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mit dem Kreisblatt für den Kreis Marburg

Tageszeitung für (das früher knrheffifche) Oberhessen

*

Erstes Blatt

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finnungstüchtigen." Es ist das ja auch zweifellos <1. fxl»Cif i Sixm CTlrtJ i»vlrti tt biönött

die leichtere Art dem Paterlande zu dienen, als

reichlich, wird aber hoch im Preise gehalten.

Unver»

wb. Washington, 8.Jan. (Reuter. ) Gegen den genannten Sowjetgcsandteu, Merten-, wurde ei» Befehl znr Deportierung erlasse».

Wie«, 8. Jan. Der Jahresabschluß der Wiener Gemeindeverwaltung ergab ein Ansteigen des Defizits von fünf Millionen auf vierhundert Millionen.

mindert fest war die Marktlage für Stroh, für da» ebenfalls die drängende Kauflust größer ist als die zu beschaffende« Mengen.

Marburg

Somifibenb, 10 Jannar

Auskunft 'durch die «e,Liift«stelle u. Vermittlung ler In gebet« »4 Sonder- gebühr. Postsche«ont»: Rr. »CIS Amt Frankfurt a. M.

$om MMnidtMll.

Die endgültigen Zahlen der diesjährigen ameri­kanischen Ernte zeigen, daß die in den Bor» schätzungen unerwartet stark ermäßigt gewesenen Ergeb« niszahlen des Weizens nun doch wieder merklich erhöht sind und zwar auf rund 940 Millionen bush. Die vor« jährige Ernte mit 917 Millionen Bushels war ein Re­kord gewesen, der alles vorher Dagclvesene weit über­traf. Diesmal rechnete man ursprünglich mit einer weiteren Steigerung um 300 Millionen Bushels, weil man als Folge der enormen Preisgarantie auch für FrühjahrSlveizen eine erhebliche Zunahme des Anbau» erwartet hatte. Die Veröffentlichung der Anbauziffern von Wintcrgetrcide ist auf die Märkte der Vereinigten Staaten von Nordamerika ohne Einfluß geblieben. Da die amtlichen Angaben lediglich frühere Firmenschähun- gen bestätigten, kann das im übrigen nicht Wunder nehmen. Tie diesmalige Weizenanbaufläche ist mit 36 770 000 Acres bestiahe ein Viertel geringer als im Vorjahre, in dem 49 027 000 angegeben, aber auch kleiner als 1917 und 1916, in denen 42,2 bezw. 40,1 Millionen Acres mit Winterlveizcn bepflanzt waren. Der Durchschnittsstand des Weizens von 85,2 steht dem gleichzeitigen von 1918, der sich auf 98,5 belief, gewaltig nach, ist aber sonst nicht ungewöhnlich schlecht; denn im Dezember 1917 war er 79.7, 1916 85,7. Dagegen spra­chen die Märkte recht merkbar auf eine Reihe anderer - Einflüsse an. vor allem anscheinend auf die Bewegungen an den Wcchselmärktcn. Sie beantworteten die Besse« rung des Pfundwertcs mit Kurssteigerungen, zu deren Begründung außerdem noch die Witterungsungunst herangczogen wurde. Später führten steigende Zu­fuhren zu neuen Abschwächungen, bei denen aber nur ein ganz geringer Teil der vorher erreichten Steige­rungen verloren gegangen ist.

Sehr günstig lauten die lebten Berichte aus Argen» liniert, wo anscheinend die Wetterstürze deS letzte» Monats tatsächlich nur ganz geringe Schäden angerichtet zu haben scheinen. Roch mehr als aus den Aeußerun- gcn 'der Berichte an sich läßt sich das aus der PreiSbe- ivegung schließen, die deutlich abwärts gerichtet ist. Die Bestände haben durchweg etwas y»genommen, die Ver­schiffungen sind geringer geworden. Es Ist aber be­merkenswert. das: die Berichte die ruhige Stimmung des Frachtenmarktes ausdrücklich hervorheben, während vor einigen Wochen noch scharfe Nachfrage herrschte.

Beinahe komisch muten eine Reihe von Ernte­schätzungen an, die zu gleicher Zeit über England an­der Ukraine kommen Die britische wirtschaftlich« Abordnung in Südrußiand und der britische Vizekonsul in Rostow haben Berichte erstattet, die übereinstimmend die Ernten dieser wichtigen Gebiete als vorzüglich be­zeichnen. Sie führen gleichzeitig Schätzungen der ver­fügbaren Ausfuhrüberschüsse an, die deutlich erkennen lassen, daß hier geradezu ins Blaue hineingeschäht wird. Bei der Ukraine z. B. gibt das Lcbensmittelamt den Ausfuhrüberschuß mit 20 Millionen Pud nicht sehr hoch an. Eine andere Regierungsstelle, die Handels- und Jtrdustrieabteiluug spricht von 60 Millionen Pud. also dem Dreifachen. Ungenannte halbamtlich bezeichnete Stellen gehen aber gar bis zu 90 Millionen Pud, und die englischen Berichte entscheiden sich mit einer eigenen Schätzung von 0,91 Million Tonnen etwa für den Durchschnitt. Roch merkwürdiger ist die Rechnung, die sie für den Don-, Kuban- und Terekbezirk aufmachen. Dort sollen etwa 400 Millionen Pud Getreide zur Aus­fuhr verfügbar sein. Und der Bericht fährt fort, wenn man nur die Hälfte hiervon als sicher annähme, und weiterhin sich auf den Standpunkt stelle, daß infolge von Zufuhrschwierigketten davon wiederum nur d.e Hälfte wirklich ausgeführt werde, so seien es immerhin noch 114 Millionen Tonnen, also eine recht erhebliche Menge.

Der Wechsel der Witterung in Deutschland hat dazu beigetragen, daß die schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich der Vernichtung der Hackfruchternte in viele« Bezirken nicht eingetroffen find, doch ist der Oste« stellenweise schwer heimgesucht. Die mehrwöchige SV des Tauwetters hat die Aufnahme der Feldarbeiten und die Bergung der Reste der Kartoffelernte sowie der Futter- und Zuckerrükenern/e zum großen Teile ermög­licht. Auch hat noch in weiten Gebieten die verspätete Aussaat von Wintergetreide, besonders von Weizen, stattgefunden. Immerhin ist ein erheblicher Teil ter normalen Anbaufläche, besonders bei Weizen, unbestell! geblieben. Die Schäden in der Beschaffenheit der noch geernteten Hackfrüchte scheinen nicht allzu bedeutend z» sein.

Der Ankauf de? Hafers zu menschlichen Nährzwecke« hat weitere Fortschritte gemacht. Diese Anschaffung^, machen fich nn Wettbewerb gegen die Futteraachirage umso fühlbarer, al» sie durchschnittlich nicht gut Deckung eine» gegenwärtigen Bedarfs, sondern zur Versorgung für den Winter, also zur Einlagerung be« stimmt sind. Die begehrten Mengen sind daher außer­ordentlich groß; sie waren von stark preissteigernder Wirkung. Die Kauflust für Hülsenfrüchte hat fich, fist« dem die Haferflocken in Aufnahme gekommen sind, nicht wieder im vorherigen Umfange eingebunden. Lupine« zur Saat sind viel begehrt, alte Ware zeigt sich noch

Ministerien, der sich nach Müller seit dem Sturz des alten Regimes noch wesentlich verschärft hat. Nicht nur die Zahl der Ministerien ist seitdem ungcsähr verdoppelt worden, die Ministerien selbst wachsen sich auch immer mehr zu Wasserköpfen aus. Sind doch allein im Retchs- wirtschaftsministerium ungefähr 1200 Beamte beschäf­tigt, während das Reichsfinanzministerinm 3000 Zimmer zur Unterbringung seiner Beamten braucht. Etwa 15 v. H. der Ell'samtbevöllerung stehen heute im Beamten. Verhältnis, und die "Zahl bet Beamten wächst noch ständig derart weiter, daß man sich fragen muß. wer sic schließlich ernähren soll. Dabei ist die alte Re­gierung mit dem Pfennig sorgsamer umgegangen als bic neue mit den Millionen. Als bezeichnen­des Beispiel führte Dr. Müller in dieser Beziehung u. a. den Vorgang an. daß schon geraume Zeit, bevor der be­rüchtigte Entwurf eines Sozialisierungsgesetzes für die Elektrizitätswirtschaft Gesetz geworden war, ein aus dem alten Regime übernommener betriebsamer Herr im teuersten Stadtviertel von Berlin für Millionen Be­träge ein Grundstück mit daraufstehenden Häusern an- gekauft hat, aus dem der künftige Elettrizitätspalast er­stehe« soll. Scltars geißelte Müller auch, ohne sich auf die rechtliche Seite der bekannten Vorgänge einzulassen, das mangelnde Taktgefühl führender politische r Persönlichkeiten, die e» über fich gebracht habe», mit Schiebern und Kriegsgewinnlern Frühstücks- und Mtttagessensgemeinschaften zu pflegen. Roch schärfer wandte er sich gegen die mehr und mehr um sich greifende Verquickung geschäftlicher mit politischer Tätigkeit. Er verwies in dieser Beziehung darauf, daß ein seit Februar 1919 zu ein­flussreichster Stellung gelangter Politiker in enger Ver- binbung mit einem der größten Macher am Rheni und au der Ruhr stehe, wie auch darauf, baß in einer bet größten Einfuhrgesellschaften par- lamentarisÄ« Persönlichkeiten 6 e T * * ten seien. Eine höchst unerfreuliche Ergänzung findet dieses Bild auf der anderen Seite durch die völlige Un- fruchtbarkeit des parlamentarischen Systems bei der dringend notlvenbigen Neuordnung unserer Wirtschaft. Es fehlt den Parteien wie ihre« Führern vollständig an kettenden großen Gedanken, und ebenso fehlen, wirkliche führende Männer. Unsre gesamte Wirtschaft geht den allergrößten Gefahren entgegen, aber trotzdem werden wirtschaftliche Fragen nicht nach rein fiich- lichen, fonbern nach p a r te i p o l i ti f ch e n Ge­sichtspunkten behandelt. Es ist bas Par la- der Parteisekretäre. da» in dieser Ätetfc immer weiterwurstelt und uns in immer tieferes Elend hineinführt. Die großen Gefahren, die schon in allernächster Zeit beispielsweise unserer Bolksernährung drohen, die gänzlich zerrüttete Lage unserer Währung, die Zerrüttung unserer Verkehrsverhältnisse und ähn­liches werden nicht mit dem gebührenden Ernst behan­delt. Zahlreiche Einzelheiten gaben wertvolle Unterlagen für die von ihm geübte Kritik, die um so mehr Beach­tung verdient, als sie von einem Manne kommt. Der hinter die Kulissen gesehen hat.

Diese sachliche Kritik von einem, der aus nächster Nähe beobachten kann, erscheint «ns wert­voller als die Reden mancher Parlamentarier, deren Parteien, in denen sie selbst führende Männer sind, z. B. für den Einheitsstaat eintreten, während sie in Süddeutschland fich selbst ba gegen aussprechen, weil sie wisien, daß das Volk anders denkt. Sie gehören dann dem einen oder anderenFlügel" an, der die offizielle Partei­politik angeblich nicht mitmacht. Das Volk sollte diesen Herren ins Gesicht sagen, daß es nicht darauf ankommt was sie denken, sondern was ihre Partei tut.

Wie Müller haben früher rechtsstehende Poli­tiker die Wirkungen vorausgesagt, das französische Beispiel ist dort vor Augen gewesen. Für die. eng­lische Form der Demokratie ist ja unsere Partei­maschine noch lange nicht reif. Dafür fehlt ihr zu sehr der nationale Instinkt, dafür ist sie anderer­seits von ihrer eignen Eottähnlichkeit zu sehr über­zogen. In Englanh^st es selbstverständlich, daß in Lebensfragen der Nation Parteigegensätze von selbst wegfallen, in Deutschland kommen sie meistens da erst recht zum Ausbruch. England weiß man, daß das demokratisch-parlamentarische System auf der Achtung vor der Opposition beruht, sie ist ja der wesentliche Faktor des Ganzen. Bei uns peitscht man Gesetze durch, blos um die Oppo­sition mundtot zu machen zu dem einzigen Zwecke, selbst zum Fenster hinaus reden zu können, woraus man sich für die eigene Partei Vorteil verspricht. Der Erfolg zeigt, wie jedes Verbrechen gegen den Geist sich an den Urhebern selber rächt.

Das darf man sagen, daß, ganz abgesehen von Parteimeinungen die Verhältnisse erst wieder bester werden können, wenn der Wahn so vieler Revo­lutionen beseitigt sein wird, als ob man mit Ver- fastungsexperimenten und Systemen die Wohlfahrt befördern könnte, wenn für den Tüchtigen, nicht denEesinnungs"tüchtigen erst mal wirklich freie Bahn geschaffen ist und wenn wir für alle politi­schen unh wirtschaftlichen Fragen uns auf uns selbst besinnen, nicht vom Ausland Hilfe erwarten, die sie uns weder bringen können noch auch wollen, wenn wir aus der Tiefe unseres eigenen Volks­tums die Kräfte des Wiederaufbaues sammeln.

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wb. Berlin, 9. Zan. Mit dem für morgen Nachmittag in Paris anberaumten Austausch der Ratifikationsurkunden und der darauf folgenden Errichtung des Protokolls über die Niederlegung der Ratifikationsurkunden tritt der Friede in Kraft: zugleich werden, wie in einer Note der Ver­bündete« mitgeteilt wird, die interalliierte hohe Kommission für die besetzten rheinischen Gebiete, die Wiedergntmachungskommission und die inter­alliierten Acberwachnngsausschüste ihre Tätigkeit ausnehmen. Heber die Tätigkeit der übrigen im Friedensvertrag vorgesehenen Ausschüsse werden von den Verbündeten noch weitere Mitteilungen erfolgen.

tob. Berlin, 9. San. Die Meldung, nach der Frei­herr v. Lersner demnächst Poincare fein Beglaubi­gungsschreiben als Geschäftsträger überreichen werde, ist völlig unbegründet.

Sm Zeitalter des Völkerbundes.

öb. London. 9. Zan. Das erste Schiff mit deutscher VemannmrgEdwin Fischer", das seit Beginn des Krieges in England anlegte, ist heute in Cardiff eingetroffen, um Corned Veaf für Deutschland zu holen. Die Dockarbeiter weiger- t e n sich jedoch, das Schiff zu laden und erklärten, wenn überflüssige Lebensmittel vorhanden seien, dann könnten sie in E n g l a n d verteilt werden.

Die Anslitsmlilgssraqe.

tob. Pari». 9. Zan. (Havas.) ZmEcho de Paris" schreibt Marcel Hutin: Der Oberste Rat, der heute vormittag unter dem Vorsitz Cl^- menceaus mit Lloyd George, Nitti und anderen Persönlichkeiten tagen wird, wird fich neben ande­ren Fragen mit einer von den Deutschen nach der Leremoniß vom Samstag auszuführenden Ver­tragsbestimmung befassen. Es handelt sich um die Auslieferung der deutschen Untertanen, die sich während des Krieges Verbrechen schuldig ge­macht haben.

wb. London. 9. Zan. (Havas.)Daily Mail" teilt mit, man habe gestern in diplomati­schen Kreisen vernommen, daß die Liste der schuldi­gen Deutschen beträchtlich verkleinert worden sei. Von 1200 Namen, die zuerst auf der Liste Mil­den, seien nur noch 300, darunter der deursihe Kronprinz und Prinz Rupprecht von Bayern ver­blieben.

wb. Amsterdam, 9. Zan.Etoile Beige" meldet, daß Sir Eordon Howart, der sich in Paris befindet, beauftragt wurde, das an die Nie­derlande zu richtende formelle Ersuchen um Aus­lieferung des früheren Kaisers fertigzustellen.

'jVtlfon gegen Nenderung des Friedens- Vertrages.

Di» LSlkrrbundSfrage Gegenstand der Seuatswahleu?

tob. Washington, 9.Jan. (Havas) In einer Botschaft, die auf dem Essen des demokratischen Ratio- nalausschusses in Jackson Bay gestern verlesen wurde, erklärt Präsident Wilson, das einzige Mittel zur Fest­stellung des Willens des amerikanischen Volkes hinsichtlich des Vötterbundes bestehe darin, diesen zum Hauptgegen- ftanb der Senatswahlen »« machen. Der Präsident sagte haß er fich den Vorbehalten nicht entgägenstelle, tuenn der Senat durch sie sagen wolle, wie unzweifelhaft wichttg die Bedeutung des Friedensvertrages sei. Der Präsident fügte hinzu, daß man jedoch den Vertrag nicht neu schreiben könne, und ihn annehmen müsse, ohne daran Aenderringen vorzunehmen, welche die Bedeutung ändern würden oder ihn ganz fallen lassen müsse. Nach­dem die ganze übrige Welt den Vertrag unterzeichnet habe, toürben die Bereinigten Staaten dann der unaus- denklichen Aufgabe gegcnüberstehen, mit Deutschland einen Sonderfrieden zn schließen. Der Präsident sagt voraus, daß, wenn die Vereinigten Staaten dem Völkerbund nicht zustimmen würden, ein neuer Versuch unternommen wer­den würde, um die neuen Stationen Europas zu unter­drücken. Bryan stellte fich offen Wilsons Absicht gegen­über, die Bölkerbundsfrage »um Gegenstand der Wahlen zu machen. JSr erklärte, daß die demokratische Partei das St om promiß 'annehmen müsse, da eS erforderlich wäre, dir Rattfikation des Vertrages zn sichern.

Hoover gegen eine Anleihe an Europa.

wb. Haag, 8. Jan.Rteuwe Eourant" meldet aus Washington: Hoover wendet fich in einer Er­klärung gegen eine Anleihe Amerikas an die euro­päischen Länder. Hoover sagt, er fei bezüglich be» Um­fanges der Rot fitz Europa anderer Meinung als die ausländischen Propagandisten und der Anflcht, daß daS gewaltige Elend durch gewöhnliche Handelskre­dite behoben werden könne. Die Hauptsache fei die Rattfikation be» Friedensvertrages unb die Wiederher­stellung normaler Handelsmethoden. Wenn Amerika Europa mit Brot versorgen solle, so müßte dies unter der Bedingung geschehen, daß auch die europäischen Stationen ihren Anteil liefern

l All« Revolutionen haben gewisse ähnliche Be­gleiterscheinungen mit sich gebracht. Der Vergleich der Revolutionen von 1789, 1848 und heute ist in dieser Beziehung mehr als lehrreich. Wie 1789 $abe»-WM> heute die Schieber und die ungeheure Entwertung des Geldes, fast mehr noch wie 1848, das Vertrauen aus gedruckt» Manifeste,Welt"- undMenschheits'ftdeen. den Gedanken an Soziali­sierung. den man früherNationalwerkstältcn" nannte, bei allem Reden über ideale Gemein­schaftlichkeit, krassesten und grausamsten Egoismus «nd Materialismus, nicht zuletzt den Glauben, durch Debatten über Verfaffimgsfragen alle menschlichen Schwachen und Gebrechen im Volkskörper be­seitige« zu können. Es ist heute auch besonders interessant zu lesen, wie früher die Arbeitsunlust und die Sucht jedes einzelnen, seine Kraft der ^Politik" zu widmen, den gleichen Umfang an­genommen hatte wie heute.Freie Bahn dem Ge­

tan seiner Stelle seine Pflicht restlos zu tun. : Was uns 1848 nicht gebracht bäte, 1918 hat es terreckcht: die Herrschaft der Parteien, die Demokratie. iSRait müßte nun also zufrieden sein. Rach dem freisten Wahlsystem herrscht nun angeblich das Volk. ;l[nb doch diese ungeheure llnzusriedenheit heute. iSBentt kürzlich ein Politiker die Kritik des Volkes ! an seiner Regierung als Ausfluß einer bezahlten Hetze betrachtete, so macht das seiner Weldfremd- ; Beit und seinem Glauben an sein System alle Ehre, vom Volke und seinen Stimmungen hat dieser -Führer und Vertreter des Volkes freilich keine 1 blasse Ahnung. Das Volk empfindet sehr wohl, !daß diese Regierungsart ihm seine Freiheit täglich laufs neue beschneidet. Wer wagte zu behaupten, !daß die Freiheit der Wissenschaft heute größer sei als früher? Die Eingriffe in das Leben jedes Einzelnen sind heute bedeutender als früher, und man frage einen, ob nicht früher, als das Volk als iKontrollinstanz der Regierungsmaschine eine große Macht hatte, sein Einfluß nicht größer war als heute, wo keineswegs es selbst, sondern Partei­agitatoren und Parteisekretäre herrschen.

Man hat bei der Revolution die eigenartige Beobachtung machen können, daß Männer, von denen man annehmen durste, daß sie sich über ihre 'politische Stellungnahme nicht nur oberflächliche Gedanken gemacht hatten, daß sie feststanden, plötzlich umfielen und auf dem sogenannten Boden der Tatsachen ins Gleiten kamen. Man tritt vielen dieser Männer wohl unrecht, wenn man ihnen Mangel an Charakter vorwerfen wollte, man wird mit Recht ihnen nur Mangel an politischem Urteil «achsagen können, viele haben auch übereilte Stel­lungnahme längst wieder ins Gleiche gebracht. Sie gleichen mit ihrem Mangel an politischem Augen­maß auch nur dem deutschen Volk selbst. So ist es erstaunlich zu sehen, mit welchem Mangel an ' Kritik, mit welcher Unüberlegtheit das deutsche Volk die Formen der westlichen Demokratien auf unsere ganz anders gearteten Verhältnisse über« tragen hat. Statt etwa im Geiste Mösers und feiner patriotischen Phantasien sich in die Quellen des eigenen Volkstums zu versenken, übernimmt man in Deutschland, wo sich sogar die Stammtische mit Stolzinternational" nennen, fremde Ein­richtungen und wundert fich, wenn es nachher schief peht. Wenn das Volk dann von der Heilsamkeit dieser Lehre nicht überzeugt ist, dann ist nicht etwa die eigeut Rechnung falsch, die stimmt ja so logisch, daun ist aas Volk durch bezahlte Hetzer irregeführt, i Zur Ehre unterer Sozialdemokratie sei es ge- fagt. Sie hat zwar nicht einen schöpferischen Kopf hervorgebracht, der die Verhältnisse, die fie in diesem Umfang durch ihre Agitation herbeigeführt hat, meisterte. Eie hat aber in ihren Reihen Köpfe, die sich kritisch mit den Verhältnissen in »oller Ehrlichkeit auseinandersetzen. Man braucht Hur an Lensch u. a. zu erinnern. In ihren Reihen Ist man nun auch an der Lehre von dem alleinselig­machenden demokratischen Parlamentarismus irre beworben. So hat in Berlin Dr. August Müller, der frühere Führer der sozialdemokratischen Kon- fumvercinsbcwegung und Vorgänger Wissells in der Leitung des Reichswirtschaftsministeriums, in der Deutschen Gesellschaft die Frage untersucht, inwieweit sich der westeuropäische Parlamentaris­mus seit seiner Einführung in Deutschland be­währt hat. .

Er gelangte dabei, nach der ..Köln. Ztg.", zu einer Beleuchtung deS zurzeit bei uns herrschenden porla- vntarifdjcn Systems, die man wohl als eine vermch- frnbe Kritik bezeichnen darf. Das gilt insbefonbere von bto Ncssortpartikularismus unter Den verschiedenen

DieOberhessiicke Zeitung" ericheint sechsmal wöchentlich. - Der

TB/* O ItjuQfDtdf beträgt monatlich ^.60 frei tn# bind) Mc

i Jll 8 r " F «bne BefieLaeld - Verlag een vr C. Sitzerath. - »ruck der i Unia Buchdr. von I eh. lug. Koch. Markt 21/23. Fernsprecher 55.