Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1851. — M 288.
------—-----------—>» ------------------------—-------
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
(Fortsetzung.)
„Vor dem Städtchen, durch das ich mußte, kam ich an der Scharfrichterei vorüber, und weil der Meister berühmt war als ein Viehdoctor, sollte ich einige Arznei mitnehmen für unseren Schulzen. Ich trat in die Stube und sagte dem Meister, was ich wollte, und er antwortete, daß ich ihm auf den Boden folgen solle, wo er die Kräuter liegen habe, und ihm helfen aussuchen. Ich ließ Annerl in der Stube und folgte ihm. Als wir zurück in die Stube traten, stand Annerl vor einem kleinen Schranke, der an der Wand befestigt war und sprach: „Großmutter, da ist eine MauS drin, hört, wie das klappert, da ist tine MauS drin"!
„Auf diese Rede deS KindeS machte der Meister ein ithr ernsthaftes Gesicht, riß den Schrank auf und sprach: »Gott sei unS gnädig"! denn er sah sein Richtschwert, das allein im Schranke an einem Nagel hing, hin und b wanken Er nahm daS Schwert herunter und mir Zauderte. „Liebe Frau, sagte er, wenn Ihr daS kleine tobe Annerl lieb habt, so erschreckt nicht, wenn ich ihr Mit meinem Schwerte ringS um daS Hälschen die Haut Zuwenig aufritze; denn daS Schwert hat vor ihm geschwankt, eS hat nach seinem Blute verlangt, und wenn ich ihm den Hals damit nicht ritze, so steht dem Kinde groß Elend im Leben bevor". Da faßte er daS Kind, Elches entsetzlich zu schreien begann, ich schrie auch und tiß das Annerl zurück. Indem trat der Bürgermeister deS Städtchens herein, der von der Jagd kam und dem Richie einen kranken Hund zur Heilung bringen wollte. Er sollte nach der Ursache deS Geschreies. Annerl schrie; »Er will mich umbringen" 1 Ich war außer mir vor Ent
setzen. Der Richter erzählte dem Bürgermeister das Gr* eigniß. Dieser verwies ihm seinen Aberglauben, wie er eS nannte, heftig und unter scharfen Drohungen. Der Richter blieb ganz ruhig dabei und sprach; „So Habens meine Väter gehalten, so halt ichS". Da sprach der Bürgermeister: „Meister Franz, wenn Ihr glaubt, Euer Schwert habe sich gerührt, weil ich Euch hiermit anzeige, daß morgen früh um 6 Uhr der Jäger Jürge von Euch soll geköpft werden, so wollt ich es noch verzeihen; aber daß Ihr daraus etwas auf dies liebe Kind schließen wollt, das ist unvernünftig und toll. ES könnte so etwas einen Menschen in Verzweiflung bringen, wenn man eS ihm später in seinem Alter sagte, daß eS ihm in seiner Ju- ! gend geschehen sei. Man soll keinen Menschen in Versu- chung führen".
„Aber auch keines Richters Schwert", sagte Meister ■ Franz vor sich, und hing sein Schwert wieder in den Schrank. Nun küßte der Bürgermeister daS Annerl und gab ihm eine Semmel aus seiner Jagdtasche, und da er mich gefragt, wo ich her komme und wo ich hin wolle, ! und ich ihm den Tod meiner Base erzählt hatte, und jauch den Auftrag an den Jäger Jürge, sagte er mir: „Ihr sollt ihn auSrichten, ich will Euch selbst zu ihm führen. Er hat ein hartes Herz, vielleicht wird ihn daS Andenken einer guten Sterbenden in seinen letzten Stun- ‘ den rühren". Da nahm der gute Herr mich und Annerl auf seinen Wagen, der vor der Thüre hielt, und fuhr mit uns in das Städtchen hinein".
„Er hieß mich zu seiner Köchin gehen; da kriegten wir gutes Essen, und gegen Abend ging er mit mir zu dem armen Sünder« Und als ich dem die letzten Worte meiner Base erzählte, fing er bitterlich an zu weinen und schrie: „Ach, Gott! wenn sie mein Weib geworden, wäre eS nicht so weit mit mir gekommen". Dann begehrte er, i man solle den Herrn Pfarrer doch noch einmal zu ihm