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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marbmg.

Tageszeitung für (das früher kurhessische) Oberhessen

m. 208

Die ,^)b«rhesfisch« Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 4 Mk., durch di« Post 4.20 Mk. Für ausfallende Nummern üiMge Streiks oder elementarer Ereignisse kein Ersatz. Verlag von Dr. E. Hitzeroth. Druck der Uni».«Vuchdruckerei von Joh. Aug. Koch Markt 21'23. Fernsprecher 55.

Marburg

Dienstag, 7. Septbr.

(Scheid k«g.)

Der tzlnzeiaenprei» beträgt für di« 8 gefp. Zeile 75 Pfa. und 10*lo Aufschlag, amtliche und auswärtig« 1. Mk., MeHemtjtUe 3.00 Mk. Ieoer Rabatt gilt al, varrabatt. Sei Auskunft durch die kejchästsstelle und Vermittlung der Angebote 25 Pfg. Eon- dergebühr. Bei Beträgen unter 20 Mk. müssen wir da, Port» für di« Rechnung berechnen. Postscheckkonto: Rr. 5015 Amt Frankfurt «.Main.

55. m

1920 .

WhMkM poWtr laror in - SdMWtn.

Keine Entwaffnung der Polen.

wb. B r e s l a u, 6. Sept. Nach den neuesten Nach- richten aus Oberschlesien wird dort die Lage immer gespannter. In Lipine mürben die Bildung der neuen -bstimmungspolizei durch bewaffnete Zivilisten ver­hindert. In Mhslowitz wurde die Abstimmungs­polizei von den Polen gezwungen, die Stadt zu ver­lassen. Auch die italienische Besatzung mpßte sich Huä der Stadt zurückziehen, kehrte aber später wieder zurück. 9*u Bogutschütz weigerte sich die neu- gebildete Polizei, die Mitglieder des GewerkfchastS- hundes vor den tleberfällen durch polnische Posten zu schützen Auch sonst geht der polnische Terror h n g e h i n d e r t w e i t e r. In der Prinzengrube von Lazisl haben die Polen 13 deutsche Beamte ab gesetzt iinb durch polnische ersetzt. Die Werksleiiung der jSruCc wandte sich an General Lerond, der jedoch abtchnte, sich in wirtschaftliche Differenzen cni- zumis.heu. Z'Oit eiltet Wassenablieserung der Pole» sst nirgends etwas zu spüren. Dee englische Kr-is- konirolleur in Beuthen Major Ottley erklärte selbst, daß cs nnivöglich sei, von den Polen Waffen her- giiszubekom-rlen. In der deutschen Bevölkerung ist das Gerücht verbreitet, daß man in Paris mit der Ab­sicht umgehe, die Abstimmung überhaupt nicht sratt- finben zu lassen, was wohl seinen Ursprung in einer Nieicunig des Posener BlattesDzieunik Poznanski" hat, wonach in Paris schon die Frage ausgeworsen sei, ob es nicht richtiger sei, Oberschlesien den Polen ohne Kbsiimmnng zu geben. Die'deutsche Presse in Ober- svfKsicu ist nicht in der Lage, die skandalöse» Unrich­tigkeiten der polnischen Zeitungen zu berichtige», da sie bei jedem Versuch sosort dem Verbot durch die französische Behörde unterliegt.

Berlin, 6. Sept. Der jranzösische Kreiskon­trolleur von Gleiwitz hat lautB. T." entgegen der Perordnung der interalliierten Kommission, wonach nichipolitische Straftaten durch deutsche Behörden leahndet werden sollen, den Amtsvorftänden des Krei­ls E lei wich jede Strafverfolgung und Strafvollstreckung p >i t e r s a g t. Er verlangt, daß hierzu in jedem ein» keinen Falle feine Genehmigung eingeholt weiche. D e kranzrsen haben ferner eine große polnische Demo»- vrarionsversammlung in Myslowitz geduldet, die im hötoerspruch mit dem Belagerungszustand staUfaud. Degen das deutsch-polnische Ueüereinkommeu, daß nie suand in die Vürgkrivchren ausgenommen werden sollte, ^ec sich an den jüngsten Aufständen beteiligt hat, ist hi einer Reihe von Orten verstoßen worden.

B r c s Ich, 6. Sept. DieSchlesische Zeitung" mel­let aus Kattoivitz: Der interalliierte Kreiskontrvllcur ver- Ict dieSchlesische Zeitung" im Stadt- und Landkreis k'twivitz bis aus weiteres.

Ein Bericht der früheren oberschlefischru Sicherheits­polizei

hebt die Parteinahme der Franzosen für die Polen her­vor. Es heißt darin u. a.. Polnische Agitatoren be­kamen zeirweife französische Leibwachen. Vor etwa einem halbe» Jahre wurde die Sicherheitspolizei entwaffnet. Die Gewehre und Karabiner von Rybnik wurden zum größten Teile ohne Gewehrriemen abge­geben. Auffäliigerwcise hatten die Gewehre der Insur­genten beim letzte» Putsch ebenfalls zum Teil keine Cewehrriemcn, sonder» Hanfstricke. Ei» energi- fchcs Vorgehen gegen dwse. Banden, die über 500 Ge­wehre. Machincngcwehre und Handgranaten verfügten, wurde durch die interalliierte Kommission verhin- hrrt. Die wiederholt dringend etMene Stationie­rung von französiche» Wachen an den besonders gefähr- brten Punkten wurde abgelehnt. Die Art der Entwaff­nung. wie sic zurzeit von den interalliierten Truppen burchgesührt wird, kann nur wenig Erfolg haben. Die polnischen Waffen werden mit Bestimmtheit bei der Ab­stimmung oder, wenn diese für Polen ungünstig aus- stillt. gleich danach zum größten Teil wieder auftauchen.

Ermittlung der Breslauer Konfulatsftürmer.

B r e's lau. 6. Cept. Es ist bisher gelungen, P rionen festzunehmen, von denen vier wieder kntlaffe» werden konnten. Die Lbriggn haben zum teil selbst eingestpnde» oder sind durch Av.gen- jeugcn überführt worden, an dem Sturm auf das Konflikt beteiligt gewesen zu sein oder sich an aemdem Eigentum '.»ergangen zu haben. Die Fesi- jenommenen s tzen sich meist aus iugcndlichen Pcr- »nen von 15 bis 24 Jahren zusammen und ge­hören durchschnittlich der werktätigen Bevölkerung n; einige sind Kaufmannslehrlinge, Handels- chiiler. Polon'äre nfw.

. Eine Zwaugsanleih«? Das Reichskabinett wird, die verlautet, bereits in der kommenden Woche mit fern Gesetzentwurf über eine Zwangsanleihe sich zu be­rsten haben. Die parlamentarische Erledigung des Gesetzentwurfes soll unmittelbar nach dem Wieoerzu- mmentritt des Reichstage» im Oktober durchgeführt derdc«. _

Set ME-vsiliW Kürz.

Frontmeldungen.

wb. Königsberg i. Pr., 6. Sept. (Lage­bericht.) Oertliche Kampfhandlungen zwischen den Litauern und Polen in der Gegend von Suwalki. An der polnischen Nordfront und im Zentrum ge­ringe Kampftätigkeit.

wb. Paris, 6. Sept. Ein Moskauer Funk­spruch vom 4. 9. meldet: An der Westfront bei Brest-Litowsk dauern die Kämpfe an. In der Ge­gend von Wladimir-Wolhynsk haben unsere Trup­pen nördlich von Erubockow eine starke feindliche Abteilung geschlagen und mehrere tausend Gefan­gene gemacht. Sie vernichteten das 2. polnische In­fanterie-Regiment. An der Südwestfront brachten unsere Angriffe einen feindlichen Vorstoß zum Scheitern. Der Feind wurde nach Westen zurück- geschlagen. In der Gegend von Halicz verfolgen die roten Truppen den Feind gegen den Dnjestr. Im Krimabschnitt heftige Kämpfe. 14 Werst süd- ivestlich Achzynsk wurde eine feindliche Landungs­abteilung in das Meer zurückgeschlagen. Im Sü­den wurden isolierte feindliche Gruppen von uns vernichtet.

Rotter .am, RT Sept. DieMorning-Post" meldet aus .Parsthau: Die Russen haben ihre Stellungen hrnter Crodno geräumt. Die Polen haben im Abschnitt von Crodno GOOO Russen ge­fangen genommen. DieTimes" meldet: Der russische Rückzug an der Südfront ist vor Dubno zum Stillst nd gekommen, wo sich die Ruffen zu einem Widerstand sammeln und umgruvpieren. Daily Mail" meldet aus Warschau: Rach dem Bericht des polnischen Generalstabs befanden sich am 1. September auf polnischem Boden 93 000 rus­sische Kriegsgefangene.

Einstellung der polnisch-litauischenFeindseligkeiten

wb. Paris, 6. Sept. Wie derTemps" aus Warschau meidet, sind die polnisch-litauischen Feindseligkeiten beendet. Die Friedensver­handlungen sollen sofort beginnen. Wie die Liberst'" aus Warsck)au meldet, hat die polnische Negierung der polnischen Armee Befehl gegeben, nichts gegen die litauischen Streitkräfte zu unter­nehmen. 1

wb. Kowno, 6. Sept. Der litauische Minister des Aeußern hat durch Bermittelung der litauischen Gesandtschaft in Berlin an den polnischen Minister des Aeußern eine Rote gerichtet, in der er das Verlang:» der polnischen Regierung vom 2-, 9., die litauischen Truppen sollten hinter eine von den Polen einseitig festgesetzte Linie zurückgehen, zu­rückweist. Die litauische Negierung will'weiteres Blutvergießen vermeide». Sie schlägt daher er­neut die Entsendung von Delegierten nach Ma- riampol vor. die die Demarkationslinie festsetzen sollen. Nach Festsetzung der Demarkationslinie will die litauische Regierung alle Streitpunkte zwischen Litauen und Polen auf der von der Kon­ferenz in Riga von den litauischen Delegierte'! vorgeschlagenen Basis regeln.

Die Verhandlungen m Riga.

wb. Riga, 5. Sept. Die Eröffnung d:r russisch-polnischen Verhandlungen in Riga ist für den 9. September vorgesehen. Die Sowjetregie­rung hat einige Bedingungen gestellt, die von der lettischen Regierung angenommen wurden, u. a. freie telegraphische Verbindungen in Chiffretele­grammen und Immunität für die russische» Dele­gierten.

wb. Warschau, 6. Sept. Gestern beschäftigte sich der nationale Verteidigungsrat mit dem von der Regierung und dcm parlamentarischen Rat ausgearbeiteten Vorschlag zu den Friedensbedin- gungen, die in Riga den Ruffen gesollt werden sollen. Der Minister des Aeußern wird sich am Dienstag nach Riga begeben, um der Einleitung der Friedensverhandlungen beizuwohnen.

D:r Abtransport der internierten Reffe«.

wb. Königsberg i. Pr., 6. Sept. Die Ver­hältnisse im Lager Arys haben sich verhältnis- mäßig gebessert. Bis heute wurden von 44 000 Russen etwa 14 000 ab'ransportiert. Der Abtrans­port geht gut vonstatten. Die Polen sind mit dem Abtransport der in Ostpreußen internierten Ruffen durch den Korridor einverstanden, ebenso damit, daß die Begleitmannschaft mit Pistolen bewaffnet wird. Vom 9. September ab sollen täglich zwei Züge mit einer Transportleistung von 4000 Mann abgehen. Der Abtransport auf dem Seeweg soll keine Unterbrechung erleiden.

Keine Grenzverletzung durch polnisch« Truppe«.

wb. Berlin, 6. Sept. Die aus derAllen- stciner Z.itung" in die übrige Preffe über- gegangens Mitteilung von einem Grenzzwischen­fall bei Klein-Leschienen in Westvreutzen, bei dem

angeblich polnische Truppen auf deutsches Gebiet übergetretenen Ruffen gefolgt seien und sie ent­waffnet hätten, entbehrt, wie nunmehr festgestellt wird, jeder Grundlage. Nach einer eingehenden Meldung der Landesgrenzpolizei ist der einzige Zeuge des Vorfalls ein alter Mann gewesen, der bekundet, daß russische Truppen (2 Geschütze und 2 Maschinengewehre) von bewaffneten polnischen Zivilisten in der Nähe der Grenze entwaffnet worden seien. Ob dabei überhaupt deutsches Ge­biet verletzt wurde, kann er mit Sicherheit nicht angeben. Deutsche waren bei dem Vorfall über­haupt nicht beteiligt. Somit handelt es sich bei diesem Vorfall, der auch zum Gegenstand einer Note der Sowjetregierung gemacht worden ist, um eine Falschmeldung.

steckten Ziel zu dienen, das nach seinem Programm u. a. auf ein« Annäherung zwischen Rheinländern unts -Franzosen gerichtet sein und den wirtschaftlichen Inte­ressen dienen soll. Auf deutsch: der Französierung des RheinlaudeS. ;

Frankfurt o.öl., 6. Sept. DieFranks. Ztg." meldet auS ölainz: Der Inhaber der Mainzer Ste^ rcotypieanstalt, Berger, Herausgeber einer Platten« korrespondenz für kleinere Zeitungen, wurde vom frtnw zösischen Militärgericht Mainz wegen angeblicher Bo> leidigung der farbigen französischen Solda en zu 3 Monaten Gefängnis und 6000 Mark Geldstrafe ver­urteilt. Er wurde sofort in Haft genommen.

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Em Mit »er?

Die Kümpfe Wrangels.

wb. Konstantinopel, 5. Sept. Ein Radio­telegramm aus Cebastopol vom 2. d. M. meldet über die Lage der Truppen Wrangels: An der Kaukasus- und Kuban-Front keine Veränderung. Auf der Halb­insel Taman spielen sich hartnäckige Kämpfe ab. Der Feind hat beträchtliche Kräfte in die Schlacht geworfen. In der Richtung auf Alexandrowsk sind ryisere Truppen zur Gegenoffensive übergegangon. Wir Phöben Gefan­gene gemacht und Maschinengewehre erbeutet. Am Unterlaufe des Dnjepr haben unsere Truppen ihre Offensive weiter entwickelt. Sie haben sich dem Flusse genähert und eine große Anzahl Gefangene und Beute gemacht.

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Sh SM M Oie Mettei Beitete.

Ruirdreisr des Reichsministers v. Raumer.

wb. Berlin, 6. Sept. Reichsminister v. Ran mer hat vom 15. bis 28. 8. in Begleitung des Staats- fekretSrS Walter, des Geheimrats Ktanit und des Re- gie«:ngsrat«S Dr. Schuiewind t?om Rcichsfchatzminipe- rium und dcS Präsidenten dec ReichsvecmögeuSrerwal- tnng für das besetzte rheinische Gebiet Herrn Klcit eine eingehende Jnsormaiionsrcise durch das gesäurte besetzte Gebiet unternommen. In den Städten Krefeld, Aachen, Köln, Koblenz, Trier. Mainz, Ludwigshafen, Kaiserslautern, Landau und Pfühl wurden mit den Bertreter« sämtlicher beteiligten Staats- und Gemein­debehörden alle mit der Besetzung zusammenhängenden Fragen verhandelt und alle Maßregel» eingehend cr« otltr», die zur Entlastung der Bevölkerung der besetzten Gebiete bienen können, lieber den Bau weiterer Ossizcersivohnunge» und über die Buuaussührung selbst wurde mit allen beteiligten Stelle» ein Einvernehmen ecnelt. Den Berwaltungsschtvierigkeite», denen zur Zeit die Gemeinde» unterwürfe!! sind, soll durch eine möglichst unmittelbare Erledigung das Rheinlanbao- komme» betresfkiüdor Fragen durch die. Organe der ReichsvermögeuSvermaltung abgeholseu werden.

Eine der Hauptsorqe» der durch die Einquartierung betroffenen .Haushalte ist die Frage der Wäschevcr-: sorgung, die an die Haushaltungen zum Teil u n e r f ü i l b a r e Anforderungen stellt. Der Minister ver­sprach den Versuch zu machen, die Wäschcverforgung durch die Rcichsvermögensverwaltung zu übernehmen und zunächst in einigen Garnisonstädieit entsprechende Versuche zu machen.

Der Minister stattete dcm Präsidenten und dr» Mitgliedern der interalliierten Rheinlandkommission sowie den Oberbefehlshabern der einzelnen verbündeten Armeen Besuche ab. Das Ergebnis dieser Besprech uugen war, daß für die infolge des Ausmaßes der Be­legung am stärksten betroffene Zone zwischen dem Prä­sidenten der Reichsvermögensvertvaltung in Koblenz und dem französische» Oberbefehlshaber in Mainz ein­gehende Verhandlungen über alle in Betracht kommen de» Orga»isationssragen eingeleite: werde:! sollen, um eine Festlegung der maßgebenden Grundsätze und damit die Ausschaltung derjenigen Reibungen zu erziele!!, unter denen die Gemeindeverwaltungen wie die Br völkerung zurzeit leiden. Bei der Stellung, die der Präsident Tirack und am nächsten Tage der General Degoutte einncchm, ist zu hoffe», daß sich durch diese Verhandlungen eine wesentlich? Besserung der der­zeitig von der Bevölkerung als unerträglich empfun' denen Verhältnisse anbahnen wird.

wb. S a a r b r ü ckr n, 8. Sept. Durch eine Ver­ordnung der Regiermigskommission wird der Name der Gemeinde Schönbruch im Kreise Saarlouis wieder in die frühere Bezeichnung Beaumarais umgeändert.

Nach demNeuen Saarkurier" hat die französische Regierung aus Bitten der saarländischen Schiffer die Freigabe ihrer zu Anfang des Krieges auf den fran­zösischen Kanäle» beschlagnahmten Kähne verfügt. Die außerhalb des Saargebietes wohnenden Schisser bleiben unberücksichtigt.

wb. Mainz, 6. Sept. Das seit acker halb Jah­nen in deutscher und französischer Sprache erscheinende WochenblattSe Rhin illujke kündigt sei» vorläufiges Eingehen an, indem es in neuer Form erschein » will, die angeblich besser geeignet sein soll, dem ge-

r* Berlin, 6. Sept. Man beobachtet in der letzten Zeit ein ivohlorgattisicrtes und systematisches Kesseltreiben inu-chalb der mehrheitösozialistische» Presse gegen bestimmte Minificcpersöir ich teilen in bei gegenwärtigen Regierung. Am schärfsten kämpft die, Mehrheitssozialdemokralie gegen den der demokratische« Partei angehörenden Reichswehrminister Dr. Geßler. Führer in diesen Streitigkeiten.ist das Berliner Zen« i tralorgan, derVorwärts". Minister Geßler wird als einjammervolle an die Wand gedrückte Hampel- mrrmifigur7' bezeichnet, der ganz und gar im Banne her ihn kommandierenden Militärs stehe. Insbesondre« der Erlaß des Generals v. Seeckt über die geschäftliche- Behandlungen der Tagungen der Heeres- und Marine- Kammern hat der Mehrhcitssozialoemokratie Anlaß geboten, mit den schärften Mitteln gegen den Reichs- w' hrminister vorzugehnr und ihm unmittelbar die Kabi- »'cktsfrage zu stellen. Dec General hatte in jenem Erlaß betont, daß alle parlamentarischen Formen ein- geschränkt oder vermieden werden. Dag geu habe die Versammlung durchaus unter Beachtung militärischer Formen zu verlccusen. Die Versammlung sei Dienst. Sie habe kein Beschlußrecht, sondern nur eine beratende Aufgabe. Politische Momente mußten ausgeschattet bleibe». Nun ist es ja richtig, daß dieser Erlaß des Generals v. Seeckt recht eigenartig war, er konnte in seinen Konsequenzen tatsächlich zu einer Beein­trächtigung der nuu einmal durch Gesetz den HeereZ« und Marine-Kammer» zukommende» Rechte führen. Bon höherer militärischer Ste le wurde aber nachdem übrigens auch Gencrai v. Seeckt mißverständlichen Auf­fassungen seiner Anordnungen entgegengetreten ist, dieser Erlaß vreisgcgeben. Fürs erste hat sich in diese:» Falle nunmchr eine Krisis dahin entwickelt, daß bei den Sitzungen der Heeres- und Marine- Kamtncr» am 3/September eine ordnungsgemäße Vec- hamdlung nicht zustande kam, daß beide Kammern die Zicrücknichme des Erlasses forderten, daß sie darüber hinaus erklärte», daß ihr Vertrauen zum Reichs- wehrministlrium und zum Chef der HeereSleitltNg durch diesen Erlaß auf das allerschwerste erschüttert sei, daß trotz weitgehender abmildernder Erllärungen daS Eintreten in die sachlichen Verhandlungen abgelehnt und eine Vertagung der Kammern und zwar, durch Ab­stimmung, durchgesetzt wurde, in einer Form also, gegen welche der Seecktsche Erlaß sich mit ganz be­sonderer Schärfe geioandt hatte.

Neben, biejet kritischen Spannung ist eine wertere aufgetaucht. Auch der Reichsverkchrsminisier Grö- ner ist zum Ziele schärfster Angriffe von der linken Seite gemacht worden wegen seiner Richtlinien an die Eisenbahlidirektiontn, in denen die unbefugte Ein­mischung der Eisenbahner bei der Frage der Waffen« transporte scharf abgelehnt wird. Der Reichsvcrkehrs- minister wird unter einen Druck gestellt, der auf eine Machtprobe hinausläusl, und der von vornherein daraus angelegt ist, die Regierung zu einer Kapitula­tion vor derNebenregieruitg77 zu zwingen.

Wicker ist die Frage gestellt: Ob die Reichsregic- rung imstande ist, ihre Autorität gegenüber unctrmit- wörtlichen Auße »-Faktoren durchzusetzen. Dir Ding« treiben rücksichtlos der Entscheidung zu. ES handelt sich schließlich nicht mehr um die Frage, ob die Regie­rung ihre Autorität zu wahren verficht, sondern eS handelt sich vielmehr darum, ob da? Schicksal unseres Volkes und unserer gesamten Volkswirtschaft und boniit die Existenz eines jeden einzelnen von uns auf sozia­listische gewerkschaftliche ober Partei-Interessen gesi.llt werden bars. Auch anbere Erscheinungen im sozia­listischen Blätterwalb Deutschlands lassen den Schluß zu, baß verwickelte Dinge sich hinter ben Kulissen zutragen. Das Bürgertum hat allen Anlaß, der Alarmsrage:Was geht vor?7 gerade in diesen Tag:» die allergrößte Ausmerksamkeit zu schenken. Nach allen nachrevolutionären Ersahnmgen und wir stehen auch heute noch mitten in einer revoluttonäre» Epoche können sich derlei Dinge über Nacht dahin ent­wickeln, daß das Bürgertum vor große Entschlüsse gestellt ist, loenn nicht gar infolge bürgerlicher Lauheit und Oberflächlichkeit mit einem Ruck feine völlige Ausschaltung bewirkt wird.