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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 298.

Die Gefährlichen.

Erzähl»ng von Louise von G.

(F o r t s e tz u n g).

An dem anderen Morgen trat der Oberforstmeister «ine Dienstreise an, die ibn einige Tage entfernt halten sollte und als er Benno zum Abschiede die Hand reichte, geschah eS mit der stillen, aber festen Hoffnung, ihn bei seiner Wiederkehr nicht mehr vorzufinden.

Am zweiten Tage nach seiner Abreise ging Wita den Abend allein auf die Berge spazieren. Ihre schönen dunk- len Augen hatten einen besonders schwärmerischen Blick, und daS weiße durchsichtige Gewand und der Schweizer­btrohhut kleideten vortrefflich die schwarzlockige, ideale Erscheinung. Sie hatte lange stillstehend der untergehen- den Sonne zugeschaut, aber schmerzlich verzogen waren ihre frischen, rothen Lippen. Langsam und traurig war ^ gegangen und um nichts heiterer kehrte sie den Schloß- weg zurück.

Da hörte sie hinter sich einen schweren fremden Schritt ; sie blickte um und sah einen alten, dicken Herrn, der keuchend hinter ihr her kam.

Verzeihen Sie, rief der Fremde, sind Sie Fräulein von Einegg?

Ich heiße RoSwitha Einegg, sagte mit einem Erröthen und einer Verbeugung als Antwort für das vor ihr ent ^iößte Haupt deS alten Herrn daS junge Mädchen.

So gewähren Sie mir gütigst, ein paar Fragen an ^ie zu stellen.

Wita neigte wieder das Haupt.

3ft Ihr Herr Vater zu Hause?

Er ist auf einer Dienstreise begriffen, und wir er, warten ihn nicht vor übermorgen zurück.

So, so! DaS ist mir leid, sehr leid, denn ich muß ihn sprechen! Ich habe aber noch einen Bekannten auf

dem Schlosse, den jungen Harder, ist der da? Sagen Sie, gnädiges Fräulein, finde ich den wenigstens?

Ich denke, entgegnete endlich RoSwitha und schlug die Augen nieder, denn der alte Herr sah sie so curioS an, daß sie wie Flammen im Antlitz spürte.

Nun noch die dritte Frage: Erlauben Sie mir gnä­digst, in Ihrer Gesellschaft aufs Schloß zu gehen und den jungen Mann aufzusuchen? Ich bin ein alter Freund Ihres Herrn VaterS und werde bei ihm die Freiheit ver­treten, welche ich Ihnen gegenüber nehme.

Ihre Gesellschaft wird mir eine Ehre sein.

Sagen Sie mir, mein gnädiges Fräulein, fragte, nachdem er eine kleine Weile schweigend an RoSwilha'S Seite hingegangen, der alte Herr, glauben Sie, daß Ihr Vater mit dem Fleiße und den Fortschritten deS jun­gen Harder zufrieden ist? Sein Vater wünscht so sehr auS zuverlässiger Quelle etwas darüber zu erfahren und da Ihr Herr Vater jetzt gerade verreist ist. . .

Mein Vater, stotterte Wita, hat nie mit mir über Herrn von Harder gesprochen . . .

So sagen Sie mir, waS Sie von ihm denken. Wenn Frauen auch noch so jung sind, so haben sie doch immer ein klareres Urtheil über ihre Hausgenossen, als die Männer, deren Beobachtungsgabe durch äußere Be­gebenheiten gestört wird.

Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll, flüsterte, offenbar in der peinlichsten Verlegenheit, Wita. Herr von Harder spricht beinahe nie mit mir und' ihn außer­dem zu beobachten, fehlt eS mir an Gelegenheit. Wen­den Sie Hich an meine Stiefmutter, fetzte sie, nicht ohne einige Bitterkeit, hinzu. Die sieht ihn viel mehr als ich und bei ihr ist er auch sehr zutraulich.

So jung, und schon solche Verstellung! sagte mit Entrüstung leise der alte Herr vor sich hin doch, setzte er, sich besänftigend, hinzu, die Mädchen kommen schon