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K Amtliches VerWndigungsbtatt des Kreises Marburg.

Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen

Mr. 76

Dtevb«rh«sssichr Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatliich i.W Mk., durch die Post 4.65 Mk. Ausgabe B mitOberh. Sport-Ztg." 1 Mk. mehr. Fite anssallende Nummern infolge Streiks oder elementarer Ereignisse kein Ersatz. Verlag von Dr. C. Hitzeroth. Druck der Unio.-Buchdruckerei von Joch. Ang. Koch, Mark; 21.28 Fernsprecher 55, Postscheckkonto: Rr. 5015 Amt Frankfurt a. Main.

Marburg SomM, ien 2. April (Ostermond)

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56.3M M

Erstes Blatt.

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fioiitr fiarls Me n«6 Ungarn.

1 Die Nachrichten über das Erscheinen des ehemaligen Kaisers Kar! in Ungarn gehen in völlig unprüfbarer Weise auseinander. Bald soll er das Unnütze seines Planes eingesehen haben und tvieder nach der Schweiz lurütfrriiev wollen, bald soll er sich zum Militärdiktator MestungarnS haben auSrufen lassen und an der Spitze .bet dortige» Truppen Unter Oberst Lehar gegen Budapest -tnarschieren wollen, nm seine Ansprüche mit Gewalt Lurchzuseseu: dann heißt es wieder, er sei mit einer Regentschaft tzorthys, des Fürstprimas von Ungarn und be$ Grase.» Andrasiy für seinen jungen Sohn Otto einverstanden Auch über die Haltung der Westmächte lieb der sogemkleinen Entente" (Südslawien, Tschechien jmb Rumänierr) werden die verschiedensten Meldungeil ijDerbreiitt älter von diesen sei mindestens ein« Großmacht.. (England) mit dem Vorgehen des früheren Kaisers eiuvernasdes: nach einer anderen soll auch der -Widerspruch Frankreichs nur formell und taktischer Art Jein, während von dritter Seite gemeldet wird, man werde ein Verbleiben des Kaisers in Ungarn in keiner Weise i dulden. und diekleine Entente" werde sofort militärisch Einschreiten. Diese Meldungen werden jetzt bestätigt: p Paris, 1. April. Der Botschafterrat beschloß ^eine Erklärung, in der die ungarische Regierung da­ran erinnert wird, daß die Rückkehr der Habsburger teuf den ungarischen Dhron, die die Grundlagen des Friedens in Gefahr bringen könnte, nicht geduldet werden könne. Die Berbandsmächte rechnen darauf, daß die ungarifche Regierung wirksame Maßnah­men ergreifen werde, um den Versuch des frühere» Kaisers zum Scheitern zu bringen, dessen Gelinge» für Ungarn die allerschwersten Folgen nach sich lieben könnte. Diese Entschließung wurde der unga­rischen Delegation bei der Friedenskonferenz mitge- teiH, ebenso den Vertretern Oesterreichs, Süd- stawiens, bei Tjchecho-Slowakei, Rumäniens und Polens.

Btlgrad, 1. April. Die Zeitungen melden, daß 6<i iüdslowisch: Minister rat beschloß, im Falle der Rück- .der Habsburger aus den ungarische» Thron den Bezirk von Pees zu annektieren und Szegcbiu. 41 besetzen, da er ein solches Ereignis für einen Kriegsfall o,sehen würde.

lieber He Frage der Rückreise

wirb gemelbet:

Wien, t April. Wie dasReue Wiener Tageblatt" von unierrichteter Seite erführt, ist gestern nachmittag in Steinmanger ein Abkommen über die Rückreise des Exkaisers nach Pramkma im Einvernehmen mit diesem getroffen worden. Die Ungarische Regierung war durch Ministerpräsident Teleki und Minister des Aeußern Dr. Eratz dabei eerlreten. Es wurde die Reiseroute durch Oester­reich mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen ver­einbart.

Die Abe«Ä>lärter melden, daß die Rückreise des ehemaligen Kaisers Karl in einem Sonderzuge er­folgen soll, der unter dem Schutze der Westmächte stehen wird. Der Kaiser soll von zwei englischen Stabsüssizieren begleitet Werden. Wien wird in der Nacht passiert. Die Stationen werden zur Zeit der Durchfahrt gesperrt werden.

Wien. 1. April. Im Nationalrat bildete die Grund­lage der Aussprache ein dringlicher Antrag der Sozial- demokrale», in dem verlangt wird, daß die Regierung alle mitilärischen Vorbereitungsmaßregeln zum Schutze der Greuzeü gegen Ungarn ergreife undKarl Habsburg", falls er deutsch-österreichischen Boden betreten sollte, ver­haften lasst und feine Durchreise in ein anderes Zand mir als die eines Gefangenen bet deutsch österreichi- fchen Regierung und unter Bedingungen, die volle Bürg­schaft gegen jede Störung der Sicherheit der Republik durch diese Reise gewähre, zu gestatten. Der sozialdemo­kratische Avg. Seitz erklärte in der Begründung der stknsraae: Wir tvollen keinen Bürgerkrieg, wir wollen Rnhe im Lande. Wir wollen nicht von einer fremden Soldateska nn-erdrückt werden. Bundeskanster Dr. Mayr verwies ans die offiziellen Kundgebungen der Großmächte gegen eine Rückkehr der Dynastie Habs­burg nach Ungarn, sowie auf den jetzt in Budapest er- Mgten Schritt der Vertreter Rumäniens, Südslawiens und der Tschea -.'-Slowakei gegen eine Berufung König Karls auf den ungarischen Thron. Tie Regierung wird alle erforderlichen Borbereitnngen und militärischen Schutz- »taßnahmen an den Grenzen gegen Ungarn treffen. Sie wird ferner im Falle der Rückreise des früheren Kaisers Karl aus Ungarn durch das Gebiet unserer Republik cklle jenen Sicherheitsvorkehrnngen trefstn, welche die volle Bürgschaft gegen Störungen an Ruhe und Sicherheit der Republik durch diese Reise biete.

Tic Bedingungen der Schweiz.

Bern.. 1. April. Der ungarische Eeschästs- kräger in Bern hatte, wie gemeldet, ein Gesuch an Wn Bundesrat gerichtet, dem Kaiser die Wieder- dinreise in die Schweiz zu gestatten. Der Bundes- 4t«t hat sich in dem Sinne ausgesprochen, daß dem ipü Heren MmarchNk provifarifch der Autzent-

Bit Brot in ta Miiinr öntzstn.

Magdeburg, 1. April. Die Meldestelle beim Oberpräsidenten meldet: Die Lag« bessert sich ganz wesentlich. Aus dem Regierungsbezirk Magdeburg liegen keine beunruhigende Nachrichten vor. Aus dem Regierungsbezirk Merseburg wird gemeldet, daß die Streifen, die um Eisleben und im Unstruthtal aus- geführt wurden, ohne jeden Verlust für die Schutz­polizei ungefähr 130 Gefangene, zwei Maschinen­gewehre und ungefähr 80 Gewehre einbrachten. Die Aktion geht weiter voran. Die Bande, welche gestenr in Naundorf, Loebejuen, Könnern, sowie in Wetti» auftrat, wurde von der Schutzpolizei Halle auf Antos verfolgt. Infolge der Absperrung der anhaltisch- preußischen Grenze konnte sie sich nach Anhalt nicht zurückziehen und wird jetzt innerhalb der Provinz Sachsen weiter verfolgt. In Sangerhausen, Eisleben, Mansfeld, Hettstedt und Bitterfeld herrscht Ruhe. In den Kreis Liebenworda rückte die Reichswehr ein mA die Aktion gegen die kommunistischen Clemente ist im vollen Gange.

Liebenwerda, 1. April. Aus dem Lagebericht vom 31. März 10 Uhr vormittags geht hervor, daß sich die Lage seit gestern mittag erheblich ver­schärfte. Die zum Teil bereits abgegebenen Waffen wurden bei den Behörden wieder herausgeholt. Die nunmehr Bewaffneten stehen größtenteils unter der Führung landfremder Verbrecher. In Bock­witz fanden Haussuchungen statt. Reauisitionstrupprn nahmen Beitreibungen vor. Die Arbeitswilligen der Kohuegrube und der Millygrube wurden von einer nach Hunderten zählenden Menge von der Arbeits­stätte vertrieben. In der Nacht wurde der Bahndamm der Strecke Mückeberg in der Richtung nach Westen oon den Aufständisehen besetzt. Verschiedene Telephon- leitnngcn sind von ihnen abgeschnitten worden. Ein Ueberwachungsdienst der Fernsprechleitungen wurde eingerichtet.

Magdeburg, 1. April Eine Abteilung der Schutzpolizei stellte die kommunistische Bande bei Beesenstedt. Die Bande hatte vorher die Gegend von Wettin, Könnern, Naundorf, Löbejün und Eislebeu unsicher gemacht. Die Schutzpolizei hatte dabei keine Verluste, der Gegner dagegen 18 Tote und eine ent­sprechende Anzahl Verwundeter. Bis jetzt wurden ihm 19 Gefangene abgenommen, 5 Maschinengewehre, über 150 Gewehre, mehrere Pistolen, 2000 Schuß Maschinen­gewehrmunition, 1500 Schuß Jnfanteriemunition und ungefähr 30l Fahrzeuge. Nach Aussagen der Ge- sangeneu sollen die Führer der Redakteur Schneider (Mansfeld) und Max Hölz gewesen sein. Sie tverden verfolgt.

Die Leuuawerke veröffentlichen eine längere Er­klärung, in der eine Darstellung der Ereignisse auf den Werken gegeben und schließlich betont wird, daß die Wiederaufnahme des Betriebes wegen der Ausführung der Bau- und Montagearbeiten bis auf Weiteres nicht möglich ist und die gesamte Arbeiterschaft sich durch den Eintritt in den Streik als entlassen zu be­trachten hat.

Eisleben, 1. April. In Alsleben (Kreis Eis­leben) sind neue Unruhen ausgebrochen. In Eislebeu verlautet, daß dort das Landratsamt in «die Luft gesprengt worden fei. Ein Gendarm soll von den kommunistischen Banden erschossen worden sein. In Eisleben wird eine Hilfsaktion für Alsleben vorbereitet.

Halle, 1. April. Nördlich von Halle treiben große kommunistische Räuberbanden ihr Unwesen, zie­he !l mit Lastautomdbilen,. zahlreichen Gespannen und Maschinengewehren durch die Ortschaften, brandschatzen und morden. In Beesenstedt setzte sich eine große Bande fest, verschanzte sich und sprengte heute das Schloß Beesensteot mit Dynamit in die Lustt. Die Mel­dungen mehren sich, daß Max Hölz der Oberleiter dieser Bande ist.

Reue Anschläge und Gewalttaten,

Berlin, 1. April. Wie derLokalanz." aus Halle meldet, versuchte der Arbeiter Lundy mit drei anderen Arbeitern das Mauerwerk des Leunawer- kes zu sprengen, worin ungefähr 2000 Ge­fangene untergebracht waren, um die Gefange­nen zu befreien. Er wurde dabei überrascht und mit seinen drei Komplizen auf der Flucht nie -

dergeschossen. Die roten Banden, die gestern Wetkin besetzt und dort stark requiriert hatten, sind in der Richtung Beesenstedt weitergezogen. Dort haben sie gestern abend die Kreissparkasse geplün­dert, wobei ihnen 18 000 <M barts Geld in die Hände fielen. In Beesenstedt ist ein Gefecht der Ban­den mit der Reichswehr im Gange. Die Kom­munisten, die sich um Loebejuen versammelten, haben Wallwitz geplündert, sie liegen in starken Verschanzungen um den Petersberg herum.

Breslau, 1. April. Wie dieSchlef. Ztg." meldet, wurde das dem Fürsten Lynar gehörende Schloß Lindenau im Kreise Hoyerswerda am Mitt­woch von einer Bande Kommunisten besetzt, die den Generalbevollmächtigten verschleppten und sich am Donnerstag wieder unter Mitnahme der Jagdge­wehre entfernten.

Die erste» Sondergerichte.

Leuna, 1. April. Hier sind Standgerichte ein­gesetzt worden und haben mit der Aburteilung der Verbrecher bereits begonnen. Die Abgeurteilten werden durch ein weißes Kreuz auf den Rücken ge­kennzeichnet.

Wie aus Halle gemeldet wird, tritt am Montag dort das erste Sondergericht zusammen. Der Ge­richtshof setzt sich aus drei Berufs- und zwei Laien­richtern zusammen.

Vermehrung der Polizeikräfte.

Berlin, 1. April. I» Mitteldeutschland ist eine' weitere Beruhigung eingetreten. Die Un- ternehmung gegen Wiehe führte zu vollem Erfolge. Es wurde dort eine Hundertmannschaft der Polizei zurückgelassen, die Streifen in die Umgegend unter­nimmt. Rach völliger Unterdrückung des Aufstan­des wird eine Umgruppierung: unb Vermehrung der Polizeikräfte in der Provinz Sachsen vor sich gehen, da die rapid angewachsene Arbeiterzahl in keinem Verhältnis steht zu den bisher dort stationierten Polizeiorganen.

Die Waffenbestände der Aufrührer.

Berlin, 1. April. Da bei den Dynamitan­schlägen während des Aufruhrs in Mitteldeutsch­land nachweislich nach dem Entwaffnungsgesetz ab­gabepflichtiges Material verwendet wurde, stellte der Reichskommifsar für Entwaffnung dem Ober- prüsidenten der Provinz Sachsen 200 000 M zwecks Aufklärung der Verbrechen zur Verfügung. Ferner erließ der Reichskommissar eine Bekanntmachung, wonach er im Regierungsbezirk Merseburg für die Aufdeckung geheimer Wafsendepoks eine Belohnung bis 100 000 und für die Abgabe zweckdienlicher Mitteilungen, die zur Erfasiung abgabepflichtiger Einzelwaffen führen, eine Belohnung bis 10 000 M in Aussicht stellt. Für den Nachweis eines Ma­schinengewehres sollen bis 5000 und für den Nachweis eines Gewehres bis 300 Belohnung ge­geben werden.

Sylt feinen Verletzungen erlegen.

Berlin, 1. April. (Amtlich.) Der Overmafchtnlst SBiibeim Sylt ist heute nacht in der Charit- feinet Sc-mf-verletzung erlegen. Dte in einigen Blättern wie­dergebenen Behauptungen, daß Sylt keinen Fluchtver­such gemacht habe, widersprechen den ermittelten Tat­sachen. Rach der Richtung des Schußkanals und deut Befund des Ein- und Ausschusses ist es ausgeschlossen, datz das Geschoß aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden ist. Alle bisherigen Ermittelungen bestätigen vielmehr die Angaben des Beamten.

Eine FunNionärversammlung der Berliner städti­schen Elektrizitätsarbeiter befaßte sich mit dem Falle Sylt. Es wurde eine aus 15 Personen besiegende Kommission ins Polizeipräsidium entsandt, wo ein Ortstermin stattfand. Während dte sozialdemokratl- schen und unabhängigen Arbeiter daS Ergebnis der Untersuchung abwarten wollen, verlangen dte Kommu­nisten sofort die Verkündung eines DemonstrattonS- stretts der Elekttizitätsarbetter. der die Lahulegnng des Verkehrs und der Industrie zur Folge haben würde.

Essen, 1. April. Während der Beisetzung der drei am Ostermontag gefallenen Schuhpolizeitvachtmeisier, er­eignete sich auf dem Hof de? Polizeipräsidiums ein schwerer llnglückssall. Beim Besteigen des Wagens durch Mann- ichasten piaxtc eine Handgranate, durch die drei Mann g^löter und 11 schwer ober leicht verletzt wurden.

behalte sich vor, in einem künftigen Zeitpunkt den

worden. Möglicherweise wird er nicht mehr nach

Prangius zurückkehren können.

ÄBitH,. 1. April. Die Blätter enthaften nach Mit« teifungen pe» frier ejngetroffmen Keifend« zahlreiche

Kaiser Karl hält seine Ansprüche aufrecht.

Wie dieVoss. Ztg." aus Budapest meldet, hat nach Nachrichten aus Steinmanger Kaiser in einem Brief an den Reichsverweser Horthy erflärt, daß er sein Land verlasse, weil er eingeschen habe, daß dies. im gegenwärtigen Augenblick die Interessen des Landes erfordern. Er betrachte sich jedoch nach wie vor als rechtmäßigen König von Ungarn und

Hali bewilligt wird. Dieser wird sich jedoch nicht nur, wie früher, verpflichten müßen, sich jeder po­litischen Tätigkeit zu enthalten, sondern wird, wie einerzeit König Konstantin von Griechenland, das- örmeltt Versprechen abgeben müßen, die Schweiz unter n Umständen zu verlaßen, ohne vorher den $i!: 'i- von einer diesbezüglichen Absicht in Kenntnis zu setzen. Ob der Kaiser einer Internie­rung un'erworfen werden wird, ist noch nicht br-

stimmtk Auch ist über seinen künfttgen Aufenthalts- »Thron wieder e'inzunehmen. ort noch keine endgälttge Entscheidung getroffen» ,

Einzelheiten über das Eintreffen und den Aufenthalt Kaiser Karls in Steinamanger. Daraus geht hervor, daß die bisherigen Meldungen über Zulauf und stürmische Ovationen der Truppen unb der Landbevölkerung au- scheinend tendenziöse Uebertreibungen waren. Bon der­artigen Kundgebungen des Volkes, welche- überhaupt erst spät von der Ankunft des Königs Kunde erhielt, sei nichts zu bemerken gewesen. Aus dem Bahnhof von Steinamanger steht bereits ein Salonwagen, der wohl für die Abreise des Kaisers bereitgehalten wurde.

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Von Dr. Otto Hugo, M. d. R.

Die Frühjahrsrevolte der Kommunisten Hai der Heffentlichkeit zum Bewußtsein gebracht, daß wir in Deutschland immer noch nicht in ausreichendem Maße gegen polittsche Gewaltakte gestchert sind. Sicherlich hat die Putschbewegung von vor »herein bewiesen, daß sie nicht durch den Mill.: breiter Maßen getragen wurde. Um so bebaucri. ';:r war es, daß trotzdem der kommunistische Putsch sich zu einer schweren Störung der öffentlichen Sicherheit und des wirtschaftlichen Lebens entwickeln konnte. Aus kleinen Anfängen wuchs die Bewegung schnell zu einer großen organisierten Zentralunternehmung aus. Mit Erbitterung folgten die weitesten Schicht ten des Volkes dem Treiben des Verbrechertums, wie derVorwärts" die kommunistischen Treiber selbst nennt, und manche ehrliche Entrüstung darüber ist in diesen Tagen laut geworden, daß e» so weit überhaupt hat kommen können.

Zum ersten ist es erstaunlich, daß der Kommn« nismus in aller Ruhe die Vorbereitungen zu dem Putsch treffen konnte. Die Verantwort'.!!^.; dafür trägt in erster Linie die sozialistisch geführie Regierung in Preußen, die wohl polizeilich lebendig war gegen die angeblichen Rcchtsgefahren und die Orgeschverbote erließ, aber alle Meldungen über die Vorbereitungen neuer Linksputsche, die Bildung von Roten Armeen usw. als Schreckgespenste kenn« zeichnnto und als bedeutungslos hinstellte. Die Po- lizeigewalt in Preußen hat rechtzeitig nichts ge« tan, um den Herren auf der äußersten Linken die Lust an ihre.r: hochverräterischen und staatsgefähr- lichen Treiben zu nehmen. Im Gegenteil, der Kom­munismus fühlte sich so wohl und sicher unter dem preußischen Polizeiregiment, daß er eine recht gründliche Vorbereitung für neue Putsche betreiben konnte.

Dieselbe preußische Regierung trägt auch die Verantwortung dafür, wenn nach Ausbruch des Streiks nicht mit der erforderlichen Entschie­denheit zugeschlagen wurde. Man hat die Be­wegung r'achsen laßen, ohne sofort diejenigen Machtmittel ausreichend anzuwenden, die zur Ver­fügung standen. Nur dadurch ist den kommu­nistischen Banden möglich geworden, eine Stadt nach der andern mit Raub und Plünderung zu i' er­ziehen und das platte Land in bange Unruhe und Schrecken zu versetzen.

Die Krone setzt diesem ganzen Eebahren Herr H ö r s i n g, der Oberpräsident der Provinz Sachsen, auf, der sich dazu versteigt, eine neue Amnestie für die Verbrecher zu erlaßen, indem er jedem S t ras» f r e i h e i t zusichert, der feine Waffe nach dem Ge­brauch abliefere und nach Hause gehe. Die Tat­sache, daß jeder, der eine Waffe der Ablieferung entzieht, durch Reichsgesetz unter Strafe gestellt ist, die Tatsache, daß jeder Waffengebrauch gegen die Staatsordnung vollendeten Hochverrat bebr-Vt, ist ür Herrn Hörsing fein Hindernis gewesen, den ver­brecherischen Hochverrätern weitgehende Amnestie gegen Gesetz und Ordnung zu versprechen und da­durch eigentlich das Putschen von links unter Straf­freiheit zu stellen. Die Reichsregierung ihrerseits hat darauf gedrungen, daß diese Eigenmächtigkeit des Herrn Hörsing, wie man hört, unter Einverneh­men mit der preußischen Regierung, korrigiert wor­den ist, aber die preußische Regierung hat keines­wegs die Veranlagung genommen, einen Beamten, der sich derarttg gegen die bestehenden Gesetze in der Ausübung seiner beruflichen Aufgaben ver­geht, als ungeeignet von feinem Posten zu ent­heben. Wir stehen hier vor einer Begriffsverwir- rung, die systematisch von der sozialistischen Seite in die Auffaßung von Staatsautorität und di« Achtung vor dem Gesetz hineingetragen wird.

Die Zurückhaltung, die die preußische Regierung gegenüber der kommunistischen Vorbereitung geübt hat, die zögernde Haltung, die der preußische Po- lizeiminister gegenüber den Putschisten in den nächsten Tagen einnahm, und der Drang zum Amnestie-Versprechen des Herrn Hörsing entspring gen einem gleichen Motiv, und zwar dem B« mühen, unter allen Umständen das Empfinden breiter Maßen sozialistischer Parteigänger zu chonen. Man hat selbst Revolution gespielt und die Staatsordnung Mißachtet; man hat selbst di«