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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Allgem. Zeitung.

1851. - ^ 301.

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Martin Tyrius

Novelle von Adolph Görling.

I.

Seit dem frühesten Morgen hatten die Glocken des alten Ostende ein feierliches, fast ununterbrochenes Con­cert begonnen. Die Thüren der Kirchen waren feit Son­nenaufgang geöffnet und die Todtenmeffen, von den ernsten Tönen des jLaurentauischen Requiems gefolgt, wurden den Seelen der Heiligen zum Opfer gebracht. Aus dem Portal der Kathedrale quoll in langer Procession eine andächtige Menschenmaffe, von heiligen Fahnen überweht, von Weihrauchdampf umflutbet. Sie stimmte unter Musikbegleitung den Hymnus der Auferstehung und Er­scheinung Christi an, die Bürgschaft für das endliche Geschick der Todten, die in dem Herrn schlafen gegangen waren, während ihre Werke im Buche deS Lebens auf- geschrieben wurden. Die Procession bewegte sich nach dem Friedhöfe vorwärts, wo unter Wechgesängen die Gräber mit einer unendlichen Blumenfülle geschmückt wurden.

Ergreifend drang die einfache Melodie der Hymne durch die Töne der Glocken empor in die frische Mor- Sknluft.

Der Segen war gesprochen, der Bischof weihte den ^eichenhof und die Theilnehmer an der Procession fingen an sich zu zerstreuen, um entweder zu Hause zu gehen, oder die Gräber ihrer Liebe vollends auszuschücken und nur wenige Menschen folgten den Geistlichen wiederum iur Kirche.

Unter denen, welche auf dem Friedhofe blieben, zog "n junges Mädchen in Trauerkleidung die Augen mehr ^ eines sinnigen Beschauers auf sich. Sie knieete halb an einem mit keinem Zeichen oder Denkmale versehenen -rünen Grabe, dessen Blüthenschmuck aber fast überreich­

lich ausgefallen war Als sie sich erhob, konnte man ihre schlanke, königliche Gestalt bewundern, die durch das enganliegende, schwarze Kleid trotz ihrer elastischen Krâf- i tigkeit etwas AetherischeS erhielt, welchem daS blaue süßblickende Auge, daS herrliche Oval deS nun etwas zu blassen Gesichts vollkommen entsprach. Statt den Flügel­hauben, die damals im Jahre 1733 getragen wur­den, sah man bei diesem Mädchen einfach ihr starkes, lockiges Blondhaar mit fast klösterlicher Züchtigkeit geschei­telt und tief um den Nacken gewunden. Der prahlerische Schmuck von Goldblechen und Edelsteinen, den die Töch­ter der Patrizier trugen, fehlte ihr nicht weniger als die Haube und gewiß gewann dies sauste, mit englischer Güte blickende Mädchen nicht wenig durch die Verschmä­hung eines PutzeS, der sie fast profanirt haben würde.

Dies Mädchen befand sich an einer verrufenen Stelle des Leichenhofes dicht an der Mauer desselben und hier war die Stelle, wo Selbstmörder und Verbrecher eingesenkt wurden. Sie stand allein, und lehnte sich, in trübe Betrachtungen versenkt, an daS moosige Gestein der Mauer, indeß sie kaum bemerkte, wie sehr sie die Auf­merksamkeit der Vorübergehenden auf sich zog.

Wer steht denn da in dem Verbrecherwinkel? fragte eine fette vorübergehende BürgerSfrau ihre fünf oder sechs mit ihr heimkehrenden Freundinnen. Liegt da nicht Mynheer van Halen begraben? Derselbe, welcher sich eS sind jetzt zwei Jahre, auf dem ostindischen Kaufhause erschossen hat?

Ja, antwortete eine andere Frau, da haben sie den Halen hingebracht und daS Mädchen dort ist seine Toch­ter Câcilia... ich habe sie lange nicht gesehen, aber ich kenne. sie noch an ihrem schönen Haar. Ich weiß noch, alS sie vor zwei Jahren täglich zu meiner Margarethe kam, die nach dem Nervenfieber ihr Haar verlor, daß sie so glatt auf dem Kopf war, wie meine Hand ist