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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. Jf 285.

I

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.

(Fortsetzung.)

Er kann sich denken, lieber Herr Schreiber, mit welcher Betrübniß der arme KaSper denWegnach unserem Dorfe eilte, zu Fuß und arm, wo er hatte stolz eintreten wollen, ein und fünfzig Thaler, die er erbeutet hatte, sein Patent als Unteroffizier, sein Urlaub und die Kränze auf seiner Mutter Grab und für die schöne Annerl waren ihm gestohlen. ES war ihm ganz verzweifelt zu Muth. Und so kam er um t Uhr in der Nacht in seiner Heimath an, und pochte gleich an der Thüre deS GerichtShalterS, dessen HauS daS erste vor dem Dorfe ist. Er ward ein# gelassen und machte seine Anzeige, und gab Alles an, was ihm geraubt worden war. Der GerichtShalter trug ihm auf, er solle gleich zu seinem Vater gehen, welches ^»einzige Bauer im Dorfe sei, der Pferde habe, und solle mit diesem und seinem Bruder in der Gegend herum patrouilliren, ob er vielleicht den Räubern auf die ^pur komme; indessen wolle er andere Leute zu Fuß s auSfenden, und den Müller, wenn er komme, um die weiteren Umstände vernehmen. KaSper ging nun von dem GerichtShalter weg nach dem väterlichen Hause. Da tr aber an meiner Hütte vorüber mußte und durch daS Senfter hörte, daß ich ein geistliches Lied sang, wie ich denn vor Gedanken an seine selige Mutter nicht schlafen sonnte, so pochte er an und sagte:Gelobt sei JesuS Christus ! Liebe Großmutter, KaSper ist h'er". Ach! wie fuhren mir die Worte durch Mark und Bein, ich stürzte an das Fenster, öffnete eS und küßte und drückte ihn wit unendlichen Thränen. Er erzählte mir sein Unglück wit großer Eile und sagte, welchen Auftrag er an seinen Vater vom GerichtShalter habe; er müsse darum jetzt

: gleich hin, um den Dieben nachzusetzen, denn seine Ehre hänge davon ab, daß er sein Pferd wieder erhalte.

Ich weiß nicht, aber daS Wort Ehre fuhr mir recht durch alle Glieder, denn ich wußte schwere Gerichte, die ihm bevorstanven.Thue deine Pflicht und gib Gott allein die Ehre", sagte ich; und er eilte von mir nach FinkelS Hof, der am anderen Ende deS Dorfes liegt. Ich sank, als er fort war, auf die Kniee und betete zu Gott, er möge ihn doch in seinen Schutz nehmen; ach! ich betete mit einer Angst wie niemals, und mußte dabei immer sagen:Herr, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden".

Der KaSper lief zu seinem Vater mit einer entsetz­lichen Angst. Er stieg hinten über den Gartenzaun, er hörte die Pumpe gehen, er hörte im Stalle wiehern, daS fuhr ihm durch die Seele; er stand still. Er sah im Mondscheine, daß zwei Männer sich wuschen, es wollte ihm das Herz brechen. Der eine sprach:DaS ver­fluchte Zeug geht nicht herunter", da sagte der andere: Komm erst in den Stall, dem Gaul den Schwanz ab­zuschlagen und die Mähnen zu verschneiden. Hast Du daS Felleisen auch tief genug unterm Mist begraben"? Ja", sagte der andere. Da gingen sie nach dem Stalle, und KaSper, vor Jammer wie ein Rasender, sprang hervor und schloß die Stallthüre hinter ihnen, und schrie: Im Namen des Herzogs! Ergebt Euch; wer sich wider­setzt, den schieße ich nieder"! Ach, da hatte er seinen Vater und seinen Stiefbruder als die Räuber seines Pferdes gefangen!Meine Ehre, meine Ehre ist ver­loren"! schrie er,ich bin der Sohn eines ehrlosen Diebes". Als die Beiden im Stalle diese Worte hörten, ist ihnen bös zu Muthe geworden; sie schrien:Kasper lieber KaSper, um GotteSwillen, bringe uns nicht inS Elend. KaSper, Du sollst ja Alles wieder haben, um deiner seligen Mutter willen, deren Sterbetag heut ist,