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Marburg

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6iie new Siede des Menminiiters.

Wenig Optimismus für London.

Kartsruhe, 16. Fcbr. Heute vormittag erschien der Retchsminister bei Acußrru Dr. Simons vor einer zahlreichen Versammlung geladener Gäste im kleinen Fkflfiallcsaal. ES waren erschienen bic Mini­ster, sie Landlagsabgeoebneten, Vertreter ptatttch'ts |tnb städtischer Behörden, Vertreter von Handel, In- dnftrie und Generde ans Karlsruhe und anderen badi- scher. Orten, Vertreter der Bamtenfchast, Arbeitnehmer Md Arbeiigrder. Äiaatsprnsivent Trunk «röfsaere die Versammlung und bankte beut Minister für sein Elsedeinen und sprach dann in längeren Ausfuhr rnge» über lie ungeheueren Lasten, die uns durch die Pariser Kouser-in xrnferfcgt seien, und die u«jr;e physisch- »u» wirtjchasttiche Existenz untergraben würden.Wir Dänen niemals etwas unterseh«ibe«. wes zu erfSllea osjeusichiUch unmöglich ist. Das deutsche Volk hält seine Verträge. Es wird aus moralischen Gründen dck nicht unterschreiben, was sür Deutschland in Gegen­wart und sjnkunst unmöglich ist. Das schwerst.' Jahr wird SaS 3v.ii r j'J21 sein, an besten Beginn wir stehen. Hub ton den Ausgaben und Arüertcn dieses schweren Fabres ist ivohl der Arbeiten allcrscluversie dec Gang dec deutschen Zieichsregieruug nach London. Die Hnnpjivst hat der. Rcichsminister des Aeustern zu. kragen. Das deutsche Volk, besonders das badische Kolk, will iil Frieden arbeiteii mit allen anderen, Völkern zusammen, die friedlich mit uns zu leben willens sind. In diesem Sinne wollen wir dem Herrn Nei'lSMinister auch heule erklären: Herr Muttster! jKenn Sir nach Loudon gehen, gehen Sje mit der , Pcbrr?.euKuag eines gewissenhaften Volkes, das di" Echwere 'seiner Pflichten kennt, das willens ist, alles j'i tun. die junge Republik zu schuhen. Und gehen Ee: mi: dem Vertrauen nach Loudoii, das; daS deutsche Vv!l grschlosstn und entschlossen hinter Ihnen sieht: rin einig Volk und ein Wille! Was wir heute dem Minister des Aeustern sagen, das müssen wir halten. Wie müssen ihm die Treue halten, auch wenn die Tinge in London geschehen sind mit oder ohne Resultat.' ^Lebhafter Beifall.)

ReihÄnrnister Dr. Simons, von langanhalten­dem Beifall begrüßt, dankte dem Staatspräsidenten st: oi: Worte der Ermunterung und des Vertrauens, Unt h-h: fort.

Ich r^Sroue auch dem Volke. Es ist «ne antert; Bei: oemorden. Wer jetzt für das deutsche Volk Außen- polink -»nacht, »er kann es nicht mehr ttm Fs ein aus! seine Regierung gestellter Beamter. Der muß sich gr- trageu i Listen von dem WillendesVolkes. Und um sich von diesem Gefühl, von diesem Willen überzeugen zu könne», deshalb stehe ich heute vor Ihnen. Die sogc- naunieu Savkrionen, die Besetzung deutschen Gc - b i e i -i, würden für Süddeulschland und ganz besonders für Baden von größter, schwertvlegender Bedeutnug sein. S?iu;:ig ist es mir, zu erfahren, wie die Politik, die ich im Reiche vertrete, im badischen Volk Anklang findet. Das i rusche Volk weiß, daß cs diesen Krieg als einen L-.rtcidisktngskrieg geführt hat.

Der Redner spricht dann über den Versailler Friedens- bcitrog. Es zeige sich jetzt, daß ohne Mitarbeit des deutschen Volkes die Regelung der ungeheuren Probleme, die der Friedensvertrag mit sich bringe, nicht möglich fei. Ter Minister meint, man Ware auf gutem Weg, wenn nur den B r ü so e l e r W e g weiter gegangen wären, und fährt 'ort: Man hat diesen Weg verlassen und hat den Weg des Diktats vorgezogen. Was ist denn die Pariser Konferenz anders? Die Entente greift weit fiter das hinaus, was wir zu leisten vermöchten. Es ist unsere Aufgabe, den Franzosen nachzuweisen, daß es ihnen ans dem von ihnen betretenen Wege nicht gelingen, wird, ihre schwierige Lage zu erleichtern. Es wird unsere Aufgabe sein, ihnen das nachzuweisen. Wir sind einzig bestrebt, diesen Weg zu finden. Wir"müssen versuchen, tiefe schwebenden Fragen zu lösen und mit Vorschlä­ge n uu die Londoner Konferenz Herangehen, die innerlich t-.rchdach» :md praktisch ausführbar sind. Ich sehe der !.iibsntt Konferenz mit wenig Optimismus ent- geg«. Denn wir jetzt mit Gegenvorschlägen kommen, io wird die öffentliche Meinung in England in gleicher Weis« remitieren, wie die deutsche öffentliche Atcinung g-gtn die Beschlüsse der Pariser Konferenz revoltiert hat. DarLb« müssen wir uns klar sein. Es ist möglich, es ist toßM wahricheiulich, daß die Londoner Konferenz in ihre» ersten Versuchen keine Ergebnisse der Verständi­gung ergebe» wird. Es wird außerordentlich schwer sein, sich in London über die neuen Methoden zu einigen. I Eine d« peinlichsten Bestimmungen des Friedensvectrages ist es, dal man dem deutschen Volke nicht gesagt hat, toaS mm, «igentlich von ihm verlangt. Und wenn man UnS jetzt eermirft, daß wir nicht selbst Vorschläge gemach! haben, fo wirten wir erwidern, daß die Üngewischeit bei uns z» g«ß gewesen sei, um Vorschläge machen zu können. Wenn ton jetzt Vorschläge machten, ,fo könnten wir sie nur aus «leerer Unsicherheit heraus machen. Tie (Segnet rechnen damit, daß wir in toenigen Jahren wieder tu großer Blüte gelangen. Um diese Summe zahlen zu s*****~- ii» Blute aelauaeu. die ier.e

uns. r.. wirischastlichen Blüte von 1913 und rnia oei weitem übertrifft, und doch sollen wir zu wichen Leistungen verpflichtet werden. Das wäre eine k a t a- stro phale Politik. Damit das deutsche Volk mit Hoffnung auf Erfolg sich auS dieser elenden Sage heraus- abeiten kann, gebrauchen wir Ruhe und Verständigung für unsere Sage. Dieser Weg ist zwar unscheinbar, aber er bietet wenigstens Aussicht auf Heilung. Tann müssen wir sesthalten au dem, was wir ans dem Zusammenbruch gerettet haben. Zu dem wenigen gehört die Unver­sehrtheit des Reichsgedankens. Ich weiß, daß es im Deutschen Reiche fein Land gibt, wo dieser Ge­danke so lebhaft ist als in Baden. Die Beschlüsse der Konferenz in Paris würden in ihren Folgen eine Ver­nichtung der Reichsverfassnng bedeuten. Die Pariser Be­schlüsse "liefen auf einen Zusammenbruch alles dessen hinaus, was sich das deutsche Volk nur geistigem und wirtschaftlichem Gebiet erobert habe. Wenn man die stariser Beschlüsse aber nicht annimmt, so iretendieSank­tionen in Kraft, die ebenfalls ajif eine Trennung des Deutschen Reiches hinausgingen. Jede Bestrebung von außen, die darauf zielt, das deutsche Gebiet auSein- andepzureisten. ist ein Attentat gegen die Verfassung. Aus meiner Reife nach Süddeutschland habe ich das er­hebende Gefühl gehabt, daß dieses Attentat auf d« ein­mütigen Widerstand des ganzen deutschen Volkes stoßen wird. Ich gehe mit dein Gefühle nach London, daß diese Einigkeit ans dem deutschen Volke nicht herausgerisfen worden kann. Dieses Gefühl wird mir Kraft geben, den unannehmbaren Forderungen gegenüber zu treten. Er hoffe, das Vertrauen, das ihm entgegengebracht w-'-de, rechtfertigen zu können. (Lebhafter, langanhaltender Bei­falls

Abg. S ch ö p f l i n betonte, daß die deutsche Arbeiter­schaft mit großer Sorge die Reise des deutschen Außen­ministers nach London begleite. Wir wollen wiedergut­machen, aber diese Wiedergutmachung darf nicht soweit gehen, daß das deutsche Volk zu einem Sklavenvolk wird. Hierauf sprach ein Vertreter der Beamten­schaft, der zum Ausdruck brachte, daß die deutsche Be­amtenschaft hinter der Regierung stehe. Abg. Heinrich >'prach namens der christlichen Arbeiterschaft. Staats­präsident Trunk bankte dem Außenminister^herzlichst für seine Darstellungen unb erteilte ihm das Schlußwort.

Dr. Simons dankte für die Ancegilngeii, die ihm heute gegeben worden seien. Er schloß:Es lebe das deutsche Volk, es lebe durch alle Not und Gefahr das deutsche Vaterland hoch!" Die Anwesenden stimm­ten bi geistert ein.

Dr. Simons und die badische Presse.

wb. Karlsruhe, 16. Febr. Der deutsche Minister des Auswärtigen Dr. Simons empfing heute vormittag die Vertreter der Landespreffe zu einer Aussprache in feiner Wohnung. Der Minister verbreitete sich in eingehender Weise über das Ver­hältnis der Regierung zur Presse, wie es vor und während des Krieges vorbildlich war und wie der Minister wünschte, daß es wieder werde« möge. Dieses Ziel fei noch nicht erreicht. Er habe das Empfinden, daß seitens der Presse vielfach das Be­streben vorwalte, die Maßnahmen der Regierung zu tadeln. Gegenseitiges Vertrauen fei niemals notwendiger gewesen als jetzt, wo es gelte, eine ein­heitliche Front zu bilden. Der Minister betonte u. a., daß er Sorge tragen werde, daß die Vertreter bei Presse von dein Verlaufe der Konferenz in Lon­don stets auf dem laufenden erhalten würden. Der Minister erwähnte die großen Schwierigkeiten der Verbindung zwischen Belgien und Deutschland wäh­rend der Konferenz von Spaa. Wir werden sagte der Minister überhaupt nicht nach London gehen, wenn die Verbindung zwischen London und Berlin während der Konferenz nicht vollkommen gesichert ist. Eine solche Behandlung, wie wir sie in Spaa ertragen mußten, können wir uns nicht gefal­len lasten. Ein unmittelbar unter unserer Leitung stehender Draht muß gesichert werden.

Dte Koste« der »esatzunsStnrppen.

Berlin, 17. Febr. In dem Bericht der Sach­verständigen aus der Brüsseler Konferenz werden die brutschen Angaben der Unterhaltungskosten des Be- satzungshoeres als uucichtig bezeichnet, und es wird behauptet, daß die deutsche Regierung für die von ihr angegebene Kostensumme von 15,5 Milliarden in keiner Ferm Belege habe. DerVoss, g-g. wirb dazu von zuständiger Stelle mitocteilk, daß die Verbündeten bereits 36 Milliarden Papiermark ans dem tiquibier« ten deutschen Eigentum zur Deckung der bisherigen Besi.yur.gsklst-n angemeldet haben. Weiter enthalten die dcu'scben Hvstenangabrn biejenigen Aviprüche, irelche deutsche Staatsbürger feit dem ersten Tag' der Besetzung sür den durch diese erlittenen Schaden gellend gemach: haben.

tob. Paris, 16. Febr. Wie derPetit Paristen" mitteilt, wurde gestern abend ans dem Opernplatz bei der Ankunft des Präsidenten t r Republik aus einer Gruppe von jungen Leuten geschrien:Nieder mit dem Heer! Nieder mit dem Aoerlaß!" Es wurden mehrere Berhast tmigen vorgeuommen. ES handelt sich um junge Leute üu Mer von 18 bis 20 Sobren.

LW 8kW über dir Sortier MW. Lloyd George über die Tatsache der deutschen Gegen­vorschläge hoch erfreut KeineUmformung des

Versailler Vertrages". Sie irische Frage.

tob. London, 15. Fcbr. Tas Unterhaus trat nachmittags zusammen, um die Thronrede entgegen­zunehmen. Lloyd George unb Bonar Lato Mulden von der Koalition mit lauten Beifallsrufen begrüßt. Lord Robert und Lord Hugh Eccil saßen auf den vordersten Opposüionsbänleii. In der Aus­sprache erklärte Asquith, die Thronrede sei be­merkenswert wegen der Punkte, di- sie nicht behandele, insbesondere mit Bezug auf die letzte Pariser Kon­ferenz, auf der vitale Beschlüsse gefaßt worden seien, die in einigen wichtigen Einzelheiten den Vertrag von Versailles um stießen und um form ten. Asquith sagte, er. hoffe, auch das Unlech vrs werde, ebenso wie dies in Frankreich von dem französischen Ministerprasid:n:en und seinen Kollegen grsch Heu sei. eine volle und maßgebende Erklärung d-r neuen und weitreichenden Abmachungen erholten. Asquith ver- lang'r zu wissen, was, allgemein gesprochen, Ziel und Zircck der Londonec Konferenz für Ostfragen sei. Thomas erklärie, vor allen Dingen wolle er die Aufmerksamkeit auf die ernste Lage in Irland lenken. D'e Thronrede des Königs nehme wobl Bezug auf ver­brecherische Nsewalttatcn tu Irland, jedoch nicht auf die Wiebrrvergcltu! gsinaßuahmcn der Jicgicrung.

Nach Thomas sprach Lloyd George. Er erklärte nut Bezug auf Achuiths Ersuchen, in eine Erörterung der Pariser Konferenz einzugehen, wenn man die Tatsache in Rechnung ziehe, daß im Verlause bet nächsten Wochen in England eine Reihe sehr wichtiger Konferenzen statt- sind en werde, so erscheine es ihm unerwünscht, eine solche Debajte stattfinden zu lassen. Es sei im Verlaufe einer langwierigen Erörterung sehr schwierig, sich nicht in Fragen zu verlieren, in denen dies unerwünscht fei, bis nenn gehört habe, was die andere Seite tagen wolle. Er wisse nichts über die Art der deiitschen Gegen­vorschläge unb sei hocherfreut zu erfahren, daß (Gegenvorschläge vorgeöracht werden sollen, die von den Finanzsachverständigen Deutschlands sorgfältig erwogen wurden mit dem wirklichen Wunsche, die wirksamsten Maßnahmen zu treffen, um Deutschland seine Verbind­lichkeiten unter dem Vertrag von Versailles erfüllen zu lassen. Bevor man jedoch den Charakter dieser Gegen­vorschläge kenne, würde es seiner Ansicht nach sehr uner» viinschl sein, eine längere Diskussion im Hause fiattfinben zu lassen Lloyd George erklärte, er könne Asquiths Bezeichnung der Konferenz als eine Umformung und Re­vision des- Vertrages von Versailles nicht annehmen. Kon habe fick' vollkommen vergegenwärtigt, daß, wenn man alle Forderungen, die sich aus der von Deutschland begangenen Zerstörung ergeben, unb jede Forderung mit Bezug auf diese Schäden einzeln eintragen wolle, durch Prozeß, Erfifuug und Erörterungen viel Zeit verbraucht würde, und daß es wünschenstoert sei, daß eine Abmachung mit B->zna auf die festgesetzte endgültige Summe bestehe, wodurch alle diese in die Länge gezogenen Erörterungen n NN ö t i g würden. Das sei alles im Vertrag von Ver­sailles enthalten, daher könne er es nicht anne&tnen, daß. Vorschläge, über die man übereingekommen sei, als ein Abweichen vom Versailler Vertrag bezeichnet würden. Er glaube nicht, daß es wünschenswert sei, mehr über die Frage der Vorschläge zu sagen, als er bereits gesagt habe. Der hauptsächlichste und wesentlichste Unterschied zwi­schen diesen Vorschlägen und den früheren bestehe darin, baß eine Annuität eingeführt werden solle, die fick nach dem Gedeihen des deutschen Ausfuhrhandels richte. Das fei das einzige neue wesentliche Element, das auf der Pariser Konferenz eingeführt worden fei.

Lloyd George führte weiter ans: Das höchste Interesse des britischen Reiches, der Alliierten und tatsächlich der ganzen Welt in dieser Frage fei, daß der Friede herge- steilt werde, sei es im mittleren Osten oder in Mittel­euwpa, und die britischen Vertreter auf der Konferenz würden von diesem höchsten Wunsche erfüllt sein, der natürlich der überragenden Verpflichtung unterstehe, dafür in sorgen, daß den christlichen Bevölkerungen der Türkei, sie in der Vergangenheit io sehr unter der türkischen Miß­wirtschaft zu leiden gehabt hätten, ihr Recht werde. Hieraus verbreitete sich Llovd George über die Fragen be­züglich Mefovotamiens und des mittleren Ostens. In langen Ausführungen über Irland verteidigte Lloyd George die Nichtverössentlichung des Sirickland-derichtes. Der Bericht habe genug enthalten, uiy die Regierung davon zu überzeugen, daß von Mitgliedern der Hilsstrnp- ven Disziplinlosigkeiten begangen wurden. Gegen die in Betracht kommende Kompanie sei strengstens eingeschritten worden. Lloyd George schilderte hierauf, tote die Ver­handlungen zur Herbeiführung eines Waffenstillstandes an der Weigerung der Sinnfeiner, die Waffen abzuliefern, gescheitert seien, und schloß, bevor die Sinnfeiver nicht den Gedanken an die Errichtung der Unabhängigkeit Irlands durch Wäffengetoalt aufgegeben hätten, könne kein Friede sein. Mft Bezug auf die Streift»rohung der Eisen­bahner wegen de» Ausbleibens der Untersuchung der Schießerei von Mallow erklärte Lloyd George:Wir wer­den un- keinerlei Sireikdrohung zu unserer Einschüch­terung unterwerfen." Unter der Bedingung, daß Beweis- material für Mallow gebracht werde, gewährleiste er eine Untersuchung und ein ehrliches, unparteiisches Militär­gericht.

Lloyd George erklärte schließlich, er sei zuversicht­lich, daß die Ordnung in Irland und mit der Ord­nung bie irische Freiheit torcoechergesiellt werde.

Zm 3M

Die allgemeine politische Lage zwingt diesmal die Parteien im Kampf gegeneinander zu einiger Zurückhaltung. Aber auch abgesehen davon scheint der politische Hochbetrieb, der nach der Revolution einsetzte, sehr stark, wie es an der Börse heißt, einer flauen Stimmung gewichen zu fein. Das hängt da­mit zusammen, daß die Parteien, die sich früher hauptsächlich in der schärfsten Tonart an der Agita­tion beteiligten, heute Regierungsparteien sind und verteidigen, und andererseits mit Versprechung« beim deutschen Volk jetzt kaum noch etwas zu machet ist. Der ungeheure Reinfall, den die Verfprechun gen der demokratischen Revolutionsparteien bunt die Entwicklung der Verhältnisse erlebt Haber (haben wir doch weder Frieden noch Freiheit noch Brot feit dem November 1918 erlangt!) mahnt doch zu großer Vorsicht.

Wer vor den Januarwahlen 1919 und vor den Februarwahlen 1921 Wahlversammlungen besucht hat, wird kaum glauben, daß es dieselben Partei«! sind, die zu Worte kommen, noch auch dasselbe Volk, das ihren Ergüssen lauscht. DasVolk" hat längst eingesehen, daß es durch Zwischenruf und Dis­kussionsreden dem anders denkenden Parteiredner nur zu billigen Triumphen hilft, und nur selten ge­lingt es einem klugen Parteimann, einen persön­lichen Bekannten von der anderen Partei zu einer Diskussionsrede zu bewegen mit üblichem Erfolg. Was die Redner anbetrifft, so haben diesmal wegep der gespannten Lage nach außen die Leute, die m verantwortungsvoller Stelle des Reiches oder btt Bundesstaaten stehen, zugesagte Reden wieder ad- sagen müssen, worin man sich gefunden hat. Was die Herren reden, klang 1919 in Dur, heute in Moll, fo windelweich, daß man schon ein geübtes Ohr ha« ben muß, um festzustellen, wo Unterschiede in der politischen Ueberzeugung überhaupt liegen. Der normale Mensch wundert sich, woher denn über« Haupt die ganz verschiedene Stellungnahme im Parlament kommt, da ja alle Parteien dasselbe sagen. Wenn also der Urwähler, jetzt wieder ein­mal auf einige Tage das wichtige Element im Deut-, scheu Reich, sagen soll, was und weshalb er diese oder jene Partei wählen soll, aus den Reden der Parteigrößen erfährt er es ganz gewiß nicht. Haben ihn die Versammlungen schon enttäuscht durch das Fehlen einer gewissen Lebhaftigkeit der Meinung mit Zwischenrufen und beleidigenden Diskussionen, fo hat er allmählich auch gelernt, daß die Reden der Parteigrößen des Pudels Kern offenbar nicht sind.

Aber es gibt doch noch andre Dinge, die ihn be­lehren, was er wählen soll. D^s eigenartige der Gesetze ist, daß, solange darüber gesprochen wird und sie beschlossen werden, das Objekt dieser Gesetz­gebung, der berühmte Urwähler, nichts davon merkt. Dann aber kommen die Steuern z. B., und er sieht die Bescherung mit ganz andern Augen. (Solange uns erzählt wurde, daß nur die Monarchen, dft Junker und die Großindustrie Schuld daran seien, daß der berühmte Wilson und die Entente keinen gerechten" Frieden mit uns schließen würden, mochte es leidlich scheinen. Nach Versailles, Spaa und Paris glaubt es kein Hutmacher mehr. Daß unsere öffentlichen Zustände heute mit Freiheit nicht mehr das geringste zu tun haben, daß heutk nur frei ist, wer die politische Ueberzeugung der be treffenden Regierung hat, läßt sich wohl nicht be­streiten, und daß der Mittelstand, der in jeder Rede als das Rückgrat des Staates hingestellt wird, seit dem November 1918 geradezu ausgesogen und ver­nichtet wird, das braucht man denen, die zu diesem ebenso umworbenen wie getretenen Stande gehöre^ nicht erst zu sagen.

Die Tatsachen reden eine so laute Sprache, daß selbst der Reichsfinanzminister in Bremen erklärt hat, daß z. B. ein weiteres Anziehen der Einkom­mensteuer nicht in Frage kommen könnte, sonder« ein Abbau, daß nicht alleErrungenschaften bet Revolution" zu halten sein würben, wenn Deutsch: laub bie schweren Belastungen aus bem Versailler Frieben überstehen wollte. In ber,Sozialifierungs- frage wachsen bie Schwierigkeiten ins Ungeheuer­liche, wenn man nicht nach russischem System versah«' ten will, usw. Der Urwähler hat ein gutes Mittel, sich über seine politische Stellung klar zu werben. Nicht nach ben schönen Worten bei Parteien zu hören, sonbern banach, was sie tun, Wie sie fit Parlament unb Oeffentlichkeit ihre Stellung zu bee Fragen entscheidend genommen haben, unb wie diese Stellungnahme auf ihn, seine materielle Lage, wie seine Ideen und Wünsche für sein Volk gewirkt haben, oder, soweit die Parteien nicht an der Re« gierung beteiligt find, gewirkt hätten.

Darüber aber soll er nicht im Zweifel sein: ir einem parlamentarisch regierten Lande, wo dar Volk für die Regierung selbst verantwortlich ist» verliert er das Anrecht, nachträglich auf die Regie«