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Der Wanderer.

Beiblatt M Raffalitschcn Allqem. Zettmq.

1851. - â 893

Die Gefährli«Hen.

Erzählung von Louise von G.

1. Die StiftSdame.

Schloß Gerolvstein hat eine herrliche Lage; auf luf­tiger Höhe, zu Füßen den kleinen Fluß und die frucht, baren Felder, erhebt sich und überblickt und beherrscht die ganze Umgegend. Ein Lieblings-Aufenthalt deS ver­storbenen Fürsten, ist daS Jagdschloß jetzt nur die Amts­wohnung eines Ober-ForstmeisterS, der eS seit zehn Jah­ren mit seiner Familie, seinen Untergebenen, seinen Pser- b«n und Hunden bewohnt und belebt.

Heute war eS ziemlich stille dort oben, obgleich der schöne FrühlingS-Sonntag zu doppelter Lust und Heiter­keit anzuregen schien; aber eS war für die Bewohner deS Schlosses ein trauriger Gedächtnißtag, der erste 3ahreStag deS Begräbnisses der Dame des Schlosses, der Frau Oberforstmeisterin von Einegg, deren Sarg man

I Gepräge einer entschiedenen Abneigung gegen den Aufent, halt in der Stadt.

Der Oberforstmeister hatte heute wieder einen solchen i Brief von seinem einzigen Kinde erhalten und beschloß s nun endlich, den sehnlichen Wunsch der Tochter zu ge­währen und sie nach Verfluß deö JahreS ins elterliche HauS zurück zu holen. Er verließ fein Zimmer und schritt durch die Hirschgeweih - geschmückten Gänge deS Schlosses, um seiner Schwägerin, der Schwester seiner Frau, die seit seiner Verheirathung bei ihm wohnte, sei­nen Entschluß bekannt zu machen.

Tante Elsbeth, wie sie gewöhnlich im Schlosse hieß, hielt sich in einem Thurmzimmer deS rechten Flügels auf. Dort hatte sie alle ihre mitgebrachten NippeS und Möbel aufgestapelt.

Als ihr Schwager anklopfte, ließ sich ein trockenes Herein vernehmen. Dann, als Fräulein von Löwenstein I den Hereintretenden erblickte, erhob sie sich und ging ihm mit förmlicher Höflichkeit, aber ohne alle Freundlichkeit entgegen.

Die StiftSdame, Fräulein Elisabeth von Löwenstein zählte nahe an vierzig Jahre. Sie war groß und hager, häßlich und ungraziös, von steifer, anspruchsvoller Hal­tung. So war sie immer, auch in ihrer allerfrühesten Jugend, gewesen, im vollkommenen Gegensatz zu ihrer verstorbenen Schwester, der Oberforstmeisterin, die als vollkommenes Bild weiblicher Anmuth gelten konnte.

Einegg ließ sich nie von ihrem steifen Wesen anfech­ten, er war daran gewohnt und sprach mit ihr in einem gewöhnlichen, heiteren, freundlichen Tone, wie mit allen Anderen. Denn seine ursprünglich heitere Natur war durch die Todesfälle in seiner Familie immer nur auf kurze Zeit umwölkt, aber nie vernichtet worden.

Mit klangloser, aber scharfbelonender Stimme sagte das Fräulein zu ihrem Schwagers

damals mit großem Gepränge den steilen Schloßweg hinab getragen, um ihn auf dem kleinen Dorf.Kirchhof am Ufer des Flusses in die Gruft zu senken.

Frau von Einegg hatte zu den seltenen Frauen ge­hört, von denen man nur Gutes spricht. Mutter von sünf Kindern, hatte sie vier begraben sehen; den zuletzt > Aestorbenen, den einzigen Sohn, einen schönen achtzehn> > söhligen Jüngling, der in Folge einer auf der Universität: "Haltenen Stichwunde in ihre Arme zu sterben gekommen ! war, hatte sie nicht lange überlebt. DaS letzte, noch; "nzig übrig gebliebene Kind, ein fünfzehnjähriges Mâd- : chrn, hatte der Vater nach der Mutter Tode sogleich in i "ne Pension geschickt. RoSwitha fühlte sich aber dort! "'Hi heimisch, sie vermißte die Freiheit ihrer Berge undI und ihrer Wälder. Die Briefe, die sie an ihren Vater i richtete, trugen bei alle, Schüchternheit doch daS deutliche!