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Nr. 150. Erstes Blatt.

Mittwoch, den 2. Juli 1902.

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Gießener

_____________ 11. Jahrgang.

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(Gießener Tageblatt) Htnaöhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Lberhesfm und die Kreise Marbura und Wetzlar; Lokalanzeiaer M Gienen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerci, norm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwottlich; Albin Klein, Gießen.

Zur e

an das Universitätsfest 1902.

Festgruss!

Heil alma mater Ludoviciana , Heil dir im Festgewande ehrwürdige Mutter, Du Born des Wissens und des Rechtes, Heil alma mater Ludoviciana!

Deine Musensöhne und Giessens Philister versammeln sich, um mit Dir die Ankunft des tausendsten Deiner Jünger in fröhlichem Feste zu feiern. Es ist Freude, welche sich in uns Dir nahet, so, wie das Licht der Sonne sie der Erdkrume zeugt und dann sprossend und spriessend, in tausendfacher Frucht des Samenstarre Hülle in lebendiges Wirken versetzt. Die Freude, die, wie des Stahles Funken, dem Wissensdurstigen auf des Weges Richtung zeigt und ein gütiger Stern im Erdenleid.

Ehrwürdige Mutter, wie viele Rechte sah nicht die Welt seit ihrem Bestehen sich finden und doch als das Rechte von allen Rechten — lehrtest Du uns zur Wahr­heit stehen. Zur Wahrheit, jener hehren, edlen, die keiner Deutelei geneigt sich zeigt. Zur Wahrheit, die das edelste vom Edlen uns in dem Born des Wissens reicht.

Heil alma mater Ludoviciana, heil Dir im Festge­wande, wir grüssen Dich als Quell der Weisheit ehr­furchtsvoll und bleiben treu, — Dir alma mater Ludo­viciana !

Academia Ludoviciana.

Giessen, den 1 Juli 1902.

Tempora mutantur! — Dieser Gedanke kommt einem bei der Feier zu Ehren des tausendsten Studenten. 1016 Studenten an der Universität Giessen! Wer hätte das vor 10 Jahren gedacht ? Die Leser sind ja über die Entwick­lung der Universität in den letzten 75 Jahren genau genug unterrichtet, so dass sie selbst beurteilen können, wie plötzlich und rapid die Frequenz unserer Hochschule gestiegen ist. Es ist genug über diesen Gegenstand geredet und geschrieben worden.

Wir wollen heute versuchen, den Lesern in aller Kürze ein Bild von der Geschichte der Universität Giessen zu geben.

Die Stadt Giessen, in den ältesten Urkunden Gizen, Geyzen, „zu den Gizen“ genannt, hat ihren Namen wahr-

Geerteerd.

Novelle von E. B e l y.

S2J (Nachdruck verboten.)

Der Wittwe fdpuimuit» vor den Augen, was braucht iic^ zu wissen. Jo wäre nach überstandener Gefahr doch zuerst aus seine Mutter zu — fein Io — sie braucht hier nicht länger zu stoben und zu harren, sie kann he im gehen über die Dünen und bei Meerie aupod)cn und sagen: Das Meer hat ihn bei alten und Du bist eine Wittwe. Das Meer hat ihn behalten, murmelt sie — und ich, ich hab's so gewollt und gesagt.

Ihre Sinke beben. Aber zu keiner Zeit hat je Einer Reick Toben schwach gesehen — auch jetzt nicht, auch jetzt soll's nicht sein. —■

^och einen Blick aus das Meer, das ihr den Gatten ge nommen hat und nun auch den Sohn behalten hat — da Oli "zell sie Bunuel Hau's eines Auge an uni) vor ihr nieder, halb ihn üü^cilb, legt er ihren Io.

Äe schreit nun doch aus, schrill und laut: Du bist's, Ver- flihbtOr? Hast Tu nicht genug gehabt an bem Einen?

Nur ein Lachen uon Manie! antwortet ihr, dann sagt eine schwache Stimme: Mutter!

Ist's wahr? Sie beugt sich nieder. — Jo lebt, ihr Jo? und dahergeleilet von ihrem Todfeinde, dem Maniel? Sie saßt über ihn Stirn, -sich zu vergewissern, daß sie selber lebt, wach ist — nicht verwirrt.

Ei'w Bischen schwer! brummt Manie!, m » Dorf mögen ihn Andere tragen! «Dann ist der Kapitän an die Gruppe heran­gekommen und sagt: Ja, Reick — eine Spülwelle nahm ihn weg, er hatte dbch seine Kraft überschätzt — und wenn ihm der Manie! nicht nachsprang, hättest Du den Jungen nicht wieder gesehen.

Maniel — Manie! Hay! stößt die Wittwe heraus, blickt auf den Sohn, der sich-langsam aufrichtet, dann seinen Retter

scheinlich nach einem alten heiligen Hain. Sie gehörte, so weit man das in der Geschichte verfolgen kann, zu­erst einer Linie aus dem Konradinisch-Salischen Ge­schlechte. Später ging sie in die Hände des Grafen von Glizberg (Gleiberg) über. In neuerer Zeit finden wir einen Grafen, der sich Graf von Giessen und Tübingen nennt. Dessen Sohn veräusserte 1265 die Herrschaft Giessen an den Landgrafen Heinrich das Kind, von Hessen. Bald wurde es als fester Platz berühmt.

Im Jahre 1327 wurde Giessen von den verbündeten Mainzern und Trierern belagert und eingenommen. Durch den Transithandel der levantischen Waren nach dem nördlichen Deutschland erlangte es allmählich grosse Bedeutung unter den hessischen Städten. 1567 starb Landgraf Philipp. Das Land wurde geteilt und das „Oberfürstentum Hessen mit Giessen“ gelangte an den Landgrafen Ludwig IV. von Hessen. Mit dessen Tode 1604 erlosch diese Linie. Zu Erben setzte er seine beiden Vettern ein und verordnete, dass Marburg, eine Gesamtuniversität bleiben, und dass das Zeughaus, welches er in Giessen erbaut hatte, unzertrennt bleiben sollte. Daran war die Klausel geknüpft, dass keiner in seinen Ländern die evangelisch - lutherische Religion abschaffen dürfe. Kaum hatte nun Landgraf Moritz seine Regierung über Hessen-Kassel an getreten, so führte er die refor­mierte Konfession ein. Die Marburger Professoren weigerten sich diese anzunehmen und erhielten dafür ihren Abschied. Ebenso wurden etwa 50 Geistliche aus­gewiesen . Die Marburger Professoren fanden in Darm­stadt Aufnahme. So beschloss dann Landgraf Ludwig V. in Giessen ein Gymnasium illustre zu gründen und dieses mit den berühmten aus Marburg der Religionsänderung halber vertriebenen Professoren zu besetzen. Die feier­liche Eröffnung des Gymnasium illustre und des damit verbundenen Paedagogium trilingue geschah am 10. Ok­tober 1605.

Im Jahre 1606 wurde ein Lehrstuhl für Arzneikuude errichtet. Zur Bestreitung der Besoldung der Lehrer wies der Landgraf der Akademie die Einkünfte aus den Antoniterhöfen Grünberg und Giessen an. Die Stadt Giessen verpflichtete sich, jährlicITlbO Gulden’aus dem

an und saßt endlich den Kapitän am Arm und wiederholt: Mauiel Hay — der Maniel Hay hätte das gethan?

Was ist denn soviel daran? fragt der. Naß dabei ge­worden, weiter nichts!

Es kann nicht sein! beharrt Reick. Da faßt Jo ihre Hand. Mutter - hast mich ja lieber im Meer sehen wollen — aber daß der, der Dir den Sohn rettet, den Vater — Er kommt nicht weiter, er senkt wie beschämt den Blick vor des Mauiel's einem, so seltsam aufleuchtenden Auge.

Hoho — Ahoi! schreit der,;als muß er seiner Brust Luf machen.

Von damals meinst Tu, Reick! Bist ja wie eine Verstörte gewesen — und hätt' ich's erzählt, wies kam, geglaubt hättest Dn's doch nicht. Gut war ich dem Hineck wohl nicht — alte Geschichten, SUptein — Weibergeschichten — er schluckt erst, wie an einer unangenehmen Empfindung, e Und wie der Sturm kam und wir Beide über die Nußschale von Boot flogen, gab's ein Wettschwimmen — Hineck ließ nach mit der Kraft, ich hielt ihn, aber damit war uns Beiden der Tod gewiß — daß ich mich endlich frei gemacht habe, hätte ein Jeder gethan — und leicht war mir's nicht noch einmal griff er nach meinem Kopf — Maniel wischt über sein Haupt, als fühlt er noch die Hand des Ertrinkenden dort. — Ich gewann das Boot wieder und kam heim — mußte immer an mein Kind denken, Kaptein! Das Weid — das hatte mir der Hineck ja schon untreu gemacht —

Mutter, Mutter, stammelt Jo, der Geerteerd und mir hast Du ein Unrecht gethan.

Der Kapitän legt dem Maniel die Hand aus die Schulter. Morgen trinken wir einen Grog zusammen, Manie! Hay — und einen guten?

Reick hat langsam ihren Kopf geschüttelt und dann ist plötzlich die Starrheit von ihr gewichen.

Manie! Hay, murmelt sie, den Jo da batiF ich Dir — und für das Andere will ich Dir aus den Knieen Abbitte thun!

Verlang' ich nicht, lacht Maniel. Hab' nichts anders im Sinn, als daß ich nun aus dem nassen Zeug komme.

Einkommen des Weinzapfens zuzuschiessen. Das neue Gymnasium erlangte durch den Ruhm seiner Lehrer grosse Frequenz. Der erste Rektor Winkelmann hatte während seiner Amtsführung vom 10. Oktober 1605 bis Ende 1606 gegen 300 Studenten eingeschrieben. Die Vorlesungen wurden in den Ratsstuben abgehalten. Für 1030 Goldgulden erkaufte Ludwig vom Kaiser das Privilegium für die neue Hochschule. 1607 wurde der Grundstein zu einem neuen Kolleggebäude gelegt Am 7. Oktober 1607 wurde der Bau eingeweiht. Ludwig verehrte der Universität zwei silberne mit goldenen Zier­raten versehene Zepter zum Zeichen der Privilegien. Als Rektor wurde Dr. Gottfr. Antoni ausgerufen. In­teressant ist es, wie glänzend damals das Rektoramt be­zahlt wurde. Antoni bekam für seine Bemühungen einen Zuschlag von 15 Gulden p. a. Die Studenten halten damals wirklich grosse Freiheiten. Sie hatten eine be­sondere Gerichtsbarkeit und hatten allein den rector magnificus als Obrigkeit anzuerkennen. Von Steuern waren sie befreit, brauchten auch für Nahrungsmittel, Bücher und Getränke keine Accise zu bezahlen. Ein ganz eigentümliches Privileg giebt ihnen die freie Jagd in der ganzen Giessener Gemarkung. Mancher von unsern akademischen Nimroden wird es schmerzlich bedauern, dass 1808 den Studenten und Universitätsangehörigen die freie Jagd entzogen wurde, weil — so schreibt der Chronist — sie zu allerlei Zerstreuungen und Un­ordnung Anlass gab. Auf die eigene Gerichtsbarkeit ver­zichtete die Universität im Jahre 1823 freiwillig. Von der Fürsorge Ludwigs für seine Studenten zeugt auch die Verordnung, dass die Professoren öfters die Wohn­ungen der Studenten besuchen und schätzen, überhaupt auch für neue und bequeme Wohnungen Sorge tragen sollten.

In die erste Zeit der Universität fällt auch schon die Gründung eines Freitisches für arme Studierende. Zunächst stand bloss den Theologen diese Vergünstigung offen, später wurde sie auf alle Fakultäten ausgedehnt. 1609 erlangte auch die medizinische Fakultät durch Anstellung von drei Lehrern ihre Vollzählichkeit. Die erste Anatomie wurde 1615 von Gregor Horst „an einem weiblichen Körper, sodann an^einer Hirschkuh“ n W»m 7, lilisTsi BBSKM«B2^ h I ’l FIIF stil —— Ma— B^f

Holla — wo ist meine Geerteerd?

Das weiß niemand, Reick will noch zu ihm reden, während Jo, sich auf sie stützend, zu gehen versucht, aber der Alte hat keine Aufmerksamkeit mehr für sie. Er erinnert sich plötzlich, daß er fragen muß, warum das Leuchtfeuer eine Weile erloschen gewesen ist — und dann . stößt er wilde Betheuerungen aus, daß Fritz West keine Anwartschaft mehr auf die Hand seiner Deern haben soll. Ist das ein Wächter nach Recht und Pflicht? . •

Die andern Männer am Strande mühen sich um die Fahr­zeuge. Da schreit Einer auf:

Maniel Hay — komm hierher!

Ist die Geerteerd — oder der Teufel hat sein Spiel.

Sie heben das leblose Mädchen behutsam empor; langsam tritt der alte Seefahrer heran.

Meine Geerteerd ist's, sagt er leise.

Die Leute sehen sich fragend an — was kann ihr begegnet sein, hart hier am Strande?

Maniel macht ein Paar Bewegungen mit den Lippen, alS habe er seine Pfeife dazwischen.

Tragt sie nach Haus.

Dann sieht er aufs Meer hinaus.

Wär' auch so was, wie Gerechtigkeit — während id) den Andern aus dem Wasser gezogen habe.

Da drängt sich Reick heran, sie, die nicht bei ihres" Mannes Tode die äußere Fassung verlorei« hat, weint lallt.

Geerteerd — gebt sie mir! laßt mich, ich habe ein Recht dazu —

Sie horcht und lacht plötzlich, als käme ein freudiger

Wahnsinn über sie: Das Herz ichlagt ja noch.

Tragt sie nach Hause, wiederholt Maniel, dann setzt er hinzu als habe er weder Furcht l.öch Schmerz um-sein Kind: Ich muß trockene Faden auf den Leib haben!

(Fortsetzung folgt.)