Nr. 125.
Lbo«»tme«tspreis: in Sieben, abgehalt monatlich 50 Pfg, in s Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk 1 50.
Gratisbeilage«: Qb-rh-snich- F-mili«»zeitu«g (täglich) cberh.sfische Zeitschrift für L-»Lwirtschafl C6ft= neb Garte«i,au, sowie die Gießener «eire-bl-se (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
Dienstag, den 3. Juni 1902.
Gießener
_______________11 Jahrgang.
J«sertio»Spr«iS: Die einspaltige Petitzeile für Kietzen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg , sonst 15 Pfg.; Reklame, die Pcritzetle 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3062.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Meueste Machrichten
(Gießener Gagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (chießener Ieilung) für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzerger für Gietzen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, Vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Die heutige Nummer der „Gießener Neueste Nachrichten" begleitet ein ftisches „Glück auf", das umsomehr von Herzen kommt, weil infolge der zu Anfang dieses Jahres erfolgten Zahlungseinstellungen der früheren Besitzer man verschiedentlich das Weitererscheinen der „Gießener Neueste Nachrichten" in Zweifel zog. Die treuen Abonnenten, Inserenten und wahren Freunde, wie auch, man kann getrost sagen, ein sehr großer Teil der Einwohner Gießens und seiner Umgebung haben aber anders vertraut und dieses Vertrauen im Verein mit der uns aus dem Publikum heraus gewordenen Aufmunterung, dem Volke die Zeitung zu erhalten, dieses Vertrauen genügte uns, das Werk neu aufzunehmen und wir werden uns dessen stets würdig zu erweisen suchen.
Es sind zweifellos schwere Aufgaben und große Mühen, die uns zufallen — wir sind uns dessen wohl bewußt — aber der Gedanke und die Thatsache, daß Gießen und seine gut bevölkerte Umgebung noch Raum, ja Bedürfnis für eine zweite Tageszeitung hat und das treue Festhalten unserer alten Abonnenten geben uns den frohen Mut und die feste Zuversicht, daß unser Beginnen nicht gewagt ist. Mit derselben Zuversicht bitten wir alle, die bisher den „Gießener Neuesten Nachrichten" wohl gesinnt waren und ihnen durch Abonnements- und Jnseraten- aufträge wie durch redaktionelle Unterstützung das Weiterbestehen sicherten, auch fernerhin in Anhänglichkeit zu uns zu stehen.
Getreu alten Traditionen werden die „Neuesten Nachrichten" auch in Zukunft ihre vornehmste Aufgabe darin erblicken, freimütig und unabhängig alles Wahre, Gute und Schöne zu pflegen und zu fördern. Was zur Orientierung in Gießens Mauern, in unserer engeren Heimat, im Vaterlande und draußen im großen Welttheater nötig ist, alles das werden wir sachlich, anständig und in einer einfach verständlichen Kürze bringen.
Die „Gießener Neueste Nachrichten" sollen ein Glied der guten Presse sein, das es mit den Gesamtinteressen des deutschen Volkes sowohl in nationaler wie wissenschaftlicher Beziehung wohl meint.
Die „Gießener Neueste Nachrichten" wollen ferner ein echtes Familienblatt, ein gern gesehener Gast und Freund des Hauses sein.
K
Die Devise:
„Mes kür unsere Lrftr! — Mes durch unsere Leser!"
soll unser Alpha und Omega dabei sein.
Das ist's, was wir wollen und was wir mit Uttee,tahitg b:wihctec Kcafle leisten zu können versprechen dürfen. Das Weitere steht bei unseren geschätzten Leser» und zahlreichen Freundin, zu denen wir ja das Vertrauen haben, daß sie den neuen Herausgeber der „Gießener Neueste Nachrichten" in seinem Unternehmen unterstützen.
Mit herzlichem Dank für das treue Festhalten und die Unterstützung in der Uebergangszeit möge die heutige Nummer von allen werten Abonnenten und Inserenten in die Hand genommen werden, mit demselben Dank mögen die „Gießener Neueste Nachrichten" ihre täglichen Wanderungen beginnen und unser „Glück auf" überall kräftigen Widerhall finden.
Gießen, 2. Juni 1902.
Hföahtion und Ufrlag der „Eichener Drahte Dschrichten"
Wbin Klein.
Im Personenruge.
Waggon-Skizzen von
Ernst Feldern.
(Nachdruck verboten).
Schwerfällig rollte der Bummelzug durch die Haide. Exzellenz von Arenstein hockte mißmuthig in seinem Abtheil erster Klasse und starrte gelangweilt zum Fenster hinaus: struppiges Haidekraut rings umher, ein paar armselige Kiejernstämmchen, am Horizont und darüber ein trüber Himmel, aus dem regenschwere Wolken herniederhingen.
„Scheußliche Gegend", knurrte ex und griff wieder nach der Zeitung. Aber die Bucbstaben tanzten vor seinen Angen, sodaß er das Blatt in die Ecke warf. Seine Gedanken beschäftigten sich ausschließlich mit der „Affäre" und er begann mit deren Rekapitulation.
Vor etwa drei Jahren hatte er sie kennen gelernt; — in demMann, der bisher einsam durch's Leben gewandert war, nur seinem Beruf, seiner Pflicht lebend, war die lodernde Flamme des Johannistriebes emporgeschlagen. Sein Verstand, sein Gefühl riesen ihm „Neii? zu, sein Herz, seine Begierde ließen von Tag zu Tag das „Ja" lauter und mächtiger in ihm ertönen. In den Adern Wanda's rollte Theaterblut, — er wußte es; Wanda war leichtfertig, flatterhaft, — das würde sich verlieren, tröstete er sich; Wanda war arm, — das war keine Schande, zumal er mit Glücksgütern reich gesegnet war. So war eines Tages Wanda feine Gemahlin geworden . . .
, Der Stern des Glückes schien ihm aufgegangen! Sein Glück wäre auch rein und ungetrübt gewesen, wenn ihm nicht oft ein 'm1wmrt*<>£ ©efütil aekomnien wäre:
oas oer Angst, der Furcht. Er ängstigte sich um seine Frau, er fürchtete für feine Frau. Seine Freunde behaupteten: mit Recht, er behauptete: mit Unrecht, bis . .. bis, ja, bis die „Affäre" begann. Natürlich war es ein Schauspieler gewesen, wiederum Theaterblut! Der war schließlich mit Wanda durchgegangen bei Nacht und Nebel, — die „Affäre" war unheimlich schnell zu Ende. Für die Welt, aber nicht für ihn! Denn er konnte Wanda nicht vergessen, alle Fasern seines Herzens hingen an ihr, all' sein Denken galt ihr, sein Empfinden.
Nun war heut Morgen dieser Brief gekommen: aus Dromdorf. Von diesem armseligen Nest in der Haide hatte er noch nie etwas gehört, der Inhalt des Briefes aber genügte, daß er sich sofort mit dessen geographischer Lage bekannt machte. Eine Stunde später fuhr Exzellenz von Arenstein zur Bahn und nun saß er in diesem Bummelzüge, der mit schneckengleicher Langsamkeit seinem Ziele zukroch.
Was in dem Briefe stand? Pah, — für ihn Nichts, gar nichts Neues. Er hatte es gewußt und gefühlt, daß es so kommen würde: ihr Verführer hatte sie ver- lasfen, krank und hilflos lag sie im Dorfwirthshaus. Mit einer „Schmiere" waren sie in den letzten Monaten durch das Land gezogen . . . Wenn er sie noch ein Mal sprechen, wenn er ihr Verzeihung ge- gewähren wolle, dann solle er nicht zögern, denn . . .
„Station Dromdorf!" rief der Schaffner, die Bremsen knarrten und der Zug hielt.
Exzellenz von Arenstein blickte theilnahmlos auf die Wellblechbude, die als Warteraum diente, auf den Beamten, der Inspektor , Fahrkartenverkäufer, Gepäck- abfertiger in einer Person war, — dann kletterte er aus den Bahnsteig hinunter. Während der kurzen Dauer der Fahrt schien er um ein Jahrzehnt gealtert zu sein, er machte den Eindruck eines gebrochenen Maunes, dieser Fahrgast erster Klasse!
Keuchend und pustend setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Nebenan im Abtheil zweiter Klasse saß ein wunderliches Paar. Er in langem schwarzem Rock mit engen Aermeln, hohem Vatermörder mit schwarzem Halstuch, großen karrirten Pantalons; sie in schwarzem Seidenkleid, weißem Häubchen und wollenem Umhängetuch.
„Hm", hatte der Alte vor einer Stunde erklärt und aufmerksam die Gegend gemustert, „geändert hat sich hier Nichts, die Haide bleibt eben Haide."
„Du hast Recht, Johann", nahm jetzt die Greisin das Wort, Haide bleibt Haide." „
Das war bis jetzt ihre Unterhaltung gewesen und abermals brach das Schweigen über sie herein. Aber wie sie so dasaßen, Hand in Hand, wie ein Lächeln über sein gefurchtes Gesicht huschte, wie ihre Augen aufleuchteten, merkte man, daß ihre Gedanken arbeiteten und daß sie sich verstanden, auch ohne viel Worte zu inacheMunnerslag!» ^f der Alte plötzlich, „da ist die Schweden-Kiefer, die stand vor fünfzig Jahren auch schon!"
Vor einem halben Jahrhundert! Ach, das war eine böse Zeit gewesen! Jens Peters hatte das Kühehüten satt gehabt und gedroht, er werde weglaufen und nach der Stadt wandern, um was zu lernen. „Laßt ihn lausen", hatte der Schulze gesagt, „aus dem Kerl wird doch Nischt." So hatte der „Kerl" sein Bündel geschnürt und war der Großstadt zugewandert. Einige Monate später war Katje Jensen aus dem Dorfe verschwunden. „Sie ist dem Jens nachgelaufen", meinte der Schulze, „Art läßt nicht von Art . . ."
Und so war es auch! Katje hatte es ohne JenS in dem Heimathdorfe nicht aushalten können, sie war ihm gefolgt. War das eine Freude gewesen, als sie sich wiederfahen! Und Jens hatte wirklich etwas gelernt: er war Faßbinder geworden und das war in der Hafenstadt ein Gewerbe, das seinen Mann gar redlich nährte Er