Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
1851. — JV» 287.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
(Fortsetzung.)
Die Alte gab mir die Brieftasche, und ich las folgende letzte Worte des unglücklichen KaSperS: „Auch ich kann meine Schande nicht überleben. Mein Vater und wein Bruder sind Diebe, sie haben mich selbst bestohlen; mein Herz brach mir, aber ich mußte sie gefangen nehmen und den Gerichten übergeben, denn ich bin ein Soldat meines Fürsten, und meine Ehre erlaubt mir keine Schonung. Ich habe meinen Vater und meinen Bruder der Rache übergeben, um der Ehre willen. Ach, bitte doch Jedermann für mich, daß man mir hier, wo ich gefallen bin, ein ehrliches Grab neben meiner Mutter vergönne.
Das Kränzlein, durch welches ich mich erschossen, foll die Großmutter der schönen Annerl schicken und sie von mir grüßen. Ach, sie thut mir leid durch Mark unö Bein, aber sie soll doch den Sohn eines Diebes »icht heirathen, denn sie hat immer viel auf Ehre gehal- 'en. Liebe, schöne Annerl, mögest du nicht so sehr erschrecken über mich, gib dich zufrieden, und wenn du Air jemals ein wenig gut warst, so rede nicht schlecht von wir. Ich kann ja nichts für meine Schande! Ich hatte mir so viele Mühe gegeben, in Ehren zu bleiben «ein Leben lang, ich war schon Unteroffizier und harte den besten Ruf bei der Schwadron, ich wäre gewiß noch tinmal Offizier geworden, und Annerl, dich hatte ich doch nicht verlassen, und hätte keine Vornehmere gefreit l " aber der Sohn eines Diebes, der seinen Vater auS ! ^hve selbst fangen und richten lassen muß, kann seine Schande nicht überleben. Annerl, kiebeö Annerl, nimm M ja das Krânzlein, ich bin dir immer treu gewesen,
so Gott mir gnädig sei! Ich gebe dir nun deine Freiheit wieder, aber thue mir die Ehre, und heirache nie Einen, der schlechter wäre, als ich. Und wenn du kannst, so bitte für mich: Daß ich ein ehrliches Grab neben meiner Mutter erhalte. Und wenn du hier tn unserem Orte sterben solltest, so lasse dich auch bei unS begraben; die gute Großmutter wird auch zu unS kommen , da find wir Alle beisammen. Ich habe fünfzig Thaler in meinem Felleisen, die sollen auf Interessen gelegt werden für dein erstes Kind. Meine silberne Uhr soll der Herr Pfarrer haben, wenn ich ehrlich begraben werde. Mein Pferd, die Uniform und Waffen gehören dem Herzoge, diese meine Briestasche gehört yein. AbieS, Herztausender Schatz, AdieS, liebe Großmutter, betet für mich und lebt Alle wohl. — Gott erbarme sich meiner. — Ach, meine Verzweiflung ist groß"!
Ich konnte diese letzten Worte eines gewiß edeln unglücklichen Menschen nicht ohne bittere Thränen lesen. — „Der KaSper muß ein gar guter Mensch gewesen sein, liebe Mutter", sagte ich zu der Alten, welche nach diesen Worten stehen blieb und meine Hand drückte und mit tief bewegter Stimme sagte: „Ja, eS war der beste Mensch auf der Welt. Aber die letzten Worte von der Verzweiflung hätte er nicht schreiben sollen, die bringen ihn um sein ehrliches Grab, die bringen ihn auf die Anatomie. Ach, lieber Schreiber, wenn er hierin nur helfen könnte"!
„Wie so, liebe Mutter? fragte ich, waS können diese letzten Worte dazu beitragen"? „Ja, gewiß", erwiedert» sie, „der GerichtShalter hat eS mir selbst gesagt. ES ist ein Befehl an alle Gerichte ergangen, daß nur die Selbstmörder auS Melancholie ehrlich sollen begraben werden; Alle aber, die auS Verzweiflung Hand an sich gelegt, sollen auf die Anatomie, und der GerichtShalter hat mir gesagt, daß er den KaSper, weil er selbst seine Verzweiflung eingestanden, auf die Anatomie schicken müsse".