Deutsches Reich.
Der Kaiser begiebt sich am 4. August an Bord der „Hohenzollern" nach Rewel zur Zusammenkunft mit dem Kaiser von Rußland.
Sachsen Die neue Ergänzungssteucr wird schätzungsweise etwa 4 M i I l i o n e n Mark der Staatskasse zuführen.
Parlamentarisches.
Aus Hessen.
Es liegen zahlreiche Berichte des Vierten Ausschusses der Zweiten Kammer gedruckt vor. Bezüglich des Antrages des Abg. Wolf betr. die Zigeuner beantragt der Ausschuß: Die Zweite Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten: 1) Eine Polizeiverordnung für das ganze Größherzogtum zu erlassen, welche das Lagern von Zigeunern und anderen demselben gleichkommenden Vagabunten nur auf seitwärts von den öffentlichen Straßen gelegenen Plätzen und nur in einer Entfernung von 20 Metern von den Straßen bestimmt. 2) In denjenigen Gemeinden, in welchen das Bedürfnis hierzu anerkannt wird, eine geeignete Sicherheitswache für vorkommende Fälle einzuführen.
Bezüglich des Antrages des Abg. Diehl betr. die Unterstützung von Gemeinden bei Anlagen von Wasserleitungen beantragt der Ausschuß, das in dem ersten Teil des Antrags gestellte Ansinnen dahingehend zu präzisiren, daß die Regierung denjenigen Gemeinden, welche Erbauung von Wasserleitungen cnd- giltig beschlossen haben, helfend beisteht, sei es nach den Verhältnissen durch Zuweisung von Beiträgen aus Hen verfügbaren Mitteln, sei es durch Gewährung technischer Hilfeleistung der betreffenden Großherzoglichen Beamten und hiermit den Antrag Diehl für erledigt zu erklären.
Die Vorstellungen der Feldschützen des Kreises Gießen und Friedberg betr. An- stelluug und Gehaltsregulierung beantragt der Ausschuß für erledigt zu erklären.
Ueber den Antrag des Abg. Ohl und eine Vorstellung des Stadtvorstandes zu Groß-Umstadt, welche beide dahingehen, die dortige Realschule zn einer Ober- Realschule auszubauen, hat der Abg. Köhler (Langsdorf) Bericht erstattet. Der Ausschuß beantragt der entsprechenden Vorstellung der Stadt Groß-Umstadt zuzustimmen mit der Maßgabe, daß die Regierung ersucht werde, die Ausbauung der Realschule zu Groß- Umstadt zu einer Oberrealschule alsbald in die Wege zu leiten. Ebenso beantragt der Ausschuß bezüglich der Vorstellung des Stadtvorstauds zu B u tz b a ch, die Kammer wolle die Regierung ersuchen, den Ausbau der Realschule zu Butzbach zu einer Ober- Realschule zu veranlassen.
Der Bericht des 1. Sonder-Ausschusses über die Regierungsvorlage betr. die Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte liegt nun im Druck vor. Mit dieser Gesetzesvorlage tritt das Großherzogtum zum zweiten Mal auf dem Gebiet des Wohnungswesens als erster Staat auf den Plan. Der Gesetzentwurf schließt sich an das demnächst von den Ständen zu verabschiedende Gesetz über die Landeskreditkasse an, welche unter Anderem ermächtigt wird zur Hergabe von Darlehen zur Erbauung von Wohnungen für Minderbemittelte nach Maßgabe des vorliegenden Gesetzes. Eine wesentliche Bestimmungjder Vorlage ist, daß die Gemeinden die verantwortlichen Träger der Bestrebungen auf dem Gebiete der Wohnungsfürsorge sein sollen. Die Vorlage sieht die Einrichtung einer Landeswohnungsinspektion vor, die nicht als Polizeiorgan sondern als Organ der eigentlichen Wohlfahrtspflege thätig sein soll. Der Ausschuß stimmt im Allgemeinen der Vorlage zu.
Preussischer Landtag
Berlin, 2. Juni. Auf der Tagesordnung stand der Antrag Limburg-Stirum, der die Regierung auffordert, im Bundesrat dafür einzutreten, daß eine Verständigung mit dem Reichstage betreffs der von der Zolltarifkommission gefaßten Beschlüsse auf Verstärkung des landwirtschaftlichen Zollschutze« über die Sätze der Zolltarifvorlage hinaus herbeigeführt werden. Graf Bülow verliest folgende Erklärung: Die Staatsregierung lehnt es ab, sich an der Beratung dieser Anträge zu beteiligen Diese Materie gehöre zur ausschließlichen Kompetenz des Reichstags. Die gleichzeitige Berathung eines Gegenstandes in den einzelstaatlichen Landtagen namentlich in denjenigen des größten Bundesstaates, kann nur den Zweck verfolgen, von den parlamentarischen Körperschaften der Einzelstaaten aus eine Beeinflussung auf die Beschlußfassung des Reichstags auszuüben. (Zustimmung links, Unruhe rechts.) Eine solche Tendenz würde der Reichsverfassung nicht entsprechen. Nach dieser Erklärung verließen sämmtliche Minister den Lraal.
Das Haus nahm den konservativen Antrag betr. die landwirtschaftlichen Zölle mit 183 gegen 79 Stimmen an. Am Mittwoch steht u. A. die M ain-Necka rr-B a hn- Jn terpellation auf der Tagesordnung.
Zum fall Kloth
schreibt die „Frkf. Ztg.": Fast die gesammte Presse verurteilt die harte Bestrafung des Studenten Woth, der, wie bekannt, zu allem Ueberfluß von der Universität Berlin ausgeschlossen worden ist, und sic wendet sich entschieden gegen die Auffassung, die in dem Urteil des akademischen Senats zum Ausdruck kommt. Die „Berliner Neueste Nachrichten" schreiben ganz richtig: Niemals kann und wird es von der öffentlichen Meinung als „unbeschränktes Recht der Dozenten anerkannt werden, daß Alles, was sie sagen, intra muros universitatis bleibe". Darnach wäre z. B. keinem Studenten gestattet, über Aeußerungen eines Dozenten, die ihm auffallen, vielleicht gegen seine Empfindungen verstoßen, mit seinem eigenen Vater Rücksprache zu nehmen, um diesem zu sagen, daß er bei dem betreffenden Professor keine neuen Kollegien belegen wolle! Wenn Woth, der als Sohn eines bekannten Berliner Reporters die Zeitungs-Berichterstattung gleichsam mit der Muttermilch eingesogen hatte und schon aus diesem Grunde mildernde Umstände verdiente, die angebliche Aeußerung Schmöllers nicht selbst verbreitet, sondern nur seinem Vater erzählt hätte, der sie dann als sehr-auffällig an die Presse gab, sollte er deshalb strafbar gewesen sein? Der Anspruch, daß alle Aeußerungen dec Dozenten intra muros universitatis bleiben sollen, ist absolut. Die Revision ist bereits beim Reichsgericht anhängig, und in weiten Kreisen besteht die Uebezeugung, daß der oberste Gerichtshof dieses Urteil nicht anerkennen werde. Der Senat hat in der Urteilsbegründung für die Dozenten einen Freibrief für alle möglichen Aeußerungen, ein peccetur intra muros in Anspruch genommen, das ihnen weder das allgemeine Rechtsbewußtsein, noch — hoffen wir — die staatliche Aufsichtsbehörde zugestehen kann Oessent- liche Lehranst alten des Llaates sind keine Klöster, sind nicht geschlossene Gesellschaften, deren Mitglieder unter dem Schutze einer gesellschaftlichen Diskretion liehen, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Mit dem Grundsatz der Verfassung: die Wissenschaft und ihre Lehre soll frei sein, ist es völlig unvereinbar, sie mit Mauern zu umgeben, hinter denen jede beliebige Stellungnahme eines Dozenten zu brennenden Fragen des öffentlichen Lebens, auch wenn sie ihn als Dozenten gar nichts angrhen, sakrosankt sein soll. Dieser Grundsatz muß in seinen Konsequenzen nicht zu einer Blüthe, sondern zu einem Erstarren dec Universitäten führen.
Wenn die obige Andeutung zutrifft, daß gar nicht Woth selbst, sondern sein Vater die Aeußerung Schmoller's verbreitete, dann wird natürlich Woth's Disziplinirung noch horriblec als sie ohnehin schon ist.
Zum südafrikanischen Frieden
liegen bis zur Stunde folgende Meldungen vor: Lord Balfour verlas im Unterhause das unterzeichnete Abkommen über die Uebergabe der Burenstreitkcäfte, das von der britischen Regierung gebilligt worden ist. Dasselbe lautet:
1 . Die Burghers im Felde legen sofort die Waffen nieder und übergeben alle Kanonen, Waffen und Kriegs-Munition, die in ihrem Besitze oder unter ihrer Kontrolle sind und stehen von weiterem Widerstand gegen die Autorität des Königs ab, den sie als gesetzlichen Souverän anerkennen. 2. Alle Burghers im Felde außerhalb der Grenzen von Transvaal und der Oranje-Kolonie und alle Kriegs-Gefangenen, die jetzt außerhalb Süd-Afrikas und Burghers sind, werden, sobald die Annahme der Stellung als Unterthanen des Königs Eduard erklärten, zurückgebracht, sobald die notwendigen Beförderungs- und Substenzmittel beschafft und gesichert sind. 3. Die auf diese Weise sich ergebenden und zurückkehrenden Burghers werden ihrer persönlichen Freiheit oder ihres Eigentums nicht beraubt. 4. Weder ein Zivil- noch ein Strafverfahren wird gegen die sich ergebenden oder zurückkehrenden Burghers eingeleitet für Handlungen im Zusammenhänge mit dem Kriege. Diese Klausel bezieht sich jedoch nicht auf gewisse Handlungen, welche den Kriegsgebräuchen widersprechen. Diese sollen sofort nach Schluß der Feindseligkeiten vor einem Kriegsgericht verhandelt werden.
Gleich nach der Erklärung Lord Salisburys im Oberhause über den Friedensschluß, die denselben Wortlaut hatte, mit die Balfours im llntcrhause, hatten die Wandelgänge ein außerordentlich bewegtes Bild. Alles strömte hinaus und diskutierte lebhaft die gemachten Eröffnungen. Es herrschte nur eine Stimme: „Gott sei Dank daß es vorüber ist." Alles weitere ivird von dem heilenden Einfluß der Zeit erwartet. Man glaubt, daß Fauche und andere Kommandoführer in der Kap-Kolonie, die noch im Felde stehen, sich freiwillig ergeben werden, um die unter den jetzigen Bedingungen gebotenen Vorteile nicht zu verlieren.
Aus dem Grade der Stimmung war offen ersichtlich, daß Chamberlain augenblicklich der populärste Mann in England ist. Dec ihm gezollte Leifall über« trifft alle anderen Kundgebungen bei weitem. Ec nahm die Dimensionen einer großen Huldigung des Volkes an Der Kolonialminister ging ganz gegen feine Gewohnheit zu Fuß vom Kolonialamt nach dem Parlament und wurde auf dem ganzen Wege von der Menge mit begeistertem Hoch und unter begeistertem Zurufen empfangen.
* London, 2. Juni. Der Standard und Daily Telegraph schreiben: Als Sieger besteht unsere Auf- gadc darin, das ruhige und friedliche Zusammenleben zwischen Engländern und Buren zu ermöglichen. „Daily News"bemerken, es giebt keinen Engländer, der nicht gezwungen wäre, den Mut unserer Gegner zu bewundern.
London. Wie verlautet, wird das Parlament Kitchener eine Dotation von 100,000 Pfund Sterling bewilligen. Gleichzeitig werde ihm König Eduard einen höheren Adelstand verleihen.
Kitchener wird so bald wie möglich zurückkehren. Eine Zeit lang wird eine militärische Kommission Milner in der Verwaltung der neuen Kolonien assistieren. Die Truppen wird man sehr a l l m ä h l i g zurückziehen.
* Haag. Der holländische Ministerpräsident sagte
brachte es zum Gesellen, und als er sein Meisterstück gemacht hatte, heirathete er feine Katje und errichtete eine eigene Faßbinderei. Er war fleißig, sie war sparsam und so ging denn das Geschäst prächtig vorwärts. Von den Errungenschaften der Neuzeit freilich wollte Meister Peters nicht viel wissen, er blieb Einer vom alten Schrot und Korn, und wenn er einen Wunsch hegte, so war es der, seine Heimath nochmals wiederzusehen. „Das wird unsere Hochzeitsreise", hatte er von Jahr zu Jahr Katje versichert und jetzt endlich hatte er Ernst gemacht . . .
Jens beschattete die Augen mit der Hand: „Katje, der Kirchthurm!" rief er und drängte seine Frau zum Fenster.
„Wahrhaftig", bestätigte sie, „unser Kirchthurm."
Dann fuhr der Zug an Häuserreihen vorüber, an Gasthöfen, Hotels.
„Hm", knurrte Jens, „da werden wir uns wohl nicht mehr zurechtfinden."
Auf dem Bahnhof gab's lautes Leben und Treiben. „Hotel weißerHirsch", „Hotel brauner Sär", „Dienstmann gefällig", „Einspänner nach Wilhelmsburg", tönte es wirr durcheinander.
Jens und Katje standen rathlos auf dem Bahnsteig. Endlich faßte Jens einen Entschluß: er zündete sich seine Pseife an, nahm Katje's Arm und spazierte mitten durch die Gassen dem Ausgang zu.
„Hahaha", lachte einer der Dienstmänner, „das sind nun Fahrgäste zweiter Klasse!"
Das Abfahrtssignal war eben gegeben worden, da riß der Schaffner nochmals die Thür eines Kupees dritter Klasse auf und herein stürzte ein semmelblonder Jüngling, dem ein halbes Dutzend Koffer und Kästen hinterher geschoben wurden. „Alle Wetter", lachte der Blonde und fetzte sich den Kneifer auf, „das war die höchste Eisenbahn ..." da zog die Lokomotive etwas
kräftig an, — ein scharfer Ruck und der Blande faß plötzlich so heftig auf dem Schvoße einer wohlbeleibten Dame, daß die vor Schreck keinen Protest über diese Liebkosung hervorznbringen vermochte.
„Ach, verzeihen Sie", stammelte endlich der Blonde und befreite die Dame von seiner Last, „da bat nur die Lokomotive Schuld, — ich selbst hätte natürlich nie gewagt ..."
Die Dame war stark errathet, sah aber sonst nicht aus, als ob sie über den unglücklichen Zmischensall untröstlich wäre.
Das gab ihm Muth: „Meyer", stellte er sich vor, „Meyer mit dem weichen „ey", Vertreter der Firma Sommer selige Wittwe, Tuche und Buckskins."
„Christian, Floreiitiiie Christian", meinte die Dame, „Christian und Kompagnie in Suderstadt."
Der blonde Meyer schnitt eine tadellose Verbeugung, brachte seine Gepäckstücke in Ordiiiiiig imb überlegte dann, wo er die Firma Christian und Kompagiiie schon gelesen habe. Verstohlen zog er sein Kundenbuch heraus und suchte im Register. Richtig, da staub sie ja . . . Er schlug Seite 62 auf und las rechts in der Ecke: ff, gut bis zu jedem Betrage. Also etivas ganz Solides! Nun musterte er heimlich sein Gegenüber: hm, — auch etwas ganz Solides, ivenigstens ivas den Körperbau anlangte. Nun ja, was man so eine Schönheit nannte, war das nicht, er schätzte sie so dichte an den Schneider ran. Aber in dem Gesicht lag unleugbar ein Zug von großer Gutmüthigkeit unb ihr ganzes Wesen sagte ihm, daß er keine Jautippe vor sich habe. Wenn er nur Gewißheit gehabt hätte . . .; er beschloß eine kühne Attacke.
„Nochmals Verzeihung, gnädige Frau", begann er, „leider führt mich meine Tour diesmal nicht nach Suderstadt, ich würde sonst sicher Veranlassung genommen haben, mich bei Ihrem Herrn Gemahl persönlich . . ."
Ein lustiges Kichern unterbrach ihn: sein Gegenüber hatte das Taschentuch auf den Mund gepreßt, um das Lachen zu unterdrücken.
„Ja gewiß, gnädige Frau", beharrte er, „persönlich hätte ich Ihrem Herrn Gemahl meine Entschuldigungen vorgebracht ..."
„Aber Herr Meyer", platzte die Dame endlich heraus, „so lassen sie doch Ihre Scherze, ich bin ja gar nicht verheirathet. Ich werde im Gegentheil von Jahr zu Jahr lediger".
„Nein, so was", staunte nun seinerseits Herr Meyer, „da . . . da . . . gratulire ich Ihnen."
„Danke gleichfalls", quittirte sie diese Schmeichelei und lenkte das Gespräch geschickt auf das geschäftliche Thema: auf Tuche im Allgemeinen und auf Buckskins im Besonderen. Da war er ganz in seinem Fahrwasser und merkte sofort, daß seine Partnerin in der „Branche" ebenfalls gut bewandert war.
„Suderstadt!" rief der Schaffner aus. Fräulein Florentine nahm ihr Gepäck und meinte: „Schade, daß Sie auf dieser Tour in Suderstadt Nichts zu thun haben", damit stieg sie aus und warf die Thür in's Schloß.
„In Suderstadt Nichts zu thun haben?" schrie Herr Meyer, „aber Fräulein, natürlich habe ich da was zu thun, sehr viel sogar . . . Schaffner, Schaffner", rief er immer lauter, „machen Sie auf, öffnen Sie, ich muß raus, schnell raus!
Der Schaffner stürzte herbei, riß die Thür auf, Herr Meyer stolperte auf den Bahnsteig, die Musterkosfer polterten hinterdrein, der Letzte klappte auseinander und zeigte eine wunderhübsche Kollektion von Tuchen und Buckskins . . .
„Das ist mir auch noch nicht passirt", sagte der Schaffner, als er sich auf das Trittbrett schwang, „wird ein Tuchreisender toll in meinem Abtheil dritter Klasse!"
Sie hatten wieder eine „Kanipagne" vor sich. Der „Rottenführer" saß auf seiner Lade und überwachte die