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Nr. 228.

Mittwoch, den 1. Oktober 1902

11. Jahrgang

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Druck und Verlag der Gierener VerlagSdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei lgegr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Politische Nachrichten.

Berlin, 30. Sept. Wie das „Berliner Tageblatt" authentisch mitteten kann, ist in den Kreisen, die mit den Burengeneralen persönliche Beziehungen pflegen, nichts davon bekannt, daß die beim Kaiser nachgesuchte Audienz bewilligt ist. Ehe eine endgiltige Antwort vom Hofmarschallamt erfolgt, kann der genaue Termin des Besuches der Generale in Berlin nicht festgesetzt werden. — Wie das genannte Blatt weiter berichtet, bestehen lebhafte Bestrebungen, die Generale zu veran­lassen, dem Besuch in Frankreich die Priorität für den­jenigen in Deutschland zu verschaffen. Auch hierüber sei eine endgiltige Entscheidung noch nicht gefällt. Das hiesige Empfangskomitee trägt sich noch immer mit der Hoffnung, daß die Generale zum 12. Oktober in Berlin eintreffen. Die Zeit ihres Aufent­haltes ist auf fünf Tage bemessen. — In dec englischen Presse wird nach einer Londoner Depesche des Lokal-Anzeigers die Meldung, daß Kaiser Wilhelm die Buren-Generale empfangen werde, lebhaft besprochen Die „Times" bemerkt dazu: Weder der Kaiser noch die Generale könnten die unvermeidliche Wirkung auf die öffentliche Meinung in England und in Südafrika ver­kennen. Es sei kaum glaublich, daß Kaiser Wilhelm 6 n einen Schritt denke, welcher im ganzen britischen Reiche die tiefste Entrüstung erregen und die bitteren Gefühle erhöhen und verewigen dürfte, die der Kaiser versucht habe zu besänftigen. England würde ge- zlvungen sein, seine Ansichten über die persönliche Frcundichaft des Kaisers und über die Loyalität und die Ehrlichkeit dec Buren-Generale zu ändern. Der „Standard" will die Meldung als einen Ballon d’essai ansehen. Falls sie jedoch zutreffe, so würde der Em­pfang der Buren-Generale einfach ein Wiederholung des Krüger-Telegramms in kleinem Maße sein.

— Da die Verhandlungen der Zolltarif-Kommisfiort spätestens Ende dieser Woche abgeschlossen fein werden, ist

Wien, 30. Sept. Die Ausgleichsverhand­lungen stoßen abermals auf Schwierigkeiten, weshalb der Kaiser seine Abreise zu den Hochwildjagden auf un­bestimmte Zeit verschoben hat. Die Verhandlungen werden jetzt unter Vorsitz des Kaisers fortgeführt werden.

Zürich, 30. Sept. Eine große Anzahl von Ver­tretern schweizerischer Jndustcievecbände und Gesell­schaften beschloß die Bildung einer Liga, um die agra­rischen Hochschutzzölle im neuen Tarifentwurf zu Fall zu bringen.

Paris, 30. Sept. Frau Zola kam gestern Abend gegen 11 Uhr wieder zur Besinnung. Sie erkundigte sich sofort nach ihrem Gatten. Entgegen anderen Nachrichten verheimlichen ihr die Aerzte noch immer den Tod des Gatten. Frau Zola teilte mit, daß sie ohne eine genaue Stunde an­geben zu können, während des Schlafes durch andauernd heftige Kopsschmerzen geweckt worden sei. Es sei ihr vor­gekommen, als habe man ihr fortwährend mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. — Der französische Unterrichtsminister erhielt ein Telegramm des italienischen Unterrichtsministers, worin dieser sein Beileid zum Ableben Zolas ausdrückt. — Die in der Wohnung Zolas aufgelegte Kondolenzliste trägt bereits Tausende von Unterschriften. Ob Zola testamen­tarische Bestimmungen hinterlassen hat, ist noch nicht bekannt. Das Arbeitszimmer des Verstorbenen wurde vom Gericht versiegelt. Es ist noch nicht festgestellt, ob eine Autopsie stattfindet. Die Beisetzung dürfte bereits morgen erfolgen. Die Liga der Menschenrechte hat bereits zur Errichtung eines Denkmals für Zola die Initiative ergriffen. Beileidstele­gramme laufen fortwährend aus allen Orten der Welt ein, speziell aus Spanien und Belgien. — Der Gesundheitszu­stand der Frau Zola ist befriedigend, sie ist aber seelisch stark deprimiert.

— Bisher ist kein Testament gefunden worden. Unter den eingelaufenen Kondolenz-Telegrammen befindet sich ein solches des Fürsten von Monaco. — Der Zola befreundeten Fran Rosereau und deren zwei Kindern wurde vor der Autopsie gestattet, dem Toten die letzte Huldigung zu er­weisen. Die kinderlose Frau Zola kannte das Verhältnis, in dem ihr Gatte zur Frau Rosereau stand.

Paris, 30. Sept. Kabinettschef Combes ist nach Paris zurückgekehrt. Heute findet ein Ministerrat statt.

Zum Tode Zolas.

Paris, 30. Sept. Zu dem Ableben Emil Zola's wird noch gemeldet: Es handle sich thatsächlich um ein Unglück infolge von Kohlenoxydgas-Vergiftung. Der Kamin im Schlafzimmer Zola's war schon längere Zeit schadhaft. Schon vorgestern Mittag klagte Zola über den unausstehlichen Rauchgeruch. Da es aber Sonntag war, war kein Arbeiter zu finden und zum Schlafen­gehen ließ das Ehepaar alle Fenster offen. In der Nacht muß sich Zola bis zum Fenster geschleppt und dort bewußtlos zusammengesunken sein, sein Gesicht war aufgedunsen, die Lippen blutlos. Neben ihm lag sein Lieblingshund An Zola wurden, nachdem der Arzt rythmische Lungenbewegungen vorgenommen hatte, noch schwache Lebenszeichen wahrgenommen. Der Tod trat indessen nach einer halben Stunde ein. Der Polizeiarzt Dr. Lenormand bestätigte, daß es sich um die schlechte Konstruktion des Kamins handele. Frau Zola, so er­klärte der Polizeiarzt weiter, betrachtete uns und unsere Umgebung, als wir eintraten, mit stieren Blicken. Das Athemholen fiel ihr furchtbar schwer. Wir betteten Zola vorläufig in seinem Arbeitskabinet, zu dem der Eintritt Niemandem gestattet ist. Ich bin überzeugt, schloß Lenormand, daß die Blutproben, die wir dem Leichnam Zolas und dem Arme seiner Frau entnommen haben bei mikroskopischen Unter­suchung die Richtigkeit der Annahme einer Kohlenoxid- Vergiftung ergeben werden. Das Befinden der Frau Zola ist den Umständen nach gut und giebt zu Be­sorgnissen keinen Anlaß. — Die Berliner Blätter widmen dem Verstorbenen soweit dies nicht schon geschehen ist, ehrende Nachrufe, in denen seine Verdienste als Mensch und Schriftsteller gewürdigt wkrden.

London, 30. Sept. Die in der Kapkolonie eröffnete Subskription zu Gunsten der Buren hat 62 778 Pfund Sterl, ergeben, von denen bereits ein großer Teil verausgabt ist. 27 975 Pfund Sterling entfallen auf die Burenfrauen- und Waisen-Kassen, welche Summe in prozentigen Staatspapieren hinterlegt worden ist.

mit Sicherheit anzunehmen, daß der Reichstag schon zu den ersten zulässigen Termin nach der Vertagung, also zum 14. Oktober einberufen ©erben wird. Der

heutigen Sitzung der Reichstags-

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der Zolltarif-Kommission wohnte auch Präsident Graf Ballestrem bei.

Hanau, 30. Sept. Landrat von

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B aumba ch aus Gllnhaufen wurde ab 1. Oktober in das Finanz-Ministerium in Berlin als Hilfsarbeiter berufen.

Washington, 30. Sept. Der amerikanische Ge­sandte in Carracas versichert, in der Lage zu sein, mit­teilen zu können, daß die Regierung wahrscheinlich sämtliche Kabel abschneiden und Kriegsschiffe in die venezolanischen Häfen entsenden werde.

Entlarvt.

Roman von Moritz Lilie.

(Nachdruck verboten.)

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Erna vergaß auf Augenblicke ihren Kummer, als sie ihr SÄ1 M ^l herrliche», mit höchster Eleganz und doch feinstem Geschmack ausgestatteten Raume führte, und sie gab rhrem Entzücken unverhohlen Ausdruck. Auch über Alfreds ?M/ogerte Nch der Ausdruck heiterer Beftiedigung, als er sah, welch freudige Ausnahme seine Anordnungen fanden.

übennfAt ^^ c- besonders, bei dessen Anblick sie freudig EaöeÄ Es war ihr Boudoir.

Mb M Seide, kostbare Bilder

Wände und Urrf^^ schmückten die

asanoe, und Die herrlichsten Teppiche bedeckten ben Anden nMM ÄbliÄ

bei SrVÄ* h™^ .D'.ezane Rücksicht ihres Gatten, wöate n“ "l ihren Verhältnissen erleichtern

. -" ^^ lotse ~itb ieBt allein, Grna; nach bet anstrenaenhen Reise wirst ®u beraube beburren", sagte Alfred, nachdem sie die werde ich sV^üb^ d'en^hee

gigwW KÄÄ bie Ä »"° Dich, mich für heute abend zu entschuldigen", sagte die mnge Fran leite. „Ich mble mich m der That sehr unwohl." ,,„s Ks entfernte Nch, nachdem er ieiner Gemahlin gute Nacht und baldige Genesung gewünscht hatte. - u w

•«in.,. ”a °"Mhn Tage mochten vergangen sein, seit das junge haar^ leinen Einzug auf Schloß Radomitz gehalten hatte.

jm Dem eigentümlichen Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander war keinerlei Veränderung eingetreten.

âmd behandelte Erna mit der gleichen Rücksicht wie am Men >age, und nur zuweilen befiel ihn eine unbezwingbare les ämpTeO ^doch in Gegenwart seiner Frau möglichst zu

Nach^hinau? ^^^ lQß Erna am Fenster und schaute in die Htbten ihre Augen auf der von der ganzen Herbstnacht übergossenen Natur, die in der * anten grau nur noch schwermütigere Gedanken weckte.

^a — was war das?

Bewegte sich nicht die Klinke an der Thür, welche zu dem Erker führte?

Jetzt wieder; das leise Geräusch war deutlich vernehmbar.

Die Erkerthür öffnete sich, und unhörbar wie ein Schatten trat ein Mann in das Bimmer.

Der Mond warf sein fahles Licht durch die Scheiben, von denen Erna die feine Spitzengardine zurückgeschlagen hatte, und übergoß den nächtlichen Besucher mit bleichem Schimmer.

Wie festgewurzelt stand Erna einige Sekunden lang; ihre Augen stierten mit dem Ausdruck des höchsten Entsetzens auf die Gestalt, bann hob sie langsam, als wolle sie den Satan beschwören, die Arme empor, und sie weit von sich streckend, preßte sie angst­voll die Worte zwischen den Zähnen hervor:

„Halek — Franz — mein Gatte, Du lebst?"

Halb bewußtlos sank sie in den Sessel zurück-

Der Mann trat dicht an sie heran.

„9Hcbt wahr, das ist eine sreudige Ueberraschung?" höhnte er, indem er einen zweiten Stuhl herauzog und ohne weiteres Platz nahm. „Dn wunderst Dich, mich lebend vor Dir zu sehen, Erna?" fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, „und in der That erscheint es mir jetzt selbst fast unbegreiflich. Lange schwebte ich zwischen Leben und Tod, aber die Kunst der Aerzte und meine gute Natur ließen die Gefahr glücklich vorübergehen."

Erna zitterte am ganzen Körper; in fieberhafter Spannung hörte sie ^u.

„Es Dauerte lange, ehe ich vollständig wiederhergestellx war , fuhr Ancelot fort. „Als ich mich aber endlich als genesen be­trachten durfte, vermochte ich der Sehnsucht, Dich wiederzusehen, nicht länger zn widerstehen. Ich machte mich auf den Weg nach dem Falkenhofe und kam gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie meine rechtmäßige Gattin einem anderen Manne die Hand am Traualtar reichte."

Erna surfte frampfbaft zusammen, dann schlug sie beide Hände vor ihr leichenblasses Antlitz.

Ein boshaftes Lächeln umspielte die Lippen des Betrügers.

„Was sollte ich thun?" berichtete er weiter. , „An der That­sache Deiner zweiten Vermählung war nichts zu ändern, ein sprach wäre also völlig zwecklos gewesen. Aber sehen wollte im Dich noch einmal, Du solltest wissen, daß ich lebe. Darum itand ich im Park des Falkenhofes, hoffend, daß Du au einem geulter erscheinen würdest. Unb Du kamst. Ich sah Dich erbleichen imd umsiiiken und durfte Dir, meiner rechtmäßigen Gattin, doch nimt zu Hilfe eilen! Aber Du hattest mich erkannt, daran war nicht zu zweifeln; mein Zweck war erreicht."

Hätte Erna ihre Gedanken zu sammeln vermocht, so wurde

iimmer.

sie sich haben sagen müssen, daß die Gerichte den Baran Halek sofort als Fälscher festgenommen haben würden, wenn dieser wieder genesen wäre; er konnte also auch nicht vor ihr stehen. Aber sie war unfähig zu denken, die furchtbare Aufregung hatte ihre Sinne verwirrt. . p £ r 9

„Und was willst Du jetzt von mir?" fragte sie tonlos.,

„Noch einmal wollte ich Dir ins Auge schauen^ noch einmal Deine liebe Stimme hören und dann hinauszlehen in die Fremde auf Nimmerwiederkehr", versetzte Ancelot.

Die junge Frau gewann allmählich ihre Fassung wieder.

„Du hättest besser gethan, mich in dem Glauben zu lassen/ Du seiest tot", sagte sie in vorwurfsvollem Tone.

„Ist Deine Liebe so rasch erkaltet?" , c n .

„Giebel“ rief Erna, und ihre Stimme klang ie^t fest und sicher. „Sprich nicht von Liebe. Was ich in meiner kindlichen Einfalt für Liebe hielt, war nichts als eine flüchtige, vorübergehende Neigung, unb schwer habe ich den übereilten Schritt bereut mm gebüßt, zu welchem mich Deine Ueberredungskunst verleitete.

Es lag eine so merkwürdige Ruhe in der Redeweise der jungen Frau, daß auch Ancelot beschloß, den erheuchelten, warmen Ton fallen zu lassen und energischer sein Ziel 3" verfolgen.

, Alle Neue vermag die Thatsache nicht aus der Welt zu schaffen, daß ich Dein Gatte bin -" f , E1.

„Mein Gatte warst Du niemals!" unterbrach ihn Erna heftig und bestimmt. „Kaum zwei Stunden, bevor Du Hand an Dich legtest, hallest Du mich zur Küche geführt. Aber das Wort des Priesters ist rückgängig zu machen; er hat uns getraut, ohne die Einwilligung meines Vaters, die ein gesetzliches Erfordernis ist. Du hattest den Geistlichen bestochen."

den Augen des Mannes zuckte es wild und dämonisch auf.

" sagte er mit unbeschreiblichem Hohn in seiner Stimme, „steht es so? Weißt Du nicht, daß ich den Trauschein besitze, der mir die Macht giebt, Dich ins Zuchthaus zu bringen wegen des Verbrechens der Bigamie?"

„Wenn ich die Strafe verdient habe, will ich sie gern leiden",» versetzte die Frau mit stiller Ergebung. „Und wenn es ein Ver­brechen war, bin ich bereit, es zu sühnen. Aber kein Richter' wird mich verurteilen. Ich mußte Dich für tot halten, und nur' in diesem Glauben reichte ich Herrn von Fries die Hand."

„Herr von Fries - ganz recht. Es ist gut, daß Du mich daran erinnerst! zischte es von den Lippen des nächtlichen Gastest „Ich werde ihm morgen einen Besuch machen und ihm ein Blatt vorlegen, an dessen Spitze das Wort „Trauschein" zu lesen ist.- Ich glaube, er wird die für ihn etwas überraschende Neuigkeit mit einigem Interesse vernehmen.