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mit dem Krelsblatt für den Kreis Marburg

Tageszeitung für (das früher kurhesiifche) OVerheffen

DieOberhelsische Zeit»ns" erscheint sechsmnl »Schentlich. Der M» R Bezug,-rei, betriat monatlich 2,50 X. frei m« Hau»; durch die Post

JlS. »* 2.50 e>ne «esteSgeld «erlag in Dr. C. Hitzer»ttz. »tu« der

Univ.Buchdr. von I»h. Ung. «och. Markt 21/28. Z«ns»recher 55.

Marburg

Mittwoch. 7. Januar

Der Anzeigen,rei» betrügt fit die 8ge|,. Zeile 50 4t amtlich» und mumär- tige 60 Dleklamezeile 1.60 X. Jeder Rabatt gilt «1» Barradatt. Bei Rurkunft durch die Ge,chäft,ftelle u. Vermittlung der Uns«d»te 26 4 B»nder- gebihr. BvftschesÜont,: Str. 6C16 Amt Frankfurt a. SL

55. Jahr-« 1920

Ser Friede.

Die feindliche Hafenbesichtigungskommifston.

Ach. Hamburg, 6. Jan. Die Kommission zur Feststellung des deutschen Hascnmatcrials hat nach Br« stchtigung sämtlicher deutschen Ost- und Nordseehäsen Gestern ihre Arbeit beendet.

Mi« Steinwürfe auf die deutsch« FriedenSabordnung.

Berlin, 6. Jan. Aus die Anfrage der weib- lichen Mitglieder der Nationalversammlung wegen des Zwischenfalles bei der Abreise der deutschen Friedens- tchordnung aus Versailles wurde vom Auswärtigen ®mt in der Antwort u. a. mitgeteilt, daß Frau Dvrnblüth, die seinerzeit durch Steinwürfe ver­lebt worden war, fortlaufend aus Reichsmitteln Unler- stühung erhalten hat, aus der die gesamten Kosten für Unterhalt und ärztliche Behandlung bis jetzt gedeckt wtirden. Nachdem sich jetzt herausgestellt hat, daß durch den Zwischenfall eine dauernde Schädigung der Gesundheit der Frau Dornblüth eingetreten ist, was durch ärztliches Gutachten nachgewiesen wird, sei der Vorsitzende der deutschen Friedensabordnung in Paris angewiesen worden, die französische Regierung für den Schaden in vollem ll'.nsange haftbar zu machen.

Das Adriaproblem. Ein neuer Pufferstaat.

Wb. Bern, 5. Jan. Wie der Vertreter der Agcnce Eentrale in Belgrad aus Paris erfährt, ist der seit einigen Tagen in Süd-Slawien herrschende Optimis­mus hinsichtlich der Regelung des Adriaproblems durch­aus ungerechtfertigt. Die Denkschrift Elömcnceaus und Lloyd Georges, zu Händen Scialojas, macht Italien größere Zugeständnisse, als man in Rom erwartet hat. Der Gedanke der Schaffung eines Pufferstaates mit 200 000 Südslawen ist nicht nusgegeben. Darüber hinaus verspricht die Londoner Denkschrift Italien die Insel Lissa, das italienische Protektorat über Albanien und die Neutralisation der ganzen dal- mnthffTl^tlT 'StUftc bis zur Bucht von Cattaro.

Der Gefangenschaft entronnen.

tu. Karlsruhe, 6. Ja». Aus einem Sonder­zuge mit deutschen Kriegsgefangenen, di« nach dem deutsch-polnischen Abstimmungsgebiet eutlaffen wurden, entflohen in Karlsruhe 40 Soldaten, die sich als Polen auSgcgcben hatten, um so nach Deutschland zu gelangen.

Rückkehr von Deutschen aus Tiflis.

tu. Brunsbüttel, G. Jan. In Brunsbüttel traf an» Odessa der DampferAria" ein, der 196 Ge- stmgen« und 205 Zivilpersonen au?- Tiflis nach Deutsch­land brachte.

Der Dampferdienst HamburgNewyork.

Wb. Hamburg. 6. Jan. Am 1. Januar traf, tote schon kurz gemeldet, der DampferMandschuria" der Amerika-Linie mit Passagieren erster Klass« und einer gemischten für verschiedene Städte Deutschlands bestimmten Ladung in Hamburg ein. Der neue Dienst soll vorläufig von den DampfernMandschurin", ..Mon- ficlia' undRaneemond" ausgeführt ivcrbcit. die in Abständen von 14 Tagen zwischen Hamburg und New- tzotk verkehren werden. Sobald e-3 nötig wird, soll der Dampferdienst wöchentlich vor sich gehen.

Der von Amerika verlangte Kredit.

Wb. Pari,, 6. Jan. Nach Meldungen aus London töird der Bcrtreter Englands für Finanzfragen, Sir George P a I sh , der seht in Amerika angekommen ist. batsächlich einen Kredit von 280 Milliarden Franken zur WiederHerstellnng des Gleichgewichts in Europa ver­langen. Er schlag« vor, internationale Obligationen in besagter Höhe auszugeben, für die die Mitglieder deS Völkerbundes Garantie leisten sollen. Tie Obligationen follllen 4 Prozent Zinsen bringen, ein Prozent soll Amortisiert «verdcn. Die Rückzahlung soll in 10 Jahren er'e'aen

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Die deutschen Kriegsverluste.

Berlin, 6. Jan. DerVorwärts" verbreitet eine Uebersicht über die deutschen Kriegsverluste. Da­nach betragen die Verluste des Heeres an T o t e n ins- V-samt 1718 246, davon 1655 553 Mannschafetn und K>693 Offiziere, an Verwundeten 4 234107, da­runter 116 015 Offiziere, an Gefangenen und Btrmiflten 1073619, davon 1050516 Mannschaf­ten und 23104 Offiziere, zusammen 7025 972, die Verluste der Marine an Toten 24112, an Verwun- faeit 29880, an Gefangenen 11654, zusammen mit Ben in neutralen Staaten Internierten und an Krank- Veiten Gestorbenen 78 342.

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Aus dem besetzten Gebiet.

Ludwigshafen, 5. Jan. In der Rheinpsalz «chielten die Bürgermeister fast aller Gemeinden über j®000 lH>wahner Mitteilung der französischen Behörde, GvUll-.' . : <«* Gemeinden Garnisonen des Besatzungs- ge'cgi werben. Dagegen werden die Besatzungs- '^npxeu mrt zahlreichen kleineren Ortschaften zurück- rrzogen.

Jugend",EimplicissimuS" undKladderadatsch" «d tgr die französische BcsatzungS'-ane verboten worden.

5« MniSkS MM«.

wb. Mailand, 6. Jan. Des Schritt des ameri- kanischeir Botschafters in Paris, der im Auftrage der Washingtoner Regierung erfolgte, daß die Formel, die assoziierten Mächte" inalliierten Mächte" umgehn- dert werde, hat nach einer Meldung desSortiere della Sera" in Paris peinliche Bestürzung hervorgerufen. Der Botschafter Wallace verlangt die Durchführung deS amerikanischen Wunsches, da die Bereinigten Staa­ten sich für die Beschlüsse der Friedenskonferenz nicht mehr als verantwortlich betrachten. Es kam zu einer ziemlich erregten Auseinander­setzung zwischen Clemenceau und Wallace, in deren Verlauf Clemenceau mit großer Offenheit den Botschafter auf die peinlichen Folgen aufmerk­sam machte, die das Ab rücken de» amerikanischen Diplomaten aus die Oeffentlichkeit haben werde. Dem­gegenüber hielt sich der amerikanische Botschafter an seine Instruktionen. E» sagte: Wenn man schon das Wortassoziierte" mit Rücksicht auf einige kleine Staa­ten, die sich den Verbündeten angeschlossen haben, bei­behalten wolle, so nrüsse man die BezeichnungGroß­mächte" in der betr. Formel weglassen, um nicht den Eindruck zu erwecken, daß die Bereinigten Staaten sich durch die Beschlüsse der Konferenz verpflichtet fühlten.

Die Beurteilung der gesamten Lage steht unter dem Zeichen des Pessimismus, der diese neue Wendung her­vorgerufen hat, und man nimmt an, daß sich die bevor­stehenden Beratungen der verbündeten Staatsmänner vor allem mit dem Problem der künftigen Verhand- lnngsfuhrung beschäftigen werden, da der Oberste Rat mit dem amerikanischen Staatsdepartement in euro­päischen Fragen nicht verhandeln kann. ; .

Senat und Fliedensvertrag.

wb. Washington, 6. Jan. tHavaS.) Der demo­kratische Senator King, der seinerzeit den von der Kom- mission für die austvärtigen Angelegenheiten im Laufe der letzten Session angenommenen Vorbehalten zu­stimmte, hat eine neue Entschließung eingebradjt, die sich auf die Notifikation chczieht und 15 Vorbehalte enthält. Er Ivirb diese Entschließung vor dem Senat begründen für den Fall, daß inzwischen kein Kompro­miß zustande lomincn sollte.

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Rußland.

Amerika für Aufrechterhaltung der Blockade gegen Towjetrnßland.

>vb. London, 6. Jan. IHavas.si- Der Washing­toner Korrespondent be$ »Daily Expreß" drahtet: Lan­sing veröffentlichte eine vom Staatsdepartement ansye- arbeitete Denkschrift, die Erklärungen über die Haltung, der Regierung gegenüber Sowietrußland enthält und sagt, daß die Blockade gegen Sowjetrußland vorsichts­halber infolge der Tätigkeit Trotzkis und Lenins, deren Ziel die Organisation einer allgemeinen Revolution gegen die demokratischen Regierungen sei, aufrecht erhalten werden soll.

Die Weltrevolutionshoffnung der Sowjetregierung.

DerVorwärts" veröffentlicht eine NeirjahrSprokla- mation bet Sowjetregierung an daS russische Volk, in der die Hoffnung auf die Weltrevolution und das Ein­setzen von Sowjets auch in Berlin, Washington, Paris und London ausgedrückt wird. Di« Proklamation schließt: Es lebe das Revolutionsjahr 1920!

Die Lage in Sibirien.

tu. Kopenhagen, 6. Jan. Aus den letzten Mel­dungen aus Sibirien geht hervor, daß Koltschaks ungeordneter Rückzug unter schrecklichen Leiden der Sol­daten fortgesetzt wird. Auch Denikin mußte sein Saupt- ouartier in Rostow am Don räumen und sich auf ein Schiff der Schwarzen Meer-Flotte begeben.

wb. Alysterham, 5. Jan . DieTimes" meldet daß Generäl Semenow zum Oberbefehlshaber der Truppen von Irkutsk und der gemmien Front südlich des Baikal-Sees ernannt worden ist.

Japanische Hilfe für Koltschak.

wb. Newyork, 6. Jan. s Reuter.) Einig« in Honolulu erscheinend« japanische Blätter haben ein Telegramm aus Tokio erhalten, dem zufolge große japanische Verstärkungen nach Irkutsk geworfen worden sind, um den Streitkräften Koltschaks beizustehen.

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Ter polnische Angriff mit Dünabnrq.

wb. W arschau, 6. Jan. Eine polnische amt­liche Mitteilung bestätigt, daß die polnische Armee unter dem Oberbefehl des Generals Szepticky die Befestigungen der (Stabt Nünaburg genommen habe. Die direkte Verbindung zwischen den Polen, den Letten und den Estländern werde erwartet. Die lettische Armee werde im Norden, und die polnische Armee im Osten von Düuabnrg vorrücken.

England.

Frankfurt a.M., 6.Jan. Aus London wird ge­meldet: In Grimsby ist der deutsche FischdampferAdia"

eingebracht worden. Er war von einem englischen Fisch­dampfer in Seenot angetroffen worden und war vorher den schottischen Hasen Aberdeen abends angelaufen, um zu kohlen, was ihm aber verweigert wurde. In Grimsby protestierten die Dockarbeiter dagegen, daß man einem deutschen Dampfer erlaube, den Haftn anzulaufen. Das ist binnen 8 Tagen der zweite Fall, daß man deutschen Dampfern nicht helfen wollte.

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Die Eifenbahnerbewegimg.

Berlin, 6. Jan. Bei der Wiederaufnahme der Tarifverhandlungen im Eisenbahnministerium haben die Arbeiter erhebliche Neuforderungen ge­stellt. Unter Hinweis auf die schnell fortschreitende Teuerung der wichtigsten Lebensmittel wird eine Er- hähung der bisher gewährten Abschlagszahlungen vor Abschluß der Tarifverhandlungen verlangt. Eine Ein­gabe gleichen Inhalts ist von den Gewerkschaften an die preußische Staatsregierung gerichtet worden.

wb. Berlin, 6. Jan. Die Verhandlungen Über den Eisenbahnertarif sind durch die sachlichen Beratun­gen in einem wichtigen Punkte zu einem Ergebnis ge­langt. Als oberste Wirtschaftsktasse wurde eine solche vereinbart, in der der Stuudenlohn für einen Arbeiter über 24 Jahren auf 3,50 Mark festgesetzt wird. Da­rüber hinaus soll jedoch eine Ausnahme allein für Berlin gebildet werden, in der dieser Lohn 3,60 Mark betragen soll. Man hofft auf rüstiges Fortschreiten der Verhandlnngen,cha auf beiden ©eiten das Bestreben ist, den umfangreichen Stoff möglichst bald zu erlebtgen.

Frankfurt a.M., 6. Jan. Im Eisenbahndirek­tionsgebäude fanden inoffizielle Besprechungen zwischen dem Unterstaatssekretär Gräf,und Mitgliedern der Eisenbahndirektioil über die Lage in der Frankfurter Eisenbahnbewegung statt. In erster Linie beschäftigte man sich mit der Wirtschaftlichkeit der Werkstättenbe- trieße. Es wurde frstgefieltt, daß infolge des Sinkens der Leistungsfähigkeit der Arbeiter und der mangel­haften technischen Einrichtung die Friedensquoten nicht mehr aufzubriilgen feien. Es wurde einstimmig fest« gesteilt, daß nn den Miitderarbeitsleistuitgen die Ar- beitsiinlust nicht schuld sei. Der Eisenbahnpräsident Dr. Stapss bezeichnete die augenblicklichen Löhne und Tenerungszulagen für Beamte und Arbeiter als un$nrehf>enb und ersuchte den Unterstaatssekretär kn Berlin für eine Besserung der Sage einzutreten. Die Aemter des Direktionsbezirkes Frankfurt haben sich mit dem Vorgehen der Frankfurter Eisenbahner soli­darisch erllärt und deren Beschluß sich zu eigen ge­macht. Auch die Eisenbahner der Direkttonsbezirke Darmstadt und Mainz sind mit den Frankfurter Eisen­bahnern in Verhandlungen über ein gemeinsames Vor­gehen cingetreten.

Pnlln!! knlnriSMls und Kammer der Arbeit.

Die Erfahrungen haben gezeigt, daß nach politischen Gesichtspunkten gewählte Parlamente mit ihrem Par­teigetriebe nicht das geeignete Forum sind, vor dem wirtschaftliche Lebensfragen ber Station sachlich und sach­verständig verhandelt und gelöst werden. Von verschie­denen Seiten ist daher die Forderung eines Wirtschafts- Parlaments ober einet Kammer der Arbeit erhoben morden, die alle wirtschaftlichen Gesetze beschließen soll. So bat kürzlich Graf Dohna in derKreuzztg." in-einer Polemik gegen den Parlamentarismusdie Kammer der Arbeit, da- Parlament der Fachleute" als die Forderung der Feit" bezeichnet. Er schreibt u. a.: ..Die Neuwahlen toerben aller Wahrscheinlichkeit nach feine Parteikonstellation bringen, die einetrag­fähige" '"chrhett erzielt. Dann ist der Parkamen- tacimuS bankerott. Und dann müssen inner­halb der bürgerlichen Parteien die jungen und leben­digen Kräfte und Köpfe auf den Plan, die in ihnen allen überreichlich vorhanden sind, doch bisher unter der erstarrten Kruste überlebter Parteidoktrinen nicht zum Licht empordringen konnten." DieDemokratische Parteikorrefpondeiiz" bezeichnete diese Forderung einer Kammer der Arbeit alsreaktionär", also bas Schlimmste", waS es gibt. DiePosfische Leitung", eine demokratisch« Zeitung, die nicht völlig in Parteivorur- teden befangen ist, fertigt dieDemokratische Partei- krrespondenz" wie folgt ob:

-Das ist die alte Methode, alles. Ums noch nicht im Parteiprogramm steht, durch Schlag Worte zu töten. Diese Methode bat seinerzeit der alten Fort­schrittspartei zum Niedergang verhalfen, denn -s hat sich gezeigt, daß derart totgeschlagene Ideen ein noch zäheres Leben haben als Parteigötzen. Die Idee der Kammer der Arbeit" lebt und wird weiter leben. Die Demokratische Parleikorrespoiidenz" erklärt, her Ver­such. den Reichstag durch eine berufsständische Ver­tretung zu ersetzen, würde Blut fordern. Das klingt in hohem Grade imposant. Aber man muß be­greifen, daß dahinter mehr steckt als eine Redens­art. Nicht durch solche Kraftworte schützt man die Volkskammer, sondern durch einen organischen Ausbau

Wirtschaft in Vertretungskörpern vom Kreis bis uf zum Reich, die das politische Parlament er­

gänzen,"

Mim Mkikl'Ie.

Englische» BündniSimgebot en Deutschland. Da« , deutsche »üudnisangebat an Rußland.

Aus den von derBoss. Ztg." weiter veröffentlich« ten Briefen Kaiser Wilhelm- an den Zaren ist al- erster von historischer Bedeutung der vom 30. Mat 1898 bemerkenswert wegen de- darin erwähnten eng« lischen Bündnisangebotes mit weitgehendes Versprechungen an Deutschland. Der Kaiser schreibt darüber u. a.: i

Um Ostern hemm sandte ein berühmter Polittker an­eigenem Antrieb plötzlich zu meinem Botschafter und bot ihm einen Bündnisvertrag mit England an. Graf Hatzfeldt, äußerst verblüfft, sagte, er könne sich nicht et* klären, tote das möglich sei nach allem, war sich seit 1895 zwischen unS ereignet habe. Die Antwort lautete, da», Angebot sei in vollem Ernst erfolgt und aufrichtig ge­meint. Mein Botschafter sagte, et werde berichten, aber et zweifle sehr, daß die Parlamente einen solchen Vertrag ratifizieren werden, weil England bisher jedermann, der eS hören wollte, nicht im Zweiftl gelassen habe, daß eS nie und unter keinen Umständen ein Bündnis mit einer kon­tinentalen Macht eingehen werde, wer eS auch fei und zwar deshalb, weil e» seine Handlungsfreiheit zu be­wahren wünscht. Nach Ostern wurde daS Ersuchen drin- tgenb erneuert, aber auf meinen Befehl kühl und dila­torisch in farbloser Fassung beantwortet. Ich dachte, die Ungelegenheft wäre nun zu Ende. Jetzt aber ist das Er­suchen zum drittenmale in so unmißverständlicher Weise wiederholt worden, wobei ein bestimmter kurzer Ter­min für meine endgüttige Antwort gestellt und so unge­heure Anerbietungen hinzugesügt wurden, die meinem Lande eine weite und große Zukunft eröffnen, daß ich et für meine Pflicht gegen Deutschland halte, gehörig zu überlegen, bevor ich antworte. Ehe ich es aber tue, komme ich frei und offen zu Dir, mein geschätzter Freund und Vetter, um Dich davon zu unterrichten, da ich fühle, daß es sich dabei um eine Frage sozusagen über Leben und Tod handelt. Welche Chancen in der Ablehnung oder Annahme für un8 liegen, mögest Du selbst berechnen. 9hm bitte ich Dich als meinen alten und vertraute» Freund, zu sagen, waS Du mir bieten kannst und tun willst, wenn ich ablehne."

Der Kaiser erkannte klar die «ngli sehe Ab sicht, wie aus dem Briefe vom 18. August 1898 von der Reis» nach Jerusalem hervorgeht. Darin sagt der Kaiser:

Weil ich im Juni mit Dir in Verbindung trat, hat England immer dann und wann neue Verhandlungen mit unS eingeleitet, ober niemals daS Spiel ganz aufgedeckt. Soweit ich heraussinden kann, suchen sie mtt aller Gewalt eine Armee auf dem Festlande zu finden, die für ihre Interessen kämpfen soll. Aber ich vermute, sie werden nicht so leicht eine finden, wenig­stens nichtdie meine."

Auch da-Berliner Tageblatt" veröffentlicht eine Reihe von Kaiferbriefen. Der Brief vom 30. Oktober 1904 behandelt da-Bündni-angebot an Ruß­land. Den Vertrag hat der Kaiser geheim zusammen mit dem Reichskanzler Fürsten Bülow entworfen. 68 sollte einrein defensives Bündnis fein, das sich aus­schließlich gegen einen europäischen Angreifer oder meh­rere Angreifer in der Form einer wechselseitigen Feuer- versichernng gegen eine Feuersront richtet." Der nächste Brief vom 21. Dezember 1904 läßt bereit» erkennen, daß der Bündnisplan gescheitert ist. 6» heißt da:

Wir können natürlich nicht voraussehen, ob die von Deiner Regierung gegebene Erklärung genügen wird, um jeder Art von Verwicklung, die au? dem Lauf der gegen­wärtigen Dinge entstehen kann, zu begegnen. ES ist in­dessen nicht meine Absicht, irgend einen Druck, zu irgend einet Lösung, die Dir nicht wünschenswert erscheint, auf Dich auszuüben. Wir werden unter allen Umständen wahre und treue Freunde bleiben. Meine Meinung über den Verttag ist noch dieselbe. Es ist unmöglich, Frankreich in unser Vertrauen zu ziehen, bevor es nicht zwischen uns beiden zu einer endgültigen Vereinbarung gekommen ist. Loubet und Delcasse sind zweifellos erfahrene Staats- männer, aber da sie nicht Fürsten oder Kaiser find, so kann ich sie in einer Bcrtraueussache wie dieser nicht neben Dich, meinen Vetter und Freund stellen. Solltest Tu daher denken, daß et die Notwendigkeit erheischt, die fron* zösische Negierung mit unseren Unterhandlungen bekannt zu machen, bevor wir zu einer definitiven Lösung gekom­men find, so halte ich et für alle in Betracht kommenden Parteien besser, in unserem gegenwärtigen Verhältnis wechselseitiger Unabhängigkeit und freiwilliger aegenseiti- ger Förderung. so weit es die Lage erlaubt, weiter zu verbleiben." /'

In einem Brief vom 5. Juni 1905 rät der Kaiser dem Zaren als Freund und Kollegen,dem lrnssischen-' japanischen) Krieg ein Ende zu machen, da eS mit dec Verantwortlichkeit eines Herrschers nicht vereinbar ist, eine gesamte Nation zu zwingen, gegen ihren aus­drücklichen Willen ihre Söhne in den Massentod zu treiben, lediglich für Deine Sache". Ter Kaiser emp­fiehlt dem Zaren, sich der Vermittlung des Präsi­denten Roosevelt zu bedienen. In einem Brief au» Wilheimshöhe vom 22. August 1905 erwähnt der Kai­ser, daß der Erzintrigant und Unglück»^ stifter von Europa, wie der Zar richtig beit König von England nenne, in den letzten Mona­ten eifrig bei der Arbeit gewesen sci. Dasselbe Thrmq behandelt ein Brief aus Leonberg vom 24. August