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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.

Tageszeitung für (das früher kurheffifchej Oberhessen

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DieOdertzesftf»» Zettana" er|*eint ie»,m,l »ickentlich. - «ej>.q,»reir m. x«N 1 X bttrd) b<« Poft 3.16 X- 51t «vlfeUenbe »lu.ttm«rit mfelge »tret« bet' eU»i<*t«rtt tu« «rsatz. Verl«, «en Dr. L. -itzersttz.

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Marburg

kvMabrnd, 22, Mm

Der Lnzeigen»ret, beträgt fit die tgei». Zette 76 4 tmb 10(« Aufschlag, «mtliche unb euseertige 1. .X, Kettemeieil« 2,00 X. Jeder Rabatt gilt al» Larrabatt. Le Anskunft durch die Ge>ch«ft»ftelle «. Vermittlung der Ange» bett 28 4 Landergebäbr. Poftscheckksnt«: Rr. 6016 Amt Frankfurt o. M.

55. JEhrz

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Erstes Blatt.

WNW SlnoWMhii

Wer in diesen Tagen in die freie Natur hinaus- knrmt, mit der menschlichen Uifreube -tm W hsen *nb Blühen. Sonnenschein und Leben, der tut gs si -,ct mit einem Seufzer der Erleichterung, denn ^dic Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch Dicht hinkommt mit seiner Qual". Und doch können wir UNS nicht entfliehen. Die wirtschaftlichen Be- drückvirgen, heute mehr denn je mit politischen ßorgcn verknüpft, erinnern uns daran, daß für das deutsche Volk an ein freies Aufatmen noch lange gi zu denken ist.

Der Mensch ist seiner Natur nach geneigt, alles nicht einzusehen. Die Krone der Schöpfung müßte fstjcn den Klauben, daß diese Welt eigens dazu ge­macht sei. alle wechselnden Wünsche aller restlos zu befriedigen, ansgeben. Diese Auffassung sthriM aber besonders heute zeitgemäß, wo der Sch. ' nach «ttit-ii Rechten und ein katastrophaler Mangel an Pflichigekühl jeden erfaßt zu haben scheint, und doch Limmert sich die weise Natur nicht um unsere Wünsche, cs regnet, ob es uns paßt oder nicht. Mit NÜen Protesten kann hier niemand erzwingen, was ti wünscht. Ob auch in den inenschlichen Dingen je wieder ein ehernes Gesetz über dem Begehren des Einzelnen Geltung gewinnen wird?

Das könnte nur die Hingabe an die Gemein« schatt des Staate, sein, in dem freilich nicht Partei­lich' und zeitgemäße Erpressungsversuchs Einzelner öder Kruppen da, groß« Wort führe», fonbern elfte Politik der Aufbau», die stch endlich einmal ..jtülit nur die Organisation der Produktivität, der Erzeugung und nicht des Konsums, die nicht alle Kraft darauf verwendet, die Reste einer Konkurs- Maste möglichstgerecht" zu verteilen, sondern die zerriitteren Kräfte des Staates wieder zum Aufbau »uljlnrr zu machen.

Ob dazu unser jetziges Parteiensystem über­haupt geeignet ist, ist vielen in immer größerem G.^ce sehr zweifelhaft, geworden Seit Jahren ist dieser Stelle der Gedanke bekämpft worden, daß bas parlamenrarische System Westeuropas für un­sere deutschen Verhältnisse passend sei,- nun haben «ir es in Reinkultur. Der demokratischste Staat der W.lt seien wir. Man soll nicht verkennen, daß vir gewiß auch an den Folgen des Krieges und der Riebettage leiden. Aber bie Ereignisse find denn doch zu eindeutig, als daß selbst aus den ehrlichen Bcrtreienv dieser Auffassung etwas anderes als bittere Enttäuschung l.erausklänge. Wenn wir recht ftheu. so haben die Erfahrungen der letzten Zeit im dru. scheu Volke den Gedanken gestärkt, daß die x'<- täbttite .Organisation", parteipolitische Diszipli- uieruirg der politischen Ueberzeugung, für uns Deutsche, ganz einfach nicht paßt. Daß die Ver- Huickung von. Politik und Wirtschaft, wie wir sie |ur Zeit haben, jeden gesunden Aufstieg von vorn­herein hemmt und daß der gesunde Gedanke einer Sleichberechrrgten ständigen Vertretung neben po- Lifchm-- Ideen, die natürlich nicht ausgeschaltet wr:scn können, für Deutschland unerläßlich ist.

Die lleberspannung des Parteiwesens, die wir rrlcvk harten, hat offenbar nicht nur auf die Wühlers sondern auf die Parteien selbst ermüdend 'bewirkt. Wir stehen 14 Tage vor der Wahl zum - ' -"< Reichstag, und trotzdem -rerkt man vom Wahttainpf wenig. Ist die Erkenntnis in die Par­tien selbst gefahren, daß ste dem Volke doch etwas I« viel zugcmutt. haben, daß die Aufzählung der schönsten Versprechungen heute weniger zieht als ft. nacltdem die Revolution mit ihrem Versprechet, haß nun alles, alles gut, mindestens aber besstr werden würde, an der harten Kraft der Tatfach'n kch-ssbruch gelitten hat? Wer hineinhört m; 6cU, kann merkwürdige Beobachtungen hören ton Seut.n, die lange Zeit in radikalen Forderungen sich nicht genug tun konnten. Lauge genug haben wir gelesen unb gehört, daß nur Sparsamkeit und Arbeit uns retten können. Immer weitere Kreis. Etgieisk die Einsicht, daß es jetzt darauf ankommt, hiest- Erkenntnis endlich einmal i n d i e T a t u m . tLsetzen, daß es nicht genügt,»in schönen Lotten sich redend zu ergehen. Ist das schlechte wcwissei, der agitationsbeflisseiisten Parteien auch chkrständlich, der Wühler soll und barf sich nicht an- ^Ecken lasse«, will er nicht seines Einflusses auf die ^staitung der Geschicke des Reiches verlustig gehen.

stich zu eng mit seinen eigensten Interessen ver­dickt. Der Steuerhebel und die Wirtschaftspolitik *l«cheu es jedem von selbst klar.

i Noch haben wir das rein politische System Parlamentarismus mit seinen Wirkungen auf Politik und Wirtschaft. Keine Parteimüdigkert, K berechtigt ste an sich sein mag, entschuldigt den,

macht» der Feind mit ftischen Truppen wiederholt heft

gegen alles, sv.-vert die deutsche Zunge Singt, haben wir tigt Angriffe. Trotz der Gewalt, mit der di» überlege»

der seine Stimme nicht abgibt. Er verliert das Recht, sich irgendwie über Mißwirtschaft zu be­schweren, «ach dem alten Grundsatz: Wer nicht will, der hat gehabt.

Noch darf der Deutsche sich nicht wieder barm- rcjer Frühlingsfreude hingeben. Möchte aber der neue Reichstag, der im Zeichen des Frühlings ge­wählt wird, die Wünsche auf den Mederausstieg erfüllen, die jeden Deutschen heute bewegen.

Präsident Febrenbach eröffnet die Sitzung um 11,45 Uhr. Ter Präsident verliest eine

Kundgebung des Reichspräsidenten.

Die Tagung der Nationalversammlung sei reich gewesen an Arbeit und an Leiden. Es sei dem Reichspräsidenten Ehre und Pflicht, dafür zu danken. Alles sei noch im Fluß. Die deutsche Revolution sei noch nicht ab­geschlossen. Grundfesten in das Cbaos hineinzubaucn. sei die Arbeit der Abgeordneten gewesen. Man werde ihrer in Treue als der ersten Arbeiter am Baue gedenken, wenn einst dessen Richtfest gefeiert werde. Die geisti­gen Waffen seien die einzigen erlanbten im bevor­stehenden Wahlkampfe. Der Weg der Gesetzmäßigkeit fei der einzige, der aufwärts führe. (Zwischenruf der Frau Zietz. Beifall. Zuruf: Zietz raus!)

Reichskanzler Müller: Der Wahlkampf ist in vol­lem Gange. Ter Friedeusschluß bat die schlimmsten Be­drohungen vom Reiche abgewendet. Die Bestimmun­gen des Friedensvertrages werden noch lange die Richt­linien für unsere politische Arbeit geben. Die Treue

Polnischer Kriegsbericht.

nch. Warschau, 21. Mai. Der polnische General­stabsbericht meldet: Im Abschnitt der oberen Beresina

gewahrt. Selten hat ein Parlament so rmter bem Zwang einer versunkenen Epoche gelitten, wie dieses, selten wür­ben einem Volke- so bittere Arzneien gereicht. Der Tag der gerechten Anerkennung für Ähre Leistlmgen wird kommen. Europa kann ohne Deutschland nicht sein: es ist höchste Zeit, daß diese Wahrheit in Europa All­gemeingut wird.

Abo. v. P a y e r (Dem.) spricht dem Präsidenten den Tank des Hanfes niks. Der Präsident hat nie Gdichmut, Humor und Unparteilichkeit verloren trotz der stürmischen Borgänge. Er hat den höchsten Anforderungen ent­sprochen. Dafür dankt-di- Nationalversammlung ihrem wüchiqen Präsidenten.

Präsident Febrenbach dankt von ganzem Herzen. Es fei nicht immer leicht gewesen, absolute Gerechtigkeit walten zu lassen. .Den Tank des Hauses möchte er aus- debnen auf die Vizepräsidenten und Schriftführer, ebenso auf das Personal, die Beamte«. Angestellten und Diener männlichen und toeibtichen Geschlechts. Die Presse habe her Tätigkeit des Hanfes eine mühevolle Arbeit gewidmet. Leider habe der Senior des Hauses Abg. V.-Paller seinen Schwanengesang getan. Er gebe ihm die herzlichsten Wünsche mit in die schwäbische Heimat. Er nehme an und hoffe, daß dieses,die letzte Stunde der Nationalver­sammlung sei. Für Haus nehme er in Anspruch,

daß es nur zum Besten des deutschen Boltes gearbeitet bat. Trotz aller Gegensätze habe die Versammlung dem Volke das Beispiel eines zielbewußten Arbeitswillens gegeben. S?3ge sich das deutsche Völk in Arbeit und Zücht znsammrnfinden Zn hoffen fei die Vereinigung mit den getrennten Stammesbrüderu in Oesterreich. (Beifall.) Mit den lüften Siiuscheu für alle schließe er dir Nationalversammlung. Schluß I2V4 Uhr.

FranMche SÄlappe in Cyrikn.

wb. Amsterdam, 21. Mai. DieTimes" mei­det auk Konstantinopel, daß die französische Garnison von Ursa, die am 10. 4. nach 61 tägiger Belagerung freien Abzug zugestanden erhielt, von türkischen Na­tionalisten überfallen wurde. Aon den 450 Mann seien nur 100 am Leben, zel-lieben.

Japanischer Sieg gegen die Metruppen

Wb. Rotterdam, 21. Mai. Castern Service meldet aus Tokio vom 17. 5.: Die Japaner haben den Bolschewisten westlich von Tschita eine schwere Nie­derlage zugefügt. =S)aS rote Heer ist in vollem Rückzug auf Jrkursk.

Anhebung des Bc!agernnMnstandeS.

Wb. Berlin, 21. Mai. Der Reichspräsident hat die ans Grund des Artikels 48 erlassenen Ausnahme- Vorschriften aufgehoben für folgende Bezirke: Berlin, Brandenburg, Pömmern, die Reste der frühe- reu Provinzen Westpreusteu und Posen, für Schleswig- Holstein, Haunobcr, Hesse n-Nafsan soivie für die Rheinprovinz außer dem Regierungsbezirk Düssel­dorf, ferner für Hessen, Mecklenburg, Braunschweig, Oldenburg, Aichttt, Waldeck, Lipp.-Detmold, Schaum- burg-Livpe und die Hausastädie. Im Freistaat Sach­sen, in Württemberg, Baden und in Thüringen mit Ausnahme von Gotha liestehen AuSnahweoorschriflen nicht, lieber Ostpreußen, Schlesien uns die Provinz. Sachsen wird noch ein näherer Bericht vor der Ent­scheidung al,gewartet. Die Entscheidung wird in beit nächsten Tagen erfolgen.

Tie ^trbrerfwi im bksktztk» Gebiet.

Die farbigen französischen Truppen.

kg. Zürich, 2L *üai. DerAuzttger" melier aus Paris: Ter deutsche Geschäftsträger überreichte am Dienstag dem Obersten Rat eine Note Tcucsch- lands, die eine Zusammenstellung der im besetzten Gebiet von der Besatzungsarmee -feit November 1918 »erlitten Verbrechen gibt. Die Note hat b-- fonder? in französischen Kreisen einen petulichen Ein­druck Hervorgernfen.

wb. Berlin, 21. Mai. Von zuständig er Stelle verlautet: Die französische Behauptnng, daß die far­big 'n Truppen i.n besetzten G- biet sranzögsche Bürger seien, ist nach hier vorliegenden Nachrichten unrichtig,.. Im übrigen fino unter den farbigen französrschen Truppen Schwarze (Neger), Braune (Nordafrikauer, Algierer, Tnncsiet und Marokkaner) und Gelb« (Ana- mite::, Tonkinesier, chinesische Arbeitstruppen) zu »er» sichen. Im besetzten dcutschen Gebiet liegen unter anderen Negertruppen die Senegalschützenregimenter 10 und 11 in Mainz unb Worms, das madagassische Jägerregiment in Ludrvigshaseu, Speyer und Germers­heim. Dann sind afrikanische Truppen, etwa 6 Sltzützenregimenter, auf das ganze besetzte Rhein- laud verteilt. '

8S!ilWtz»«li b» Mieiilt'mlWM'M.

Mißttauensantrag der Unabhängigen ohne genügend Unterschriften. Die Aufhebung der Militärgerichte wegen Beschluhmrfiihigkeit unerledigt. Schlußreden.

Sitzung vom 21. Mai.

Präsident Fehrenbach eröffnete die Sitzung um 9,55 Uhr. Auf der Tagesordnung standen zunächst An­fragen. >

Auf Aufrage Frau -Grünberg (So;.) wird regte« ruttgsfeitrg die Schaffung eines einheitlichen H a u s a n - ' stell teure chts in Deutschland in Aussicht gestellt.

Auf Anfrage Jaecker (Soz.) w-^n Sprengun-en an der Nheinbrücke bei Düsseldorf wird r'gierungsseitig ge­antwortet, daß Borsiellungen ivegett Einstellung der Sprengungen erl-obcu worden sind, über deren Ergebnis noch nichts gesagt werden kann.

Neichsminister Koch: Die Rcichsregiernng ist gestern durch einen Beschluß bet Nationalversammlung ersucht worden, bitt

Ausnahmczustandauszuheben.

Sic Regierung hat die Frage gestern einer vorläusigen Prüfung unterzogen. Sie hat in den letzten Tugen Nachrichten erhalten, die auf rechtsseitige revolutionäre Bestrebungen f>itiiurtfeti. Auch die linksradikale Elefahr, besirndrrS im Nnhr-zchAst ist noch' nicht beseitigt: auch ich«s>-b.u nocu zahlreiche Verfahren. Im.Ruhrgebiet kann ttaher der. Au.snahnt?zu.siarck> wock, nicht onfgehoben wor- deu. ebenso in Gotha, wo gesetzlich' Zustände erst durch die KNrhlen ,rm 30. Mai bergestrllt werden sollen. »3n Aavern find Erleichterungen geplant. Während der Wahlen soll volle Versammlungs -und Pressefreiheit gewährt werden. Die endgültige Prüfttng im Lanfe der SSvchi' werde ergeben, ob weitere Erleichterungen ntsglich find.

Abg Henke M.S,): Diese Auslegung unsere- gestri­gen Beschl,tfses ist ein glatter Bruch der Ver­fassung. Die Erklärung brr Reichsreaierung nötigt uns zu beantragen, daß die Nationalversammlung der Regierung das Vertrauen entzieht.

. Reichsmininer Koch: Bon einem Versaftungsbruch kann feine Rede sein. (Zuruf bei den Unabhängigen: Amvvht' Tie Regierung ist reaktionär! Gehen Sie zu Müller-Meiningen?) In Gotha liegt ew Vottaf- fnngsbntch der Unabhängigen vor. Die anderen Par­teien haben sich befchtverdeführeud an die Rnchsregieruu--, gewandt. Die Verhältnisse in Bayern sind der dortigen Regierung am besten bekannt. Wir sind bereit, mit der bayerischen Regierung wegen »vetteren Erleichterungen zu verhandeln. Die Reichsregierung wird sich von dem graben Weg weder von rechts noch von links abbringen lassen.

Abg. Henke (U.S.): Wir haben keine Garantie da­für, daß der Belagerungszustand nach den Wahlen wtf° gehoben wird.

Präsident Fehrenbach: Der Antrag hat nur 13 Unterschriften, es müssen Ich fein. Die.-Unterschriften reichen nicht aus. Damft ist die Sache erledigt. (Ge­lächter bei der Mehrheit.)

ES folgt die dritte Beratung des Gesetzentwurfes b.tr.

Aushebung der Militärgerichtsbarkeit und betreffend die Stellung der Justitiare.

Abg. v.Gräfe (Dnt.) beantragt Absetzung von der Tagesordmmg. t

Abg. Lobe (Sot.) beantragt namentliche Abstim­mung über diesen Antrag.

Die Linke ist sehr statt beseht, die Mitte des Hauses weniger, die Rechte ist fast f«r. Mit Ja stimmen 3 Ab­geordnete, mit Nein 208; anwesend sind 211 Mitglieder. Zur Beschlußfassung sind 212 imtwendig.

Präsident Fehrenbach beraumt die nächste Sitzung ans llVe Uhr an mit der Tagesordnung: Entgegennahme einer Kundgebung des Reichspräsidenten.

ne# feindlichen Kräfte angriff««, hielten die Abteilun­gen der dritte« Division nicht nut stand, sondern ginge« ;trm Gegenangriff über und deuchte« dem Feind emp- studltche Bettuste bet. Stuf der übrigen ukrainische« Front ist die Lage ruhig.

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xit SWslinit its AkMttt«.

Von Prosessür Dr. Karl 3 u ft t

Als »or nahezu 40 Jahren die Reichsversiche« rungsorbnnng bas Licht der Welt erblickte, halt«., der Staat, wie aus den Geleitfätzen ersichtlich ist, die Absicht, sich auf seine christlichen Pflichten gegen arme Hilfsbedürftige zu besinnen, den besitzlose« Klassen, welche zugleichdie zahlreichsten und am wenigsten unterrichteten" sind, eine Wohltat -u er- weifen. Dementfprechend wurden in die Zwang»« Versicherung alle Mitglieder der arbeitenden Be« völkerungsteile einbezogen, die ein Einkommen bi» zu 2500 «M. haben. Die Beiträge zu den Kranke»« kaffen sollen zu ys von dem Arbeitgeber, zu -- von dem Arbeit;rehmer geleistet me*n. Für kleinere selbständige Eewerbetreibeude, Betriebsunterneh« inet .wurde eine freiwillige Versicherung ein« gerichlet, ebenso für deren Familienangehörige, so» weit sie unentgeltlich in dem Betrieb arbeiten. Di« obere Grenze lag hierfür bei 4000 -it.

Die Segnungen des Gesetzes sind wie da» häufig bei ausgezwungeiten Wohltaten geschieht nicht allgemein auf die erwartete Gegenliebe ge­stoßen. Jene Versicherten, die nie krank find, empfinden die Zahlungen als drückende Ausgabe; die Unfallverletzten fühlen stch benachteiligt, wenn ihnen ihre Rente allmählich gekürzt wird, und die Jugendlickten, z. B. Dienstmädchen von 20 Jahren, die das Markenkleben übrigens meistens mit der Heirat entstellen, müssen schon recht weitblickend fein,, wenn ste in das Anvalidenrentenpargdie» jen« seits ihres 70. Lebensjahres hinüberblicken wollten.

Die Krankenkaffen, die stch zu großen, macht­vollen Organisationen zusammenschloffen, verführe« als sparsame Haushalter; sie belasteten ihre Mit» gHebet mit möglichst niedrigen Beiträgen. Da st« ftjr ihre übrigen Leistungen, wie Apotheke. Kran­kenhaus, festen Preisen begegneten, so waren e» die Aerzte, denen bet Brotkorb der Honorare so hoch wie angängig gehängt wntbe. In Lebten mit wenig Industrie, wie Marburg, erlangte bat Kastenwesen nicht bte große Bedeutung, rote in Fabrikzentren. Bei der geringen Bezahlung routb«; hier der Kaffenarzt von der Kasse fest angestellt, sog. fixierte, Arztfystem zu «roßem Umsatz ge» drängt, u« fei» Auskommen zu finden. Es ent­stand der berüchtigte Maffenbetrieb; der Krank« kam bei der Gefchwindigkeit nicht zu feinem Recht, der Arzt sank von dem alten Ideal des Hausärzte» zum öden Rezeptschreider herab. Er wurde von b-t Kaffe abhängig, und das Damoklesschwert der Ent» laffung schwebte über ihm. Um diesen unroiirbigen Zuständen ein Ende zu berci'.en, vereinigten sih vor 20 Jahren die Aerzte Deutschlands zum Leip­ziger Verband; seine Ziele find die freie Arztwahl d. h. jeder Kranke kann sich den Arzt feines Ver­trauens frei auswählen und angemessene Hono­rare. Durch langwierige Kämpfe und schwierige Verhandlungen wurde allerhand erreicht; die freie Arztwahl gewann an Boden. In Marburg wurde eine Mbuhr von 1 M für Besuch und Beratung in der Sprechstunde dnrchgesetzt, die kn neuerer Zett nm y3 und jetzt auf 2 M gesteigert ist. Die Pauschalzahlungen betragen nicht so viel; z. B. i» Berlin kommt dabei auf die Einzelberatttvg ctroci« über 1 J*. heraus. Bkmr ein Kaßenarzt so viel roie ein Miillkntscher in Berlin verdienen will, fo mutz er ganz abgesehen von seinen Betriedsunkosten etwa 600 Familien in Pehandl'mg habe" ober 13 000 Besuche im Jahre machen. Ebenso gering werden die besonderen Leistungen, Operation«#* nsw. honoriert.

Nachdem bie. Revolutionsregierung zunächst die Zwaugsversicherungsgrenze auf 5000 Jt hinauf« geschraubt und die Grenze für freiwillige Verficht«- rung aufgehoben hatte, steht sich der Aerztestand! seit dem 31. März in eine neue erisrenzbedrohlich« Lage versetzt An die Stelle der 5000 Jt wurde -ie Summe von 20 000 M. eingesetzt, und zwar nicht durch ein von der Volksvertretung beratenes und genehmigtes Gesetz, sondern auf dem vereinfachten Wege der Verordnung. In der betreffenden Reichs« ratssitzung wurden zwar die fchrveren Bedenken für Industrie und Aerzceschaft erwähnt, indeffen au« politischer Klugheit", d. h. zugunsten der Ver­sicherten, in den Wind geschlagen. Nun geschah da« Merkwürdige, daß die Regierungsparteien di» Ver­ordnung ablehnten; selbst den zu beglückenden ver­sicherten ging sie zu weit. Ein Kaffenmitglied mit 30 M Grundlohn würde über 1000 Jl Beiträge z» leisten haben; ich möchte denreichen" Familie»» vater aus dem Mittelstände sehen, der für stch