werden (z. B. Berlin W. 9, Berlin N. W. 6). Selbstverständlich muß die Aufschrift auch die Angabe dec Stcaße, der Hausnummer, des Gebäudeteils und des Stockwerks enthalten. Die Adresse muß also beispielsweise lauten:

An

Herrn Kaufmann Wilh. Schulze in

Berlin N. W. 6.

Albrechtstr. 7, Hinterhaus, 3 Treppen links Das von dec Postverwaltung hecausgegebene Ver­zeichnis der Straßen und Plätze Berlins« das an allen Postschattern eingesehen werden kann, ergiebt des Näheren, zu welchem Bestellpostamt jede Straße und jeder Platz in Berlin gehört.

Hus Bellen und Dacbbargebieien.

Herborn (Dill ), 30. Juni. Aus dem heute abge­haltenen 7. diesjährigen Markt waren ausgetrieben 344 Stück Rindvieh und 619 Schweine. wurden bezahlt für Fett- vieh und zwar Ochsen 1. Qual. 6972 Mk., 2. Qual 67 bis 69 Mk., Kühe und Rmder 1. Qual. 6065 Mk, 2. Qual 5457 Mk. per 50 Kilo Schlachtgewicht. Auf dem Schweinemarkt kosteten Ferkel 6075 Mk > Läufer 85110 Mk. und Einlegschweine 120150 Mk daS Paar

Geerteerd sieht in die sinkende Sonne. Ja, sie hat es immer gewußt, daß einmal eine Stunde kommen müsse, die so etwas wie eine Beichte bringen würde; aber so lange die Sonne scheint, geht das nicht, die Dämmerung muß ihre Züge verschleiern, meint sie.

Sie blickt den alten Vater an und fragt sich dann wieder: Muß man beichten? Muß ein Anderer mitwissen, woran man genug selber zu tragen hat? Er trägt ja auch und sie? sie hat erst nicht besser sein wollen, als die Mutter und ist dann auch in des Vaters Fußtapsen gegangen.

Es muß wohl so sein, wie Talke gesagt hat: es ist im Blute kann sich Eins dagegen wehren?

Sie kann den Blick nicht vom Vater wenden. Er fitzt so ruhig und behaglich da, hat früher immer so gesessen und doch lastet etwas aus seiner Seele.

Sie legt das Strickzeug neben sich, rückt ein wenig näher an ihn heran, ohne daß er's merkt, und dann sagt sie halblaut: Mich däucht, Vater, ich habe von Deiner Art in mir!

Er stößt ein Knurren aus; sie weiß nicht, ob Zorn oder Selbstgefälligkeit die Ursache davon sind. Von meiner Art, wiederholt er. Sie wundert sich, daß er nicht darob erschrickt freilich, er weiß ja nicht um ihre That.

Damals, mit dem Seehund wirft er hin, hab' ich's auch gesagt und dann kommt es nach: Ist gut denn Deiner Mutter Art

Er schweigt, sie auch sie hängt beschämt den Kops tief aus die Brust.

Ihre Haare hast Du und ihre Augen auch, spricht Maniel, sonst nichts ist gut.

Sie möchte in den'Boden sinken, es jammert sie in diesem Augenblick um den alten, gläubigen Mann, den sie hat ver­lassen wollen, wie es ihre Mutter gethan.

Hab's überwunden, murmelt Maniel, ist lang her.

(Fortsetzung folgt.)