Nr. 149.
Erstes Blatt.
Dienstag, dm 1. Juli 1902.
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Gießener
________________11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
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für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck uno Lerlag der Gießener VcrIagSdrucker. i, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckcrci, lgcgr. 1783); für die Redaktion verantworUich; Albin JH ein, Gictzin
Poliiilcbe Nacbricdten.
♦ Der Kaiser schenkte der Kolonialschule zu Witzenhausen 10 000 Mk. , _ ,
Der Untergang des Torpedobootes S 42, hat zu folgendem Depeschenwechsel Veranlassung gegeben:
Kiel, 30. Juni. Der Kaiser erhielt ein Telegramm der Königs Eduard aus London vom 28. dè , welches in deutscher Uebersetzung, wie folgt, lautet: „Mit tiefem Be- dauern höre ich soeben von dein UnglllckSfall, der Deinem Torpedoboot bei Cuxhaven zugestoßen ist und den Tod der Kommandanten, sowie mehrerer Mann der Besatzung verursachte. Ich weiß er hoch zu würdigen, daß der letzte Beseht der Leutnants Rosenstock vor dem Tod in den Wellen dahin lautete, daß die Engländer zuerst in das Boot genommen werden sollten." Edward R.
Der Kaiser erwiderte: „Ties berührt von der freundlichen Bekundung Deiner warmen Teilnahme habe ich diese sofort der Flotte durch Signal bekannt gegeben. Die Offiziere und Mannschaften schätzen es hoch, daß die erste Handlung unserer neuen Admirals die so freundlich abgefaßte Botschaft war. Sie bitten ihren aufrichtigsten Dank auSzu- sprechen und vereinigen gleich mir ihre Wünsche mit denen Deiner Flotte für die vollständige Wiederherstellung Deiner so wertvollen Gesundheit. Wilhelm.
Zu dem in englischer Sprache geführten Depeschen bemerken die Berliner „R. Nachr.": Ls muß energisch die Hoffnung ausgesprochen werden, daß die Ausschließung der deutschen Sprache beim Wechsel von Kundgebungen zwischen dem deutschen Kaiser und ausländischen Staatèhäuptern nicht Uebung wird, wie sie allmählich zu ganz entschiedenem Mißvergnügen keineswegs nörgelsüchtiger Patrioten einzureißen scheint. — Ganz richtig.
Der neunte internationale SchisfahrtsKongreß
wurde gestern in Düsseldorf durch den Kronprinzen eröffnet. Gegen 2000 Personen nahmen an demselben teil. Das Ausland, auch Asien, Amerika und Australien sind stark vertreten. Der Kronprinz gab den Gefühlen hohen Stolzes Ausdruck, daß er der Protektor einer so ansehnlichen und wichtigen Versammlung sein dürfe. Gr sei stolz, hervorragende Männer aus aller Welt an der Arbeit zu sehen. Es sei dieser Kongreß nicht nur ein wichtiger Meilenstein auf dem Wege der Entwickelung der Schiffahrt sondern einer jener Berührungspunkte, wo sich alle Nationen die Hand reichen und neidlos ihre gegenseitigen Vorzüge anerkennen. Staatssekretär Graf Posadowskh begrüßte sodann den Kongreß im Namen
Grerteerd.
Novelle von E. V e l y.
81] (Nachdruck verboten.)
Nun wird'è erst schwer, heißt es dann unter den Männern und wirklich scheint das der Fall, denn immer wieder wird das Rettungsboot zurückgcwvrscn aus seinem Wege strandwärts.
Tie brauchen jetzt selber Hülfe, sagt der alte Kapitän.
Mit Mann und Maus müssen sie hinunter, brummt Maniel und schleudert die Wasscrtropsen von seinem breilkrämpigen Filzhut.
Tchadc um die braven Jungens, heißt cs hüben und drüben und unter den Leibern erhebt sich ein Geschluchze.
Ter Kapitän sicht um sich. Hart an unserm Strand sollen unsre eignen Leute umkommen?
Sie wissen nicht, wie sie durch sollen, sagt Maniel. Ich wußte es ich möchte am Steuer sein.
Tas fährt durch die Welt, murmelt der Kapitän, und kennt den eignen Strand nicht.
Oh — ohoi! — Ja, kein Zuruf kann durch das Meer- brausen bringen.
Ich wüßl's, ich wüßt's! schreit Maniel.
Ter Kapitän sieht sich um. Sollen wir's leiden? Wer ist mit dabei?
Ta richtet sich Maniel auf. Käptcin, ich habe nur ein Auge und eine Tccrn, an mir ist nicht viel verloren. Die Laterne lern' tes gut — ich will!
Ich thu mit! sagt ein Jüngerer, den vorhin Jo Toben ver- d>......: hat. Die Drei schreiten durch's Wasser bis zu dem kleinen Boot des Kapitäns, kein Zuruf, keine Warnung begleitet sie, sie müssen wissen, -was sic thun. Trockenen Auges blickt ihnen 'Ne ick nach. Nun wird das Boot flott, nun steuern sie gut — und hohe Zeit ist's, die Dunkelheit fommt.
Tie Weiber werden nach Laternen gesandt, blos Reick bleibt ans ihrer Stelle, sic trägt auch niemandem aus, Jo'è junges Weib von der Gefahr zu unterrichten, in der ihr Mann schwebt.
des Reiches und der neue Eisenbahnminister Budde hielt als Vertreter des preußischen Staatsministeriums seine Jungfernrede als Minister. Die verschiedenen Verkehrsmittel, so führte er aus, müssen sich ergänzen, fördern und unterstützen. Keine Konkurrenz bestehe zwischen Landstraße, Eisenbahn und Wasserweg sondern ein edler notwendiger Streit im Dienste der Kultur, der sich friedlich erledigen lasse. Praktische Männer müßten einig sein in der Beseitigung von Schwierigkeiten, in der Anerkennung aller Verkehrsmittel. Dies sei ein großes volkswirtschaftliches Ziel.
* Berlin, 30. Juni. Der Abgeordnete von Hert- lin hatte am 24. Juni eine Pcivataudienz beim Papst, wobei dieser sich sehr eingehend und mit hoher Genugthuung über Deutschland und Kaiser Wilhelm ausgesprochen habe.
Berlin, 30. Juni. Der Kommandant der kaiserlichen Jacht „Hohcnzollern", Graf Baudissin wurde zum zweiten Admiraldes Kreuzeschwaders ernannt und gibt sein Kommando Mitte August an den Kapitän z. See von Usedom ab.
Berlin, 30. Juni. Wie mehrere Blätter melden ist die Mitteilung betreffend die Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Berlin unbegründet.
* Berlin, 30. Juni. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der deutschen Kolontal-Gesellschaft Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg findet am 10. und 11. Oktober im Reichstagsgebäude der deutsche Kolonial-Kongreß statt.
— Eine bedauerlicheTaktlosigkeit bedeutet es, daß die letzte Nummer der „Lustigen Blätter" auf der Titelseite ein Bild König Eduards und Chamberlains enthält mit der Unterschrift : „Drei Jahre war der King jo krank — Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank." Da das Erscheinen biefei Scherzes mit der schweren Erkrankung des Königs zusammenfällt, hätte unseres Erachtens seine Verbreitung verhindert werden müssen. Konnte sich der Verlag der „Lust. Blätter" dazu nicht entschließen, so muß er es sich gefallen lassen, daß man die Verbreitung der betr. Nummer unter den gegenwärtigen Verhältnissen als eine sehr „bedauerliche Ungehörigkeit" bezeichnet. — Letztere Bezeichnung verdienen übrigens auch die faulen Witze, die sich eine Reihe anderer Witzblätter nach wie vor auf Kosten Englands leistet. Die Unterwerfung der Buren ist doch nun einmal eine nicht mehr rückgängig zu machende Thatsache, und wir halten er darum für überaus thöricht, und politisch unklug, das englische Volk unnützerweise in den Augen der Deutschen herunterzusetzen.
Plötzlich ein Schrei — vom Lcuchtthurm her noch ein Licht- ausziickcn, baun erlischt bie Laterne.
Was ist da passiert? Jetzt, jetzt gerade ist der Weiser des heimathlichen Leuchtfeuers am nöthigsten.
Echt nach dem Wächter — da hat's ein Unglück gegeben!
Die Dunkelheit wird nun bald völlig einbrechen.
Ein aller fUlanu sagt: Kommt Keiner zurück.
Niemand wagt eine Antwort darauf.
Von den Dünen herab gleitet eine weibliche Gestalt, wer's ist, wird nicht gefragt, noch vermag man aus dem Meere die dunklen Punkte, die beiden Fahrzeuge, zu unterscheiden, das kleinere arbeitet sich nach dem größern durch.
Den brobcii wird's schwer treffen sagt der alte Fischer.
Dann eine lange, lange Weile tiefe Stille — sie fühlen mehr, als sie's wissen können, daß sich jetzt das Loos der kühnen Männer entscheiden muß. Es ist auch, als bliese der Sturm nicht mehr so wild, als gingen die Wogen plötzlich niedriger. Aus dem Leuchllhurm erglänzt das Feuer wieder.
Ein halberwachsener Bursche kommt von dort zurück und ruft: Der Wächter sagt, er weiß nicht, wie'è zuging, aber blaß ist er, wie ein Scegefpenft.
Ein Fremdländischer — auf Fremdländer ist kein Verlaß, entgegnet der Greis.
Wie ein Steingebilbe steht Reick Tuben. Den sonst selber wortkargen Weibern ist's unheimlich, daß sie so gar keinen Ausruf hat und darum wagt Niemand eine Ansprache an sie.
Eine Stunde langen Harrens, noch eine, vergeht denen am Strande. Der Sturm wird gelinder, aber es ist noch immer eine Riesenarbeit, sich durch die Wogen zu sümpfen. __ ,
Sie zählen die Stiinbeii nicht, die sie ausharrc». — ie sind s auf dem gelben Eiland gewöhnt, manche Schrcckcnsnacht so zu verbringen. Eine solche hat oft bis zum Morgengrauen viel Wittwen und Waisen gemacht. Was Gott will und das Meer thut, in das müssen sie.sich fügen. . = ... .
Ganz in der Ferne tauchen Lichtpunkte auf; da. ist ein großer Dampfer, der seine Straße zieht — ruhig jetzt — und
Zur Erneuerung des Dreibundes bemerkt die franz. „Narodny-Listi", daß durch die Verlängerung des Dreibundes die Sklaven Oesterreichs mit neuer Sorge erfüllt würden und sie zur erhöhten Vorsicht genötigt seien.
Paris, 30. Juni. Während des gestrigen National-Turnfestes, welchem Präsident Loubet beiwohnte, drängte sich ein junger Mann, welcher auf dec offiziellen Tribüne Platz genommen hatte, an den Präsidenten heran und rief ihm zu: Wenn Sie die Turnvereine so lieb haben, wie Sie behaupten, so lassen Sie Dècoulède zurückkehren. Dieser Ausruf veranlaßte eine Kundgebung gegen den betreffenden jungen Mann, der sofort aus dem Saale entfernt wurde, während die Menge dem Präsidenten Ovationen darbrachte und die anwesende Militär-Kapelle die Marseillaise spielte.
In Frankreich ist ein gleicher Fall zu verzeichnen. Auf Befehl der Seine-Präfekten haben sämtliche Polizei- kommissare in Paris die Anweisung erhalten, das illustrierte Blatt „Offietta du Beure" zu beschlagnahmen wegen einer darin enthaltenen Beleidigung der Königs Eduard.
London. Das englische Kciegsnnnisterium ist durch die Thatsache überrascht worden, daß mehr als 1200 Offiziere ihren Abschied eingereicht haben.
Giessener Cagesneuigkeiten.
— * Ernennung. Der Zahlminister Habn wurde dem 2ten Bataillon unseres Jnf.-Rgts zusieteilt.
Ernannt wurde am 26. Juni Franz Ttppel aus Gießen zum Kanzleigehilfen am Landgericht der Provinz Oberhessen. — In den Ruhestand wurde versetzt der Weichensteller in der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft Karl Freitag zu Gießen mit Wirkung vom 1. Juli 1902 an.
*** Die nächste Stadtverordnetensitz- ung findet kommenden Freitag, den 4. Juli, nachmittags 4 Uhr mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilungen 2. Baugesuch des Karl Dorfeld zu Wieseck für die Marburger- straße; hier: Dispens. 3. Gesuch des Konrad Rübsamen dahier um Eclauonts zur Vornahme von Bauvecänder- ungen an seiner Feldscheuer in der Schwarzlach- 4. Die Militärschwimmanstalt; hier: Dispens. 5. Bau. gesuch des Phil. Kröck für die Rodheimerstraße; hier: Befestigung des Bürgersteigs. 6. Gesuch deS H. Boller ba, plötzlich, kleine Lichter — sie sind dem Strande zugewendet, sie kommen näher, — ja, es ist keine Täuschung hoffender Herzen
— näher und näher —
Sie kommen l
Kei» Aufschrei, kein vorschneller Jubel. Kann immer wer darunter fehlen, der mit hinaus gezogen ist.
Noch eine Zeit geduldigen Wartens — bann deutlich rufende Stimmen — vom Strande antwortet man kräftig wieder. Sie legen an. Männer und Weiber eilen herbei. Es geht langsam, bis sie an Land geführt und gehoben werden, die Fremden, denen man zu Hülfe geeilt ist und die matt und halb erstarrt sind — dann die tapfere Bemannung des ersten Bootes, das sich von dem des Kapitäns doch hat in's Schlepptau nehmen lassen müssen. Reick ist langsam herangetreten — ihre starren Augen suchen Jo vergebens.
Tie Einhciinischcn machen sich mit den Fremden zu thun. — Reick fragt nicht, wo ist mein Jo? Wenn er nicht kommt, so kann sie sich selber die Antwort darauf geben.
Sinn betritt der Kapitän den Strand. Er stößt einen kräftigen Fluch in freudigem Tone aus, als er wieder festen Boden unter sich fühlt — jedes Jahr schwört er, kein Waghalè mehr sein zu wollen, und immer wird er diesem Vorsatz noch einmal wieder untreu.
Aarte Arbeit! sagt er, an Reick vorbei gehend.
Ter Jüngere, den Jo vorhin zurückgedrängt, ruft Etwas herüber, èb er das Boot verläßt. Sie sollen helfen, es auf bas Trockene ziehen. Reick kennt die Art der Leute. Keiner übermittelt gern eine Unzlücks-Bvlschast; kann sich Jeder selbst überzeugen, ob der, welchen man erwartet, hcimkchrt ober nicht. Was ihn dann erreicht Ijat, weiß man ja.
Jetzt taucht Maniel Hay auf — mühsam kommt er heran, er trägt eine Last in seinen Armen, er ist einer von Denen, die nicht genug klagen können, daß das Strandrecht aufgehoben ist — hat er nebenbei eine Beute gemacht?
(Fortsetzung folgt.)