gehalten. 1609 war bereits der botanische Garten angelegt worden, der einen für damalige Verhältnisse recht stattlichen Umfang hatte. Auch für die Pflege von Leibesübungen trug Ludwig Sorge. 1622 liess er ein sogenanntes „Ballhaus“ zu diesem Zweck errichten. „Allein“, so schreibt Dr. Neb el 1828, „obgleich Grafen, Barone, und reiche Ausländer hier studierten, so konnten doch zwei Ballmeister nacheinander nicht bestehen und mussten wieder’wegziehen.“— Die neue Akademie wurde bald berühmt. Ihre Lehrer, gröstenteils schon früher in der gelehrten Welt bekannt, verschafften ihr in und ausser Deutschland Macht und Ansehen.
Die Giessener Industrie beschäftigte sich damals mit wesentlich anderen Zweigen wie jetzt. So wird in einer Topographie Giessens vom Jahre 1613 hervorgehoben, dass sich in Giessen eine sehr starke Tuchmacherzunft befinde und das Giessener Tuch auswärts berühmt sei. Ein andermal preist ein Student in einer Rede den Giessener Wein als auswärts sehr geschätzt. Leider ist das Letztere jetzt nicht mehr der Fall. (In ganz Oberhessen giebt es bekanntlich nur noch im Kreise Büdingen ertragsfähige Weinbe/ge.) Viele hohe Herrschaften und Prinzen studierten in der ersten Zeit in Giessen. Die Besoldung der Professoren liess in der ersten Zeit nichts zu wünschen übrig. Die Quartalsbesoldung, die praenumerando bezahlt wurde, betrug 60 bis 70 Gulden. Dazu kamen jährlich 22 Achtel Früchte, Holz,-Heu, Hahnen u. s. w. Diese Besoldung war für die damalige Zeit glänzend. Die Redensart „der kann leben wie ein Professor“ war gerade zu sprüch wörtlich. Da im 17. und 18 Jahrhundert der Münzfuss bedeutend heruntergesetzt wurde und auch die Lebensrnittel sich verteuerten, so war das Gehalt in späteren Jahren recht knapp und musste verschiedene Male aufgebessert werden. Im Jahre 1825 war die unterste Stelle einer Fakultät mit 800, die erste mit 1100 Gulden besoldet.
Recht betrübend für die Akademiker und auch einzelne Fakultäten ist es, wenn man sieht, wie niedrig sie in der Standesrangordnung eingereiht wurden. Eine Rangordnung von 1609 lautet:
Proprinceps oder Statthalter. Rector, Fürsten, Grafen, Freiherren, welche auf der Universität studieren, Landkommenthur zu Marburg, Erbmarschall, Hofrichter u.s.w. erst an 17. Stelle Superintendenten, Doktoren und Professoren der Theologie, zweiter Rat, zweiter Professor der Rechte, dritter Rat, dritter Professor der Rechte, vierter Rat, medizinische Fakultät, philosophische Fakultät.“ Ein Theologieprofessor war also an Rang höher wie einer von den anderen Fakultäten. Auch jetzt herrscht noch in allen Vorlesungsverzeichnissen diese Anordnung der Fakulläten vor. Im Jahre 1616 wurden die Giessener Theologen durch einen Streit mit den Tübinger Professoren über eine theologische Frage bekannt.
Unter dem 30jährigen Krieg hatte die Universität schwer zu leiden. In den Kriegsbedrängnissen konnte den Professoren ihr Gehalt nicht regelmässig bezahlt werden und da ein Professor auch essen muss um zu leben, so verliessen eine ganze Anzahl Gelehrte Giessen. Auch die Studenten wollten sich aus Angst vor den Schrecknissen des Krieges davon machen. Der Rektor aber ermunterte sie, sich in den Waffen zu üben und sich unter eine Fahne zu stellen. Sie liessen sich bewegen. Auf ihre Fahne schrieben sie „Litteris et armis ad utrumque parati“. (Mit Wort und Waffen zu beidem bereit.)
In den Jahren 1625 bis 1650 war die Giessener Universität nach Marburg verlegt, sie behielt aber doch ihren eigenen Charakter als Hessen - Darmstädtische Landesuniversität. Es waren dieselben Professoren, die nur auf Befehl des Fürsten ihren Wohnort änderten.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte Giessen einen grossen Ruf als Pflegestätte der astronomischen Wissenschaft. Die Universität hatte nämlich die berühmten matematischen und astronomischen Instrumente des Landgrafen Philipp zu Butzbach erworben. Dieser Fürst, ein Bruder Ludwigs war 1643 durch ein mit angezündetem Brantewein erhitztes Bad eines schmählichen Todes gestorben.
1650 sollte die Hessen-Darmstädtische Universität von Marburg wieder weggelegt werden. Von dem in Betracht kommenden Städten Darmstadt, Giessen, Grünberg und Alsfeld wurde Giessen wegen seiner günstigen Lage .gewählt. Der mit der Stadt damals abgeschlossene Vertrag enthält u. a. folgende Bedingung: Es soll jedem professori oder praeceptori classico gestattet sein, ebensoviel Schweine in die Mästung einzutreiben wie ein Bürger u. s. w. Man sieht, auch hierin haben sich die Zeiten etwas geändert. Es wird wo’d heutzutage selten vorkommen, dass ein Mann der Wissenschaft sich nebenbei auf die Schweinezucht verlegt — c/ müsste höchstens Landwirtschaftler sein.
Am 2. April 1650 gab Landgraf Georg II. ein Patent aus, in dem er die Wiedereinführung der Universität Giessen bekannt gab. Am 5. Mai erfolgte der Akt der Einweihung. Nach den offiziellen Feierlichkeiten : Festgottesdienst, Festzug etc., wurde ein festliches Mahl auf dem Schlosse eingenommen. Auch damals nahm die Bürgerschaft regen Anteil an der Freude. In vielen Häusern der Stadt wurden Gastereien veranstaltet.
Im Jahre 1666 erlangte die Universität einen neuen Glanz durch die Anwesenheit der beiden fürstlichen Prinzen Ludwig und Friedrich, die mehrere Jahre dalieben. Man erzählte sich später noch, dass Ludwig VI., ..er in den Ausgaben mehrmals Posten für seidene btrumpfe gefunden, verordnet habe, dass sie diese kost- bare Tracht nur an Festtagen tragen sollten.
□ m Jahre 1665 wurde für die bessere Aufsicht über das Oekonomiewesen ein beständiger inspector rerum oeconomicarum bestellt. 1667 kam die Universitäts- Witwenkasse zu stände. Unter anderem wurden ihr
auch die eingegangenen Gelder von abgekauften Karzerstrafen zugewiesen.
Im Jahre 1706 beging man ein grosses Fest, die hundertjährige Jubelfeier der Universität. Beide fürstliche Prinzen kamen dazu nach Giessen und wurden in Kleinlinden von 2 Komp. Studenten zu Pferde eingeholt. Das Fest dauerte vom 7. bis 18. Oktober. Festgottesdienste und Festtafeln wechselten mit einander ab. Am 20. Oktober wurde mit 20 Kandidaten der Medizin und. Philosophie die Promotion vorgenommen. Die Studenten brachten eine Fackelmusik und wurden sämtlich an Tafeln in dem Kolleggebäude traktiert. Der Landgraf schenkte der Universität einen kostbaren Pokal.
Im Anfang des 18. Jahrhunderts war die Frequenz der Universität sehr gross, — sie wird auf etwa 516 Studenten geschätzt. Der grosse Ruf der Juristen bewirkte dies. Ebenso war die theologische Fakultät an allen Streitfragen der Zeit beteiligt. 1720 wurde eine neue Anatomie errichtet.
Die Universitätsbibliothek vergrösserte sich durch verschiedene Stiftungen. Verschiedene Gesellschaften mit nationalem oder wissenschaftlichem Charakter bildeten sich in jener Zeit, lösten sich aber bald wieder auf. 1776 wurde eine fünfte oder ökonomische Fakultät eingerichtet. Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein Entbindnngshaus verbunden mit einer Hebammenschule eingerichtet.
Die Bedrängnisse des französischen Revolutionski ieges wirkten sehr nachteilig, die Frequenz sank. Sammlungen wurden geplündert, Schränke und Präparate der Anatomie wurden vernichtet. So ging denn das zweite Jubiläum 1807 sang- und klanglos vorüber. Eine wichtige Erweiterung erfuhr die Universität noch durch Einrichtung des Forstinstituts und Gartens 1824.
Wir haben versucht, unseren Lesern ein Bild der Geschichte unserer Universität von der Gründung an zu geben. Auf die neuere Geschichte einzugehen, erübrigt sich, da es schon von berufenerer Feder geschehen ist. Heute, wo wir das festliche Ereignis der Frequenz von über 1000 Studierenden begehen, mag es uns mit Freude und Genugthuung erfüllen, wie sich die Ludoviciana aus kleinen Anfängen zu einem stattlichen, lebenskräftigen Baum entwickelt hat. r.
Giessener Plauderei.
Wenige Städte existieren im deutschen Reich, die wie Giessen im Zeichen des Fortschritts stehen, Der Fortschritt ist die Pflicht eines jeden Geistes und immer ein edler Freund wahren Menschentums gewesen. Der Fortschritt allein ist es, der im tollsten Spiel der Kräfte nicht rastet, wanket oder weichet.
In diesem Sinne sind die Bewohner Giessens sehr fortschrittlich geneigt und in ihrer Gedankenwelt, politisch dem Freisinn zugeteilt. Sie erkennen den Abgeordneten Richter als ihren Major domus an und sind glücklich, wenn er Giessens Gräser weidet.
Viele bedeutende Grössen haben in Giessen ihre Tüchtigkeit erprobt und sind, Dank der schneidigen Führung, im Ministerhimmel bethronet. So tauschte Gnauth, der Unvergessliche, Giessens Bürgermeistersessel gegen das hessische Finanzministerium ein und hat in der kurzen Ministerzeit schon soviel Kraft gesammelt, dass er der hohen Kammer vereinten Stürmen männig- lich zu widerstehen vermochte.
In den jüngsten Tagen hat auch ein Ministerleben in Berlin das Licht erblickt, welches vor Jahren schon als Oberleutnant in Giessens Garnison lebte und, da er ein vorzüglicher Erzähler war, uns die französischen Eisenbahnen von anno 1870/71 beschrieb. Was ein Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten, und aus dem bescheidenen Oberleutnant entpuppte sich 1902 der preussische Eisenbahnminister General Budde. Derselbe erkannte schon sehr frühe Giessens Vorzüglichkeit und verschwägerte sich mit zwei Giessener Familien, deren Jugend heute mit Stolz erklären kann: ,,Mer ham ’ne Ministerpetter in Berlin!“
Aber, wenn erst jener Grösse man sich erinnert, die vor Jahrzehnten hier laboriert hat und nach langem Suchen, viel ernster Arbeit und kühnem Geistesfluge, uns die Bedeutung von Extrakten lehrte, dann muss die Welt Giessens Bedeutung anerkennen, in deren Mauern er einen Lehrstuhl besass und den Ruhm der alma mater Ludoviciana fest und fester schmiedete.
Viel hatte man schon von Extrakten gehört, viel auch von Ochsen, den Dummen, doch — dass man von Ochsen — Extrakt fabriziert und diesen den Menschen als Stärkung zuführt, das bracht' manch Redsel'gen zum Stummen.
Voll dankbarer Anhänglichkeit beschloss man, den grossen Mann zu verdenkmalen, und in Anbetracht seiner kolossalen Weisheit gebar uns Prof. Schapers Kunst, auf Giessens Antrag, den weissen Liebig.
So steht er, nicht müde werdend, in der Ostanlage auf hohem Postamente, und alle, die ihn dort gesehen, — bewundern seine Rüstigkeit — und manche Einfalt, — die Schönheit seiner Töchter.
Ja, Schönheit wie ziehest du eben mit mächtigem Pochen in Giessens Mauern ein, und gibst „Gesundheit“ als Losung aus. Die Ringpromenade war schon seit Jahren als schön bekannt, jedoch nicht der Teich an der Ostanlage, der augenscheinlich eine hervorragende Bakterien-Begabung hat. Bakterien sind nun zwar ein sehr modernes Gewächs und wuchern rastlos mit ihren Talenten, so dass man beschlossen hat, sie Giessens sozialer Fürsorge dienstbar zu machen.
Programmmässig spannte man nach Sirenenart die Netze, und fing darin — eine Kanalvorlage im Prinzip. Diese — wurde „Kanalisation“ getauft und wird voraussichtlich, entsprechend Giessener Bedeutung, statt P/2 Millionen, welche zuerst genannt, jetzt mit 2^2 Mil- * Honen Mark veranlagt werden,
0, Welt, wie bist Du so wunderschön, wenn man erst zur^Bedeutung herausgewachsen ist, — so — im Facon des Giessener Bahnhofes.
Wie elegant war in dieser Sache die Vorbeugung Preussens ge’n Darmstadt, der Geheime Oberbaurat Hofmann möge Giessens Bahnhofsgebäude zu einem Baudenkmale formen; es war so etwas ganz anderes, als wie der hessische Kammerantrag, der dem „Associé Preussen“ die Teilhaberschaft kündigen wollte.
Da Bahnsachen nun immer dem Reisefieber etwas ergeben sind, so reisten die Giessener Bahnhofs-Entwürfe vom Herrn Geheimen Oberbaurat Hofmann in Darmstadt zur brüderlichen Filiale nach Herborn. Wann hier die Rekonvaleszenten — Zeit zur vollständigen Genesung sich gestalten wird, ist dem Himmel vorbehalten, doch — dürfen wir immerhin — guter Hoffnung sein.
Ja, wenn die Hoffnung nicht wäre auf ein endliches Gewinnen, würden sicher die Expropriationsprozesse zur Hälfte vermindert. — Erst expropriirte Giessen für Strassen und Plätze, dann für Bahnhofsgeleise, Lagerhäuser und den neuen Schlacht- und Viehhof, — und jetzt zur Heilung aller Schäden, — für eine Anzahl von Kliniksbauten. Vielleicht gelangen hier die verschiedenen Expropriationsauswüchse zur eingehenden klinischen Behandlung und Heilung.
Aus dem Gievener ^tuoenLeuleben
Vor einigen Jahren lebte in unserer Lieben Musenstadt eine Persönlichkeit, die heute noch in dec Erinnerung wieder fortlebt. Es war der Kohnkutscher Huhn. Als solcher war er natürlich mit dec Gießener Studentenschaft aufs innigste befreundet. Zwar war die Tonart des Verhältnisses etwas rabiat, aber trotzdem immer sehr herzlich. Huhn ist ohne Zweifel die originellste Persönlichkeit gewesen, die Eiegen jeher vmgebracht hat. Man erinnere sich zum Beispiel jener klassischen Episode, wo zwei der berühmtesten Mitglieder des „Kügenlisches", der lange Schulze und der rote Wenzel sich erkühnten, eine Landpartie mit dem „Karlchen" zu unternehmen. Dec aber fuhr sie einfach in die Kahn und mit drohend erhobener Peitsche ersuchte er die beiden armen Kerlen, das Portemonnai vorzuzeigen. Erst zog dec lange Schulze seinen Geldsack und dann dec „Rote". Erst darauf lenkte das Karlchen um und fuhr die beiden zurück „ins kotze". Da empfing die drei natürlich ein geradezu unheimliches Gelächter. Studenten und Philister, alles schwamm bald in höchster Fidelität, sodav man das berühmte Lied anstimmte.
Städtische Neuigkeiten am Bürgertisch
Müller: „Guten Tag, mein lieber Gottlieb, bin erfreut Dich wohl und frisch zu sehen."
Schulze: „Dank, unsere Trennung war nicht lange, aber wer hätte von uns gedacht, jemals wieder nach Gießen zu kommen."
Müller: „In erster Linie für heute das Universitäts- fest und dann das Erbrecht mein Lieber.
Schulze: „Bravo, das ist nett von Dir, daß Du Dir den Studentencummel mit ansiehst, aber sage einmal, kennst Du Giegens Erbrecht?
Müller: Ich habe gehört, daß die Stadt Gießen das Erbbaurecht einführen will, und zur weiteren Einführungserleichterungen an die Gründung einer Hypothekenbank denkt.
Schulze: „Sind denn schon so viel Gelände angekauft oder expropriiert worden?"
Müller: „Vorläufig noch nicht, man eher ami, die betreffenden Gelände sind in gut fundierten Händen." Schulze: „Hast Du gehört, daß dec Kcacheburg Weber für seinen Acker am Macgacetenweg 60000 Mark erlangt hat?"
Müller: „Ja, ist wie eine Bombe eingeschlagen. Die Stadt hätte gerade dieses Fcontstuck haben müssen, da ihr Besitz hierdurch von der Straße ab» gesperrt wird."
Schulze: „Es sollen ca. 3000 qm sein, das machte ungefähr 20 Mk. pro qm.-Einhett."
Müller: „Ra, weist Du, das ist aber köstlich 20 Mark x ro qm und die sehr wohllöbliche Einschützungs- kommission hat es noch vor etlichen Jahren zu 2^2 Mark, schreibe zwei und eine halbe Mark, taxiert. Hahahahaha!"
Schulze: „Lache nur nicht so interessiert, man glaubt sonst, Du hättest auch Bodenwucherer—Veranlagung. Müller: „Unsinn, habe ja keine Not-Gelände hier liegen."
Schulze: „Ist nicht nötig, deshalb kannst Du doch dec Stadt Gießen grimmigster Konkurrent werden. Wer will Dich denn abhalten, Deine überschüssigen Gelder genau nach städtischem Muster anzulegen und falls Du jemals mit dem Expropriationszrppel in Berührung kommst, so rate ich Dir, studiere die Gießener Geländewert-Statistik."
Müller: „Bravissimo, Gottlieb Schulze, ganz Deine Meinung, dieses Studium rangiert vor der taxierenden Einquartirungskommission."
Schulze: Also abgemacht, Du nimmst das Studium auf und wenn Gießen seinen 2000 sten Studenten einziehen sieht, denn hast Du vielleicht das Vergnügen, des Rätsel's Lösung gefunden zu haben — als Gelehrter über die Lehre des Expropriations- Verfahren.
Müller: Sei still, Du übereiferst Dich, und was konnte die Folge sein, heute Abend im Philosophenwald würde man Dich auch---drum gehab Dich wohl für heute, am Stammtisch im Cafe (£be( Fortsetzung.