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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1851. ^ 30S

Martin Tyrius

Novelle von Adolph Görling.

(Fortsetzung.)

Ich erwartete meine Mutter, sagte das Mädchen, mit innigem Vergnügen die Blume betrachtend. Leiser fügte sie hinzu: aber ich erwartete auch Dich, Vetter Heinrich.

Oh, ich danke Dir, Câcilie; warum muß nur stlleS meinen Wünschen zuwiderlaufen? Ich muß sogleich »ach dem Lagerhause zurück, um die Waaren zu vifitiren und aufzuschreiben, welche mir für Indien übergeben wer­den wenn ich doch so glücklich bin, ein SchiffScom- »lando zu erhalten und zum Capitân gemacht zu werden. Ich hatte mich gefreut, mit Dir reden zu könnenwäh­lend Du mich zum Quai zurück begleitet hättest. Kommt Deine Mutter nicht bald? Auch sie kann ja mit mir nach ter Stadt umkehren . . .

Meine Mutter geht sehr langsam, Heinrich, sie ist noch schwach. Aber komm doch zu uns heute Abend.

Ich danke Dir, ich danke. Dieser hartherzige Tyrius wird doch einmal eine Ausnahme gestatten und mir erlauben, daß ich nicht um Sonnenuntergang an ^otb zu sein brauche? Und wenn auch . . . Unsre Leute Weihen schweigen . . . Ich komme jedenfalls; denn bevor ich als Capitän in See gehe, was der Himmel und Herr Martin Tyrius beschließen mögen, müssen wir ge­traut sein, Câcilie, und bis dahin haben wir noch vieles tu besprechen und zu ordnen.

Câcikie erröthete, aber »ihr Auge leuchtete dennoch *nd sie widersprach nicht. Der Seemann drückte ihr die Hand, nahm Abschied und ging eilig der Stadt zu. Den Blumentopf in der Hand schaute ihm die Braut mit seligem Lächeln nach.

II.

Nach einer Viertelstunde etwa kam von einer Diene­rin geführt eine Dame, ebenfalls in Trauerkleidern aus den Friedhof. CâcUie eilte ihr entgegen und geleitete ihre Mutter denn das war sie nach dem Grabe ihres unglücklichen Gatten. Die Matrone sah den blühenden Rosenstock und lächelte still.

Heinrich war hier . . . sagte sie. Cäcilie nickte.

Die Mutter sah sich um; der Gottesacker war fast leer von Besuchern geworden.

Es ist gut, sagte sie für sich; so kann ich wenigstens, ohne durch Spott und Hohn gestört zu werden, meine Andacht verrichten und mein Herz erleichtern.

Sie kniete sammt der Tochter am Grabe und betete inbrünstig.

AlS sie sich wieder erhob, stieß sie einen lauten Ruf der Ueberraschung aus und trat mehrere Schritte zurück. Dicht neben ihr stand ein Mann von etwa drei und fünf­zig Jahren mit einer Sammtkappe auf dem schwarzen struppigen Haar, die knochige Hand an das hagere, glatt geschorene Kinn gelegt, den Mund halb geöffnet, so daß man einen einzelnen Vorderzahn hervorblitzen sah und blickte mit einem großen, unheimlich kalten und doch durch­bohrenden Blick die Wittwe und daS Kind des Selbst­mörders an. Sein Anzug war farblos, abgeschabt; ein Mantel mit Pelzkragen, obgleich das Wetter paradiesisch heiter war, alte Sammthosen, gestopfte Strümpfe und schwere nägelbeschlagene Schuhe.

Mynheer Tyrius! stammelte Frau van Halen. WaS wollen Sie hier.

DaS war also Martin Tyrius, der reichste Mann in Ostende; daS frühere Haupt der 1731 durch den Wiener Tractat aller ihrer Privilegien beraubten Ostindischen Commerciencompagnie und im Augenblick noch der Mann, welcher alljährlich die beiden einzigen Schiffe auSrüstete,