Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1851. — 290.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
welche so eine Ehre übrig gelassen, muß ich zum Herzoge. S'e müssen mich melden, oder ich schreie laut nach dem Herzoge".
„So Sie sich rühren", sagte Grossinger heftig, „lasse ich Sie in die Wache werfen. Sie sind ein Phantast, Sie kennen keine Verhältnisse".
O, ich kenne Verhältnisse, schreckliche Verhältnisse! Ich muß zum Herzoge, jede Minute ist unerkâiiflich"z versetzte ich. „Wollen Sie mich nicht gleich melden, so eile ich allein zu ihm".
Mit diesen Worten wollte ich nach der Treppe, die zu den Gemächern deS Herzogs hinaufführte, als ich den nämlichen, in einen Mantel Verhüllten, der mir begegnete, nach dieser Treppe eilend, bemerkte. Grossinger drehte mich mit Gewalt um, daß ich diesen nicht sehen sollte. „WaS machen Sie, Thörichter"! flüsterte er mir zu. „Schweigen Sie, ruhen Sie, Sie machen mich unglücklich".
„Warum halten Sie den Mann nicht zurück, der da hinauf ging"? sagte ich. Er kann nichts Dringenderes vorzubringen haben, als ich. Ach, eS ist so dringend, ich muß, ich muß! ES betrifft daS Schicksal eines unglücklichen, verführten, armen Geschöpfes".
Grossinger erwiderte: „Sie haben den Mann hinaufgehen sehen; wenn Sie je ein Wort davon äußern, so kommen Sie vor meine Klinge. Gerade, weil er hinauf ging, können Sie nicht hinauf, der Herzog hat Geschäfte mit ihm".
Da erleuchteten sich die Fenster deS Herzogs. „Gott, er hat Licht, er ist auf"! sagte ich. „Ich muß ihn sprechen, um deS Himmels willen, lassen Sie mich, oder ich schreie Hilfe".
Grossinger faßte mich beim Arm und sagte: „Sie sind betrunken, kommen Sie in die Wache; ich bin Ihr Freund, schlafen Sie aus und sagen Sie mir das Lied,
(Fortsetzung.)
Ach, ich hatte der guten Wahrzeichen noch mehr! Einhundert Schritte weiter fand ich einen weißen Schleier auf der Straße liegend; ich raffte ihn auf, er war voll von duftenden Rosen. Ich hielt ihn in der Hand und lief weiter, mit dem Gedanken: Ach, Ggtt, daS ist die Gnade. Als ich um die Ecke bog, sah ich einen Mann, der sich in seinem Mantel verhüllte, als ich vor ihm vorüber eilte, und mir heftig den Rücken wandte, um nicht gesehen zu werden. Er hätte eS nicht nöthig gehabt, ich sah und hörte nichts in meinem Innern, als: Gnade, Gnade! und stürzte durch daS Gitterthor in den Schloß- hof. Gott sei Dank, der Fähndrich, Graf Grossinger, der unter den blühenden Kastanienbäumen vor der Wache auf und ab ging, trat mir schon entgegen.
„Lieber Graf", sagte ich mit Ungestüm, „Sie müssen mich gleich zum Herzoge bringen, gleich auf der Stelle, oder Alles ist zu spät, Alles ist verloren"!
Er schien verlegen über diesen Antrag und sagte: „Waâ fällt Ihnen ein, zu dieser ungewohnten Stunde? Es ist nicht möglich. Kommen Sie zur Parade, da will ich Sie vorstellen".
Mir brannte der Boden unter den Füßen. „Jetzt", rief ich aus, „oder nie! ES muß fein! Es betrifft daS Leben eines Menschen".
„ES kann jetzt nicht sein", erwiderte Grossinger scharf absprechend. „ES betrifft meine Ehre; eS ist mit untersagt, heute Nacht irgend eine Meldung zu thun".
DaS Wort Ehre wacht mich verzweiseln. Ich dachte an KaSperS Ehre, an AnnerlS Ehre, und sagte: „Die Vermaledeite Ehre! Gerade um die letzte Hilfe zu leisten,