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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen ^lllqem. Zeitung.

1851. M 286

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.

(Fortsetzung.)

KaSper lag todt auf dem Grabe seiner Mutter. Er hatte sich die Kugel durch daS Herz geschossen, auf wel­ches er sich das Kränzlein, daS er für schön Annerl mit- grbracht, am Knopfe befestigt hatte, durch diesen Kranz hatte er sich inS Herz geschossen. Den Kranz für die Mutter hatte er schon an daS Kreuz befestigt. Ich meinte, die Erde thäte sich unter mir auf bei dem Anblicke. Ich kürzte über ihn hin und schrie immer: KaSper, o du un­glückseliger Mensch, waS hast du gethan? Ach, wer hat dir denn dein Elend erzählt? D, warum habe ich dich ; »an mir gelassen, ehe ich dir Alles gesagt! Gott, was wird dein armer Vater, dein Bruder sagen, wenn sie dich i so finden. Ich wußte nicht, daß er sich wegen dies » daS : klid angethan ; ich glaubte, eS habe eine ganz andere! Ursache. Da kam es noch ärger. Der GerichtShalter ; »nd die Bauern brachten den alten Finkel und seinen s kohn mit Stricken gebunden. Der Jammer erstickte mir die Stimme in der Kehle, ich konnte kein Wort sprechen. Der Gerichtshalter fragte mich, ob ich meinen Enkel nicht gesehen? Ich zeigte hin, wo er lag. Er trat zu ihm, er glaubte, er weinte auf dem Grabe; er schüttelte ihn; da sah er daS Blut niederstürzen.JesuS Maria"! rief er 8U6< »der KaSper hat Hand an sich gelegt." Da sahen die beiden Gefangenen sich schrecklich an; man nahm den ^ib des KaSperS und trug ihn neben ihnen her nach dm Hause des GerichtöhalterS. ES war ein Wehgefchrei ganzen Dorfe, die Bauernweiber führten mich nach.

Esch, das war wohl der schrecklichste Weg in meinem Leben" !

Da ward die Alte wieder still, und ich sagte zu ihr: »Siebe Mutter , Euer Leid ist entsetzlich, aber Gott hat

Euch auch recht lieb; die er am Härtesten schlägt, sind seine liebsten Kinder. Sagt mir nun, liebe Mutter, waS Euch bewogen hat, den weiten .^eg hierher zu gehen, i und um waS Ihr die Bittschrift einreichen wolle"?

Ei, daS kann Er sich doch wohl denken", fuhr sie : ganz ruhig fort,um ein ehrliches Grab für KaSper und ; die schöne Annerl, der ich daS Kränzlein zu ihrem Ehren- ' tage mitbringe. Es ist ganz mit KaSperS Blut uni er­laufen, seh Er einmal".

Da zog sie einen kleinen Kranz von Flittergold auS ihrem Bündel und zeigte ihn mir. Ich konnte bei dem anbrechcnden Tage sehen, daß er vom Pulver geschwärzt und mit Blut besprengt war, Ich mar ganz zerrissen : von dem Unglücke der guten Allen, und die Größe und : Festigkeit, womit sie es trug, erfüllte mich mit Verehrung. Ach, liebe Mutter", sagte ich,wie werdet Ihr der - armen Annerl aber ihr Elend beibringen, daß sie nicht ^gleich vor Schrecken todt niedersinkt, und waS ist denn daS für ein Ehrentag, zu welchem Ihr dem Annerl den i traurigen Kranz bringt?"

Lieber Mensch", sprach sie,komme Er nur mit, ! Er kann mich zu ihr begleiten, ich kann doch nicht ge­schwind fort, so werden wir sie gerade noch zu rechter Zeit finden. Ich will Ihm unterwegs 'noch Alles er, zählen".

Nun stand sie auf, und betete ihren Morgensegen ganz ruhig, und brachte ihre Kleider in Ordnung, und ihren Bündel hängte sie dann an meinen Arm. ES war 2 Uhr des Morgens, der Tag graute und wir wandelten durch die stillen Gassen.

Seh Er", erzählte die Alte fort,als der Finkel und fein Sohn eingesperrt waren, mußte ich zum Ge- rtchtShalter auf die Gerichtsstube. Der todte KaSper wurde auf einen Tisch gelegt und mit seinem Uhlanen- mantel bedeckt herbeigetragen, und nun mußte ich AllcS