Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^IF 284.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
(Fortsetzung.)
Hier ward die Alte still und schüttelte mit dem Kopfe; als ich aber die letzten Worte wiederholte: „Den sollte sie sich bis zu ihrem Ehrentage bewahren", — fuhr sie fort: »Werweiß, ob ich eS nicht erflehen kann, ach, wenn ich den Herzog nur wecken dürfte"! — „Wozu" ? fragte ich, „welch Anliegen habt Ihr denn, Mutter"? Da sagte sie ernst; „O, waS läge am ganzen Leben, wennS kein End nähme; was läge am Leben, wenn es nicht ewig wäre"! und fuhr dann in ihrer Erzählung fort:
„KaSper wäre noch recht gut zu Mittag in unserem Dorfe angekommen, aber Morgens hatte ihm sein Wirch im Stalle gezeigt, daß sein Pferd gedrückt sei, und dabei gesagt: „Mein Freund daS macht dem Reiter keine Ehre". Das Wort hatte KaSper tief empfunden, er legte deswegen den Sattel hohl und leicht auf, that Alles, ihm die Wunde zu heilen, und setzte seine Reise, daS Pferd am Zügel führend, zu Fuße fort. So kam er am späten Abend biS an eine Mühle, eine Meile von unserem Dorfe, und weil er den Müller alS einen alten Freund seines Vaters kannte, sprach er bei ihm ein, und wurde wie ein recht lieber Gast aus der Fremde empfangen.
KaSper zog sein Pferd in den Stall, legte den Satte? unb sein Felleisen in einen Winkel und ging nun zu dem Müller in die Stube. Da fragte er dann nach den Sei- wißen, und hörte, daß ich alte Großmutter noch lebe, und daß sein Vater und sein Stiefbruder gesund seien, und daß eS recht gut mit ihnen gehe. Sie wären erst gestern mit Getreide auf der Mühle gewesen; sein Vater habe sich auf den Roß- und Ochsenhandel gelegt und gedeihe dabei recht gut, auch halte er jetzt etwas auf seine ^hre, und gehe nicht mehr so zerrissen umher. Darüber
war der gute KaSper nun herzlich froh, und da er nach der schönen Annerl fragte, sagte -ihm der Müller: Er kenne sie nicht, aber wenn eS die sei, die auf dem Rosenhofe gedient habe, die hätte sich, wie er gehört, in bar Hauptstadt vermiethct, weil sie da eher etwas lernen könne und mehr Ehre dabei sei; so habe er vor einem Jahre von dem Knechte auf dem Rosenhofe gehört. DaS freute den KaSper auch. Wenn !eS ihm gleich leid that, daß er sie nicht gleich sehen sollte, so hoffte er sie doch in der Hauptstadt bald recht fein und schmuck zu finden, dasseS ihm, als einem Unterosfizier, auch eine rechte Ehre sei, mit ihr am Sonntage spazieren zu gehen.
Nun erzählte er dem Müller noch Mancherlei auS Frankreich; sie aßen und tranken miteinander, er half ihm Korn aufschütten, und dann brachte ihn der Müller in die Oberstube zu Bett, und legte sich selbst unten auf einigen Säcken zur Ruhe. DaS Geklapper der Mühle und die Sehnsucht nach der Heimath ließen den guten Kasper, wenn er gleich sehr müde war, nicht fest einschlafen. Er war sehr unruhig und dachte an seine selige Mutter und an daS schöne Annerl, und an die Ehre, die ihm bevorstehe, wenn er als Unteroffizier vor die ©einigen treten würde. So entschlummerte er endlich leiS und wurde von ängstlichen Träumen oft aufgeschreckt. Es war ihm mehrmals, als trete seine selige Mutter zu ihm und bäte ihn händeringend um Hülfe; dann war eS ihm, als sei er gestorben und würde begraben, gehe aber selbst zu Fuß als Todter mit zu Grabe, und schön Annerl gehe ihm zur Seite; er weinte heftig, daß ihn seine Kameraden nicht begleiteten, und da er auf den Kirchhof komme, sei sein Grab neben dem seiner Mutter; und AnnerlS Grab sei auch dabei, und er gebe Annerl daS Krânzlein , daS er ihr mitgebracht und hänge daS der Mutter an ihr Grab, und dann habe er sich umgeschaut und Niemand mehr gesehen als mich, und die