ür. 87
Amtliches DerAndigungsblatt des Kreises Marburg.
Anzeiger für ldas früher kurhessische) Oberhsssen
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56. Ml
1921
Sie «artige Soge.
Dir neuen deutschen Vorschläge.
Berlin, 14. April. Die neuen deutschen Lorschluge enthalten ein Projekt über den Wiederaufbau Nsrdfrankreichs. Gestern haben in Berlin ' VcsprechunLkn der Reichsminister stattgrfunden, an die sich HiB 5 Ahr eine Kabinettssttzung, die sich bis 7 Uhr hinzog, anfchloh. Zn der Sitzung herrschte über di« Würdigung der Lage Einmütigkeit. Die Bekanntgabe der neuen deutschen Vorschläge ist in dieser Woche kaum zu erwarten.
Der Entwurf umfaßt 2 Hauptpunkte: 1. Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete unter Verwendung deutscher Arbeitskräfte und deutscher Materialien, wobei den Franzosen ein Gegenwert ge- bcien »erben soll dafür, daß französische Arbeiter wid französisches Material nicht herangezogen werden. 2. Aebcrnahme der Kriegsschulden der Verbündete« bei Amerika anstelle einer Entschädigung-zahknng, wobei eine internationale Riesen- • Ftafcil'f ausgenommen werden soll.
Di« Beratungen des Reichskabinetts.
Bcrkin, 15. April. Das Reichskabinett be- fchMgrs sich gestern erneut mit der Entschädi- gsngsfraA-. Die Beratungen waren streng vertraulich. Der Vorsitzende des auswärtigen Aus- fchuffes des Reichstags Abg. Dr. Stresemann beriet gestern mit dem Reichsminister des Aeußern Dr. Sim «ns. Die Blätter hoffen, daß Dr. Si- r mclis Anfang der nächsten Woche dem Ausschutz NitleilnsKen über ein neues deutsches Angebot s «erde machen können.
BrrNiMnngsverfuch von neutraler Seile bei
■f -errdinZ? — Das ÄeichslaSinett für oktivr Politik.
Berlin, 14. April. Die „Germania" veröffentlicht eine Mitteilung, worin es heißt: Ein c Be r m t t t l s n g s v e r f u ch, der von einer - neutralen Macht unternommen worden ist, um den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten Har- k ding fü, ein Eingreifen zur Anbahnung neuer Ver- f Handlung«« zwischen der Entente und Deutschland zu befliwAe«, hat, wie wir von zuvcrläffiger Seite , ■ hören, f»tv»HI am Dienstag wie auch am Mittwoch ■ Vas Kabinett eingehend beschäftigt. Es steht fest, daß itt dem Kabinett die Auffasiung vorherrscht, daß die em gebotene Vermittlung nicht zurückge- ckliesen werden darf.
Wie das .Tageblatt" dazu bemerkt, handele es sich vorlunjig am eine Fühlungnahme mit neutralen Persönlichkeiten, die sich bereit gezeigt haben, eine Vermittlung herbeizuführen. Diese Fühlungnahme H«L« bereits vor einiger Zeit begonnen.
Die ..Lermania" schreibt heute abend: Unsere Kaüjrichte« lauten erfreulicherweise dahin, daß im Aeichskaüinett mindestens der Wille zum Ausdruck ^kommen ist, die deutsche Politik müffe spätestens bis End« dieser Woche aktiv werden.
Wie die „Deutsche Allg. Ztg." hört, ist der aus- «iirtigs Ansschuh des Reichstages auf Dienstag Aachmitts- einberufen worden.
5 Kein englisch-französisches Abkommen.
London, 14. April. Lloyd George teilte dem klntorhaus mit, daß kein Abkommen mit Frankreich tter die Zwangsmaßnahmen getroffen fei für den Fall, daß Deutschland bis 1. Mai feine Verbindlichkeiten nicht erfüllen sollte.
5 ni’tjp • e •
Hp 3» bayerischen Einwohnerwehrfrage.
Berkin, 14. April. Die Unabhängigen haben t« Reichstag folgende kleine Anfrage eingebracht: Das hat die Reichsregierung getan, um den Be- kchluß des Reichstages auf schleunigste Entwaff- .tong nab Auflösung der bayerischen Einwohner- kdehren gut Durchführung zu bringen?
München, 14. April. Der Finanzausschuß strs bayerchhen Landtages hat die Einwohnerwehr- stussprache beendet. Der Ministerpräsident erklärte, Ml die Angelegenheit erledigt ist ohne eine nach- tohfenbc Verstimmung zwischen der Reichsregie- Alng «A bec bayerischen Regierung hinterlassen Ja habe», Die Positionen für das Rechnungsjahr tittd rssrde« mit allen Stimmen gegen die Stim-. ^«n bet Unabhängigen und die Forderung für das Rechnungsjahr 1920 mit allen Stimmen gegen diejenigen der Sozialdemokraten und Unabhängigen
Sauerwein und Simons.
e 3« Sk>e Mt**eebuiig, die Minister Dr. Simon» dem F07 ■’*!!•.’äbfwtnt des „Matin" in Bern gewährt hat, hatte brr äkiwffn erführt, die Niederschrift sei ihm nicht bVrgx-rgt wsrbe«, weshalb sie gewisse unrichtige Aeuße- ^llgeli habe. Jetzt teilt Herr Sauerwcin mit,
des Ministers seien nach dessen Diktat
■e5fc?-> und ihm nach dreiviertelstündiger
Der Landtag «der
Kritik iw rett; md Unis.
6. Sitzung vom 14. April.
Präsident L e i n e r t eröffnet um 2*llür die Sitzung und teilt mit, daß der Abg. Ad. Hoffmann (Komm.) fein Mandat niedergelegt hat. (Große Bewegung im qanzen Hause.) Der Präsident teilt weiter mit, daß auf Beschluß des AeltestenrateS die 10 Gegenstände der Tagesordnung, die sich sämtlich mit den mitteldeutschen Unruhen beschäftigen, gemeinsam behandelt werden sollen.
Zunächst begründet Abg. Gräf (Deutschnatl.) eine große Anfrage der deullchnationalen Fraktion, weshalb daS Staatsministerium, obwohl e$ durch wiederholte Veröffentlichungen rechtsstehender Zeitungen feit langen Wochen auf die planmäßigen Vorbereitungen der mittel» deutschen Ausstande» aufmerksam gemacht worden sei. nicht» unternommen habe, um wirksam gegen da? Treiben der kommunistilchen Partei und ihrer Presse cinzuschrciten. In der Begründung sagt Abg. Gräf, eS sei kein Zufall, daß die furchtbaren Zerstörungen gerade in dem Bereiche de» Herrn H ö r s i n g, diesem Austerinstitut nachrevolutionärer DerwaliungSkunst, geschehen sind. (Unruhe bei den ©o$.) Herr Hörsing, dieses negative Verwaltung-genie (Heiterkeit recht») ist die Treppe hinaulgefallen, nachdem er sich in Oberschlesien unmöglich gemacht hatte. Sein Verwaltungsbezirk in der Provinz Sachsen ist geradezu ein Versuchslaboratorium iür unabhängige und kommunistische LandratSanwärter geworden. Der kommunistische Landrat K a s v a r e k hat eS beispielsweise verhindert, daß die Schutzpolizei ,rnen die Putschisten herangezogen worden ist. Er hat damit großen Schaden angerichtet. Wie will Herr Severing düse» Treiben der ihm unterstehendm Verwaltungsbeamten veranüvorten? Preußen ist unter seinem Regime
»um Gespött der Welt
geworden. Er hat auf alle Warnungen geantwortet, die Putschgefahr könne nur von recht» kommen! Herr Hörsing hat in seinem Bezirk ein Regiment mährt, bei dem es möglich war, daß da» ManSfelder kommunistische Blatt anitl-ch subventioniert wurde. Der Redakteur diese» Blatte» Josef Schneider hat in seinem Strafregister einige persönliche Unfälle, wie gemeinen Diebstahl, Fahnenflucht und dergleichen stehen (Hört. Hört!). Wenn ähnliche Tinge im Bezirke eine» Ober- vräsidenlen alten Regimes vorgekommen wären, so wäre dieser Beamte längst entlassen. Man hat aber noch nicht gehört, daß Herr Hörsing dem Privatertverb?- lebeu zurückgegeben worden wäre. Der Schutzpolizci gebührt lür ihre opferreiche Tätigkeit der wärmste Dank deS Volkes. (Beiffall.) Besonders bewährt haben sich unter ihrem Führer die alte» Armeeoffiziere. (Beifall rechts. Widerspruch und Unruhe link?) Gräf fährt fort: Die Tätigkeit der Sipo ist umsomehr anznerkennen. als die Regierung gerade bei ihrem AnstellungSverhältniS hin besondere? Entgegenkommen gezeigt hat. Dem Minister mache er den Bommel, die Forderung der R'ichsregiernng, Internierungslager für unerwünschte Ausländer zu schaffen, nicht «rsüllt zu haben. Nur so würde e8 den Russen möglich, ihre blutige Propaganda zu tret» 'bcu. In Berlin besteht ganz offen eine bolschewistische Zentrale unter den Bugen de» Polizeipräsidenten und de» Minister». Der schlimmste Boivurs gegen den Minister und Herrn Hörsing liege aber in der
Nichtverwrndun, der Rcich»wehr.
Weshalb haben wir denn die Reichswehr, wenn wir sie nicht verwenden dürfen? Wäre die Re!ch?webr verwendet worden, wären auch sjch-rlich nicht so viel kommunistische Führer entkommen. In Naumburg lagen 3000 Mann ReichÄvehr und mußten zu sehen, wie die Dörfer der Umgebung geplündert wurden. Säcklisck? Reichswehr durfte einem preußischen Torfe, da? vor ibr an der Grenze lag. nickt beifpringen, als eS heimgefuckt wurde. Wenn aber Herr Severing mit dürren Worten erftirt, er habe nur deshalb mit ungenügenden Mitt-ln gearbeitet, nm den Aufruhr erst zum vollen AuSbnich gelangen zu lassen, so mögen sich die Hinterbliebenen der Opfer bei ihm bedanken. (Lärm und Protestrule links.) Nun hat Herr Severing neue Aktionen >'m Interesse der Arbeiter angekündigt, um reinen Tuck zu schaffen. Tie Zeit für solch- Ankündigungen ist vorüber, denn schon bei den letzten Wahlen haben nur noch zwei Fünftel d'r Wähler für die Linke gestimmt, uns schreckt daher eine solche Ankündigung nicht. (Langandauerndes Bravo rechts, Pfuirufe und Unruhe links.)
Aba. Eberle:» (Komm.) begründet dann einen Antrag seiner Partei für ein Mißtrauensvotum
Arbeit, toi* vereinbart gewesen, vorgelegt worden: nickt einmal ein Komma fei ohne seine Genehmigung veröffentlicht worden.
Vom Answärtizen Amt wird daran festgehaltrn, das; Minister Dr. SimonS den Wortlaut nicht selbst durck- gesehen und geprüft habe. E» wird jedoch die Darstellung, die Sauerwein selbst gibt, in keiner Weise bezweifelt Die Prüfung der von Sauerwein vorgelcgten Niederschrift ist demnach durch den Sekretär erfolgt. E» wird auch nicht mebr die Behauptung aufrecht erhalten, daß sich in der Wiedergabe der Unterredung große Irrtümer befänden, vielmehr betont, daß die Unterredung im großen und ganzen die Ansichten deS Ministers bezüglich der deutschen EulschädigüngSpslichten richtig wiedergebe.
hm MömMk.
für die Regierung und gegen die HSrsingsche Polizeiaktion und beschwert sich über die Höhe der gegen kommunistische Arbeiter verhängten Strafen. 3600 Arbeiter sind inS Gefängnis gewandert. Die kommunistische Partei lehnt jede Verantwortung für die in Mitteldeutschland begangenen Attentate ab. Wäre sie dabei beteiligt, so würde sie sich nicht auf eine Bedürfnisanstalt beschränkt haben. Reichstvehr und Einwohnerwehren lassen nirgends Vertrauen zu un» auskommen. Wenn aber dann noch ein Minister der sozialdemokratischen Partei sich ebenfalls zu diesem Programm bekenut. versteht man auch das Mißtrauen, das die Entcntesozialdemokratie gegen nn» hegt. Die Bourgeoisie konnte sich ihre konterrevolullo-näre Machtorganisationen nur mit Unterstützung der Sozialdemokratie schaffen. Diese konterrevolutionären Organi- fn" vnen haben den mitteldeutschen Aufstand provoziert und mit ihnen der Minister Severing. Da» Proletariat hat mit seiner Defeusivstellung so üble Erfahrungen gemacht, daß e8 jetzt endlich zur Offensive über- ar hen mußte. Leider haben die Arbeiter in ManSftld
etwa» i» früh losgeschlagen
und unsere Parole nicht abgewartet. DaS Proletariat wird die schamlosen Verräter aus dem sozial- demokratislhen Lager zur Verantwortung sieben. (Große Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Die Sozialisten sind schamlose Arbeiterverrätcr. (Ruse bei den Kommunisten: Verbrecher sind eS und Heuchler.) Jetzt haben wir daS erste Gefecht gehabt, das kein Sie« sein konnte, der letzte Kampf und der letzte Sieg wirb unser sein. Wir werden den Kampf gegen die Bourgeoisie führen, bis die Massen de» Proletariat» auf unserer Seite sind. (Händeklatschen bei den Kommunisten.)
Abg. Krieger (Soz.): begründet den Antrag seiner Traktion auk Au'd-buug der Verordnung deS R-ichSprä-i- üenten vom 29. März 1921 dahin, baß die Sonöergerich-e beschränkt werden sollen aus diejenigen Bezirke, in denen der Ausnahmezustand au» Anlaß der letzte» Unruhen verhängt worden ist. Die Schutzpolizei habe ihre Aufgabe voll müllt und sick Tank verdient, weil sie ihre schwere Plicht unter möglichster Vermeidung von Blutvergießen getan habe. Tie Deuticknationalen und die Kommunisten sind in ihrer Abneigung gegen die -Sozialdemokraten ;» einig, daß eigentlich die Bahn frei wäre für eine dentkchnationale-kommnniftifche Rrgirrung (Heiterkeit). Wir sprechen Eberlein unb seinen Kommunisten das Recht ab, m Namen des Proletariat» zu sprechen. (Beifall.) Sie haben nur dem Verbrechergesindel die Möglichkeit gegeben, sich auszuleben. Air sind keine Freunde von Sondergerichten, aber gemeine Verbrecher müssen chn-ll ihrer Strafe $u geführt werden.
Abg. Kl ei ns pah» (Unabh.): Sie vergessen, daß der Bürgerkrieg nicht die soziale Fr«ge lösen kann. ES wäre ein Verbrechen an der Arbeiterschaft, eS zu blutigen Zusammens.Ißen mit der RegierungSgowalt kommen zu taffen. Wäre es gar »nm Eingiwifen der alten Hohen- zol::rn-'ReichÄvehr gekommen, wäre ein Blnkverg eßen ohne Gleichen erfolgt. ES folgt eine längere Polemik gegen die Rechte. Ten traurigen Verhältnissen bei der Arbeiterschaft flänbrtt da» verschwenderische Leben der Bo-irgoisie und hohe Dividenden geftnübet. Die Solidarität der Arbeiterschaft sei dern,egenüber eine Notwendigkeit und zwar umsomehr, als die Salbaderei der M-brhellSfozialisten jetzt auch die Ausnahmegerichte in? Leben ger-ftn habe. Aas Au»nahme-erichte bedeuten, jeist der Marburger Fall, deshalb rufe er H.:nd- und Kopfarbeiter »mn Klasfenkampf im Zeichen der U. S P auf.
Präsident Le inert verweist herauf, daß der Miß- trauenSantrag Eberlein der versirsfunzSmäßigen Unter- Nutzung durch 30 Mitglieder entbehrt und deshalb a b z e- I e 61 werden müffe.
Nächste C'tzung motten mittag 12 Uhr: Kleine Anfragen und Weiterberatung.
Antrag auf Einsetzung eine» Untersuchungsausschusses.
Berlin, 14. April. Die deutschnaticnale Fraktion und die Deutsche Volkspartei beantragen, der Landtag wolle beschließen einen Untersuchungs ausschuh von 29 Mitgliedern einzusetzen, der die Ursachen und Wirkungen des kommunistischen Aufstandes und die zur Bekämpfung des Aufruhrs getroffenen Maßnahmen einer Nachprüfung unterziehen soll.
6men hm MM MnM an Mfätaih.
Wien, 14. April. Ter französische Gesandte Ltfebre-Psntalis gab beim BundeS'anz er Mant eine Erklärung ab, daß die französische Regierung jede Hilfsaktion für Oesterreich einstetten würde, falls den auf den Anschluß an Deutschland hinzielenden Umtrieben kein Ende gemacht würde. Die Ber.reter der englischen unb italienischen Regierung schlossen sich dieser Erllärung an.
Berlin, 15 April. Wie die Blätter aus Wien melden, kam es gestern in Innsbruck zu gro- hen Kundgebungen, als die französische Note gegen den Anschluß an Deutschland bekannt ge
worden war. Eine nach Tausenden zählende Mem schenmenge versammelte sich vor dem Landeshause« Namens der Landesveräammlung forderte der Ab< geordnete Dr. Steigke die Versammelten auf vol der Drohung der Entente nicht zurückzuweichen Die Zeitungen veröffentlichen Aufrufe mit dv Ueberschrift: Es gibt kein Zurück!
vor einer Regierungskrise.
Wien, 14. April. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, ist mit der Möglichkeit einer akuten Regierungskrise zu rechnen, falls das Ersetz betreffend die Landesverwiefenen, das sogenannt« Habsburgergefetz angenommen wird. Die Christ, lichsozalen hätten keinen Zweifel darüber gelaßen, dah es sich bei ihnen mit der Ablehnung des Es, setzes um eine prinzipielle Cache handle und datz sich eine christlich-soziale Regierung niemals dazu hergeben werde, ein Gesetz zu unterzeichnen, dar als Dcnunziantengesetz nicht die Zustimmung bei Partei finde. Es bestehe daher der feste Entsihluf bei der christlichsozialen Partei im Falle der Annahme des Gesetzes ihre Mitglieder aus der Regie rung abzuberufen.
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SiMMld 66« die
Drei Möglichkeiten für einen Ausgleich.
Berlin, 14. April, vtn Vertreter des Wollf« büroS hatte heute eine Unterredung mit Siegerwald, aus der selgenoes als Ansicht des MinisterpräfidenteN über die g-gcnwärtige Sachlage zu entnehmen ist:
Sowrjl die letzten NeichstagSwahleu wie auch die Wahlen zum preußischen Landtag brachten, in Ziffern ausgebrückt, einen etwa 10 bis löprozentigen Ruck nach rechts. In Preußen stehen heute rechts ton den seitherigen Koalilionspartcien 133 unb links 59 Abgeordnete. Auf dieser Sachlage Hot Ministerpräsi« bent Stegerwalb aufzubauen. Zur preußischen Ne« gierungsbildung bestanden in her Hauptsache vier Möglichkeiten: zunächst eine Koalitionsr'giem"g von bet Mehrheitsfozialbemokratie bis zur Deulfchen Volkspartei. Diese ist aus außen- und innerrolllifcheu Gründen ei» Gebot der Stunde. Gegen eine Regierungsbildung auf dieser breiten Front wurden aber in den letzten Wochen so viele Schranken ausgerichtet, baß sie Stegerlvald nicht in wenigen Tagen abbanen konnte. Eine zweite Möglichkeit zur Regierungsbilbung war bie alte Koalition. Vom rein preußischen Stanbpunkt aus betrachtet, wäre sie parlamentarisch im Notfall trag'ar gewesen. Die Regierungsbildung in Preußen läßt sich aber gegenwärtig nicht völlig loStöfen von btt Lage im Reich. Die Reichsregieruug hat in den nächsten 14 Jagen im Hinblick auf die durch bie Entente angekünbigie Jnkraslsetzung ber Sanktionen einen Kampf um Leben unb Tod für das deuljche Volk zu führen. Aus den Koalitions- Parteien deS Reichstags lastet in der zweiten Hälfte des Aprils eine ungeheuere Becantwortuug. In einer solchen Situation glaubte S-cg.-matb, von moralischen Erwägungen ganz abgesehen, auch politisch es nicht Vertretern zu können, eine ber Koalilipnzparteien des Reichstags, der Teulschen Volkspar.ei, in Preußen gröblichst vor den Kopf zu stoßen. Stegerwalb will auch nach Bceud g ing seiner schweren Mission nicht bloß nach links, sonbern auch nach rechts als an« stänbigec Politiker unb Mensch bastehen. Tie britte Mögl chkcit zur prenß schen Rezierungsbi d»ng war bie gleiche Minberheilskoalition wie im Reich. Tiefer Weg ist in der gcgenwärligen Stund«, in8» besondere ans innerpolitischen Gründen, nicht gangbgx. Beim Jnkrafttreem der Sanktionen steh« Teulschlans vor einer so gewaltigen Arbeits.osigkeit wie noch nie in seiner Geschichte. Bei eintr solchen Sachlage es politisch nicht ratsam, bie Sozialbemokratie hott’ fiänbig außerhalb der unmittelbaren politisch-parta- mentarifchen Verantwortung zu stellen. Als vierte Mögllchstit verblieb bie Blldung eines Geschäfts- Ministeriums mit überwiegend poiitifch-parlamen- iarifchem Einschläge, da mit Beamten allein die politisch anormalen Verhältnifse der Gegenwart nicht gemeistert werden können, lieber Charakter und Zusammensetzung bic'eS GefchLftsmi isteeiums, das feine Fortsetzung der alten Koalition fein dürfte, konnte bisher ebenfalls eine Uebereinstimmung nicht erzielt werden. Ctegerwald glaubte bie großen Gegensätze zwischen der Sozialdom.koatie und bei Deutschen Volks- Partei dadurch ansgleichen zu können, daß er für bie Sozialdemokratie drei unb bie bürgerlichen Parteien fünf Ministerien vorsah, von denen zwei durch Beamte besetzt werden sollten, die treu zur Rrichsversassung unb zur preußischen Verfassung stehen und hn übrigen auch als ber Deutschen Volksparrei genehm betrachtet werden konnten. Für diesen Fall hatte Stegerwald von der Deutschen VolkSpartei gesordert, daß sie bei bet Vertrauensfrage im Gegensatz zu ben anderen Ko all« tionsparteien nicht für die Regierung z» stimm«,» brauche, aber auch nicht gegen sie stimmen dürfe, fonbegt Weiße Zettti abgetzn könnte. Tiefe» ÄnfiMwe