Nr. 176, Erstes Blatt.
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____________Freitag, den 1. August 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusz rechanschlnß Nr. 362.
Aeuelle Hlachrichlen
(Lietzener Dagevtatt) Htnaöhängige Tageszeitung (Hießener Aettung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
DruHo Verlander Gießener VerlagSdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
Kapital und Handwerk.
(Nachdnick verboten.)
In einer dec letzten Nummern der Zeitung: „Der Tag" kramt Herr Dr. Oppenheimer die — Weisheit aus, das; der moderne Kapitalismus dem Handwerk das Todesurteil gesprochen habe. Dem Handwerk sei nicht mehr zu helfen, es sei eine im Kampf ums Dasein unpassend gewordene Form, und weder Selbsthilfe noch Staatshilfe könne dem sterbenden Handwerk das Leben Uuedergeben. Die Ausgabe unserer Zeit sei nicht, die Leiche zu galvanisieren, sondern — den Handwerkern 511 helfen, nicht dem Handwerk!
Obwohl nach Ansicht des Herrn Dr. Oppenheimer „jeder Appellationsfestung" gegen das Todesurteil, das Herr Professor Werner Sombart in seinem Werk: „Der moderne Kapitalismus" begründet hat, als „aussichtslos erscheint", so sei uns doch gestattet, die Frage auf- zuwcrfen: Ist denn die Lage des deutschen Handwerks wirklich so verzweifelt, daß gar nichts mehr zu hoffen ist?
Wir können h^ec nicht auf eine ausführliche Widerlegung des „Todesurteils" eingchen, doch getrost behaupten, zu einem solchen grimmigen Pessimismus ist seine Veranlassung gegeben, einmal politisch nicht, zum andern wirtschaftlich nicht.
Politisch—! Von allen Seiten bemüht man sich, aus den Handwerkerkreisen Stimmen zu gewinnen. Die Parteien trauen also doch wohl dem Handwerk noch Kraft genug zu, um sich von einem Zusammengehen mit diesem — „Leichnam" etwas zu versprechen. Sie müssen also wohl darüber unterrichtet sein, daß in dem Handwerkerstände doch noch etwas Leben steckt und ihm ohne Rücksicht auf die verschiedenen Wahlsysteme eine nicht ganz zu verachtende Bedeutung innewohnt. Wenn nun aber außenstehende Kreise in diesen Stand ein gewisses Vertrauen setzen und sich von ihm Nutzen versprechen, warum sollen dann die eigenen Angehörigen diesen Stand ausgeben? Warum selbst die Flinte ins Korn werscn, mit dec so gewiegte Kenner des politischen und wirtschaftlichen Lebens gern noch schießen möchten?
Wirtschaftlich —! Man weist hier auf die Statistik hin, die darlegt, daß die Zahl dec Kleinbetriebe zurückgeht gegenüber den größeren Betrieben. Schön! Das mag stimmen. Damit giebt man aber nur die Thatsache an, ohne sich über die Ursache derselben klar zu sein. Wer im handwerklichen Leben steht und eine große Anzahl Handwerker kennt, der wird beobachten können, daß diejenigen Handwerker, die auf ihre Ausbildung in jeder Hinsicht Wert gelegt haben und die auch als Meister noch am Feierabend über ihren Er
In eigener Sache Richter.
Roman von L. HaidHei m.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.")
ihm Gelegenheit geben würde, sie anzured Kolonitz, der in Böhmen reich begüterte Um
In der Nahe fand er sie noch viel hübscher, als von weitem; Mit Ungeduld wartete er auf den Moment, wo sie berschen und fbm Gelegenheit^geben würde,sie anzureden. Vergehens! Graf ^:. .^, - D 22^.:;.... D^D..:. Ungar, in seiner prächtigen ^Marenumsorm, nahm sie ganz in Anspruch und wenngleich kaum einmal lächelte, so sprach sie doch lebhaft und angeregt
Mit ihm.
Maria, die eben jetzt zur Mutter zurückkam, immer noch Sttuhrt von chrem alten Kammerherrn, warf einen Blick voll auf Llscha, und eine Wolke verdüsterte momentan ihr
Lischa zu dem flotten Husaren- offlZier und Ne, die sich für viel schöner hielt, hatte den alten Herrn garnicht los werden können? - Ah. endlich, ihre Mutter nahm ihr den Kammerherrn ab und stellte ihr Melnicky vor. o , Mona sah sofort, dan derselbe, der etwa siebenundzwanzig Jahre zahlen mochte, mehrere hohe Orden trug “
Sie war sonst nicht für das Civil, der schmucklose Frack und wenn er noch so tadellos saß. war ihr ein Greuel- aber — ein junger Herr, der solche Dekorattonen trug, verdiente denn doch, wie sie sich sofort klar machte, ihre volle Beachtung.
Ach. und sie war wie erlöst, daß sie den „alten Herrn- loS war! Sie lächelte und plauderte in ihrer gewohnten Art und wunderte sich heimlich, daß dieser junge Mann so ernst blieb, von ihrem Gespräch, ihrer heiter scherzenden Weise so garnicht fortreißen ließ.
Plötzlich leuchteten seine Augen auf; Lischa trat zu ihnen. CT wurde ihr vorgestellt, er lächelte sie mit einem außerordentlich gewinnenden Ausdruck an und sprach plötzlich viel lebhafter.
War es möglich? Galt diese Belebung Lischa?
Das Blut schoß Maria in den Kopf, ihr Herz klopfte hart w'.id ra'ch Wie? man zog ihr diese braune kleine Cousine vor? . Diese blieb sich gleich, ruhig und doch mit Teilnahme sprach irnd blickte sie; und Baron Melnicky strahlte förmlich? Was ^nd er denn an Lischa? Und jetzt hörte sie, daß der Kammer- h a-r ihrer Mutter sagte:
^ 1D^ einmal unseres Kaisers rechte Hand werden, irenn der Thronfolger zur Regierung kommt. Die beiden sind zusammen erzogen und gleicher Denkart! Der ^^oherzog tyut Nichts ohne Aèetliickys Rat."
holungen nicht ihr Fach vergaßen, sondern aus ihrer Fachzeitung und anderer derartiger Litteratur Belehrung schöpften, im allgemeinen vorwärts gekommen sind, und zwar zum Teil recht erheblich. Wer aber lässig und träge ist im Denken, wie im Handeln, dec kommt weder als Handwerker, noch als sonst etwas vorwärts. Daß die Handwerker deshalb vielfach selbst an ihrem Niedergänge schuld sind, wird selbst ein noch so warmer Freund des Handwerks nicht bestreiten. Aber, wie gesagt, auch in anderen Ständen kommen derartige Fälle nicht selten vor; und auch die Angehörigen anderer Stände gaben unter dem Kapitalismus in großer Zahl schwer zu leiden — ist darum auch diesen Ständen das „Todesurteil" gesprochen?
Man hat den Handwerkern als wirksamstes Mittel gegen das Großkapital die Bildung von Genossenschaften empfohlen. Herr Dr. O. hält aber eine genossenschaftliche Bewegung unter den Handwerkern in großem Umfange für unmöglich. Warum? Wegen des Klassengegensatzes zwischen denjenigen Wirtschafts- subjekten, die noch Handwerker heißen, aber bereits kapitalistische Unternehmer sind, und denjenigen, die ebenfalls noch Handwerker heißen, aber bereits Proletarier sind". Gibt es denn aber nicht auch zahlreiche mittlere Handwerker, die zu seinem dieser beiden Gegensätze zu rechnen sind und wichtige Bindeglieder für den Zusammenhalt des ganzen Standes darstellen, die weder zu dem acendenten (aufsteigenden) noch zum descendenteu (herabsinkenden) Mittelstand zählen nach der Auffassung des.Herrn Dr. O. ? Fängt ein Handwerker mit nichts an, ist er ein „Proletarier", -fängt er aber, sagen wir, mit 1000 Mark an, so ist er ein kapitalistischer Unternehmer" — so seziert man in dec Theorie das Handwerk bei lebendigem Leibe, andere Stände würden sich das schön verbitten. Und kann man im Leben nicht vielfach beobachten, daß auch heute noch, trotz des Kapitalismus, kleine Anfänger in die Höhe kommen, während große Unternehmer zu Grunde gehen, im Handwerk wie in anderen Ständen. Zudem beweisen selbst viele kleine Handwerker, daß sie zur Bildung von Genossenschaften sich Beiträge ersparen können.
Darüber mag Herr Dr. O. indessen denken wie er will, wenn er aber b.hauptet: „Was vom Handwerk überhaupt noch leben kann, verdankt diese letzte Existenz- möglichkeit einem bösen Parasitismus, einem Raubbau an der Jugend dec Nation, der Lehrlingszüchterei" — so ist das eine so leichtfertige Beleidigung des Handwerkerstandes, daß sich nicht gegen diesen Stand, sondern
Ah! War es möglich? Dieser schlichte, ernsthafte, junge Mann eine solche Persönlichkeit? Daher also die Orden! Und der vergaß über dem Anschauen Lischas und dem Geplauder mit ihr gänzlich, daß es eine Maria von Wazlaw in der Welt gab? Was fand er denn nur an Lischa?
Sie wandte sich den beiden wieder zu, beteiligte sich an der Unterhaltung, suchte auf alle Weise sich derselben zu bemächtigen; sie hatte sich nie so wie heute bemüht liebenswürdig zu sein, die Aufmerksamkeit des Partners auf sich zu ziehen.
Vergebens! Baron Melnicky zeigte ganz offen, daß ihm Lischas Meinung, Lischas Teilnahme wichtiger war als jede andere, ohne Maria ein Recht zu geben, sich verletzt zu fühlen.
Unterdes hatte Burkard Frohberg in einem der größeren Räume, die an den Empfangssaal stießen, einer Anzahl älterer Herren Rede stehen müssen über tausend Dinge, welche, wie er dachte, keinen von ihnen angingen, ihrer Meinung nach aber offenbar wissenswert zu sein schienen.
Für ihn war schon der Gedanke peinlich, alle diese Zustände der Familie Ebern besprochen zu wissen: was gingen Dieselben andere an, die doch keinen Finger rührten Uebelständen abzuhelfen?
Nur einer der Herren erregte seine lebhafte Teilnahme. Er hatte den verschollenen Ernst gekannt, des alten Grafen zweiten Sohn; wohl erinnerten sich auch andere desselben, aber dieser Mann, der Besitzer großer industrieller Unternehmungen sprach in einer Weise von dem Längstvergessenen, die seinem Herzen wie seinem Verstand alle Ehre machten. Er widersprach den anderen:
„Er war ein guter und redlicher Charakter, die Geschichte, die ihn aus dem Lande trieb, war für ihn keine unehrenhafte. Er liebte unter seinem Stande und der Bruder und. Vater der Katharina Gränner nutzten seine Großmut au5, bis sie zur Schwäche und nahezu zum Verbrechen wurde."
Burkard Frohberg wollte und konnte heute nicht naher nach fragen, so sehr dieses Urteil ihn um der Mutter willen interessierte, welche immer in ähnlicher Art von ihrem Bruder Ernst gesprochen. o
Graf Bielstein wollte jetzt wissen, was mit den Wazlaws geschehen würde? Man konnte sie weder verhungern, noch Die Kinder ohne Erziehung lassen. ... ,
; Das schöne Mädchen, die Baronesse müsse heiraten, natürlich durfte nur ein reicher Mann fid) gestatten ein so armes Ding beunzufuhren, aber auf jeden Fall mußte man sorgen ihr Verständnis für diese Wicht der Selbiterhaltung beizubringen. Hatte die unglückliche Frau von Wazlaw denn bereits Versuche gemacht, aus dem Waisenfonds für bobere Staatsbeamte
die „Wissenschaftlichkeit" ihres Urhebers richtet. Als „Todesurteil" betrachten wir sie aber nicht, so grausam sind wir nicht.
In innigerem Zusammenhang mit der Innung wird dagegen der junge, noch unreife Geselle für seinen künftigen Stand angeregt und lebhafter an seine jetzigen und späteren Rechte und Pflichten erinnert. Bei älteren Gesellen aber, die sich nicht mehr selbständig machen wollen oder können, ist zu bedenken, daß wir nicht mehr in Zeiten leben, wo ihnen selbst das Recht zum Heiraten versagt werden konnte. Wie viele davon sind heutzutage Familienväter, Vormünder und zu dem Staatsbürger mit gleichen Rechten wie die Meister, z. B. zur Reichstagswahl. Und wenn solche Gestalten, soweit sie sich nicht grundsätzlich ablehnend verhalten, zu manchen Veranstaltungen und Versammlungen dec Meisterschaft zugelassen werden, wird sich dadurch nicht auch ihr Standesbewußtsein, das Gefühl der Zugehörigkeit zum gemeinsamen Handwerkerstande heben? Wird sich nicht eine größere Annäherung beider Teile auf die Werkstatt übertragen und ein eifrigeres Handinhandarbeiten hecbeiführen?
Es würde dabei viel auf das Taktgefühl der Meister ankommen, daß ihre Meisterwürde gewahrt bleibt, ja sogar an Ansehen gewinnt. Freilich würden manche Meister sich eine strengere Selbstzucht auserlesen müssen, wenn sie wissen, daß sich auch ihre Gesellen unter den Zuhörern befinden, doch kann dies öfters für einen sachlich ruhigeren Verlauf der Sitzungen.nur erwünscht sein.
Gewiß werden häufig die Gesellen jede Aufforderung dec Meisterschaft mit Hohn beantworten, mancher aber aus Wißbegier oder Neugierde freiwillig erscheinen, andere dem Zuspruch der Meister oder der Eltern oder auch verständiger Altgesellen und Kollegen nachgeben, und so schließlich sich ein immer größerer Teil von jenen Einflüssen abwenden, die mit besonderer Vorliebe Feindschaft zwischen Meisterstand und Gesellenschaft zu säen belieben. Nicht wenige Gesellen werden dadurch überhaupt dem Handwerkerstande erhalten bleiben.
Wohl sind wir uns bewußt, '^daß es leichter ist, einen Vorschlag auf dem Papier zu machen, als ihn in die Wirklichkeit zu übertragen, denn die Gegnerschaft zwischen Meistern und Gesellen scheint, namentlich in Großstädten, bisweilen fast unheilbar. Aber Ve^ suche in dec von uns bezeichneten Art werden doch gemacht werden müssen, um ein gedeihliches Verhältnis zwischen beidew.Seiten^herzustellen, und zwar gedeihlich
für ihre Kinder Erziehungsgelder zu erlangen? Wollte Burkard sie einstweilen in Krapolno behalten? Glaubte er das dem der- einsttgen Erben gegenüber, juristisch gesprochen, verantworten zu
Burkard von Frohberg hatte hundert ähnliche, oft sehr,indiskrete Fragen zu beantworten. Am peinlichsten wurden ihm diejenigen nach Graf Josephs Berechtigung sich, obwohl vom Großvater vollständig verleugnet, hier mit solcher sichcrbeit em- zufüyren. Die einen gaben dem Verstorbenen Recht, andere bestritten dies, dritte machten bedenkliche Mienen betreffs Graf Josephs feléer und thaten vorsichtige Fragen., welche Burkard ahnen ließen, daß sein Vetter doch vielleicht in Wien allerlei Anlaß zur Kritik seines Verhaltens gegeoen?
Er wurde zuletzt von bieten vorsichtig tastenden Fragen ganz nervös und sehnte heimlich den Moment herbei, welcher feiner Gäste Abfahrt bedeutete.-------- — —--
Wie er im Kreise der plaudernden und rauchenden Herren die Honneurs machte, hatte Graf Joseph dasselbe in dem Erfrischungszimmer gethan, wo man auf gronen Platten allericr Ebbares, kalles Fleisch, Butterbrote, Palleten, Lbll und We n aufgestellt hatte und wo einige der Diener Uill und Gäste versorgten, welche sich in kleineren oder größeren Gruppen hier emslellten.^ ^ ^ fcjne übernommene Wicht ihn feslhielt, um so weniger behaglich wurde cs.^mbabeu «j« daß er sich einen klaren Grund dafür sagen tonnte oder viel, tuebr wollte, ob in dem Wesen der meisten dieser Männer neben der vollendetsten Höflichkeit, em Etwas läge, was sich wie-ine Schranke zwitchen ihnen und ihm aufbaute.
Er Eachtett genaue?auf Blicke und Benehmen bet einzelnen unb sMe sich amalmcnd. er habe sich getauscht, um bald darauf das Mißtrauen Leder in sich erwachen zu fühlen.
Unb wenn es eimeine gab, die ihm sogar herzlich bt» aegneten, so waren das immer solche Herren, die von den Ebern- schen Verhältnissen nichts wußten, wie er aus ihren neugierigen Fragen entnahm. Die eigentlichen Freunde und Bekannten oeS Grotzvaters waren die Zurückhaltenden.
In demselben Augenblick, wo er wieder so unruhig wurde, sprach ihn ein alter Herr freundlich an, erzählte ihm, er habe mit seinem braven Vater vor Custozza gekämpft und es sei ihm heute eine Freude den Sohn kennen zu lernen. Hoffentlich mache sich doch die ganze verfahrene Erbschaftsgeschichte besser, ali man jetzt denke. ,
(Fortsetzung folgt.)